Putin und Sawtschenko – Diagnose: staatliche Idiotie

 

27. September 2014 • Archiv, Russland

Artikel von: Witalij Portnikow
Quelle: RFE/RL radiosvoboda.ua

Diesen Text hätte besser Olexandr Podrabinek statt meiner Wenigkeit schreiben sollen. Das wunderbare Buch “Dissidenten”, geschrieben von einem der besten russischen Publizisten, der mehrere Jahre in sowjetischen Lagern verbracht hatte, spricht davon, wie die Zwangspsychiatrie in der Sowjetunion funktionierte, wie absolut gesunde Menschen in psychiatrische Kliniken eingewiesen wurden, nur weil sie sich bemühten, die Menschenrechte zu schützen, oder wegen ihrer einfachen Missachtung der “besten Ideologie in der Welt.”

Eine weitere Person, die diesen Text besser als ich selbst hätte schreiben können, ist Semjon Hlusman, ein ukrainischer Psychiater, der die Sinnlosigkeit der Diagnose gegen General Petro Hryhorenko bewiesen hat, den Beschützer der Krimtataren, der sieben Jahre in einem sowjetischen Lager verbracht hat.

Allerdings könnten Podrabinek und Hlusman nur Geschichten aus der Vergangenheit mitteilen, wenngleich jüngster Vergangenheit. Heute müssen wir uns aber wieder aufrichten – über die Situation von Nadija Sawtschenko. Es gibt nichts, warum die tapfere Pilotin verurteilt werden könnte, also versuchen sie, sie als psychisch krank zu erklären. Mit einer “Expertise”, natürlich, aber was für einer?

Die Zwangspsychiatrie schien leider ein Teil der Geschichte für uns zu sein. Einige Jahrzehnte später stellt sich aber heraus, dass die russischen Poltiker, Beamte, Richter und Ärzte genauso schlecht sind wie ihre Vorgänger in der Sowjetunion. Und dass es nur sehr wenige gute Menschen im heutigen Russland gibt. Dass die russische Öffentlichkeit Entführungen und die Einweisung von Menschen in die Klapsmühle ohne moralisches Dilemma zu akzeptieren bereit ist. Dass die Fehler, die Verbrechen des Stalinismus nicht behoben sind und die Mehrheit der Russen nicht in der Lage ist, ihre persönliche Verantwortung für die Verbrechen des bolschewistischen Regimes und für die Verbrechen der Putin-Regimes zu begreifen. Und das macht den Weg frei für noch größere Verbrechen, die nicht nur Ukrainern und Bürgern anderer Länder sondern auch den Russen selbst widerfahren können.

Wenn 86 % der Bevölkerung einen Präsidenten unterstützen, der die Zwangspsychiatrie wieder aufleben lässt, und der billigen Vermutung zustimmen können, dass gesunde Menschen verrückt sind, dann ist das in Wirklichkeit eine Diagnose.

Die Diagnose eines Staats und einer Gesellschaft der Idiotie.

Artikel von: Witalij Portnikow
Quelle: RFE/RL radiosvoboda.ua

Übersetzt von: Klaus H. Walter
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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