Russische Soldaten enthüllen die Wahrheit hinter Putins geheimem Krieg

 

11. September 2014 • Archiv

Von Anna Nemtsova / Newsweek Europa Exklusiv: / 1. September 2014

Ljudmila Malininas Stimme zitterte, als sie das geheime Begräbnis beschrieb, dessen Zeugin sie neulich nachts in ihrer kleinen Stadt Sudislavsky in der Oblast Kostroma in Zentralrussland wurde. Um ungefähr 20h parkte ein Lastwagen beim Friedhof, einige Meter von ihrem Holzhaus entfernt. Die Scheinwerfer des LKW blieben eingeschaltet, um den Boden für einige Männer zu erleuchten, so dass sie eilig das Grab ausheben konnten, „als ob sie Diebe wären, die etwas zu verbergen hätten“, sagt Ljudmila.

Mehr Nachbarn steckten ihre Köpfe aus den Fenstern, um die seltsame Szene zu beobachten und zu diskutieren, und fragten sich, warum irgendjemand einen Angehörigen um diese Uhrzeit begraben würde. Außerdem sei dieser Teil des Friedhofs für Kriegstote reserviert, wie jemand feststellte.

Während sich die Nato bei zu einem Gipfel traf, um zu entscheiden, wie man mit dem Krieg in der Ukraine umgehen solle, und während Wladimir Putin einen Waffenstillstand mit Kiew verhandelte, schreckte die russische Gesellschaft bei Berichten über geheime Begräbnisse von in der Ukraine gefallenen Soldaten zusammen: vermisste Söhne, Anrufe von Ehemännern, die ihre Frauen anflehten, sie vor der Schlacht zu retten, Leichen mit fehlenden Gliedmaßen, die in Särgen in Nischnij Nowgorod, Orenburg, Pskow, Murmansk, Dagestan und anderen Regionen Russlands ankamen. Die Opferzahl unter russischen Soldaten schnellte innerhalb weniger Tage zwischen 12. August und 2. September auf mehr als 200 hinauf, in einem Krieg, der offiziell gar nicht stattfand.

Die Frauen russischer Soldaten haben einen speziellen Ausdruck für Gefallene, die in Zinksärgen von der Front heimkehren: Sie werden Fracht 200“ genannt.– eine Redewendung, die wie ein Fluch in russischen Ohren klang seit den Tagen, als während des sowjetischen Krieges in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Flut von Zinksärgen aus Afghanistan heimkehrte. Die Geheimhaltung um die Stationierung ihrer Ehemänner „war wie eine Falle eines Schizophrenen“, sagte eine der Ehefrauen eines Fallschirmjägers aus Kostroma.

Angeblicher russischer Soldat vor dem ukrainischen Militärstützpunkt Perewalnoje bei Simferopol auf der Krim - Foto: Daniel Van Moll/Nur/Photoshot

Angeblicher russischer Soldat vor dem ukrainischen Militärstützpunkt Perewalnoje bei Simferopol auf der Krim – Foto: Daniel Van Moll/Nur/Photoshot

Einer der Zeitsoldaten, der in der Ukraine diente, beschrieb in einem Telefon-Interview mit Newsweek „den längsten August“ seines Lebens an der Front. Was sei das Schlimmste gewesen? Verwundete Freunde, die in den Krankenhäusern Rostows starben, die Männer im Zink, die „200-er“, die heimgeschickt wurden, und das hohe Risiko auch einer von ihnen zu werden. “Als wir letzten Monat im Zug nach Rostow fuhren, hatte ich keine Ahnung, dass wir in die Ukraine unterwegs waren, wir alle dachten, sie brächten uns zu einer Basis zu den üblichen Routineübungen. Wenn ich gewusst hätte, dass es in den Krieg geht, hätte ich in Kostroma meinen Dienst quittiert, weil ich zwei kleine Kinder daheim habe“, sagte der Fallschirmjäger des 331. Regiments der 98.Garde-Luftlandedivision.

Was für den Fallschirmjäger am wichtigsten war, waren die Männer zu seiner Linken und Rechten, seine Kinder und seine Frau, die in seiner Heimatstadt in Kostroma auf ihn warteten, 320km nördlich von Moskau. Unter seinen Kameraden, sagt er, habe es wenig Verständnis für Putins Idee gegeben, Novorossija oder Neurussland als eigenen Staat in der Ostukraine zu errichten.

Wer sei Russlands Hauptfeind? Die Antwort schien sofort bereit: „Amerika“. In wenigen Tagen an der Front unter Dauerbeschuss sei der Fallschirmjäger aus Kostroma „bis auf die Knochen ausgetrocknet“, nicht aus Mangel an Lebensmitteln, sondern vor ständiger Todesangst, was er früher noch nie erlebt hätte, sagte er.

Einige Stunden davor war sein Regiment zurück zur Basis in die Oblast Rostow gebracht worden, um sich im „Banja“, dem russischen Dampfbad, zu reinigen und eine Nacht ruhig zu schlafen. Die Soldaten hatten zum ersten Mal Gelegenheit zu einer Kampfpause, zu einem kurzen Gespräch mit ihren Familien, seit sie am 18. August die ukrainische Grenze überschritten hatten. Um nicht als reguläre russische Kampftruppen identifiziert zu werden, hätten die Befehlshaber angeordnet, dass die Fallschirmjäger Restbestände an westlicher Militär-Wüstentarnung anziehen sollten, die ihre Frauen um eigenes Geld für sie kaufen mussten.

Russische Fallschirmjäger, die in der Ukraine gefangen genommen worden waren, bei einer Pressekonferenz in Kiew letzten Monat. Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters

Russische Fallschirmjäger, die in der Ukraine gefangen genommen worden waren, bei einer Pressekonferenz in Kiew letzten Monat. Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters

 

Niemand verlangte von den Soldaten, dass sie irgendwelche zusätzliche Papiere unterschreiben sollten, obwohl die aktuellen Verträge keine Stationierung im Ausland vertraglich festlegten. “Ich habe mich nie freiwillig dazu gemeldet, aber alle Versuche den Dienst zu quittieren, wären vergeblich – sie schicken uns morgen zurück in den Fleischwolf; hätte mir jemand früher die Wahrheit gesagt, dann hätte sich keiner von uns für $1.000 im Monat gemeldet, damit wir in der Ukraine bei lebendigem Leib gebraten werden”, sagt der ungefähr dreißigjährige Offizier, der anonym bleiben wollte.

Die Verwendung irreführender Uniformen, um sich zu Geheimoperationen in fremdes Territorium zu schleichen, überrascht russische Militärexperten nicht. Ein in Moskau stationierter Armeeanalyst erinnerte sich an frühere „Maskeraden“ oder Operationen unter falscher Flagge unter der sowjetischen Militär-Doktrin, als sowjetische und russische Kommandos, als Einheimische verkleidet, in Afghanistan und Tschetschenien entsandt wurden. “Unsere Streitkräfte führten geheime Operationen im Nahen Osten und in Afrika auf diese Weise durch. Putins Strategie ist nicht einzigartig“, sagte der Analyst, der nicht genannt werden wollte.

Während die russischen Führungskräfte bei ihren Dementi blieben, füllen sich die Chats auf Smartphones und in den Foren der sozialen Medien mit Bildern der Artillerie des Landes und der „Grad“-Raketenwerfer [Anm. d. Übers.: Nachfolger der Stalinorgeln/Katjuschas) , die über die ukrainische Grenze rollen. Russische Internetnutzer im ganzen Land schauten sich sowohl Videos an, in denen Mütter und Ehefrauen von Armeeangehörigen ihre tränennassen Gesichter mit beiden Händen bedecken und Putin bitten, ihre Lieben „in Gottes Namen“ zu befreien, als auch Video-Interviews mit Soldaten, die von den ukrainischen Streitkräften gefangen genommen worden waren.

Frühmorgens versammelten sich jeden Tag die Frauen der Fallschirmjäger in der Nikitskaya Straße außerhalb der Luftlandedivision, um weitere offizielle Erklärungen über die „Teilnahme ihrer Ehemänner an Waffenübungen in Rostow“ zu vernehmen.

Die Frauen telefonierten mit ihren Männern und wussten die Wahrheit. „Mein Mann bat mich, in die Kirche zu gehen und Kerzen für sein Überleben anzuzünden, als sie in die Ukraine getrieben wurden“, sagt Weronika Zirujewa, eine der Ehefrauen in Panik.

Die Invasion der Ukraine geht seit dem Frühjahr in Zeitlupe vor sich. Am Nachmittag des 16. April umstellte professionell aussehende Miliz in grünen Uniformen das Verwaltungsgebäude am Platz der Oktoberrevolution in Slawjansk, einer ostukrainischen Stadt.

 "Fracht 200" ist eine in Russland übliche Bezeichnung für gefallene Soldaten auf dem Rückweg in die Heimat. Dieses Foto zeigt einen notdürftig bemalten Lastwagen mit einer Ladung Leichen von russischen "Freiwilligen", die in der Ukraine bei den Kämpfen getötet wurden. Foto: Maria Turchenkova/Echo Photo Agency

“Fracht 200” ist eine in Russland übliche Bezeichnung für gefallene Soldaten auf dem Rückweg in die Heimat. Dieses Foto zeigt einen notdürftig bemalten Lastwagen mit einer Ladung Leichen von russischen “Freiwilligen”, die in der Ukraine bei den Kämpfen getötet wurden. Foto: Maria Turchenkova/Echo Photo Agency

“Wir sind höfliche grüne Männchen, die in der USSR geboren wurden, genauso wie auf der Krim“, erzählte mir einer von ihnen. Einige Tage später besetzten Rebellen eine weitere ukrainische Stadt, Horliwka. Ihr Kommandant Anatoly Starostin beschrieb, was für „eine große Erleichterung“ es war, Unterstützung von russischen Spezialeinheiten zu haben. “Sie sind ca. 60 Top-Profis, unsagbar gut ausgebildet“, sagte Starostin über die höflichen grünen Männchen. Russische Spezialkräfte übernahmen TV-Sendestationen, damit die Einheimischen nur die staatlichen russischen Sendekanäle sehen könnten, die über die offizielle Kreml-Linie berichten.

Es dauerte nicht lange, bis der erste LKW mit einem schief geschriebenem „200“ auf der Seite am 2. Juni nach Russland rollte, der 31 Leichen russischer „Freiwilliger“, meist Ende 30 oder Anfang 40, zurück brachte. Nachher beobachteten Mitglieder der Presse im Hof der Leichenhalle des Kirowskij-Krankenhauses in Donezk, wie Ärzte und Rebellen über den Holzsärgen flüsterten: „Lassen wir sie die auf der anderen Seite in Empfang nehmen und herausfinden, wohin sie den Kühlschrank schicken sollen“, murmelten sie, ohne irgendeine Ahnung über den endgültigen Bestimmungsort.

Kein staatlicher russischer Kanal erwähnte die 31 roten Särge, die über die Sonnenblumenfelder nach Hause fuhren; es dauerte Tage, bis die Familien der „Freiwilligen“ die Wand der Geheimhaltung durchbrachen und die tiefgefrorenen Leichen ihrer Männer fanden.

 Ein Lastwagen mit 'Fracht 200' mit Leichen von gefallenen russischen 'Freiwilligen' beim Passieren der Grenze nach Russland. Foto: Maria Turchenkova/Echo Photo Agency

Ein Lastwagen mit ‘Fracht 200’ mit Leichen von gefallenen russischen ‘Freiwilligen’ beim Passieren der Grenze nach Russland. Foto: Maria Turchenkova/Echo Photo Agency

In diesem Monat planten russische Befehlshaber, noch nie dagewesene Übungen mit Atomwaffen zu zeigen, unter Einbeziehung der Überschall MiG-31 Abfangjäger und der Su-24MR Aufklärungsflugzeuge. Der Kreml warnte den Westen, die Ukraine in die Nato aufzunehmen, als das Bündnis Manöver an der Westgrenze der Ukraine begann. Während die Konfliktparteien sich zu Gesprächen zusammensetzen, änderten die Sicherheitsberater Putins die militärische Doktrin, indem sie die russische Schwelle für den Einsatz nuklearer Waffen heruntersetzen. Während die etablierten TV-Kanäle die tägliche antiamerikanische Propaganda ausstrahlten, drillten die Befehlshaber die Soldaten für den Kampf gegen Amerika und die Nato.

In der Zwischenzeit verbreiteten sich im Dorf Sudislawskoje die Neuigkeiten über das geheime Begräbnis rasch von Tür zu Tür, bis die gesamte Nachbarschaft die Wahrheit sagte: “Der Tote im Grab war Dmitrij Kustow, ein einberufener Soldat, der seit letztem Jahr in der Armee gedient hatte“, sagt Ljudmila. Aus irgendeinem Grund, der seiner Familie völlig unbekannt war, verschlug es Dima Ende Juli im Kampf in ein fremdes Land, die Ukraine“. Er hat nicht lang genug gelebt“, sagen die Einheimischen über den 20-jährigen Soldaten, der still in der Dämmerung begraben wurde.

Quelle: Newsweek (11.9.2014)

Übersetzt von Euromaidan Press auf Deutsch

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