Der blutige Donnerstag auf dem Maidan – aus dem Fotoblog von Ilja Warlamow

21. Februar 2014 • Archiv

Bericht des bekannten russischen Bloggers Ilja Warlamow (Ilya Varlamov) aus Kyiw
Russischer Originaltext: http://zyalt.livejournal.com/1005652.html

Gestern abend habe ich zufällig den russischen Fernsehkanal “Rossija” eingeschaltet. Ich schaue gewöhnlich kein Fernsehen, doch diesmal wollte ich der Sitzung der Werchowna Rada folgen. Ich zappte durch mehrere Programme und bei der abendlichen Tagesschau auf dem Kanal “Rossija” fand ich dann aktuelle Meldungen über den Maidan. Natürlich hatte ich keine Illusionen davon, wie die russischen Fernsehprogramme verschiedene Nachrichten darstellen. Doch es ist eine Sache, Berichte über weit entfernte Ereignisse anzuschauen, und eine andere, den Quatsch darüber zu hören, was vor der eigenen Haustür geschieht.

Ich hatte das dringende Bedürfnis, sofort diesen Korrespondenten auf dem Maidan zu finden, und ihn zu fragen, was für einen Blödsinn er da berichtete. Besonders gefiel mir der Bericht über die Ostukraine, in dem “einfaches Volk” gezeigt wurde, das mit Mistgabeln nach Kiew fahren wollte, um “seinen Präsidenten zu verteidigen”.

Die Frage der Objektivität ist hier von großer Bedeutung. Ich verstehe, dass jede Seite ihre eigene Wahrheit hat. Meine Reportage ist natürlich einseitig, ich filme von der Seite des Maidans. Ich würde ja gerne auch von der anderen Seite filmen, aber die Knaben dort mögen Journalisten nicht… Hätte der Sender Rossija das Bild von Seiten der Polizei gezeigt, ihre Version berichtet, gäbe es kein Problem. Doch sie gehen auf den Maidan, sie nehmen aus dem Kontext irgendwelche Gerüchte und geben dem Zuschauer völlig verkehrte Informationen.

Die am meisten diskutierte Frage in Moskau, warum der Maidan bisher nicht einfach geräumt wurde. Es ist nicht so einfach, den Maidan räumen, wie es wahrscheinlich  im Fernsehen aussieht. Auf dem Maidan befinden sich immer zwischen 10.000 und 50.000 Menschen, viele davon sind bereit, bis zum sprichwörtlichen Ende dort auszuharren. Das nur, damit sie die Atmosphäre verstehen. Immer wieder hört man  Schüsse, es werden immer wieder Leichen durch die Menschenmenge getragen, viele Dutzende von Toten und Hunderte von Verletzten. Und die Menschen dort fahren beharrlich fort, Trümmerschutt vom letzten Sturm wegzuschaufeln und neue Barrikaden zu bauen. Sie laufen vor Wasserwerfern, vor Schützenpanzerwagen und Scharfschützen nicht weg.

Wie kann man diese Menschen vertreiben? Es gibt Hunderte Opfer. Wer ist bereit, für so viele Leichen Verantwortung zu tragen? Es ist sehr bemerkenswert, dass am nächsten Tag nach dem Sturm weitere Tausende einfacher Kyiwer Bürger dorthin gingen. Statt ins Büro sind sie zum Maidan gekommen. Das sind einfache Kyiwer und nicht “gewalttätige Radikale”, über die der Fernsehsender “Rossija” beharrlich berichtet. Auf den Listen der Gestorbenen finden Sie Menschen verschiedenen Alters, politische Aktivisten, aber auch Lehrer, Pensionäre, einfache Büroangestellte.

Was ist in den letzten Tagen geschehen?

Nach zweiwöchigen Schweigen hatten die Opposition und die Regierung vereinbart, im Parlament die Möglichkeit die Wiedereinführung der Verfassung des Jahres 2004 zu besprechen. Nach dieser Verfassung würde die Ukraine wieder zu einer parlamentarischen Republik werden. Die Macht des Präsidenten würde wesentlich eingeschränkt. Die Regierung würde durch das Parlament ernannt werden. Am Dienstag ging dann eine Kolonne der Demonstranten vom Maidan zum Parlament, um die Abgeordneten so lange dort zu blockieren, bis sie eine Entscheidung treffen. Die Sache ist, dass das Volk schon daran verzweifelt ist, vom Parlament irgendwelche Beschlüsse zu erwarten. Die Sitzungen wurden immer wieder verschoben, die Verhandlungen führten zu nichts.

Die Polizei hatte den Befehl, das Parlament zu verteidigen und keine Menschen zum Parlamentsgebäude zuzulassen. Alle Straßen waren gesperrt. Als die Menschen versuchten, die Straßensperren zu durchbrechen, begannen die Zusammenstöße. Dies geschah vor zwei Tage, sie haben bestimmt Videos mit brennenden Fahrzeugen gesehen. Damals war ein Büro der Partei der Regionen in Brand gesteckt worden und es gab erste Opfer. Wer die Zusammenstöße provoziert hat, ist schon nicht mehr so wichtig.  Es endete damit, dass die Berkut einen Vorstoß begann und wichtige Teile des Maidan bedrängte.

In der Nacht von Dienstag bis auf Mittwoch fanden besonders dramatische Geschehnisse statt. Die Polizei bereitete den Sturm des Maidan vor. Das war der erste heftige Angriff auf den Maidan in den letzten Monaten, seit das Protestenlagers in Kyiw existiert. Die Regierungskräfte haben ihren Angriff gut vorbereitet, Wasserwerfer sowie Schützenpanzerwagen wurden eingesetzt. Letztlich wurde das Haus der Gewerkschaften in Brand gesteckt, ebenso sowie die Hälfte aller Zelte. Die Polizei hat mit Hilfe von Schützenpanzerwagen alle Barrikaden auf der Institutska-Straße und der Hruschewskij-Straße beseitigt. In dieser Nacht gab es die ersten Opfer. Nach Angaben aus verschiedenen Quellen sind etwa zehn Maidanverteidiger und drei Polizisten zu Tode gekommen. Einige wurden erschossen, andere waren unter die Räder der Einsatzfahrzeuge gekommen, wieder andere wurden totgeschlagen.

Am Mittwoch hatten die Opposition und die Regierung einen Waffenstillstand für einen Tag vereinbart. Jedoch setzte sich der Widerstand fort. Die Polizei wurde mit Steinen und Molotowcocktails beworfen, die Maidanverteidiger wurden seitens der Polizei mit Tränengas und Schockgranaten bombardiert. Autoreifen wurden angezündet. Am Mittwoch waren wieder Tausende Kyiwer auf den Maidan gekommen, statt zur Arbeit zu gehen. Dies hat wahrscheinlich dazu geführt, dass die Regierungskräfte den Sturm nicht fortgesetzt haben. Die Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag war verhältnismäßig ruhig.

Gestern früh begann der Feuerwechsel erneut. Die Widerstandkämpfer wurden von Scharfschützen beschossen. Die Polizei wurde ebenfalls mit Schusswaffen bekämpft. Wie viele Menschen genau  getötet wurden, ist nicht klar. Nach einigen Angaben etwa 60, nach anderen – bis zu 100. Die ersten Leichen wurden ins Hotel “Ukraine” gebracht, das sich unmittelbar an der Kampffront befindet. Im Erdgeschoss des Hotels wurde ein Feldlazarett eingerichtet. Als ich zum ersten Mal dorthin kam, gab es dort zehn Leichen.

Der Donnerstag wurde zum blutigsten Tag für den Maidan.

01. Vom früheren Morgen an geschahen die meist dramatischen Ereignisse auf der Institutska-Straße. Hierhin ist die Berkut zurückgewichen, hier gab es erste Opfer.

02. Immer wieder hört man Schüsse. Das Schrecklichste in solchen Momenten ist es, dass man nicht weiß, wohin geschossen wird.

03. Überall – Blutlachen.

Sie haben bestimmt dieses Video gesehen, es lief auf vielen TV-Kanälen:

[http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=0DxkDiAcSF8]

Das fand hier gestern statt. Jetzt sagt man, dass die Maidan-Kämpfer den eigenen Leuten in den Rücken geschossen hätten, dass dieses Video jemand absichtlich gefilmt hätte. Die Situation ist kompliziert hier. Die beiden Seiten haben geschossen, es kann sein, daß irgendein Dummkopf vom Maidan zufällig auf die eigenen Leute auf der Frontlinie geschossen hat. Aber ich bezweifle das. Das Hauptfeuer kam von den Vertretern der staatlichen Gewaltorgane. Soweit ich das verstanden habe, ist von der Seite der Polizei hier gestern niemand gestorben?

Abhören von Funkverbindungen der Scharfschützen:

[http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=2IcMmpXhRIw]

Natürlich wird es irgendwann Gerichtsverfahren geben, die Geheimdokumente werden geöffnet werden, und wir werden erfahren, wie alles in Wirklichkeit war. Momentan gibt es viele Gerüchte und Versionen.

04. Hinsichtlich der Waffenausrüstung sind die Kräfte natürlich nicht gleich. Das ist ein Foto von Donnerstag. Die Menschen in den Uniformen schießen auf die Maidan-Verteidiger. Es gab viel Diskussion diesbezüglich, die Menschen hätten komische Schuhe an, und die Waffen seien alt. Ich weiß nicht genau, wer auf diesen Photos ist, aber diese Menschen waren auf der Seite der Polizei. Es ist Quatsch, dass dies Armbänder des Rechten Sektors seien. Ich habe nie solche Armbänder beim Rechten Sektor gesehen. Ich war dort.

Es gibt im Netz ein Video, wo diese Jungs unter der Deckung von Berkut aus Fahrzeugen aussteigen.

[http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=EBK7Z2dKYI8]

05. Die Folgen.

06. Die Getöteten und Verletzten werden vom Schlachtfeld getragen. Von der Bühne erklingen immer wieder Aufrufe, nicht hinter die Barrikaden zu gehen.

07.

08. Nach dem die Polizei sich zurückgezogen hatte, entstanden neue Barrikaden auf der Institutska-Straße.

09. In der Zwischenzeit richtete man im Hotel “Ukraine” ein Feldlazarett ein.

10. Hierher wurden vom frühen Morgen an die Leichen gebracht. Alle mit Schussverletzungen.

11. Nach den Zusammenstößen am frühen Morgen sah man Gefangene, die über den Kreschtschatik geführt wurden. Mehrere Kolonnen mit jeweils fünd bis zehn gefangenen Polizisten und Soldaten. Die Gefangenen waren erschrocken, man sieht, sie wurden bei der Festnahme geschlagen. Ein Soldat zitterte und weinte, ein Mann im Helm und mit dem geschlossenen Gesicht fragte ihn «Bist du aus Donezk?», – er winkte, – «Keine Angst, niemand wird dich anfassen, es gibt hier auch viele aus Donezk».

Einige Kolonnen wurden durch Priester angeführt.

Eizelne versuchten, die Gefangenen zu schlagen, aber die Begleiter unterbanden alle diese Versuche sofort. Ein Kerl hat es jedoch geschafft, einem Polizisten eine heftige Backpfeife zu versetzen.

“Hey, warum schlägst du?” hat ihn der Begleiter gefragt.

“Sie haben mir vor einem Monat in die Nieren geschlagen! Ich werden diesen Dreckskerl umbringen!” begann der Angreifer sich zu rechtfertigen.

“Ich werde dich jetzt selber schlagen! Geh weg von hier” und der Begleiter jagte den Angreifer weg.

Die Gefangenen wurden zur Kommandatur des Maidan gebracht. Dort wird jeder befragt, seine Identität wird festgestellt und er wird ins Gebäude der Kyiwer Stadtverwaltung geführt.

12. Die Menschen auf dem Maidan beobachten die Gefangenen.

13. Die Propaganda auf dem Maidan. Am Eingang gibt es einen Stand mit Kugeln und Granaten, mit denen die Maidan-Verteidiger beschossen wurden. An mehreren Plätzen gibt es solche Informationsstände.

14. Auf der Hruschewskij-Straße, auf der vor drei Wochen Zusammenstöße stattfanden, hat die Polizei alles gereinigt. Die verbrannte Technik und der Müll wurden weggeräumt. Statt dessen hat die Polizei neue Barrikaden aus Betonblocken gebaut. Wozu sie das gemacht haben, ist unklar. Nach der Rückeroberung haben die Widerstandkämpfer diese Barrikade weggeräumt.

15. Eine Frage an diejenigen, die denken, daß die Menschen auf dem Maiden wegen des Geldes stehen. Was glaubt ihr, für welches Geld kann man monatelang im Kugelhagel, Wasserkanonen und im Rauch brennender Reifen stehen?

16.

17. Die Polizei zog sich zur Rada, dem Parlament, zurück, befand sich nicht mehr in Sichtweite. Früher standen Demonstranten und Regimetruppen wie eine Wand zur anderen. Jetzt haben sich die Regeln verändert. Jetzt schießen beide Seiten, niemand steht mehr so einfach mit Schildern da.

Damit sie die Umstände besser begreifen können: In Russland gibt man den Menschen während der Massendemonstrationen Anweisungen, wie man am besten angezogen sein muss, damit man nicht friert. In Kyiw gibt man Hinweise, was man tut, wenn geschossen wird.

18. Die Widerstandskämpfer bauen die neuen Barrikaden auf.

19. Die Polizei hinterließ eine Nachricht auf den Betonblöcken. Damit ihr versteht: die beiden Seiten sind bereit, einander zu töten. Die Friedensdemonstranten gibt es nicht mehr.

20. Auf dem Maidan werden Reifen verbrannt.

21. Etwa ab Mittag begannen die Menschen den Müll aufzuräumen. Im Winter wurden die Säcke mit Schnee befüllt und daraus die Barrikaden gebaut. Jetzt ist der Schnee in Kyiw getaut, die Säcke werden mit allem möglichem Kram befüllt, auch mit der Asche von verbrannten Reifen.

22. Der Maidan ist ein großer Ameisenhaufen.

23. Alle haben etwas zu tun.

24. Einen halben Tag lang wurde der Platz aufgeräumt.

25. Die Barrikaden wurden erneut gebaut.

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27. Zur Unterstützung des Kampfgeistes

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30. Pflastersteine werden weiterhin herausgerissen. Daraus werden Barrikaden errichtet, der Sand und Beton unter den Steinen wird in die Säcke verpackt.

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32. An jeder Barrikade liegen fertige Kampfvorräte.

33. Die Maidan-Mode.

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36. In der Mitte steht die Bühne, auf der ständig jemand auftritt. Die Menschen werden aufgerufen, nicht hinter die Barrikaden zu gehen, dort wird geschossen. Von Zeit zu Zeit liest man Zettel über verschwundene Menschen.

37. Die U-Bahn funktionierte gestern nicht. In der Stadt wird immer wieder Panik verbreitet. Man spricht, dass die Brücken gesperrt werden oder dass es nicht mehr ausreichend Benzin gibt. In den Läden werden massenwese Konserven gekauft, die Bankkonten geleert. Viele verlassen Kyiw.

38. Der Straßenabbau.

39. Die Steine werden in Menschenketten für die Errichtung der Barrikade weitergegeben.

40.

41.

42.

43. Der Kreschtschatik

44. Hier sammelt man Waffenvorräte

45. Die Flaschen sind mit Schaumstoffkrümmeln befüllt. Napalm?

46. Aussicht auf das Ministerkabinett. Auf dem Dach sitzen Scharfschützen. Wirklich, ich habe sie selbst gesehen.

47. In einem Restaurant steht am Eingang ein Kasten, in den man früher Kleingeld geworfen hat. Jetzt liegen Hülsen neben dem Kleingeld. Fast alle Cafes, Restaurants und Geschäfte in der Stadtmitte sind geschlossen. Die Universitäten, Schulen und Kindergärten auch. Ein funktionierender Geldautomat im Zentrum war auch nicht zu finden.

48. In der Michailowskij-Kathedrale gibt es Lager mit Lebens- und Arzneimitteln. Hierher werden Hilfslieferungen aus ganz Kyiw gebracht.

49. Die U-Bahn-Ausgänge der zentral gelegenen Stationen sind verbarrikadiert. Es gibt Gerüchte, dass die Soldaten mit den Zügen ins Zentrum gefahren werden. Und sie könnten aus den Stationen heraus angreifen. Die U-Bahn wurde gestern zum ersten Mal in der Kyiwer Geschichte gesperrt. Nicht nur ein bestimmte Station, sondern die ganze U-Bahn. Gestern abend trat der Stadtbürgermeister aus der Partei der Regionen aus, sagt sich von Janukowytsch los und ordnete an, die U-Bahn wieder in Betrieb zu nehmen. Heute funktioniert wieder alles, außer den zentral gelegenen Stationen, die noch nicht benutzbar sind.

50.

51. Den ganzen Tag und Nacht bringen Menschen Reifen zu den Barrikaden. Ich kann mir schwer vorstellen, woher so viele Reifen kommen…

52. Ein Rauchvorhang ist die beste Verteidigung vor den Scharfschützen.

53. Heute hat das Präsidialamt erklärt, dass in der nächsten Zeit ein Abkommen über die Regelung der politischen Krise unterzeichnet wird.

Höchstwahrscheinlich wird das Datum der neuen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen genannt. Hoffentlich werden damit die Zusammenstöße in Kyiw beendet.

Nach offiziellen Angaben sind seit Anfang der Zusammenstöße 77 Menschen getötet worden.

Übersetzung: Olga Borovskykh