„TITUSHKI“

14. Februar 2014 • Archiv

Photo: Yulia Chervinskaya, NBN

Es gibt viele Phänomene im ukrainischen Alltag, die man einem Ausländer nur schwer erklären kann. Eine Bekannte hat mir eine Geschichte über ihren französischen Gast erzählt, der über vieleTatsachen verwundert war und diese erläutert haben wollte. Das war oft nicht einfach oder gar unmöglich, so hat sich meine Bekannte für alle Fälle einen Standardspruch ausgedacht: „Das ist unsere Tradition“. Nachdem der Franzose zum 3.Mal so eine Antwort bekommen hatte, meinte er mit einem verdüsterten Gesicht: „Wissen Sie, Ihre Traditionen ähneln sehr der Korruption“…

Seit einigen Tagen überlege ich, wie ich den Ausländern erklären soll, wer genau „Titushki“ sind. Manchmal wird in unseren Zeitungen folgender Ausdruck verwendet: „sportlich aussehende Jünglinge“; diese Bezeichnung hält keiner Kritik stand – nicht alle Sportler sind „Titushki“ und nicht alle „Titushki“ sind Sportler. Naja, und die Geschichte von einem Jungen namens Vadik Titushko aus dem Ort Bila Zerkwa, der durch Verprügeln von Journalisten bei einer Demonstration im Mai 2013 „berühmt“ geworden ist, wird man den Europäern oder den Amerikanern doch nicht erzählen. Eigentlich hat es „Titushki“ auch schon früher gegeben, selbst bevor dieser Ausdruck entstanden ist. Ich kann mich noch gut an das Jahr 2004 in Mukachevo erinnern (damals war der besagte Vadik Titushko noch in der Schule), als die örtliche Wahlkommission von einer großen Gruppe sportlich gekleideter jungen Männer umzingelt wurde, um das Resultat der Präsidentenwahlen zu beeinflussen. Die Journalisten hatten vor ihnen Angst, der Oberst der Miliz schüttelte ihnen dagegen die Hände. Schon damals wollten sie uns verprügeln – die Menschen in der Uniform gemeinsam mit den „Adidas“-bekleideten Jungs. Das haben sie nicht geschafft.

Und jetzt ist es wieder soweit. Hunderte, Tausende von sportlich gekleideten, finsteren jungen Männern tauchen auf den Straßen unserer Städte auf. Meistens in der Nacht – ihre Zeit ist die der Horrorfilme „From dusk till dawn“. Die Nacht auf den 21. Januar war unruhig – wobei derzeit gibt es in Kiev keine ruhigen Nächte. Diejenigen die nicht am Majdan standen, konnten im Minutentakt im Netz die Informationen über die Aufstellungen dieser „Titushki“, die bald in Zentrum bald außerhalb Autos mit ukrainischen Symbolen zerschlagen, verfolgen. Die Miliz hat natürlich nicht einmal auf die Anzeigen der Betroffenen reagiert.

Ich, als Journalist, bin es nicht gewohnt nicht verifizierte Information zu publizieren. Alle wissen davon, alle verstehen diese Zusammenhänge zwischen den Kriminellen und den sogenannten Rechtverteidigern, aber es gibt keine Beweise dafür. Aber nach dem Video aus Dnipropetrovsk, wo man eindeutig sieht, wie gerade die Miliz den „Titushki“ den Befehl erteilt, auf friedliche Demonstranten mit Schlagstöcken loszugehen, gibt es keine Zweifel mehr.

Also, am 21. Januar haben diese „Titushki“ in Kiev gewerkt. Ein Paar Kilometer von meinem Zuhause, in der Gegend von Podol, waren es einige Hundert. Ich bin nervös vorm Computer hin und her gerutscht, während ich auf meinen Kumpel gewartet habe, um gemeinsam zum Majdan zu fahren. Und dann, plötzlich, ging es los. Gewöhnliche Einwohner von Kiev haben begonnen, sich zu zehnt, zu hundert auf ihren Autos zusammenzuschließen. Irgendwer hat witzigerweise diesen Vorgang als „Titushki“-Safari bezeichnet. Man hat begonnen sie zu umzingeln und zu fangen – wie die Fische im Netz. Manche haben es geschafft zu flüchten. Mein Kumpel und ich haben eine solche Gruppe in der Gegend von Podol gesehen – sie haben recht erschrocken aus der Tür eines illegalen Spielelokals herausgeschaut. Aus der Nähe habe ich sie erst später gesehen – da sind sie auf der Bühne des Majdans, wie schlechte Schauspieler, gestanden und undeutlich eine Entschuldigung gemurmelt. Ich habe sie angeschaut und meinen Augen nicht getraut. Die schrecklichen „Titushki“, mit denen die lokale Presse die Bevölkerung geschreckt hat, waren gar nicht so beängstigend. Ja, sie hatten irgendwelche Hammer oder andere Waffen, und als Horde haben sie wirklich beängstigend gewirkt. Aber einzeln haben sie…. hm, wie soll ich das beschreiben – erbärmlich ausgeschaut. Die Hälfte – überhaupt noch Jugendliche (auf den ersten Blick wirkten sie wie Ausreißer aus dem Kinderheim). Die Restlichen – klein gewachsen, hinkend, mit Beeinträchtigungen am Gesicht….

Ein Paar Stunden war ich schockiert und konnte nichts verstehen. Und dann kam die einzig einleuchtende Erklärung: das sind lauter Kleinkriminelle. Gewöhnliche Klientel der ukrainischen Miliz, die bei einem Diebstahl oder bei einer kleinen Schlägerei erwischt oder überhaupt grundlos aufgehalten worden ist. Und jetzt hat man sie aus ihren Gefängniszellen auf die Straßen rausgelassen. Diese Kreaturen hat man in riesige Gruppen zusammengetan. Um die Menschen einzuschüchtern. Aber irgendwie hat sich niemand einschüchtern lassen……

Während ich überlegt habe, wie ich den Europäern den Begriff „Titushki“ erklären soll, haben sie selber alles verstanden. Inzwischen ist der ukrainische Ausdruck „Titushki“ zu einem juristischen Terminus der EU geworden. In der Resolution des europäischen Parlaments werden bezugnehmend auf die Ukraine „Titushki“ erwähnt – als Kleinkriminelle die von der Regierung kontrolliert werden.

 

Autor: Oleh Kryshtopa, Schriftsteller und Reporter

Übersetzung – Julia Korsch

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