Stimmen des Maidan: Robert van Voren

20. Februar 2014 • Archiv

Die Atmosphäre auf dem Maidan war heute Nacht außergewöhnlich, sehr schwer in Worte zu fassen.

Ziemlich widersprüchliche Emotionen. Der Himmel ist voller Rauch brennender Reifen, mit einem orange-gelben Glühen, dass hinter den Barrikaden fluktuiert, immer wieder Funkeneruptionen, die durch Explosionen verursacht werden, und lautes Knallen von Blendgranaten, die den Boden erzittern lassen.

Die Einheiten der Maidan-Selbstverteidigung ziehen vorbei, ausgerüstet mit Helmen und Stöcken und Schilden, die entweder selbst hergestellt wurden, oder fliehenden Berkut abgenommen wurden. Dunkle, stolze Kreaturen, die die ganze Nacht zwischen den Demonstranten hindurchgleiten. Ein Großteil der Gehwege besitzt keine Steine mehr – diese wurden an verschiedenen Stellen aufgestapelt, um sich für einen Angriff zu rüsten. Zwischen den Reifenstapeln und anderen “Waffen” herumstolpernd bahnst du dir deinen Weg zu den Barrikaden, schließlich kletterst du nach oben und starrst in die dunkle Weite – die Berkut auf der anderen Seite bleibt unsichtbar. Gebete erklingen von der zentralen Bühne, abwechselnd mit Reden, Ankündigungen, oder Ruslana, die die Nationalhymne singt.

Die selbstgebildete Armee der Maidanwachen sind stolze Menschen, sie stehen auf den Barrikaden bereit wie die Wikinger auf der Brücke ihrer Schiffe, während dazwischen Männer und Frauen in kleinen Gruppen sitzen und entweder Karten spielen, sich an einem Feuer wärmen oder ihre Emails und Facebooks an ihren Mobiltelefonen bearbeiten. Der Großteil des Maidans ist eine freie WiFi-Zone, daher verbindet sich hier mittelalterliche Kriegsführung mit der Technologie des 21. Jahrhunderts.

Dies ist ein stolzes Volk, das einen weiteren Schritt Richtung Freiheit unternommen hat, einen weiteren Schritt, um die Reste der Sowjetvergangenheit hinter sich zu lassen. Zum dritten Mal ist Janukowytsch damit gescheitert, die Demonstrationen zu räumen und den Maidan zu erobern. Ja, ein Teil des Territoriums wurde eingenommen, aber es ist immer noch eine Niederlage, die in ganz Europa widerhallt und sich auf den Weg über den Atlantik macht. Der Preis, den Janukoytsch für den von ihm klar provozierten Kampf am 18-19. Februar bezahlt hat, ist hoch. In der Westukraine wurde die Regierung aus den Gebäuden geworfen, selbst die Büros des Geheimdienstes SBU wurden eingenommen und verbrannt, und er ist einen Schritt näher an seinem Ende.

Das ist das, was man auf dem Maidan fühlt, eine Entschlossenheit, sich nicht besiegen zu lassen, und bis zum Ende zu gehen. Ich bin stolz, dass ich das heute Nacht beobachten konnte.

20.2.2014, ca. 4 Uhr Kyiw-Zeit

Quelle: https://www.facebook.com/khwalter/posts/841733432508470

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