Serhiy Zhadan: Wenn das alles vorbei ist…

 

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Wenn das alles vorbei ist, werden viele Dinge ganz anders aussehen. Unsere Augen werden auf viele offene Fragen gerichtet sein. Es wird Dinge geben, die man nicht sehen will. Dennoch, wenn das alles vorbei ist, wenn das Schießen schließlich eingestellt sein wird, wenn “der Krieg vorbei ist” (unabhängig davon, wie Sie diesen Satz interpretieren), dann werden wir uns dem stellen müssen, was sich alles verändert hat. Ich spreche jetzt nicht über die militärischen Einsätze, Schlachten, die Besetzung von Städten, die Zerstörung von Brücken oder militärischer Ausrüstung. Vielmehr will ich über das reden, was beginnt, nachdem all diese Dinge aufhören – was anfängt, wenn der Krieg vorbei ist.

Offensichtlich wird unser Land damit umgehen müssen, dass Soldaten von der Front zurückkommen, die Waffen in der Hand gehabt und diese Waffen eingesetzt haben. Wir müssen uns mit ihrer Wahrheit und ihren Erlebnissen auseinandersetzen. Wir müssen ihre Verluste und (vor allem) ihre Siege berücksichtigen. Wir müssen aber auch die Erfahrungen derjenigen berücksichtigen, die nicht zu den Waffen greifen wollten aber dennoch auf die eine oder andere Weise Teil des Krieges waren. Was bedeutet das, “Teil des Krieges” zu sein? Heute sind sie Füllmaterial für den Krieg, sie bilden den Hintergrund, vor dem die Militäraktionen stattfinden. Sie werden als Vorwand, als Entschuldigung, als Vorwurf benutzt, und manchmal fühlen wir mit ihnen. Aber in den meisten Fällen ignorieren wir sie einfach – denn der Krieg konzentriert sich auf bewaffnete Männer. Zivilisten füllen den Kriegsschauplatz nicht mit Heldentaten, sie sind eher der Schlachtruf. Sie stehen heute jedem im Weg – und so wird es auch in Zukunft sein. Und damit müssen wir auch umgehen.

Und gleichzeitig werden wir uns auch mit der Tatsache umgehen müssen, dass wir alle endlich diesen mythischen ukrainischen Osten, den Donbas von innen, aus der Nähe sehen. Alle diese Namen von Orten, die uns heute das Blut in den Kopf schießen lassen: Krasnyj Lyman [Rote Mündung], Stanyzja Luhanska [Luhansker Bahnhof] oder sogar Schtschastja [Glück] werden nicht mehr einfach Ortsnamen sein, in denen die meisten unserer Landsleute noch nie waren (und auch nie vorhatten hinzufahren), sie werden wirklichere und blutigere (also reale) Teile des Territoriums sein, zu denen viele Leute ihre Assoziationen haben werden.

Aus einfacher Geografie werden sich all diese Orte in Geschichte verwandeln, und eine schmerzhafte Geschichte dazu. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen erkennen werden, dass der Donbas nicht einfach eine Grauzone im Osten ist, sondern echte Städte und Dörfer, in denen echte Menschen leben. Und heute entdecken die Leute aus dem Donbas – als Flüchtlinge – den Rest der Ukraine für sich selbst. Wir müssen mit der Tatsache fertig werden, dass wir heutzutage unser Land durch Nachrichten von der Front für uns entdecken, durch die Desinformation im Fernsehen, durch persönlichen Schmerz und Tragödien. Jetzt verwechselt niemand mehr die Donezker Region mit Luhansk oder Luhansk mit Charkiw. Und selbst wenn sie es vergessen, so werden sie sich doch an die Standorte der Straßensperren erinnern, die heute in der Presse so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Ich hoffe wirklich, dass es, wenn das alles vorbei ist, in unserem Land nicht zu einer Hexenjagd kommt, in der alle Menschen in den befreiten Städten und Dörfern als schuldig angesehen werden, und Rache an denjenigen genommen wird, die sich nicht wehren können; und dass diejenigen, die nicht so beliebt sind, nicht verfolgt werden. Stattdessen hoffe ich, dass alle Menschen, die diese Massaker vor einigen Monaten, im Frühjahr, hätten stoppen können, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Ich erwarte, dass der ganze Abschaum – bis hin zum letzten Parlamentsmitglied, jedem Bürgermeister und Polizeichef, einschließlich aller Oligarchen und Wendehals-Prediger, all den gesetzestreuen Verfechtern und hochmoralischen Autoritäten, die sich zurücklehnten und beobachteten, wie die Situation spiralförmig außer Kontrolle geriet, sich für den Verrat am eigenen Land, für die Sabotage, für diese Plünderungen und Raubzüge verantworten muss.

Es ist ganz leicht, einfach die ganze Schuld auf die Zivilbevölkerung zu verlagern. Am einfachsten ist es, sie für alle Probleme verantwortlich zu machen, sich über sie zu beschweren und auf sie wütend zu sein. Aber denken Sie daran zurück, wie das alles begann, und stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn jeder einfach seinen Job gemacht hätte. Jeder – von den Polizisten bei den Kundgebungen bis zu den Grenzschutzbeamten an den Grenzübergängen. Stellen Sie sich vor, was alles hätte vermieden werden können. Also müssen wir uns mit der notwendigen Benennung von Namen der echten Verräter befassen. Es ist nicht einfach, die Verräter namentlich zu benennen, aber es ist das einzig Richtige.
Quelle: Euromaidan Press (aus verschiedenen Internetquellen)
aus dem Englischen übersetzt von Euromaidan Press auf Deutsch

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