Bericht von Alexej Fjodorow, einem Bewohner der Krim

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Das ist zwar sehr schwierig für mich und meine Familie, ich muss die Wahrheit sagen, ich kann nicht länger schweigen! Mein Name ist Alexej Fjodorow, ich bin ukrainischer Staatsbürger. Ich bin in Simferopol geboren und wuchs dort auf, ich habe eine Frau und zwei Kinder. Mein Vater ist Russe, meine Mutter ist Ukrainerin, obwohl mein Großvater mütterlicherseits ein Krimtatare ist. Ich habe, oder besser gesagt HATTE, mein eigenes Geschäft, eine Drogeriemarktkette in der Stadt. Lassen Sie mich von vorne beginnen.

Als die “kleinen grünen Männchen” begannen die Halbinsel einzunehmen, waren einige Leute wirklich euphorisch. Ich jonglierte auch mit dem perfiden Gedanken, dass Russland seine Petrodollars in die Wirtschaft der Krim pumpen wird und das Leben sich endlich von selbst regelt. Aber genau das passiert nicht, wie sich herausstellt! Bereits nach wenigen Tagen sind einige unglaublich schreckliche Dinge geschehen, es ist schwierig, sie zu beschreiben, sie aber live mitzuerleben ist noch schlimmer. Es ist wie ein Alptraum oder ein Horrorfilm! Eine Familie von Krimtataren lebte in unserem Haus, sie sind zu Beginn der 1990er Jahre in ihre Heimat zurückgekommen. Das Oberhaupt der Familie hat es gewagt zu sagen, dass ein russischer Soldat mit seinem gepanzerten Wagen die Parkplätze in der Nähe unseres Hauses blockierte (es liegt am Rande der Stadt, gerade wenn man in die Stadt hereinfährt). Der Soldat begann sofort zu fluchen, dann lachte er laut und befahl seinem Kameraden, das Auto zu rammen. Die Front des Lada Priora (gekauft vor sechs Monaten auf Kredit) wurde zertrümmert, und der Tatare, der seinen Augen nicht traute, konnte gerade noch so aus dem Auto aussteigen.

Am Morgen fand er den Wagen in einem noch beklagenswerteren Zustand. Eine Anzeige bei der Verkehrspolizei und der [normalen] Polizei hatte nur den umgekehrten Effekt: In den späten Abendstunden, als er von der Arbeit nach Hause kam, wurde er von einem Fremden in Militäruniform mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen, und sie belustigten sich noch dabei, als sie ihm das Bajonett an den Hals hielten. Nach diesem “Spaß” ließen sie ihn mit den Worten gehen: “Hör zu, Waschbär [Schimpfwort für dunkelhäutigere Menschen, Anm. d. Übers.] wenn du noch mehr Lärm machst, dann bringen wir dich und deine Familie um.” Das Ergebnis war eine Gehirnerschütterung, ein gebrochener und verrenkter Arm, Rippen- und Nasenbeinbeinbruch, zahlreiche Prellungen und schwere Verletzungen, er verlor einen Liter Blut und verbrachte zwei Tage im Krankenhaus. Dieses Mal hat sich die Polizei komplett geweigert, seine Anzeige aufzunehmen, es stellte sich heraus, dass sie mit den Besatzungstruppen zusammenarbeiten.

Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Diese Monster fanden heraus, dass er noch einmal versucht hatte, sich zu beschweren. Und sie haben herausgefunden, wo seine Frau arbeitet. Sie war eine Apothekerin in meiner Apotheke drei Kilometer von meinem Haus entfernt. Am nächsten Tag erschienen die “kleinen grünen Männchen” und forderten frech ein “Geschenk” für die “russischen Brüder” (obwohl sie eher wie Kadirow-Kaukasier aussahen): 200 Packungen teure Antibiotika (z. B. die vielgefragten Ciprobay, zum Preis von 4.000 Hrywnia), 500 Packungen Vitamine, “mindestens” 300 Packungen der teuersten Steroide und vieles mehr. Sie sagten, es sei für “ihre Selbstverteidigung.” Sie versuchte höflich abzulehnen, aber die Männer wurden sofort wild, und es begann ein eklatanter Raubzug, sie zerbrachen die Fenster und Ausstellungsvitrinen. Sie versuchte zu schreien, aber sie packten sie und klebten ihr ein medizinisches Pflaster auf ihren Mund, warfen sie in den “Tiger” [Gefangenentransporter, Anm. d. Übers.] und brachten sie zu ihrem Stützpunkt. Sie quälten sie sehr und hätten sie fast vergewaltigt. Sie forderten dreitausend Dollar Lösegeld für sie. Die Familie hatte nicht diese Menge Geld, noch am selben Tag verkauften sie alle ihre Haushaltsgeräte, einen Teil ihrer Möbel für fast nichts, so verloren sie alles, was sie für einen dunklen Tag gespart hatten, der jetzt plötzlich gekommen war. Am nächsten Abend gaben sie die Frau im Austausch für das viele Geld zurück, sie sah schrecklich und zerschunden aus. Ich bemerkte blaue Flecken an ihren Armen (von den Handschellen) und in ihrem Gesicht.

Die Lage vor der bevorstehenden Volksabstimmung wurde noch erschreckender. Einige meiner Freunde, die zu murmeln gewagt hatten, dass ihnen “nicht so ganz klar sei, vor wem Russland die Krim schützt,” wurden ohne Erklärung und ohne Gehaltszahlung entlassen. Man erklärte ihnen dann, dass das Management von den Besatzern mit einem Ultimatum unter Druck gesetzt worden sei, kategorisch alle Menschen zu entlassen, die auf der Liste der “Unzuverlässigen” standen. Die meisten dieser schwarzen Listen gründeten sich auf die Teilnahme an anti-russischen Protesten und auf “Berichte” von Kollegen oder – ich konnte es zunächst nicht glauben: wenn die Kollegen ukrainische Symbole auf ihrem Schreibtisch oder dem Auto hatten. Auch die ukrainische Flagge fiel unter ein amtliches Verbot!

Am 15. März riefen sie mich vom Finanzamt an und sagten, ich solle zu einem “sofortigen und wichtigen Gespräch erscheinen.” Als ich in das Büro des Chefinspektors kam, waren da bereits zwei “kleine grüne Männer “mit Masken und Maschinenpistolen und ein unbekannter Mann in Zivil. Der Inspektor sagte in einem schweren und strengen Ton: “Morgen müssen Sie zur Volksabstimmung ins Wahllokal in der Jewpatoria-Straße gehen. Und ich hoffe, Sie verstehen, wie Sie zu wählen haben? Und passen Sie auf, oder wir finden einen kleinen Artikel in der Abgabenordnung … und Sie verlieren nicht nur Ihre kleinen Drogerien, sondern wir werden Sie für ein paar Jahre hinter Gitter setzen! Kapiert?” Die Mann in Zivil beobachtete ihn die ganze Zeit und nickte zustimmend.

Mit Tränen in den Augen musste ich zu dem elenden Referendum gehen, aber trotz ihnen habe ich gegen den Beitritt zu Russland gestimmt! Um Mitternacht riefen sie mich vom Finanzamt (!) an und sagten, dass ich ihnen 15.500 Hrywnia schulde und dass einige Dokumente nicht gültig seien, weil sie nicht richtig ausgefüllt worden seien. Am nächsten Tag haben sie ein Steuerstrafverfahren gegen mich eröffnet, und meine Drogeriemarktkette wurde geschlossen. Und die Tatarenfamilie wurde nach dem Referendum obdachlos: Die Bank wollte den Kredit für das Auto zurück haben, und da sie kein Geld mehr hatten, wurde ihre Wohnung, die sie als Sicherheit benutzt hatten, beschlagnahmt. Und die abscheulichste Sache ist, dass jetzt eine totalitäre Zensur auf der Krim herrscht! Niemand kann ein Wort gegen diese Illegalität sagen, die jetzt an jeder Ecke herrscht! Am 18. März wurde ich zu einem Bezirksbeamten vorgeladen. Es stellte sich heraus, dass er neu ist: ein ehemaliger Berkut aus Kyiw! Er sah mir in die Augen und sagte sarkastisch: “Halt den Mund und du kannst weitermachen, wenn du etwas ausplauderst, dann bist du im Knast!” Ich schwieg. Vorgestern wurde meine Frau, eine Geschichtslehrerin, von der Arbeit entlassen. Nicht nur, dass sie von Ukrainisch auf Russisch umgestellt hatten, auch die Kinder mussten jetzt russische Schulbücher verwenden. Aus der “Kyiwer Rus” wurde “der alte russische Staat.” Eine kleine Bemerkung darüber kostete sie ihren Job. Da erkannte ich, dass, wenn meine Frau schon den Mut hatte, sich gegen diese Unterdrückung zu wehren, wäre es doch eine Schande, wenn ich feige weiter schweigen würde!

Ich bin derzeit unter der schriftlichen Anweisung, das Land nicht zu verlassen, aber ich hoffe, dieses Konzentrationslager Krim bald verlassen zu können – zusammen mit meiner Familie, auch wenn ich dabei alles verliere. Nichts ist wertvoller als Freiheit!

PS . Lasst euch das eine Lehre sein, ihr Bürger der Südostukraine: schätzt Eure Freiheit, so lange ihr sie noch habt!

Quelle: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=695888433790215&set=gm.1412508052343760&type=1&theater
Englisch: http://maidantranslations.com/2014/04/09/crimean-resident-the-truth-about-crimea/

 

 

 

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