Mychailo Wynnyckyj: Gedanken aus Kyiw – 13.04.2014

 

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Dr. phil. Mychailo Wynnyckyj
Kyiw-Mohyla Akademie
Gedanken aus Kyiw – 13.04.2014

Nach dem östlichen Ritus werden die Toten traditionell 40 Tage lang betrauert. Obwohl der Todesfälle danach in jährlichem Abstand gedacht wird, geht das Leben der Überlebenden nach vierzig Tagen der Trauer normal weiter. Am Sonntag, den 31. März war der 40. Tag nach der Scharfschützen-Safari des Janukowytsch-Regimes gegen Maidan-Demonstranten vom 20. Februar. Für oder wider, ich halte diesen Tag für den letzten Tag der Phase 2 der ukrainischen Revolution:

Phase 1: vom 21. November bis 1. Dezember 2013 = 10 Tage Euromaidan;
Phase 2: vom 1. Dezember 2013 bis 31. März 2014.= 120 Tagen der Revolution der Würde.
Phase 3 – Systemwechsel: jetzt wurde ernsthaft mit der Vorbereitung des Präsidentschaftswahlkampfs begonnen, und sicherlich wird es viele Fallstricke geben, bis diese Phase vorbei ist (und sie wird wahrscheinlich bis Ende 2014 andauern). Nun scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, eine Bilanz zu ziehen, wo wir sind und was das mit der Phase 3 wahrscheinlich alles auf sich hat.

Ich betone nochmals: Die Revolution der Würde in der Ukraine endete vor 2 Wochen. Unabhängig davon, was die Kreml-Propaganda-Maschinerie der Welt glauben machen will. Die Vorkommnisse auf der Krim (die am 27. Februar begannen) und in den Gebieten im Osten Ukraine (die noch andauern) haben keinen direkten Bezug zur strikt innenpolitischen Agenda der Protestbewegung, die Wiktor Janukowytsch aus dem Präsidentenamt gejagt hat. Die Intervention Russlands in der Ukraine sollte getrennt behandelt/analysiert werden. Wie mehrere Beobachter bemerkt haben – obwohl die ausgestrahlten Fernsehbilder von den separatistischen Demonstrationen in den Oblasten Donezk, Charkiw und Luhansk eine gewisse Ahnlichkeit mit denen vom Kyiwer Maidan haben (z.B. Demonstranten in Masken, brennende Reifen, Barrikaden usw.) – sangen die Revolutionäre der Ukraine die Hymne des eigenen Landes und trugen die Flagge ihres Landes, die Separatisten fordern hingegen keine Änderungen im Inland – sie fordern eine Änderung der internationalen Grenzen. Beweise für das tatsächliche Ausmaß der illegalen Aktivitäten von russischen Agenten in Gebieten im Osten Ukraine werden immer zahlreicher (angeblich werden diese Beweise vom Außenministerium der Ukraine in den kommenden Tagen vorgelegt werden), und es wird immer deutlicher, dass der Separatismus nur von wenigen in der örtlichen Wirtschaft und den intellektuellen und politischen Eliten in Donezk und Charkiw unterstützt wird (die Lage in Luhansk unterscheidet sich in dieser Hinsicht, da die lokalen Politiker der Partei der Regionen und Wirtschaftsführer anscheinend eine gewisse Unterstützung für die pro-russische Idee äußern). Nach den in dieser Woche veröffentlichten Meinungsumfragen unterstützen tatsächlich nur 18-20% der östlichen ukrainischen Bevölkerung die Idee der Angliederung an Russland.

Gott sei Dank scheinen die westlichen Regierungen (einschließlich des polnischen Ministerpräsidenten Tusk, US-Vizepräsident Biden und der EU-Kommissarin Ashton) zu verstehen, dass die “Krise” im Osten der Ukraine von Russland erzeugt worden ist und dass das Ganze wenig mit echten lokalen Forderungen zu tun hat. Darüber hinaus bedeutet für dieselben Regierungen die Intervention Russlands in der Ukraine eine große Herausforderung für die bestehende Weltordnung. Diese Woche traf ich mich mit der Stellvertretenden Generalsekretärin der NATO (sie war anlässlich des jährlichen 7. Kyiwer Sicherheitsforums in Kyiw). Sie machte deutlich, dass die EU-Staaten, die USA und Kanada es nicht zulassen werden, dass der Kreml der Ukraine seinen Willen aufzwingt, indem er die verfassungsmäßige Ordnung des souveränen Staates diktiert. Frau Grabar-Kitarović war in Bezug auf einen anderen Punkt ganz deutlich: Russland stellt eine unmittelbare und klare zivilisatorische Bedrohung für Europa dar – im Sinne Huntingtons. Auch wenn dies eine umstrittene Position ist, die Tatsache, dass ein solches Paradigma herrscht, zeigt an, dass die “Krise” in der Ukraine (unabhängig von den Ergebnissen der für den 17. April anberaumten diplomatischen Verhandlungen zwischen Russland, den USA, der EU und der Ukraine) so nicht schnell gelöst werden kann.

Das bringt mich auf zwei Punkte :

1.) Meiner Meinung nach sind die aktuellen Ereignisse in der Ukraine keine “Krise”. Dieser Begriff suggeriert ein Ereignis (oder eine Reihe von Vorkommnissen) mit einem definierten Anfang und einem potenziellen Enddatum. Die Intervention Russlands in der Ukraine hat aber kein potenzielles Ende: Als Putins Streitkräfte Ende Februar auf der Krim einrückten und später, nachdem sein Regime die Halbinsel annektiert und der Russischen Föderation angegliedert hatte und ihre subversiven Aktivitäten im ukrainischen Südosten intensiviert hatte (einschließlich Massierung von Truppen an der Grenze), zeigte der Kreml, dass er das Recht der Ukraine nicht anerkennen will, als souveräner Staat zu existieren. Nur ein einziger Staat auf der Welt hat für einen längeren Zeitraum unter einer solchen existenziellen Bedrohung überlebt; nur ein einziger Staat hat eine langfristige infrastrukturelle Unterstützung von westlichen Regierungen erhalten, die darauf in konsolidierter Weise dieser Bedrohung entgegentraten; nur dieser eine Staat hat sich in der Lage gezeigt, ein außerordentlich erfolgreiches wirtschaftliches und politisches (zivilisatorisches) Modell für seine Bürger aufzubauen, während er gleichzeitig von Todfeinden umgeben ist. Dieser Staat ist Israel. Die Ukrainer mit ihrer weltweiten Diaspora und einer ebenso tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts (siehe T. Snyder: “Bloodlands”), werden oft mit den Juden verglichen. In den kommenden Wochen und Monaten wird es sich herausstellen, ob das erfolgreiche Modell der westlichen Unterstützung – gepaart mit der heimischen Entschlossenheit, eine einzigartige zivilisatorische Insel in einer zutiefst feindseligen Umgebung aufzubauen (ähnlich wie das über Jahrzehnte in Israel entwickelt und als lebensfähig demonstriert wurde) – in der Ukraine wiederholt werden kann.

Ich glaube, dass es möglich ist, aber die Realisierung eines solchen Projekts hängt von einem Paradigmenwechsel ab: Die Ukraine darf nicht länger als im “Krisenzustand” angesehen werden, weil seine existenzielle Bedrohung durch Russland so schnell nicht verschwinden wird. Wenn der Westen das langfristige Überleben der Ukraine als souveräner Staat als von Wert ansieht, dann sollte das Modell der infrastrukturellen Unterstützung (d.h. Verteidigungshilfen, Diplomatie und Zugang zu Märkten ), wie es Israel in der Vergangenheit zuteil wurde, jetzt der Ukraine angeboten werden.

2.) Die Rolle des “zivilisatorischen” Außenpostens ist kein natürlicher Zustand für die Ukraine, sondern eine, die ihm von Russland aufgezwungen wurde. Nach Samuel Huntingtons “Kampf der Kulturen” geht die tektonische Bruchlinie zwischen dem katholischen/protestantischen Europa und dem orthodoxen Russland mitten durch die Ukraine. Dieses “künstliche Land ” wird daher entweder in einem inhärent instabilen Zustand weiter existieren oder ist schließlich zum Auseinanderbrechen verurteilt. Die Tatsache, dass die Popularität der Arbeit von Huntington anscheinend in bestimmten westlichen Hauptstädten eine Wiederbelebung erfährt (nicht ohne stillschweigende Unterstützung Russlands, da es den Zerfall der Ukraine rechtfertigt), ist besorgniserregend. Die jüngsten revolutionären Ereignisse in Kiew hatten sicher eine “zivilisatorische” Komponente: das Wesen des Protests war ein Kampf der Werte – wie dies sich natürlich in der Sprache und den Bilder der Revolution wiederspiegelt. Während sich jedoch die These vom “Kampf der Kulturen” auf religiösen Bruchlinien gründet, so begründet sich im ukrainischen Fall Russlands Einspruch gegen die Existenz des (wichtigsten) orthodoxen Nachbarn auf dessen Umarmung der demokratischen Werte, der Zivilgesellschaft, der Rechtsstaatlichkeit und (am wichtigsten für Russland) der Selbstidentifikation als separate Nation. Mit Religion hat das wenig zu tun. Statt dessen geht es um einen expansionistischen Nationalismus, der eine Zivilgesellschaft bekämpft, die Selbstverwirklichung und Naturgesetz fordert.

Einfach ausgedrückt, ist die Existenz der Ukraine außerhalb des russischen Einflussbereichs für den Kreml unerträglich, weil sie eine Ablehnung sowohl der “gelenkten Demokratie” und des pan-slawischen Mythos einer “Russkiy Mir” (defr “russischen Welt”) darstellt, deren historische Größe unmittelbar auf die beginnend mit dem 10. bis 13. Jahrhundert existierende Kiewer Rus, auf die Expansion des russischen Reiches im 18.-19. Jahrhundert (einschließlich seines literarischen goldenen Zeitalters) bis hin zum gemeinsamen Sieg der Rus/Sowjets im “Großen Vaterländischen Krieg” und versinnblidlicht in der post-sowjetischen Wiederbelebung der Olympischen Spiele von Sotschi zurückgeführt werden kann. Die absolute öffentliche Ablehnung des eurasischen Integrationsprojekts des Kreml durch die der Ukraine stellt einen Todesstoß für diesen Mythos dar. Wenn denn sogar Kyiw (als der nominale Ursprungsort der Rus) nicht in einen russischen Einflussbereich aufgenommen werden, kann dieser Bereich dann überhaupt als lebensfähig angesehen werden? In der Tat ist die schiere Existenz der Ukraine als unabhängiger Staat in diesem Paradigma zu beanstanden: Für Putin kann es keine “ukrainische Nation” geben – nur ein “Klein-Russland”. Es gibt keine Möglichkeit (für Putin), dass dieser Bastard von Russland in die EU oder die NATO integriert wird, noch kann das Modell eines Regime-Wechsels von unten zugelassen werden, der allein durch die Ukrainer innerhalb eines wirklich unabhängigen und wohlhabenden Nationalstaats bewirkt und legitimiert wurde. Es ist zwingend notwendig für den Kreml, dass die weitgehend “europäischen” von der Revolution vertretenen Werte in keinem der Staaten in Russlands “nahem Ausland” zur institutionalisierten Realität werden.

Im Jahr 2013 entpuppte sich das, was als “Euromaidan” (Phase 1 der ukrainischen Revolution) bekannt wurde, als ein Katalysator eines massiven und verblüffend raschen Wandels der inländischen ukrainischen und internationalen europäischen Szene. Die soziale Wirkung der ersten öffentlichen Demonstrationen hätte vernachlässigt werden können, wenn das Janukowytsch-Regime und seine Verbündeten im Kreml zugelassen hätten, dass die Proteste einfach verpuffen. Stattdessen wurde die Polizeitruppe der Berkut eingesetzt, um friedliche Studenten in der Nacht anzugreifen. Dieser Akt war eine Verletzung der Würde von wenigen jungen Menschen, aber seine symbolische Wirkung war viel, viel weitgehender: Damit hat das Regime seine Verachtung für die Werte der wirklich “post”-sowjetischen Bürger der Ukraine demonstriert. Ich beziehe mich hier auf das Segment der ukrainischen Gesellschaft, die mit “Mittelklassen-Werten” bezeichnet werden können (obwohl ihr Einkommen und ihre Kaufgewohnheiten oft weit vom Mittelklasse-Niveau von westlichen Standards entfernt sind). Für diese Menschen sind Selbstverwirklichung, individuelle Rechte, Transparenz, eine auf Regeln basierte Regierung und (vielleicht am wichtigsten) die Würde der Person Prinzipien, für die sie bereit sind, Opfer zu bringen. Wie sich herausstellte, belief sich der Preis, der für diese Prinzipien gezahlt wurde, (für viele) auf eine Pause vom Privatleben und Beruf von bis zu drei Monaten, auf viele Terror-Abende und Nächte des Protestes bei Temperaturen unter Null, der Mobilisierung aller möglichen Ressourcen – und das alles im Interesse der Demonstration der Bedeutung ihrer Würde.

Bei der Revolution der Würde ging es um drei Dinge:

1.) Die nationale Befreiung – als Abschluss des Entkolonialisierungsprozesses, der im Jahr 1991 begonnen hatte (und der selbst eine Fortsetzung des Nationenschaffungsprozesses ist, der in den Aufständen von 1918 bis 1921 und von 1939 bis 1952 und den Proklamationen der ukrainischen Unabhängigkeit zu Kriegszeiten verwurzelt ist).

2.) Die Entfeudalisierungsrevolte gegen ein durch und durch korruptes, neo-feudales, oligarchisches Regime, das große Teile der ukrainischen Wirtschaft privatisiert und monopolisiert hatte und ein wirtschaftliches und regulatorisches Umfeld geschaffen hatte, das sowohl für unabhängige Unternehmen und ausländische Investoren feindlich auftrat.

3.) Die Gerechtigkeit – ein Kampf für die Wiederherstellung (oder vielleicht den Neuaufbau) einer Gesellschaftsordnung, die von der Bevölkerung der Ukraine als legitim akzeptiert wird; in der der Staat eine vollständige Palette von Bedürfnissen der Bevölkerung gewährt (d.h. beginnend mit einem sehr grundlegenden Bedarf an Sicherheit – die Bürger werden nicht von der Polizei auf den Straßen geschlagen und beschossen – bis zu einer komplizierteren Nachfrage nach “Mitbestimmung” in der Entscheidungsfindung).

Die obige Charakterisierung der drei programmatischen Imperative den letzten vier Monate passt bequem in die Entwicklungslogik beim “Übergang zur Demokratie” in der akademischen Literatur. In den späten 1990er Jahren extrapolierten Soziologen, die den Zusammenbruch der staatssozialistischen Regime in Ost-und Mitteleuropa beobachteten (z.B. Higley und Kollegen, Przeworski, Lane), aus der Betrachtung der früheren Einrichtung von relativ stabilen Demokratien in Südeuropa und Lateinamerika und schlugen vor, dass die systemische Stabilität von einem Konsens der Eliten über die grundlegenden “Spielregeln” der Politik abhängig sei. Insbesondere der Konsens innerhalb eines Gemeinwesens muss über drei Fragen festgelegt werden, wovon jede einzelne Voraussetzung für die Bewältigung der daraus folgenden Problemlage ist:

1.) Wer sind wir als Gemeinschaft? Diese (wesentliche) Identitätsfrage subsumiert, dass Antworten auf Fragen bezüglich der Rechtmäßigkeit von Grenzen, staatliche Symbolik, historische Mythen, Akzeptanzkriterien innerhalb der Gemeinschaft (z. B. ethnische Zugehörigkeit, Sprache) gefunden werden müssen.

2.) Wer soll herrschen und wie? Diese Frage beinhaltet die Legitimation der Systeme zur Elitenrekrutierung (einschließlich der Anerkennung von Elite-Universitäten und -Unternehmen), Systeme der Elitenrotation (politische Parteien, Wahlen) und Systeme von “checks and balances” in staatlichen Institutionen (z. B. bei der Gewaltenteilung, der Rolle der Gesetzgebung/Präsidentschaft, (De-)Zentralisierung).

3.) Wie ist der Reichtum verteilt? Diese Frage beinhaltet die Definition der Grenzen der Legitimität der Regierung in wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten (z. B. Gesundheitsversorgung, Bildung, Verbraucherschutz, Regulierung); einen Ausgleich der Interessen der Arbeiter mit denen des Kapitals; eine Legitimierung eines Systems der sozialen Ungleichheit (d.h. Steuersätze, Gelegenheitsstrukturen, symbolische Hegemonie).

Seit dem Zusammenbruch der UdSSR ist die Elite in der Ukraine in einem schrittweisen Prozess bis zu einem gewissen Maß zu einem Konsens in Bezug auf die oben genannten drei Fragen gekommen:

1.) Im Jahr 1996 wurde mit der Verabschiedung der Verfassung ein politischer Konsens über die ukrainische “politische Nation” erreicht: akzeptiert wurde eine Existenz innerhalb der Grenzen der Republik aus der Sowjet-Ära, mit den aus der Zeit der Regierungen von Hruschewskij und Petljura 1918-1919 übernommenen staatlichen Symbolen und mit einer einzigen Staatssprache als Mechanismus für eine langfristig angelegte Ukrainisierung im Rahmen eines kurzfristigen sprachlichen Pluralismus. Selbstverständlich hat nicht jeder in der Ukraine (und auch nicht in der Diaspora) diese liberale Definition des Identitätsprojekt der Ukraine akzeptiert, aber seit fast 20 Jahren wurden seine Grundannahmen von der politische Elite des Landes nicht in Frage gestellt.

2.) Die Frage des Regierungs-Modells der Ukraine war vor und während der Orangenen Revolution von 2004 heiß umstritten (wie sich dies in mehreren Entwürfen von Verfassungsänderungen spiegelt, die vor der Orangenen Revolution in der Werchowna Rada eingebracht worden waren). Die Verfassung 1996 hatte einen Einheitsstaat gebildet mit einer starken Präsidentschaft, die in der Folge des vollständigen wirtschaftlichen und institutionellen Zusammenbruchs in den 1990er Jahren vielleicht nötig war, aber mit dem Aufstieg der regionalen Eliten und der Strukturierung von mehreren starken politischen Parteien (hauptsächlich basierend auf diesen regionalen Eliten und ihrer Führer), wurde eindeutig ein gewisser Grad an Dezentralisierung erforderlich. Das genaue Modell für eine solche Dezentralisierung und die Machtbalance zwischen den verschiedenen Zweigen der Regierung war in der gesamten Präsidentschaft Juschtschenko heiß umstritten. Doch nach der Wahl von 2010 beendete Janukowytsch diese Debatten zugunsten einer extremen Zentralisierung. Schließlich führte dies zu einem Abgleiten in den Autoritarismus und letztlich zu einer revolutionären Reaktion.

3.) Die Frage der Vermögensverteilung wurde von den Politikern selten ernsthaft angesprochen – außer in populistischen Diskursen. Die politischen Parteien wurden nicht auf ideologischer Grundlage gebildet, weil (für westliche Demokratien) traditionelle Fragen der Besteuerung, das Ausmaß der staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, Arbeitsbeziehungen, usw. einfach nicht auf der Tagesordnung standen. Vor der Revolution von 2014 waren die ukrainischen Politiker und die Wähler mit der der Klärung von Fragen des Regierungsmodells des Landes beschäftigt, und (weniger vernehmbar) mit Identitätsfragen – sozioökonomische Fragen kamen nie wirklich an die Spitze der politischen Tagesordnung.

Wäre der ukrainischen Revolution erlaubt worden, ohne äußere Intervention aus Russland voranzuschreiten, würden wir heute eine raschen Auflösung der “Governance-Frage” bezeugen können, und eine Weiterentwicklung des Diskurses im Rahmen des laufenden Präsidentschaftswahlkampf in ein (für westliche Beobachter) erkennbares rechts/links-Schema des ideologischen Spektrums. Eine solcher post-revolutionärer Wahlkampf wäre wahrscheinlich eine Entscheidungsmöglichkeit mit mehreren Kandidaten, in der eine Vielzahl von sozio-ökonomischen Gruppen realistisch um die Macht wetteifern. Wie es aussieht, scheint der Präsidentschaftswahlkampf (fast) eine ausgemachte Sache, denn Petro Poroschenko genießt einen soliden Vorsprung in den Meinungsumfragen, auch wenn sich bisher nur wenige Wähler mit seiner Politik-Plattform beschäftigt haben. Im Rahmen der russischen Aggression scheint die Wählerschaft einfach Poroschenko als die beste Wahl für die Position des “Oberkommandierenden” zu sehen. Und angesichts dieser Einseitigkeit der Kampagne sind die zu erwartenden postrevolutionären Debatten über Wirtschaftsfragen (insbesondere hervorstechend angesichts der aktuellen Lage der öffentlichen Finanzen und die Währung der Ukraine) noch nicht eingetreten. Darüber hinaus ist der erwartete Fokus der Debatten auf Erfahrung versus Erneuerung der Eliten immer noch an der Peripherie des politischen Agenda geblieben.

Die post-revolutionäre Hausreinigung und die Natur des sozialen Fortschritts sind eindeutig künstlich unterbrochen worden: Der Kreml hat darauf bestanden, dass die Ukraine in den diskursiven Rahmen von Frage 1 im Schema der Entwicklung der Demokratie zurückkehrt – also zu einer Debatte über die Identität. Auf der einen Seite hat dieser erzwungene Rückschritt die latenten Identitätsspaltungen bloßgelegt, die natürlich in einem Land von der Größe der Ukraine entstehen. Auf der anderen Seite sind tiefe Spaltungen der Identität nicht in dem Maße eingetreten, wie es von vielen Beobachtern der Ukraine erwartet worden war. Genauer gesagt , hat es in den südlichen Oblasten (Odessa, Mykolayiv, Chersson) praktisch keine Unterstützung für den Separatismus (oder sogar die Föderalisierung ), auch nicht im mittleren Osten, dem industriellen Kernland von Dnipropetrowsk und Saporischschja – beides Regionen, die 2010 stark für Janukowitsch gestimmt hatten und vor allem russischsprachigen Ukrainern bewohnt werden. Die separatistische Bewegung in Donezk und Luhansk hat die regionale Identität des Donbass (die traditionell stark ist) bevorzugt anstatt der Forderung für einen Anschluss an Russland nach dem Krim-Modell. Dies macht es wahrscheinlich, dass jede russische Intervention in der Region in den kommenden Tagen schließlich zur Bildung eines nicht anerkannten Pufferstaats in der Art von Abchasien führen wird, und nicht zur direkten territorialen Expansion der Russischen Föderation.

Dennoch scheint Russland Absicht auf die Destabilisierung der Ukraine langfristig zu sein. Im März sah es noch so aus, als ob es Strateige des Kreml sei, schnell zu erobern und das Land in zwei (oder mehr) Rumpfstaaten zu teilen. Die Zurückhaltung der Kyiwer Regierung auf der Krim, in Verbindung mit der unerwarteterweise irrelevanten Unterstützung für den Separatismus in allen Bereichen mit Ausnahme der drei östlichen Gebiete, scheint Putins Ambitionen etwas ernüchtert zu haben. Im Moment scheint er dazu entschlossen, kleine Stücke vom Gebiet zu einem bestimmten Zeitpunkt abzubeißen, und damit den Vormarsch auf Kyiw für so lange wie nötig hinauszuschieben. Auf der einen Seite kann man dies als einen Segen für die Ukraine sehen: nichts schweißt eine sprachlich vielfältige politische Nation so zusammen wie eine sehr reale Bedrohung von außen. Auf der anderen Seite hat Russland es hervorragend erkennbar gemacht, dass es selbst ein Schurkenstaat (mit Atomwaffen!) ist, der eine langfristige existentielle Bedrohung für sein(e) Nachbar(n) darstellt. Diese Tatsache ändert die Entwicklungsdynamik der Ukraine – sowohl im Inland als auch international.

In den kommenden Wochen wird der kalte Krieg zwischen der Ukraine und Russland sich unvermeidlich in einen heißen verwandeln. Tatsächlich deuten viele Berichte darauf hin, dass die russischen Spezialeinheiten bereits in das Donezker Gebiet eingedrungen sind und die bewaffneten Rebellen in Slowjansk und Kramatorsk aktiv unterstützen. Die heutige Pressekonferenz des ehemaligen Präsidenten Janukowytsch, des ehemaligen Innenministers Sachartschenko und des ehemaligen Generalstaatsanwalts Pschonka aus Rostow am Don, während der jeder Redner die post-revolutionäre Regierung in Kyiw als illegitim bezeichnete, lässt schon einen Schatten des “Bürgerkriegs” im Donbass erahnen und zeigt an, dass die direkte und offen militärische Intervention bald kommen wird. Der Kreml hat nicht umsonst Zehntausende von Truppen an der Grenze zur Ukraine angehäuft.

Ich denke, wir müssen uns einfach daran gewöhnen … Die neue Realität für die Ukraine ist die einer Existenz unter ständiger existentieller Bedrohung. Andere haben das überlebt und konnten unter solchen Bedingungen gedeihen, dann können wir das auch!

Gott helfe uns !

Dr. phil Mychailo Wynnyckyj
Kyiw-Mohyla Akademie
Quelle: https://www.facebook.com/notes/mychailo-wynnyckyj/thoughts-from-kyiv-13042014/737798909604795
(Übersetzung Europmaidan PR auf Deutsch)