Robert van Voren: Einfach nur alles Putin überlassen?

 

Analytik und Meinungen, Archiv

Artikel von: Robert van Voren
Quelle: Euromaidan Press

Robert van Voren

Robert van Voren

Heute habe ich über die Herrschaft Putins – die Putinschtschina  – mit einem der führenden litauischen Diplomaten diskutiert, dessen Namen ich aus offensichtlichen Gründen nicht offenbaren will. Im Kern ging es bei dem Gespräch um die Unfähigkeit des Westens, angemessen auf Putins Russland zu reagieren, auf jede einzelne Provokation, wie sie jetzt mit hoher Geschwindigkeit gegen den Westen losgelassen werden. Putin macht etwas, und der Westen reagiert, und jedes Mal ist er uns einen Schritt voraus, jedes Mal überrascht er uns mit seiner Kaltschnäuzigkeit, seiner totale Missachtung internationaler diplomatischer Verhaltensregeln und Vereinbarungen, die wie in Stein gemeißelt erschienen und sich jetzt als nichts anderes als eine russische Balota, als Sumpf, erweisen …

Das Schlüsselelement bei all dem ist, dass wir zu einem großen Teil selbst daran schuld sind.

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, an mehreren Universitäten in der ehemaligen Sowjetunion Sowjetologie zu lehren, und ich musste feststellen, dass die neue post-sowjetische Generation in dieser Region nur wenig von dem verstanden hatte, was die Sowjetunion insgesamt ausgemacht hat und wie viel von der Sowjetunion hier immer noch vorhanden ist – auch in einem Land wie Litauen, das im Jahr 2004 der Europäischen Union und der NATO beigetreten ist und sich sicher fühlte – bis zum Frühjahr dieses Jahres, als Russland die Krim überfiel und eine neue “Realität” schuf.

Erst später merkte ich jedoch, dass die Schwäche des fehlenden Verständnisses für den Sowjetismus nicht nur hier, in den jetzt demokratischen ehemaligen Sowjetrepubliken, vorhanden ist. Das ist genauso in Westeuropa ein Problem, wo wir etwa zwei Generationen von Sowjetologen verloren haben, weil wir dachten, die Sowjetunion sei Vergangenheit und würde nicht zurückzukehren, und das Interesse an seiner Ideologie, Weltanschauung, Staatsstruktur und Psychologie verschwand wie der Schnee in der Sonne.

Jetzt wissen wir, dass das ein Fehler war, dass die Sowjetunion eigentlich nie verschwunden ist, sondern unter einem neuen (oder vor-sowjetischen) Namen wieder aufgetaucht ist: Russland. Diejenigen, die den Durchblick haben, die mit Qualität und nicht mit Unwissenheit berichten können, sind die “letzten Mohikaner”, die Experten und Journalisten, die schon seit rund 25 Jahren oder länger dabei sind und die die Sowjetunion “riechen”, wo immer sie hingehen. Was jetzt getan werden muss, ist eine neue Generation heranzuziehen, von Null wieder anzufangen, und ein neues Kontingent von Experten zu schaffen, die die Lücke von 25 Jahren überbrücken und das verbinden können, was (bis 1991) war und was (jetzt im Jahr 2014) ist, und die in der Lage sind, die Fäden der Geschichte zu erklären.

Aber das Problem geht noch viel tiefer: Wir haben Putin überlassen, was rechtmäßig nicht ihm gehört. Bitte erlauben Sie mir, das zu erklären.

Als die UdSSR 1991 zerfiel, versuchten praktisch alle ehemaligen Sowjetrepubliken (wie auch seine Bürger), sich von jeder Verantwortung für die UdSSR und ihrer furchtbaren Geschichte zu distanzieren. Die UdSSR war wie ein fauler Backenzahn mit einem riesigen Loch, schwarz und stinkend, mit einer kollabierenden Wirtschaft, einer Gesellschaft, die hauptsächlich aus Mitgliedern der Rasse des ‘Homo Sovieticus’ bestand, in der Moral und Werte durch Überlebensgeschick und Diebstahl ersetzt wurden, mit internationalen Verpflichtungen, die meist aus einer Sammlung von feudalen Verpflichtungen gegenüber völlig abhängigen “sozialistischen” Ländern bestanden, und mit dem schwarzen Erbe von Terror und Mord. Niemand wollte ein Teil davon sein.

Allerdings haben sich die Dinge geändert, und während wir alle eine kurz-oder mittelfristige Sicht hatten, hatten der KGB/FSB und sein Harlekin Wladimir Putin eine viel längere Perspektive, als wir es uns je hätten vorstellen können. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das ihnen anlasten können, vielleicht ist es ja die Folge unserer eigenen Unwissenheit, denn wir haben unsere Ansprüche auf die Dinge aufgegeben, die jetzt die Kronjuwelen seiner Politik sind.

Putin behauptet, sein Land sei der rechtmäßige Erbe der UdSSR. Wir alle haben das akzeptiert, weil wir nicht Teil dieses stinkenden Lochs sein wollten. Allerdings stellte er das alles auf den Kopf, kombinierte das mit dem “glorreichen kaiserlichen Russland”, und durch das Ignorieren von  etwa 70-80% seiner Geschichte verwandelte er alles in eine brillante Hochzeitstorte, wie kaum jemand bestreiten kann.

Putin behauptet, Russischsprachige zu verteidigen, und glaubt, er habe das Recht, genau dies zu tun. Wieder sind wir selbst schuld. Indem wir “russisch” mit “Besatzern”, “Eindringlingen” oder “Importen” assoziierten, ließen wir zu, dass aus der russischen Sprache eine Exklusivität von Russland, der Putinschtschina, wurde. Das ist lächerlich, und es ist absolut gefährlich. Entschuldigen Sie bitte, ein erheblicher Teil der ukrainischen Bevölkerung spricht Russisch, und das tun auch viele Bürger in Zentralasien und im Baltikum. Einen Anspruch auf die Sprache zu erheben ist so lächerlich, wie wenn Großbritannien behaupten würde, Englisch gehöre nur “ihm”. Wir hätten das nie zulassen dürfen!

Putin behauptet, dass die UdSSR (sprich: Russland) der wichtigste Sieger im Zweiten Weltkrieg war. Abgesehen von der ganzen Diskussion, warum die Sowjetunion so viele Menschen während des Krieges verloren hat (viele wurden in Wirklichkeit auf Grund der rücksichtslosen Politik und “unorthodoxer” Entscheidungen Stalins getötet), ist es eine Tatsache, dass nicht Russland am meisten gelitten hat. Wenn man sich die Daten ansieht, waren es Belarus und die Ukraine, die prozentual die meisten Opfer zu beklagen hatten und durch die Kriegshandlungen völlig zerstört waren. Und dennoch erhebt Putin diesen Anspruch immer wieder, um zu erklären, warum Russland die Krim besetzen und in die Ukraine einmarschieren musste – und seine nächsten Einfälle in die Nachbarländer vorbereiten muss …

In Wirklichkeit war Russland weer das Hauptopfer der Nazi-Aggression noch die wichtigste Siegermacht. Es gab ukrainische, belarussische, kasachische, Ostsee- und sogar jüdische Einheiten, die ihr Land mit Heldentaten befreiten. Ja, Litauen wurde später von den Sowjets besetzt, aber das bedeutet nicht, dass es nicht zur Befreiung des Territoriums von der Nazi-Besatzung beigetragen hat. Es hat einen rechtmäßigen Anspruch darauf und sollte auch darauf bestehen und nicht zulassen, dass Putin einfach seinen Weg geht.

Und jetzt sehen wir bereits die nächste Phase kommen: Russland (sprich: Putin) behauptet, dass alle Erfolge des Ersten Weltkrieges auch das Ergebnis der russischen Interventionen waren. Vor einigen Tagen vermittelt eine (bezahlte) Sonderbeilage der International New York Times genau diese Nachricht, auf kluge, glatte und raffinierte Weise. Russland als Retter Europas – und wir alle halten still, und es ist uns egal.

In den letzten zwanzig Jahren haben wir geschlafen. Ich muss zugeben, auch ich. Aber die Zeit des Dösens ist vorbei; es ist Zeit, zur Realität zurückzukehren. Wir stehen keinem Monster im Kreml gegenüber, absolut nicht. Wir stehen einem berechnenden System aus Desinformation, Verführung und Unterdrückung gegenüber, mit einem mittelmäßigen, aber gut organisierten Psychopathen an seiner Spitze. Der einzige Weg zu reagieren ist zurückzufordern was uns gehört – nicht ihm. Lassen wir ihn seinen Weg nicht einfach weitergehen, und lassen wir uns nicht in seine simple aber clever gestellte Falle tappen: Es geht nicht um die Welt gegen Russland – es geht um die Welt gegen die Putinschtschina. Wenn wir ihn los werden wollen, müssen wir den Russen zeigen, dass wir eine Sache verstehen: Er ist nicht Russland, er ist nicht das Gleiche wie sie. Sie sind jetzt  vielleicht blind oder geblendet, aber wir wissen es besser: es gibt ein anderes Russland.

Artikel von: Robert van Voren
Quelle: Euromaidan Press

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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