Wie das Fernsehen den ukrainischen Konflikt erschaffen hat

 

19. September 2014 • Archiv, Russland

Artikel von: Sergej Medwedew
Quelle: Forbes

Russlands Fernsehen bleibt in diesem Gemetzel der Hauptprovokateur.

Dieses Fernsehen hat diesen Krieg als eine endlose Serie mit einem Haufen an fiktiven Gestalten („rechtersektorer“, „banderowez“, „junta“, „Strafkommandos“, „Volkswehr“) produziert und gezeigt. Eine einzige ununterbrochene Realityshow, die seit einem halben Jahr Russlands Einwohner ans Fernsehen angekettet festhält, die einstündigen Nachrichtenausgaben in Fünfminütler des Hasses verwandelnd. Ganz dem Zeitgeist entsprechend, hat es Fabeln der modischen Serien und der Computerspiele für die leichtgläubigen russischen Fernsehzuschauer adaptiert, in dem es phantasiereiche Geschichten über die mit Leichen gepferchte „Boeing“ und das Baby, das vor den Augen seiner Mutter gekreuzigt wurde, erzählte.
Es hat eine besondere Gattung der Fernsehjournalisten gezüchtet, Jungs und Mädels der Internetepoche, die fest davon überzeugt sind, dass es auf der Welt keine Wahrheit und keine Gerechtigkeit gibt, sondern nur den einen „Onkel, der ihnen zahlt“, und die ihre kindlichen Phantasien mit den anonymen Videos aus dem Netz illustrieren. Die Georgierbänder und die Medaillen für die Krim an der Brust befestigt, sind sie der festen Meinung, dass sie die höchste Genehmigung für ihre Taten bekommen haben, und haben das russische Fernsehen in einen gigantischen Fleischwolf der Hass- und Lügenherstellung verwandelt, auf dem Hintergrund dessen sogar die dümmliche Propagandamaschine der UdSSR wie ein Gipfel der Objektivität und des Professionalismus erscheint.
Die Autoren der zukünftigen Lehrbücher über die Medienanalyse werden ganze Kapitel darüber schreiben, wie der Krieg in der Ukraine und gegen die Ukraine von Propagandisten erfunden wurde, zusammen mit den „Krim-“, „Donbass“-, „Neurussland“- und der „russischen Welt“ Schimären, mit den Mythen über die „Russendiskriminierung“und über die „Hand vom US-Außenministerium“. Dieses Drehbuch wurde schön regiessiert und in den Kopf eines Riesenlandes und seiner Regierung hineingelegt: Putin ist genau so eine Geisel des Fernsehbildes wie ein einfacher Fernsehzuschauer. Wie Gleb Pavlovskij anmerkte: „Das ist der Preis für die Politikersetzung durch den massierten Fernsehfunk….oder Traumafunk. …Die Gestaltenschöpfer in Ostankino sind einfach kalte Zyniker, sie sind verantwortungslos und können alles „schön machen“. Ostankino spielt auf der putinistischen Tastatur, und erst zweitrangig spielt es mit Russlands Bevölkerung“. In Russland 2014 hat sich die Filmhandlung von „Wag The Dog“ verwirklicht: bei uns wedelt Konstantin Ernst mit dem Kisseljew und Putin.
Der Kreis hat sich geschlossen: Die Obrigkeit hat an das Fernsehbild geglaubt, und gibt mit ihren Handlungen dieses Bild nun wieder. Es ist üblich zu denken, daß Russlands imperialistische Wiedergeburt in 2014- die Chauvinismusepidemie, die Krimannexion, der heiße Krieg gegen die Ukraine und der kalte gegen den Westen- nur das neoarchaische Rezidiv war, eine Rückkehr der organischen Politik, mit ihrem „Nationskörper“, „Russischer Welt“, „Lebensraum“, „Blut und Boden“ war. Dass wir entweder in die Faschismuszeiten der Mitte des 20. Jahrhunderts zurückgekehrt sind, oder in die romantischen Nationalismuszeiten des 19. In Wirklichkeit ist das alles umgekehrt.: Russlands Krim-Donbas-Epopöe ist kein Beispiel der Archaik, sondern einer postmodernistischen Simulation, einer Medienkonstruktion, die den Großteil der Bevölkerung Russlands, seine politische Klasse und den Präsidenten selbst als Geisel genommen hat.
Die Realität ist im Rahmen des „Krimtextes“ der russischen Politik und des autarken Diskurses über die nationale Renaissance, über den „russischen Frühling“, der mit einem kalten und trüben Herbst geendet hat, eingeschlossen. „Es gibt nichts außerhalb des Textes“, wie Derrida sagte: der „Krimtext“ hat den ganzen politischen Raum mit sich gefüllt, hat alle oppositionellen und zweifelnden Stimmen annihiliert und marginalisiert. Das Schwungrad des neoimperialistischen Diskurses dreht sich immer schneller, zieht in seinen Trichter immer neue Autoren und neue Ressourcen mit ein, bringt zum Absturz eine Konstruktion der Nationalwirtschaft hinter der nächsten, wie auch die soziale Infrastruktur und Außenpolitik, gräbt immer tiefere Grube für Russland“.

übersetzt von Irina Schlegel

Artikel von: Sergej Medwedew
Quelle: Forbes

Übersetzt von: Irina Schlegel
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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