Der näher rückende Winter in der Ukraine: Wird Moskau eine weitere strategische Invasion wagen?

 

Archiv, Krim

Artikel von: James Rupert
Quelle: Atlantic Council

Bild: „Streit zwischen russischen Bürgern wegen der langen Schlange zur Fähre auf die Krim“Eines der vielen russischen und ukrainischen YouTube-Videos über Russlands Probleme, den Transport zur Krim zu gewährleisten, zeigt eine der alternden Fähren, die jetzt die einzige Fährverbindung von Russland zur Krim gewährleisten (Screenshot)

 

Die wiederholten Angriffe zeigen laut Analysten, dass der Kreml eine Offensive in Richtung Ukraine vorbereiten könnte.

Die US-amerikanischen und europäischen Politiker sind vielleicht froh, dass die Waffenruhe von diesem Monat den russisch-ukrainischen Krieg etwas beruhigt hat. Obamas Regierung hat mit der Krise im Irak und in Syrien genug zu tun, und der Kongress macht bereits Wahlkampf für die Wahl am 4. November. Europa führt diese Woche einen internen Kampf, da das neue euroskeptische Parlament die Kandidaten für die nächste Europäische Kommission durchlöchert.

Aber die relative Ruhe in der Ukraine könnte laut ukrainischen Analysten von kurzer Dauer sein, da der nahende Winter Russlands strategisches Interesse stärkt, eine neue Invasion zu starten: Dieses Mal geht es um einen längst notwendigen Überland-Korridor, um Lebensmittel, Kohle und sogar Wasser auf das neu annektierte Territorium der Krim zu bringen. Russlands Kombination aus regulären und irregulären, paramilitärischen Streitkräften ist bereit für einen solchen Angriff entlang der 375 Kilometer langen Küste im Süden der Ukraine.

Russlands Interesse hierbei könnte durch die kontinuierlichen Angriffe der ukrainischen Streitkräfte während der dreiwöchigen Feuerpause interpretiert werden, die ihren Stützpunkt, die Stadt Mariupol, entlang dieser Route verteidigen – so Nikolaj Worobjow, ein ukrainischer Journalist, der über den Krieg im Süden berichtet. Des Weiteren „greifen kleine Guerillakampftruppen auf dem Weg nach Mariupol jedes Militärfahrzeug an und versuchen, es zu zerstören“, so Worobjow in einem Interview mit der KyivPost.

Die Versorgung der Krim von Russland aus kann momentan nur über den Luft- oder Wasserweg erfolgen. Vor allem in überladenen Fähren werden Güter zum östlichen Zipfel der Insel, zur Stadt Kertsch, gebracht. Einige ukrainische Militäranalysten sind der Meinung, dass die Versorgung der Insel im Winter eine enorme Herausforderung darstellt, sodass eine neue russische Invasion entlang des Ufers des Asowschen Meeres unvermeidlich scheint.

Laut einer Militäranalyse des Londoner Royal United Services Institutes vom April dieses Jahres ist die Krim von Lebensmittellieferungen in Höhe von 85% des Bedarfs abhängig. „Die Fähre über die Straße von Kertsch kann nur 400 Personen oder 60 Fahrzeuge pro Stunde befördern, zudem ist der Hafen von Kertsch schlecht ausgestattet und verfügt über keinerlei Kühlmöglichkeiten für Lebensmittel oder Verderbliches. Unter solchen Bedingungen sind Lebensmittellieferungen auf die Krim problematisch und können nicht einfach auf dem Luft- oder Wasserweg vollzogen werden. Die Eröffnung eines sicheren Landkorridors würde das Problem sofort lösen“, so die Analysten Igor Sutjagin und Michael Clarke.

„Es ist unmöglich, Lieferungen über die Meerenge im Winter durchzuführen, da sie gefriert“, so der ehemalige ukrainische hohe Befehlshaber Generaloberst Andrij Lopata in einem Interview mit der ukrainischen Nachrichtenseite „Obozrevatel“. Der bekannteste Militäranalyst der Ukraine, Dmitrij Tymtschuk, bestätigte diese Warnung.

„Russland braucht unbedingt einen Landkorridor zur Krim. Sie werden versuchen dies zu verwirklichen, koste es, was es wolle“, so ein weiterer ehemaliger ukrainischer Offizier Generalleutnant Wilen Martirosjan, der dies vergangene Woche der Website „Obozrevatel“ mitteilte. Die Ukraine alleine kann einen solchen Angriff nicht vorbeugen, „wenn unsere ausländischen Freunde, die Amerikaner und andere, uns aber Hilfe anbieten, wird Russland diesen Schritt nicht tun“, so Martirosjan.


Die Straße von Kertsch ist an ihrer schmalsten Stelle nur rund drei Kilometer breit. Während Russland seit der Einnahme der Krim fieberhaft daran arbeitet, den Fährdienst auf Vordermann zu bringen, erscheinen in russischen und ukrainischen Nachrichten und auf YouTube Videos, die die Überfahrt mit überladenen Kohle- und Frachtlastwägen sowie Personenverkehr zeigt.

Der russische Präsident Wladimir Putin ordnete bereits an, eine Autobahn- und Zugbrücke bis 2018 über die Meerenge zu bauen, die „diesjährigen Probleme bei der Fährenüberfahrt an der Meerenge machen den Brückenbau besonders dringlich“, berichtete Russlands offizielle Nachrichtenagentur ITAR-TASS am 1. September. Die Brücke wird 6 Mrd. US-Dollar kosten, laut der Nachrichtenagentur verhandelt Russland bereits mit dem chinesischen Unternehmen China Communications Construction Company über den Bau.

Artikel von: James Rupert
Quelle: Atlantic Council

Übersetzt von: Christina Riek
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , , , ,