Auf beiden Ufern

10. Februar 2014 • Archiv

Tetyana Oharkova

Original: http://life.pravda.com.ua/society/2014/02/3/151139/

Übersetzung – Sania Frankewycz-Thiry

Sie haben nicht für eine Idee gekämpft, haben keiner politischen Partei angehört und waren keine aktiven Teilnehmer der Protestbewegung. Sie waren nicht auf den Barrikaden, haben keine Molotov-Cocktails geworfen und haben auch die Machthaber nicht unterstützt. Der kyjiver Fotograf Ihor und der arbeitslose Bauarbeiter Gena aus Simferopol sind auf zwei unterschiedlichen Seiten der Barrikade gelandet. Aber so nah, wie heute, sind sie sich noch nie gekommen.

Ihre Geschichte ist aus Sicht ihrer bürgerlichen Position und ihrer Haltung zum Maidan heraus vollkommen unterschiedlich. Eine einzige Eigenschaft, ein gemeinsamer Nenner vereint beide auf eine latente Art und Weise: Sie haben sich ihre Leiden nicht ausgesucht.

Die erste Geschichte ist tragisch, die andere absurd und komisch. Aber beide Geschichten zeigen, dass die Ereignisse in der Ukraine die unsichtbare Linie überschritten haben, hinter der sich menschliche Schicksale aufgrund der Begebenheiten entgegen ihrem Willen verändern.

 

Der Mensch mit dem Fotoapparat

Wir stehen auf der Treppe des fünften Gebäudes des Zhovtnevyj Krankenhauses, am Eingang zur Augenklinik. Ohne Sondergenehmigung ist es in den Räumen und Gängen des Krankenhauses nicht erlaubt zu fotografieren. Ihor ist um die 50 Jahre alt. Er ist ein Journalist und Fotograf, ein ehemaliger Liquidator, der nach dem Atomunglück im Kernkraftwerk Tschernobyl eingesetzt wurde. Für ihn ist ukrainisch eine Fremdsprache, er bemüht sich sichtlich es zu sprechen und hat einen deutlich russischen Akzent. „Ich wende mich an Europa, ich richte mich an Frankreich“, sagt er zu den ausländischen Journalisten, und plötzlich sehe ich Tränen aus seinem verletzten linken Auge treten und über seine verbrannte Wange laufen. Es fällt mir schwer hinzusehen. Vor mir weint ein erwachsener, tapferer und fast halbblinder Mann. Die Ärzte meinen, er könne aufgrund der schweren Entzündung auch das Augenlicht auf dem zweiten Auge verlieren.

Am 22. Januar kam er an den Ort des Geschehens in dem Augenblick, als der Sturm der Berkut-Sondereinheiten zu Ende war: Die Protestler waren von der Hrushevskyj Str. zum Europäischen Platz zurückgedrängt. Die Berkut-Leute zogen sich zurück, zwischen ihnen und den Aktivisten entstand ein Korridor. Ohne jegliche Schutzkleidung, ohne Helm und ohne Waffen zeigte Ihor seinen Presseausweis und ging dort hindurch. Man sah deutlich, dass er ein Journalist ist. Ein Mensch mit einem Fotoapparat. Er fotografierte einige Zeit und bemerkte, wie ein Berkut einen Stein aufhob und ihn in die Menschenmenge warf. Und dann beging Ihor einen großen Fehler. Er fing an zu lachen. Er lachte in die Gesichter der Sondereinheiten, die bei ihrem Rückzug fortwährend Steine auf die Protestierenden warfen. „Ich dachte, dass Steine die Waffen des Proletariats sind und nicht die von Sondereinheiten“, erzählte Ihor uns. Und dann, auf der Hrushevskyj Straße, als er das Geschehen in seiner Kamera einfangen wollte, bemerkte er, dass etwas auf ihn zugeflogen kam. Es war kein Stein. Es war eine Blendgranate und sie traf ihn aus einer Entfernung von einigen Metern.

Seine Brille wurde durch die Explosion so stark erhitzt, dass das Glas schmolz und ihm in sein linkes Auge lief. Er sagt, dass er sich an nichts, außer an den entsetzlichen Schmerz erinnern kann. Die anwesenden Fernsehjournalisten haben mit ihren Kameras aufgezeichnet, wie man ihn zur Ersten Hilfe schleppte. „Ich bin Zeuge dessen, dass sie berechnend auf Journalisten, die Zeugen ihrer Gräueltaten zielen“, sagt er uns auf der Treppe des Krankenhauses. Als wir uns verabschieden, bemerke ich plötzlich, dass dieser Mann mit dem Fotoapparat und dem verletzten und tränenden linken Auge auf Unterstützung und menschliches Mitleid hofft.

Er hofft auf die Bestrafung derer, die verantwortlich für seine Verletzung sind. Nachdem er das Auge verloren hat, wird er wahrscheinlich nie wieder objektiv auf die andere Seite der Barrikade sehen können.

Gena von der Krim

Er hat eine gebrochene Nase, Hämatome durch Schläge und Blut auf der Oberlippe. Gena ist ein saisonbedingt arbeitsloser Bauarbeiter aus Simferopol. Er ist vor drei Tagen nach Kyiv gekommen. „Wir wurden wie Sklaven hierher verfrachtet, vielleicht auch nicht wie Sklaven, sondern wie Menschen, die sich eine Kleinigkeit dazu verdienen können“, erklärt er ein wenig verwirrt. In einer leichten Jacke und abgetretenen Stiefeln steht er am Ausgang des Marienparks. Das blutige und dreckige Gesicht hebt sich von den anderen ab. Wir konnten nicht an ihm vorbei gehen. Völlig unerwartet, sprach Gena bereitwillig in die Kamera, allerdings an einem sicheren Ort. Auf seinen Vorschlag „gebt mir 100 Griwna für die Rückreise und ich werde dort alles erzählen“ erhielt er eine positive Antwort.

In den zwei Stunden, die wir vor dem Treffen mit Gena auf der Protestaktion zur Unterstützung der Regierung verbracht haben, war die Reaktion der Menschen entgegengesetzt: sie wärmten sich an den Feuerstellen, standen in Schlangen an den Essensständen, wandten sich instinktiv von den Kameras ab, verdeckten ihre Gesichter und verweigerten jeden Kommentar. Andere „ideologisch überzeugte“ oder „bevollmächtigte“ Teilnehmer kamen auf uns zu und schlugen vor, uns ein Interview zu geben. In kürzester Zeit waren sie von einer Gruppe Unterstützer umringt, die bei besonders gutformulierten Aussagen klatschte. Alle waren Mitglieder der Partei der Regionen. Unter ihnen war ein junger Mann, dessen Onkel auf der Hrushevskyj Straße steht – für den Fall, dass sein Onkel von den Maidanaktivisten beleidigt oder verletzt würde, versprach er, selbst auf den Maidan zu gehen und dort alle „fertig zu machen“. Eine energische Frau, die in Janukowitsch einen „geduldigen Präsidenten“ und einen „Anführer der Nation“ sieht. Der Leiter der Zeltstadt, der zugab, mehrfach in Europa gewesen zu sein. Er stehe hier für Janukowitsch, weil er, wie er sagte, einige europäische Werte nicht akzeptieren könne, darunter „Inzest“ und „Homosexualität“.

Die Menschen in dieser Zeltstadt beteuerten einstimmig, dass sie kein Geld für die Teilnahme an der Aktion erhalten und freiwillig hergekommen sind. In der Zwischenzeit hat sich eine wohlgeformte Kolonne gebildet, die zu den Bussen geführt und nach Kharkiv zurückgefahren wird. Die Frauen, die uns die Feldküchen gezeigt hatten, konnten uns nicht beantworten, wer die Nahrungsmittel kauft und hierher bringt. Während der gesamten Zeit, die wir hier verbrachten, hat man uns beharrlich überhallhin begleitet. Sie wollten nicht, dass wir uns umsehen und Fragen stellen – sie zeigten uns das, worauf wir aufmerksam gemacht werden sollten. Sich in der Menschenmenge zu verlieren, um Gespräche mit den Menschen zu führen, war schier unmöglich.

Deshalb klammerten wir uns an Gena als die letzte Chance. Er stand am Ausgang der Zeltstadt und antwortete auf die Frage hin, was mit ihm geschehen sei blitzartig, er sei geschlagen worden. Er wurde verprügelt, weil er das in drei Tagen (auf diesem Anti-Maidan) verdiente Geld einforderte. Als wir in sicherer Entfernung vom Marienpark waren, erzählte er, nachdem er sich bekreuzigt hatte, alle Details. „Wir sollten einfach hier sein und den Eindruck erwecken, dass hier viele Menschen stehen“, erzählte er. Man hatte ihm und seinen Kumpels versprochen 300 Griwna pro Tag zu zahlen. Sie wurden alle drei Stunden abgezählt, sie schliefen in Zelten, haben sich nicht von dem Zeltlager entfernt, aber innerhalb von drei Tagen haben sie kein Geld zu Gesicht bekommen. Als sie anfingen, Zigaretten bei anderen zu schnorren, haben sie erfahren, dass andere Teilnehmer der Kundgebung ihr Geld täglich ausbezahlt bekommen. Daraufhin wollten sie die Sache selbst klären. Aber das Kräfteverhältnis erwies sich als ungleich und Gena wurde übelst zugerichtet. Er wurde von den „Seinen“ verprügelt.

„Ich weiß nicht, wofür ich so bestraft wurde“, beklagte sich Gena, den 100 Griwna Schein in die Tasche steckend. Verzweiflung, Unverständnis und der Schmerz der Niederlage standen ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich habe einen russischen Pass“, ergänzte er ungefragt. Es ist ihm eindeutig gleichgültig, wer die Regierung in diesem Land bildet, wie der Präsident oder der Premierminister heißt und warum sich die Menschen auf dem Maidan versammelt haben. Wahrscheinlich sieht er nie fern. Er weiß, dass man im Winter in der Baubranche keinen Job findet und dass sein Vorarbeiter ihm „aushelfen“ wollte und ihm „leichtverdientes Geld“ anbot.

Als ich ihn zum Lift begleitete, fügte er unerwartet hinzu, dass er eine unglaublich schöne Frau habe und einen dreijährigen Sohn, der Augustin heißt. Er könne Dächer decken, Parkett verlegen und malern. Es nervt ihn, dass die Arbeitsplatzsituation in diesem Land so schwierig ist und er würde gerne nach Europa zum Geldverdienen. Er hinterlässt mir all seine Telefonnummern – für den Fall, dass ich jemanden treffen sollte, der Bauarbeiter in Europa sucht. Seine Tochter würde er unbedingt Lionella nennen oder Sohdiana.

***

Diese beiden Menschen auf der jeweils anderen Seite der Barrikaden, Ihor und Gena, werden niemals in den Schlagzeilen von Zeitungen oder wichtigen Fernsehmeldungen landen. Dafür sind sie nicht bekannt genug, nicht bemerkenswert, nicht hinreichend heldenhaft oder dämonisch. Sie sind weder Helden des Maidan noch seine Antihelden. Sie sind nicht wirklich im Zentrum des Geschehen, sie gehören auch nicht zur Kategorie „aktiver Protestler“ oder „Tituschki“ (Anmerkung des Übersetzers: von der Regierung angeheuerte Schlägertrupps). Sie sind eher Zeugen oder Opfer der Situation.

Es ist wichtig zu verstehen, dass wenn alles vorbei sein wird, wir nicht nur unter ehemaligen Helden und ehemaligen Verbrechern leben werden. Wir werden vor allem unter solchen leben wie ihnen, unter gewöhnlichen Menschen, deren Schicksal durch den Lauf der Geschichte verändert wurde. Ich hoffe, dass wir in einem neuen Land leben werden.

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