Den Maidan überqueren

Archiv

Roman Romaniuk, Freitag, 07. 02. 2014, 14:31

Jede Revolution, wie auch jede Bekämpfung der beliebigen Revolution, fängt mit der Teilung an. Von der Bestimmung der „unseren“ und der „euren“ und der Feststellung ihrer Kräfte hängt die Dauer der Auseinandersetzung ab, sowie ihr Ergebnis.

Vielleicht dauert der ukrainische Maidan so lange, weil seine Teilnehmer, die auf die Straßen spontan herausgeströmt sind, die Verteilung der Kräfte und folglich die Ebene der eventuellen Forderungen nicht eindeutig verstanden haben.

Aber in den zwei Maidan-Monaten konnte der Protest von einem wenig perspektivenreichen Widerstand der kreativen Klasse zum Protest der breiten Menschenmassen werden, die bereit sind, ihre Haltung mit Waffen unter Schutz zu nehmen.

Die Diskussion um den Maidan ist auf die Ebene gestiegen, an die die Teilnehmer des ersten Auftritts am 21. November kaum im Ernst geglaubt haben. Wenn nämlich auf der Konferenz in München der Staatssekretär der USA erklärt, die Ukraine kämpfe für die demokratische Zukunft des ganzen Europas, und dabei verstohlen auf Russland blickt, bedeutet das, dass das Gespräch über den Maidan bereits im Feld einer ersten Geopolitik ist.

Andererseits aber, auch wenn Maidan Konfliktobjekt zwischen einem abstrakten Westen und einem abstrakten Osten ist, hält er sich auf konkreten Menschen und produziert konkrete Opfer. An der Linie des Zusammenstoßes der geopolitischen Platten leiden immer konkrete Menschen, die individuelle Namen, Gesichter und Schicksale haben.

Schaut man ihnen genauer zu, kommt man sehr schnell zum Schluss, dass ein „Häftling der Hruschewskyj-Straße“ nicht unbedingt ein Held oder Molotov-Cocktail-Experte sein muss. Es genügt zur falschen Zeit durch eine falsche Straßenseite heimzukehren.

Das kann buchstäblich mit jedem passieren.

Eine Bestätigung dafür bildet die Geschichte von Dmytro Moskaletz und Arthur Kowaltschuk, die zu ersten festgenommenen „Häftlingen der Hruschewskyj-Straße“ wurden.

Beide Jünglinge waren gemeinsam mit ihrem Freund Juchym Dyschkant nach der Nachtwache auf Maidan nach Hause unterwegs, in das einst elitäre und ruhige Stadtquartier Petschersk. Aber zu Hause sind sie erst zwei Wochen später angekommen – als mutmaßliche Organisatoren der Massenproteste, denen 15 Jahre Haft drohen. Sie wurden beim Mahnmal der Hungernotopfer von einem Tituschki-Trupp „festgehalten“ und – wie in alten Stalinzeiten – deren Verbündete, Berkutleuten, übergeben..

Ihre Geschichte ist nicht nur ihre Geschichte.

Es ist sogar keine Maidangeschichte, sondern ein Versuch, den Maidan zu überqueren und zu schauen, wer sich da, an der anderen Seite, hält.

Dmytro Moskaletz

Dmytro Moskaletz: Wir wurden in der Hausnähe aufgehalten. Man kann wohl sagen, dass wir zur falschen Zeit im falschen Ort waren. Der Trick ist aber, dass das ganze Land allmählich zu „einem falschen Ort zur falschen Zeit“ wird. Deshalb ist Maidan so wichtig – hier sollen wir uns unseren Ort in unserer Zeit erkämpfen.

Als Arthur nach der Miliz zu rufen begann, und die ihm die Nase brachen, sagte einer der Hooligans, der Tituschki, zu mir, wir sollten lieber die Klappe halten, wozu bräuchten wir denn die Probleme. Haltet die Klappe, dann wird alles in Ordnung sein. Sonst brechen wir euch die Arme.

Die leere Staße steht mir gut im Gedächtnis, ein O-Bus fährt vorbei, eine Frau eilt weiter, ein Auto. Plötzlich rast ein blauer Bus herbei, die Türe gehen blitzschnell auf und von dort springen die Berkutleute heraus. Es war so urplötzlich und es war echt schrecklich.

Arthur Kowaltschuk: Als die Berkutleute uns in den Bus warfen,fragte Juchym bei denen: „Wohin wollt ihr uns fahren?“ Und der eine von denen antwortete: „Töten“.

D. М.: Und sie fahren die Lavrska-Straße entlang, wenden beinahe vor unserem Haus und fahren weg. Wir sagen: Schaut, das ist unser Haus, wollen wir an das Haus heran, wir zeigen euch die Hausschlüssel. Und die antworten darauf: Zu spät.

 

ÜBER DIE MENSCHEN UND ÜBER “DIE MENSCHEN AUCH”

D. М.: Eine Gruppe der Hooligans „Tituschki“ kam uns entgegen. Und es geschah symbolisch am Mahnmal für Hungernotopfer. Darunter waren sehr unterschiedliche Leute. Auch Sportler, versteht sich. Aber auch, das konnte man merken, Taschendiebe. Das war das Ekelhafteste, was ich je erlebte, als ich spürte, wie aus meiner Hosentasche mein Handy rausgezogen wurde. Später, als alles los ging und wir auf eine Parkbank gesetzt wurden, sagte ich zu ihnen, jemand von euch habe mein Handy „genommen“. Und danach spüre ich, wie das Handy in die linke Hosentasche zurückgelegt wird, jemand klopft mir auf die Tasche und sagt: schau mal da…

А. К.: Ich glaube, es waren nicht einfache Tituschki. Mir sahen sie nach den umgekleideten Milizleuten, das konnte man nach verschiedenen Signalen verstehen, nach ihren Gesprächen. Es war klar, dass die Leute eine Durchsuchung gekonnt machten, wie gekonnt sie uns die Arme auf den Rücken ausrenkten, wie professionell sie uns provozierten. Ich bezweifle, ob einfache Sportler solche Sachen wirklich können.

D. М.: Alle Berkutleute halten sich für die dritte politiche Macht. Sie haben keine Achtung vor der Opposition, sie haben keine Achtung vor der Saatsmacht. Das hat einer von denen gesagt, und, ich denke, eine solche Haltung wird ihnen irgendwie aufgebunden. Sie sagen, ohne ihre Teilnahme am Ganzen wäre sowohl die eine Seite, wie auch die andere ausgefegt worden. Sie sagten, wir sollten Geschichte lernen, weil wir die Geschichte nicht wüssten und deshalb manipuliert würden. Etwas, meinten sie, geht vor sich auf Maidan los, wofür wir büßen würden.

Sie sind auf ihre Kraft echt stolz, sind auf ihre Knüppel stolz und auf ihre Gewehre. Der eine im Bus hat sein Gewehr so liebevoll gestreichelt.

А. К.: “Berkut”-Leute meinen, sie erfüllen irgendwelche Pflicht. Eine, würde ich sagen, verrenkte Pflicht. Der Krieger, der gegen unbewaffnete Menschen kämpft, ist kein Krieger.

D. М.: Die Untersuchungsführer waren zuerst neutral, wahrscheinlich, haben sie gespürt, dass sie hier nicht die erste Geige spielen. Sie wissen, dass sie etwas tun, was von ihrem Willen unabhängig ist.

Der Untersuchungsführer, der mit mir arbeitete, war kein dummer Typ. Man konnte bemerken, dass er intelligent und belesen war. Nicht, dass er Mitleit mit Maidan fühlte, aber man konnte trotzdem sehen, dass die Arbeit, die er da gezwungen tut, für ihn unangenehm ist. Später, bei dem Verhör, sagte er offen und mit Fluchen, dass das alles Unsinn sei und von den Chefs ausgedacht, und sie hier sind die, die das in die Wege leiten sollen. Das heißt, sie sind auch unzufrieden.

Bei ihnen wird dauernd Alarm gemeldet. Mein Untersuchungsführer sagte mir, sie hätten seit drei Tagen nicht geschlafen und ihre Familien nicht gesehen. Aber über Maidan selbst sagte er, es sei dort dreckig, und es sei unklar, wer alles da stehe, wohl Arbeitslose… Aber sie zeigten auch Interesse an allen Maidangeschehnissen…

Als mir der Verdachtakt ausgehändigt wurde und als ich das Geschriebene las, habe ich den Untersuchungsführer direkt gefragt, wer denn das alles ausgedacht hätte? Und der schmunzelte und antwortete: „Dort“ gibt es Fachleute dafür.

Arthur Kowaltschuk

А. К.: Als wir in den Milizabteil gebracht wurden, hatte ich zuerst den Eindruck, dass alle Untersuchungsführer verwirrt sind. Man spürte, dass sie das tun müssen, aber man sah auch, dass sie nicht wissen, wie sie das tun werden. Diese Verwirrung der Untersuchungsleute war die ganze Zeit spürbar.

Der Untersuchungsführer wollte irgendwelche Zugeständnisse bekommen, aber ich sagte ihm, dass ich zuerst den Notdienst – mein ganzes Gesicht, mein Bart, meine Kleidung waren mit Blut – und einen Anwalt verlange und erst danach die Zeugnisse geben werde. Und ich weigerte mich zu sprechen. Sie versuchten mich zu überreden, sagten, dass es nicht sie waren, die mich geschlagen hätten. Es kamen immer neue Untersuchungsführer. Aber sie konnten nichts bewirken.

А. К.: Zuerst war ich dem staatlichen Anwalt gegenüber verdächtig, weil er ja vom Staat angestellt wird. Aber als der Untersuchungsführer den Raum verließ, stellte sich heraus, dass dieser staatliche Anwalt ein ganz normaler Mensch war, er half mir, bis mein unabhängiger Fürsprecher kam.

D.M.: Eine besondere Geschichte sind die Gefängnismitarbeiter. Wir gehörten für sie zu einer Menschengruppe, die eine besondere Aufmerksamkeit verdiente. Wir wurden ständig kontrolliert. Sie ließen uns offizielle Aussagen schreiben, dass mit uns alles in Ordnung sei. Es war ja auch in der Tat alles in Ordnung. Was ich den Gesprächen vernahm, als mir die Fingerabdrücke abgenommen wurden, auch dort gibt es mehrere Leute, die die Maidanidee unterstützen. Weil sie ja deutlich sehen, wie die Menschen ins Gefängnis kommen, unter welchen Umständen.

Ich will nicht behaupten, dass alle dort so sind, aber auf jeden Fall mehrere von den Menschen dort. Besonders die jungen Leute finden das nicht gut. Sie wollen ja auch, dass es Regeln gibt. Auch im Gefängnis gibt es geltende Regeln. Und die Gefängnismitarbeiter, die einen halben Tag im Gefängnis verbringen, wollen, dass es auch im Freien Regeln gibt.

А. К.: Man konnte den Eindruck nicht los sein, dass wir uns unter besonderer Ärztekontrolle befanden. Wir haben ein gutes Fachniveau der Ärzte gespürt und auch ihren ständigen Kummer um uns. Ihre Stellung zu uns war sehr gut. Bei dem Anblick unserer geschlagenen Körper wollten sie, und das konnte man deutlich spüren, uns wirklich helfen. Dank ihrer Bemühungen haben sie jene „Fleischfetzen“, die wir waren, in die Menschen verwandelt, die man wieder auf der Straße erkennen konnte.

D. М.: Auch die Wachposten im Untersuchungshaft, die ja von Häftlingen meist unbeliebt sind, waren alle ganz normal. Sie haben uns Zigaretten gegeben.

“Berkut”-Einheiten, das sind die”rechtsschützenden Organe”, die, die “das Gesetz und das Recht beschützen”. Auf der anderen Seite gibt es Gefangene, die im Untersuchungshaft sitzen, und ihre Wächter. Das erste, was ich von den anderen Häftlingen hörte, als ich nach den Verhör in meine Haftzelle gebracht wurde: „Mach dir keine Sorgen. Überall gibt es Menschen. Hier gibt es mehrere ehrenwürdige Menschen. “

Dann haben sie mir den Platz für meine Sachen gezeigt, haben mir etwas zum Essen gegeben, Tee gereicht, über alles ausgefragt. Und während der zwei Wochen, die wir zusammen verbrachten, habe ich verstanden, dass alle diese Männer eine echte Maidanstimmung haben, wir haben uns in unserer Zelle Nachrichten im 5. TV-Sender geschaut. Sie haben mit eigener Haut die Ungerechtigkeit des Systems gespürt. In meiner Zelle saß ein Junge, der da schon das vierte Jahr sitzt, weil er ohne entsprechende Beweise, die es nicht gibt, nicht ins Gefängnis darf. Sie haben voll und ganz empfunden, wie verdorben das System ist.

А. К.: Als sie mich in das Notkrankenhaus gebracht haben, war bei mir ein Wächter. Wir haben mit ihm eine Rauchpause eingelegt, und er zeigte auch die gleiche Verwirrung. Ich habe zu ihm gesagt: Sie verstehen ja, wie schlechten Dienst Ihnen die da erweisen, die zu Ihnen gehören? Wie schlechten Dienst Berkut der Miliz erweist? Wie schlechten Dienst diese Festnahmen den Untersuchungsführern erweisen? Ja, er verstand das und war davon noch verwirrter.

А. К.: Die ersten zwei bis drei Tage gab es eine gewisse Anspannung zwischen uns und der Krankenhauswache, sie haben uns misstrauisch beobachtet, wie auch wir sie. Aber dann war es aus mit dem Misstrauen. Es gab natürlich keine freundschaftlichen Kontakte zwischen uns, aber menschlich haben wir uns schon verstanden.

Denn die Jungs, die hinter den Gittern uns bewachten und uns auf die Toilette rausließen oder zum Rauchen, haben ja alle unsere Gespräche mitgehört, sie haben doch gehört, dass wir keine Wilden oder Diebe sind, sondern ganz normale Jungen.

Einer der Milizmänner, der uns bewachte, sagte zu uns etwa am dritten Tag: „He, ich hör mir hier eure Gespräche an. Ist es denn möglich, dass keiner von euch auf Maidan für die Kohle gekommen ist?“ Und wir alle, die wir dort waren, wir haben ja selbst Maidan mit Geld geholfen oder irgendwie anders – nach Möglichkeiten. Wir hätten ein solches Bedürfnis nicht, dass Geld dafür zu nehmen, dass wir auf den Maidan kommen. Und sie schienen uns zu glauben.

D. M.: Wie paradox es auch klingen mag, aber nach all den Tituschki und nach der Begegnung mit Berkut fühlte ich mich erst im Haft zum ersten Mal in Sicherheit. Aber jedesmal, wenn ich Schritte im Flur hörte oder wenn die Türlücke für das gebrachte Essen geöffnet wurde, wurde mir etwas mulmig ums Herz, weil man ja nie weiß, was hinter der Tür vor sich geht. Irgendwelche Information bekommt man schon, aber man weiß ja nie mit Sicherheit, was in den Köpfen der Menschen, die dich verhafteten, los ist.

Das ist eine verkehrte Welt, in der einerseits die „Rechtsverteidiger“ Verbrechen begehen und die Menschen foltern, und andererseits die „Verbrecher“ sich als ruhige, ausgeglichene Menschen entpuppen.

D. М.: Die Ankläger und Richter sind ein ganz anderer Menschenschlag. Sie sehen aus, als ob sie eine Pflicht erfüllen, aber dass alles unter Kontrolle ist, das konnte man gleich sehen. Gibt es Befehl den Menschen für 10 Jahre zu verurteilen, dann verurteilen sie ihn für 10 Jahre halt, ihnen ist das völlig gleich. .

А. К.: Zweimal besuchten uns die Geistlichen der unierten Kirche. Ich habe bei einem von ihnen gebeicht. Das war wohl das zweite Mal in den letzten 15 Jahren, dass ich beichtete. Obwohl ich in einer orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats getauft wurde, und als Christ die orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats besuche. Die Gespräche mit Priestern haben uns Kräfte verliehen, sie waren ein weiteres Argument dafür, dass wir richtig handeln, weil die Kirche ja mit uns ist. Das Placeboeffekt wurde ja von keinem bisher abgeschafft.

 

ÜBER DAS GEFÄNGNIS UND DAS KRANKENHAUS

А. К.: Ich würde die Zeit, die wir im Krankenhaushaft verbracht haben, in drei Phasen teilen.

Die erste, als wir hin gebracht wurden, ist die Schmerzensphase.

Als ich reinkam, gab es in der Krankenzelle bereits zwei verprügelte Personen. Und gegen Abend am 20. Januar hat man viele weitere Geschlagene gebracht. Und das war etwas, wovon man richtig Gänsehaut bekam.

Zuerst hat man einen Jungen gebracht, der sich gar nicht bewegen konnte. Er hatte einen gebrochenen Arm, der andere Arm war ganz zerschmettert. So wurde er die ganze Zeit gefahren, weil er selbst nicht auf den Beinen stehen konnte. Wie es sich später herausstellte, das war jener Student Mychajlo aus Tscherwonohrad, den Berkutleute gepeinigt haben, sie haben ihn nackt in den Schnee geworfen, verprügelt und mit den Messern gestochen. Splitternackt wurde er auch in die Zelle gebracht, nur mit einem Laken bedeckt.

Vorher waren wir unruhig, aber an jenem Abend wurde zum dominierenden Gefühl Angst oder sogar Schmerz. Wir wurden verprügelt, aber die Jungen, die jetzt gebracht wurden – die waren wie Fleischstücke.

Es gab da einen schmächtigen Jungen, der von Berkutleuten beinahe vom Dach geschmissen wurde. Er wurde auf dem Dach eines Hauses in Hruschewski-Straße gefangen, an einem Bein aufgehängt mit der Frage: „Nun, was sagst du zum bisschen Fliegen?“ Zum Glück haben sie ihn nicht runtergeworfen.

Stattdessen haben sie ihn in einen Raum gebracht, verhüllten den Kopf mit Klopapier und haben so lange darauf gehaut, bis das Papier vom Blut komplett durchsickert wurde.

Danach haben sie ihn mit Sprit begossen und haben ihm zur Wahl gegeben: entweder zünden wir dich an, oder stecken dir ein Messer in den Rücken, oder schlagen dich mit einem Elektroschocker. Er hat den Schocker gewählt. Nach den Gerüchten wurde Berkut gerade mit neuen Elektroschockern ausgerüstet, und sie wollten das Gerät ausprobieren.

Es wurden nicht einfach verprügelte Jungen gebracht. Sie kamen nach den Foltern. Als ich Videoaufnahmen vom 1. Dezember auf Bankowa-Straße sah, dachte ich, dass es Peinigungen waren. Aber das, was ich im Krankenhaus sah, das war um vieles schlimmer.

Die zweite Phase war die Unsicherheitsphase.

Wir haben überhaupt nicht gewusst, was draußen passiert. Später bekamen wir schon Zeitungen, und auch einige Nachrichten erreichten uns. Aber als Erstes gab es komplette Abwesenheit der Information.

Die dritte Phase war die Lachphase.

Denn die Ukrainer lachen meistens darüber, was schmerzt. Gerade in solchen extremen Situationen kann das Lachen retten. Fängst du aber an zu denken: dass du im Untersuchungshaft bist, dass du hier zwei Monate lang bleiben wirst, dass du geschlagen bist und keinen Kontakt mit der Familie und Freunden hast, dann ist das alles kaum zu ertragen. Auch der Gesetzesartikel für uns lautete „von 8 bis 15 Jahre“ und bereits nach den ersten Gerichtssitzungen war es uns verständlich, dass sie uns bei dem Wunsch zu dieser Frist auch verurteilen können.

Deshalb haben wir uns bemüht, an unser Schicksal nicht zu denken. Unter den Bedingungen, in denen du höchstens eine Rauchpause einlegen kannst, war das Lachen das Einzige, was uns blieb.

Einmal habe ich einen Jungen nachdenklich liegen sehen. Da kam ich an ihn heran und sagte: du, liegen und grübeln ist streng verboten.

D. М.: Weder im Untersuchungshaft noch im Isolierhaft gab es keine Aggressivität – einmal hat man mich angebrüllt, weil ich die Arme auf dem Rücken nicht verschränkt habe. Interessant, dass diese reflektorische Bewegung, die Arme auf dem Rücken zu verschränken, merkt man bereits nach dem dritten Verlassen der Zelle. Das ist eine Metapher, aber das soll man im Gedächtnis behalten.

Aber Tituschki sollten lieber nicht hingeraten. Dort wird es für sie sehr schwer sein. Dort werden sie nicht verstanden, nicht geachtet, nicht für gleichberechtigt gehalten. Sogar die, die nichts weiteres tun als stehen, um dafür 200 Hryvnia zu bekommen. Und die erst, die die Menschen schlagen und verschleppen, die werden einfach missachtet. Dort ist es sehr wichtig.

D. М.: Auf dem ersten Platz steht im Gefängnis die Anständigkeit. Sehr hoch wird die gegenseitige Hilfe geschätzt. So kann man die Atmosphäre, wenn man will, als eine maidanartige Atmosphäre bezeichnen. Im Gefängnis, ähnlich wie auf Maidan, haben sich die Menschen selbstorganisiert und einen allgemeinen Sachenfonds gesammelt, um den Bedürftigen zu helfen. Aber auch einen Kernpunkt muss man haben. Weil man dich „erpressen“ oder „schleifen“ kann, um aus dir etwas anderes zu machen. Hast du einen Kernpunkt, wirst du standhaft bleiben.

Man muss sehr wenige Bewegungen machen, jede Bewegung im Gefängnis hat eine Bedeutung. Du kannst dir keine überflüssige Bewegung leisten. Diese Kunst habe ich nicht beherrscht. Einfach zeitlich nicht geschafft, Gott sei Dank. Es ist jedenfalls etwas sehr orientales, wie die Kunst der Kalligraphie.

Seltsam, aber man darf im Untersuchungshaft keine schöngeistige Literatur bekommen, gar keine Bücher außer den Religionsbüchern. Und gerade Bücher fehlen insbesondere.

А. К.: Das von den Freunden Mitgegebene spielte eine doppelte Rolle. Einerseits bekamen wir so das Fehlende, andererseits gab es das Gefühl, nicht vergessen zu werden, was besonders wichtig war. Wir bekamen doch im Krankenhaus das Essen, verhungern würden wir dort nicht, aber das Mitgegebene war für uns Kommunikationsmitel zwischen uns und der Welt.

Die Kultur der Mitgaben, die sich in so kurzer Zeit gebildet hat, ist natürlich nicht die Kultur, die wir brauchen, aber sie hat uns ein Beispiel von sehr guter Selbstorganisation gezeigt. In solchen Fällen werden die Facebook-Freunde zu deinen richrigen Freunden.

 

ÜBER DIE AMNESTIE

D. М.: Die Jungen, die mit mir zusammen im Untersuchungshaft waren, meinten, dass mein Aufenthalt in diesen Wänden einer Geiselnahme ähnlich ist. Und sie verstanden, dass solche Gesetze unzulässig sind. Als ich über die Gesetzformulierung gehört habe, musste ich scherzen, dass ich einen Aufkleber verlange: „Ich verlasse den Raum nicht, solange Janukowitsch Präsident ist.“

А. К.: Außer der Tatsache, dass wir den Geiseln ähnlich sind, bleibt noch die absolut absurde Situation. Wenn die dritten Personen etwas tun, zum Beispiel wenn sie den Raum befreien, dann werden wir für unschuldig erklärt. Und wenn diese dritten Personen nicht zur Einigkeit kommen, dann gelten wir als schuldig.

Was soll das? Wie kann meine „Schuldigkeit“ und meine Zukunft von den anderen Menschen abhängen?

Zum Schluß möchte ich eine andere Teilungspraxis erwähnen, die anders ist als die revolutionäre Teilung in „unsrige“ und „eure“.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag richtet, wie bekannt, nicht Regime oder Strukturen, sondern konkrete Personen, die aus den bequemen Bedingungen eines Unterwerfungssystems herausgezogen sind. Für diesen Gerichtshof sind Argumente wie „Ich habe bloß meine Arbeit getan“ oder „Ich habe Befehl erfüllt“ ungültig. Jeder trägt die Verantwortung nicht für die Befehle seiner Vorgesetzten, sondern für eigene Handlungen während der Ausführung dieser Befehle.

Und wenn man dem „Monolith“, hinter dem sich das heutige ukrainische Regime versteckt hat, genauer zuschaut, dann kommt eine ganz natürliche Frage hoch:

Sind diese Beamten und Polizisten für ihren Chef Janukowitsch wirklich zu allem fähig?

Kommt nicht einmal der Moment, wo die Situation sich dermaßen verschärft, dass neben dem Chef nur noch ein paar Hunderte Berkutleute, Anwälte und Richter bleiben?…

Quelle: Ukrainska Pravda

Übersetztung – Chrystyna Nazarkewytsch

Schlagworte:, ,