Ukraine: Ein gefährliches Spiel (Al-Dschasira)

 

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aljazeera-logo-a_p15. Mai 2014 – “Menschen und Macht” (People & Power)
Al-Dschasira (Al Jazeera)

Übersetzung des Berichts; Englisches Video

Kurz vor den entscheidenden Wahlen: Ist die Ukraine wirklich so geteilt, wie den Menschen weisgemacht wird?

Seit Monaten verstärkt sich die ukrainische Krise, auf der einen Seite die von Moskau unterstützten Separatisten als Reaktion auf die russischen Expansionsbestrebungen und Rhetorik, und andererseits ukrainische Nationalisten, die den Westen um Unterstützung bitten.

Aber ist die zugrunde liegende Kluft so klar, wie sie dargestellt wird? Welche Grundlage gibt es für die Annahme, dass es zu einem Bürgerkrieg und der Teilung des Landes kommen muss – wie einige es zu fürchten scheinen?

Der Journalist und Filmemacher Michael Andersen ist schon lange in der Ukraine tätig. Kurz vor den für Ende dieses Monats anberaumten .landesweiten Wahlen hat “Menschen und Macht” ihn entsandt um herauszufinden, ob es stimmt, dass das Land diesen so gefährlichen Weg nach unten eingeschlagen hat.

Von Michael Anderson:

Als “Menschen und Macht” mich gebeten hat, einen Blick auf die Bruchlinien der aktuellen Krise in der Ukraine zu werfen, war mein erster Gedanke, dass es sich nicht mehr um das Land handelt, das ich kenne – oder zumindest nicht in der Art, wie es vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, den meisten russischen Kommentatoren und auch einigen westlichen Medienexperten, Politikern und anderen “Experten” dargestellt wird.

Die vermittelte Botschaft – dass die Ukrainer auf Teufel komm raus ihr Land geteilt sehen wollen – ist alles, nur nicht wahr. Ich habe die Ukraine seit 15 Jahren immer wieder bereist und dort gearbeitet, und es schien mir jetzt alles ein wenig absurd. Dennoch bin ich im März und April 2014, als sich die politische Situation verschlechterte, quer durch das Land hin und her gereist auf der Suche nach Menschen, die mir helfen könnte, eine präzise Bewertung vorzunehmen.

Nun, ich kann nur berichten, was ich gefunden habe – nämlich dass eine überwältigende Mehrheit der Ukrainer daran interessiert ist, die Mythen des Faschismus, eine Spaltung und den unvermeidlichen Bürgerkrieg abzulehnen, welcher so intensiv von denjenigen mit unheimlichen Hintergedanken herbeigeredet wird.

Schauen wir uns einige dieser Mythen genauer an:

Der russische Präsident hat erklärt, dass in der Ukraine “Terror, Mord und Pogrome” herrschen. Die Täter seien “Nationalisten, Neonazis, Russlandfeinde und Antisemiten”, sagt Putin.

Es ist bemerkenswert, dass dann die erste Person, die mir März ins Auge stach, eine ältere Rentnerin in warmer Kleidung gegen die Kälte war, als ich inmitten der Demonstranten auf dem berühmten Maidan in Kyiw filmte. Sie hielt vor sich ein handgeschriebenes Plakat, auf dem stand: “Putin – sehe ich für Sie wie ein Nazi aus?”

Natürlich bedeuten solche Gefühle isoliert zunächst nicht viel, aber ich weiß, dass sie nicht alleine war und ist. Schauen Sie auf Tausende Kommentare und satirische Cartoons in den Sozialen Medien, die in den letzten paar Monaten aus der Ukraine kommen, seit diese Krise begann, und Sie werden leicht feststellen können, wie viele Menschen die russische Propaganda durchschaut haben.

Präsident Putin hat auch immer wieder beschworen, oder (wie manche es nennen würden) damit gedroht, dass er die Millionen von Russen und Russischsprachigen in der Ukraine verteidigen werde; Menschen, die nach Moskauer Linie in solchen schrecklichen Gefahren sind, dass sie durch ihre Heimat gerettet werden müssen.

Aber auch an diesem Tag sah ich mehrere Schilder über den Maidan verstreut, auf denen stand: “Ich bin Russe, aber ich brauche Ihre Hilfe nicht!”

Was mich überrascht, ist die Art und Weise, wie eifrig die von Präsident Putin herbeigeredete “Spaltung” von einigen westlichen Medien übernommen wurde. Ein immer wiederkehrendes Bild dieser Krise – das man in den letzten Monaten wieder und wieder auf den TV-Bildschirmen von Los Angeles bis Warschau findet – ist eine Karte der in zwei Teile zerrissenen Ukraine, mit ethnischen Ukrainern im Westen und ethnischen Russen im Osten, mit einem dicken schwarzen Strich zwischen den beiden, einer klaren Implikation, dass ein Bürgerkrieg und die Spaltung das unvermeidliche Ergebnis der langjährigen, historisch gewachsenen Spannungen zwischen zwei gegensätzlichen Teilen sei.

Doch schnell merkte ich, dass dies nicht mit dem zusammenpasst, was Experten-Analysten vor Ort sagen: nämlich, dass es wenig reale Grundlage für einen Bürgerkrieg hier gibt, und es gibt erst recht keine immanenten oder tief verwurzelten sozialen oder ethnische Spannungen, durch die aus sich selbst heraus ein sogenanntes “jugoslawisches Szenario” entstehen könnte, wie es von einigen prognostiziert wird.

Prof. Natalija Tschernysch ist eine Soziologin, die seit 20 Jahren die Einstellungen und Meinungen in diesem Land erforscht. Bei ihren landesweiten Umfragen, bei denen sie Ukrainer aus dem gesamten politischen und sozialen Spektrum befragte, fand sie heraus, dass nur 7% die Idee der Teilung der Ukraine in zwei verschiedene Länder unterstützen. … 95% der Befragten antworteten jedoch, dass die Ukraine ihr Heimatland sei.

“Was ist mit der Krim”

“Ok…,” könnten Skeptiker argumentieren, “aber was ist mit der Krim?”

Damals im Jahre 1954, als die Krim mit einer überwältigenden Mehrheit ethnischer Russen vom russischen in den ukrainischen Teil der Sowjetunion übertragen wurde, gab es wenig Spannung. Als bevorzugtes Urlaubsziel für Menschen aus der ganzen Sowjetunion profitierte sie von vielen Investitionen als “Schaufenster” für den Sozialismus. Aber seit 1991 wurde die Krim als Teil der unabhängigen Ukraine oft ignoriert, ihr ehemaliger “besonderer” Status wurde von der politischen Führung des neuen Landes wenig beachtet. Dies schuf zwangsläufig eine gewisse Unzufriedenheit, und diese wurde von dramatischen Ereignissen in diesem Winter in der Hauptstadt Kyiw, durch die der pro-russische Präsident Wiktor Janukowytsch abgesetzt wurde, noch verschärft.

Ich war deswegen während meiner Reise durch die Krim nicht überrascht, dass ich Menschen traf, die Angst vor den auf sie zukommenden Veränderungen hatten. Sie waren besorgt über das mögliche Verbote der Verwendung der russischen Sprache und zunehmend angesichts der von Moskau ausgestrahlten Geschichten über ukrainische Faschisten, die aus Kyiw herunter geschickt würden, um die Region zu destabilisieren. Mitte März haben – zumindest offiziell – 97% für den Beitritt zu Russland gestimmt, und bald danach hat der Kreml den Beitritt der Krim verkündet.

Allerdings traf ich auch viele andere Krimbewohner, die stolz waren Ukrainer zu sein. Und mehrere Umfragen von 2013 zeigen, dass auch unter den Russen hier eigentlich nur ein wenig mehr als die Hälfte wollte, dass die Krim wieder ein Teil von Russland werden sollte.

Laut Putin wurden die Demonstrationen, durch die die ukrainische Regierung im Februar gestürzt wurde und die anschließend eine Bedrohung für die Krim darstellten, von Neonazis aus der Westukraine angeführt; unverfrorenen Faschisten, deren ideologische Wurzeln zurück in die 1930er und 40er Jahre reichten und die als “Bandera-Partisanen” (Anhänger des nationalistischen Stepan Bandera) im Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands gekämpft hätten. Dies ist ein Thema, das sich auch in den westlichen Medien in mehreren Berichten über die Rechtsextremen wiederfindet, die jetzt in der Ukraine an der Macht seien.

Aber nach Andreas Umland, einem international anerkannten Experten für Bewegungen des Rechtsextremismus, ist dies ein Problem, das einer erweiterten Perspektive bedarf.

Die Unterstützung für die extreme Rechte in der gesamten Ukraine ist gering: extreme Nationalisten werden womöglich weniger als 10% der Stimmen bei den bevorstehenden Wahlen erhalten, und es sei ein Fehler, ihnen mehr Bedeutung zu geben, als sie wirklich haben.

“Der Bandera-Flügel war eine ultra-nationalistische, ethnozentrierte, fremdenfeindliche, antisemitische Organisation…. Die meisten Ukrainer, die heute an Bandera denken, erinnern sich lieber nicht an die problematischen Aspekte der OUN-Geschichte. Aber ich würde das nicht überinterpretieren. Es ist kein Ausdruck eines weit verbreiteten Faschismus, sondern von selektivem Geschichtsbewusstsein, wie es in vielen Ländern existiert.”

Millionen von Ukrainer, wies er darauf hin, sind während des Krieges gestorben, Opfer von beiden Seiten des Konflikts. Wenn die Medien diese Krise ausserhalb ihres historischen Kontextes beschreiben und weiterhin Moskaus emotionale und ungenaue Diktion über die ukrainischen “Faschisten” nachahmen, dann destabilisieren sie und schaffen Panik.

“Diese Panik wiederum kann dann von Russland als Vorwand für eine militärische Invasion verwendet werden. Das ist ein Spiel mit dem Feuer.”

Tragischerweise bekommt diese gänzlicherweise hergestellte Krise jetzt ein Eigenleben, und wird durch mehr Hetzreden, meist aus Moskau, befeuert,. Anfang dieses Monats gab die Übergangsregierung in Kyiw zu, dass sie die Kontrolle über Teile den Osten des Landes verloren hatte. In den letzten Tagen fand eine “Volksabstimmung” der Separatisten in Donezk und Luhansk statt – eine Abstimmung, die kein unparteiischer Beobachter als legitim beschreiben kann – und wenig überraschend lieferte sie eine große lokale Mehrheit für die Sezession aus der Ukraine. Dem folgten prompt Appelle an den Kreml, das Gebiet wieder unter russische Souveränität zu nehmen. Die sporadischen Ausbrüche von Gewalt nehmen zu.

“Wenn die russische Armee morgen hier einmarschiert, wird niemand protestieren,” rief mir ein Mann mittleren Alters in Charkiw mitten aus den Reihen einer kleinen Gruppe von pro- Separatisten zu, die sich unter einer Lenin-Statue versammelt hatten.

Natürlich hat mich meine Reise gelehrt, dass viele Menschen dem widersprechen würden, aber meine Angst ist nun, dass es vielleicht bald für die überwiegende Mehrheit der Ukrainer zu spät sein könnte, die nichts mehr wollen als eine stabile, wohlhabende und vereinigte Ukraine. Das Land geht am 25. Mai an die Urnen, um eine neue Regierung zu wählen. Man kann nur hoffen, dass die Bürger – unabhängig von ihrem Hintergrund – der Provokation trotzen und ein klares Signal geben, dass Harmonie statt Konflikt das Thema der kommenden Monate und Jahre sein sollte.

Quelle: Al-Dschasira – People and Power
Übersetzung von Euromaidan PR auf Deutsch

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