Andrej Subow: “Die Krim ist unser?”

 

Archiv, Krim, Russland

Artikel von: Andrej Subow
Quelle: Wedomosti

“Als Tragödienanfang im Südosten der Ukraine diente die Krim, die von Russland blutlos eingenommen wurde. Anfang März jubelte die russische Gesellschaft und das Volk Krims, und Präsident Wladimir Putin sprach schwülstige Worte über das Krimer Schiff, das nun in den russischen Hafen endlich und für immer zurückgekehrt ist. „Die Krim war immer und ist nun wieder russisch“- diese Worte wurden wie ein Zauberspruch wiederholt.
Aber der Anschluss einer fremden Provinz verläuft auch unter den schicklichsten Vorwänden nie ganz still und ruhig. Zwischen dem Besatzer und dem Geschädigten entsteht ein Konflikt, der manchmal Jahrzehnte dauert und Millionen Leben kostet. Erinnern wir uns doch an den Streit zwischen Deutschland und Frankreich wegen dem Elsass, zwischen dem Österreich und Serbien wegen Bosnien. Donbass ist eine direkte Fortsetzung der russischen Krimpolitik, nur ist das Resultat viel blutiger. Aber musste man denn überhaupt mit der Krim anfangen?
Wenn die Krim immer unser, russisch, war, und wie ein „Kartoffelsack“ durch die Ukraine hinterhältig geklaut wurde,, dann ist die Sache klar: eine Ungerechtigkeit sollte man berichtigen. Aber man hätte ohne das Spiel in höfliche grüne Männchen auskommen müssen, man hätte sich die Gerechtigkeitswiederherstellung in den internationalen Instanzen verschaffen sollen. Die Krim hätte die Frage über den Austritt aus der Ukraine stellen können, wie es Schottland über den Austritt aus Großbritannien gestellt hat, und Katalonien- aus Spanien. Das ist ein langer Prozess, das Resultat ist nicht vorausbestimmt, aber ohne die langen und langweiligen internationalen Verfahren wird das Territorium im 21ten Jahrhundert nicht neuverteilt. Es ist unüblich: die Welt hat wegen den „schnellen Entscheidungen“ der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts zu viel gelitten.
Ja, wenn auf der Krim tatsächlich ein Genozid des russischen Volkes stattgefunden hätte, dann würde die UN-Resolution 2625 von 1970 in Kraft treten, über das Selbstbestimmungsrecht der Völker unter den lebensbedrohlichen Bedingungen. Aber auf der Krim, solange es ein Teil von der Ukraine war, gab es kein Genozid. Niemand hat Russen auf der Krim getötet, niemand hat sie in zum Leben ungeeignete Gegenden umgesiedelt, niemand hat den Familienerhalt und die Geburt der Kinder verhindert. Es gab ein paar Probleme mit der russischen Sprache im offiziellen Bereich. Zwischen einer weichen linguistischen Diskriminierung und einem Genozid ist eine gewaltige Distanz.
Wenn man die Abtrennung Krims von der Ukraine und den Anschluss an Russland mit einem Genozid nicht erklären kann, so könnte es sein, dass es bedingungslose historische Argumente gibt? Man nennt drei Argumente:
1) die Krim war immer russisch,
2) Krim ist mit russischem Blut begossen, in vielen Kriegen
3) Krim wurde an die Ukraine widerrechtlich übergeben.
Versuchen wir es doch auszuwerten.
Im Altertum und im Mittelalter beherrschten die Krimer Halbinsel viele verschiedene Staaten, auf seinem Territorium haben sich viele Völker abgewechselt. Russland gab es noch gar nicht, und Rusen und Slawen tauchten auf der Krim in sehr kleinen Mengen auf. Im 11ten Jahrhundert existierte in Taman (Kuban) das Tmutarakan-Fürstentum, das von Rurikiden regiert wurde. Dieses hat wohl irgendeinen Teil der östlichen Krim besessen und hat sich in einer vasallischen Abhängigkeit von Konstantinopol befunden. Aber die Vertiefung ins Altertum spricht eher für Kiews Rechte als Moskaus. Denn Moskau gab es damals gar nicht, und Kiew war „die Mutter aller russischen Städte“, genau dort war der Thron von Rurikiden.
Dann haben die Krim Byzanz, Mongolen, Goldene Horde beherrscht. Krims Südküste hat Konstantinopol in der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts an Genua übergeben, sie haben auch das Fürstentum Theodoro gegründet. Im Sommer 1475 hat das Osmanische Imperium die Krim erobert. Im Steppengebiet der Halbinsel und im Priazowje haben die Osmanen das vasalische Khanat der Krim beibehalten, die Südküste haben sie unmittelbar in ihren Besitz genommen. Die Bevölkerung Krims war damals kunterbunt: da blieben noch immer viele Griechen, Italiener, Armenier, Juden, Slawen. Die Steppenbevölkerung war zum grössten Teil mongolid, die Berg- und Seebevölkerung- europid. Zur gemeinsamen Sprache der zwischennationalen Kommunikation ist allmählich Krimtatarisch geworden. Auf der Halbinsel haben Schulter an Schulter Moslems, Christen verschiedener Bekenntnisse, Juden gelebt. Aber russisch war diese wunderbare Welt bis zum April 1783 definitiv nicht.
Genau da wurde die Krim an das Russische Imperium angeschlossen. Die Besatzung des Krimer Khanats war blutrünstig. Die Urbevölkerung Krims ist wegen der Emigration in die eingläubige Türkei und der Grausamkeiten der neuen Obrigkeit zum Ende des 18ten Jahrhunderts um das fünffache geschrumpft. Krims Christen hat der Fürst Potemkin, der so das von Russland nach dem Friede von Küçük Kaynarca von 1774 bekommene Recht auf den Schutz von Krims Eingläubigen verstanden hatte, nach nordische Pritschernomorje (Steppen im Norden des Schwarzen Meeres) gewaltsam umgesiedelt. Viele von ihnen haben zum Islam konvertiert, um die Deportation zu vermeiden. Noch in den 1930er gab es in vielen krimtatarischen Siedlungen zwei Friedhöfe: ein aktiver moslemischer, und ein geschlossener christlicher, und die Alten haben den Jungen erklärt: kümmern muss man sich um beide, denn auf dem christlichen sind unsere Vorfahren begraben.
Die russische Regierung auf der Krim war keine Wohltat für die Urbevölkerung. Die moslemischen Gemeinden haben ihren Wasser- und Landeigentum verloren, das an den russischen Adel oder den Staat übergegangen war. Von Landbesitzern sind die Ureinwohner zu Pächtern geworden. In 100 Jahren russischer Obrigkeit, von Katharina der Zweiten bis zu Alexander dem Zweiten einschliesslich, haben die Krim ca. 900 Tausend Moslems verlassen. Auf ihren Platz sind die Christen des Osmanischen Imperiums gekommen- Griechen, Bulgaren, Armenier. Aus Russland, Deutschland und Österreich sind deutsche Kolonisten (!!!) gekommen. Die Gutsherren haben auf die verlassenen Territorien ukrainische Ackerbauer und großrussische Bauer umgesiedelt.

Eine ähnliche Situation gab es in Abchasien und an der kaukasischen Küste Russlands: Im 19ten Jahrhundert verließ die moslemische Bevölkerung massenhaft das Land, unter dem Joch und der Unfreiheit leidend, und siedelte nach Osmanisches Imperium um. Ersetzt wurde sie durch Christen verschiedener Stämmen (aus Anatolien und Balkanen, damals noch türkisch, oder aus anderen Provinzen des Russischen Imperiums).
Auf der Krim betrug der tatarische Bevölkerungsanteil 87,6% in 1795, 35,6% in 1897, 25% in 1925, und in 1939- 19,4%.

Außerdem muss man sich immer vor Augen halten, dass das Russische Imperium des 18.-19. Jahrhunderts und das jetzige Russland nicht ein- und derselbe Staat ist. Denn das Imperium bestand nicht nur aus dem Territorium des jetzigen Russlands, sondern auch aus dem grössten Teil der Ukraine, Weißrusslands, Kasachstans, des Kaukasus, der baltischer Staaten, sogar Polens und Finnlands. Und alle Völker haben Krims Erde erschlossen, haben es mit ihrem Schweiss und Blut begossen. Gab es denn während des Krim-Krieges 1853-1856 keine Ukrainer, Weißrussen, Georgier, Ostseedeutschen, Polen in der russischen Armee?
Das russische Imperium war ein Land vieler Völker, und das jetzige Russland kann wohl kaum einen Anspruch auf irgendwelche Territorien nur aufgrund dessen erheben, dass diese mal ein Teil des Romanow-Imperiums waren. Die Bolschewiken haben den Nachlass des Russischen Imperiums abgelegt, haben erklärt, dass sie einen neuen Staat der Arbeiter und Bauer aufbauen, haben den von ihnen eroberten Raum in mehrere formal unabhängige Staaten zerteilt, die sich zu einer angeblich freiwilligen Union zusammengeschlossen haben.
Die Grenzen zwischen diesen Staaten wurden von ihnen mehrfach geändert. Russland hat aus seiner Zusammensetzung Kasachstan und Kyrgisistan freigestellt, später die Karelisch-Finnische SSR, hat an Weißrussland die Witebsker und die Mogiljowsker Gebiete abgegeben. Dann hat Russland Karelien wieder in seine Zusammensetzung aufgenommen, und die Krim wurde in 1954 an die Ukraine übergeben. Die Übergabe Krims an die Ukraine ist nicht mehr oder weniger legitim, als alle anderen Handlungen der Bolschewiken auf dem Territorium des von ihnen eroberten Landes.
Wichtig ist etwas anderes: Die Grenzen, so provisorisch wie sie in der UdSSR auch waren, wurden nach dem Zerfall von UdSSR von internationalen Verträgen genauso bestätigt, wie auch die Verkündung des Unabhängigkeit Russlands. Das von der ganzen Welt anerkannte Beloweschskoje-Abkommen, der “Große Vertrag Russlands mit der Ukraine”, von 1997 hat die Grenzen festgelegt, und die Krim wurde der Ukraine überlassen. Was die formale Jahresanzahl des Besitzes angeht, so ist das Russische Imperium, wie auch das Osmanische eine andere Welt. Und sogar in jener Welt hat das Osmanische Imperium die Krim drei Jahrhunderte lang besessen, und das Russische 134 Jahre. Die russische sowjetische Republik, als deren Nachfolger sich das jetzige Russland erklärte, hat die Krim von 1920 bis 1954 besessen, also 34 Jahre. Und die ukrainische sowejtische Republik und die heutige Ukraine 60 Jahre (von 1954 bis 2014).
Zu sowjetischen Zeiten wurden mehrere Verbrechen gegen die Urbevölkerung Krims begangen, gegen die Krimtataren wie auch gegen alle anderen Urvölker der Halbinsel, inklusive Russen selbst. Als die Bolschewiken im November 1920 die Krim besetzt haben, haben sie ein Gemetzel aller Weißgardisten, die Wrangel nicht hinterher gegangen waren, und aller Zivilisten, die ihnen sympathisiert haben, veranstaltet. Damals sind um die 60 000 Menschen ermordet worden. Der von den Bolschewiken provozierte Hunger 1921-1922 hat nochmal das Leben von 80 000 Menschen gekostet, zum größten Teil- der Krimtataren.
Die Kollektivisierung hat zusätzlich zum Tod und der gewaltsamen Deportation von mehreren dutzenden Tausenden Menschen aller Nationalitäten geführt. Im August 1941 wurden von der Krim gewaltsam 63 000 Deutsche deportiert, im Januar-Februar 1942  700 Italiener, entfernte Nachfahren der mittelalterlichen Genuesen. Vom Mai bis August 1944 wurden aus der Krim alle Krimtataren (191 000), Griechen (15 040), Bulgaren (12 242, ), Armenier (9600), Türken und Perser (3650) deportiert. Viele sind auf dem Weg gestorben, andere starben an ihren neuen Lebensorten auf Grund der schweren Lebensbedingungen.
Die Bevölkerung Krims schrumpfte auf ein Drittel. 1939 haben auf der Halbinsel 1,126 Millionen Menschen gelebt, und im September 1944 nur noch 379.000. Dann wurde die Krim wieder besiedelt. In leere Häuser hat man Kriegsveteranen, demobilisierte Offiziere der sowjetischen Armee, NKWD-Mitarbeiter, Parteimitglieder einquartiert. Die Zusammensetzung der Bevölkerung Krims hat sich dramatisch verändert. Alle seine ethnischen Gruppen waren verschwunden. Erst in den 1980ern hat die Rückkehr der überlebten Vertriebenen, ihrer Kinder und Enkelkinder angefangen. Aber ihr Landbesitz und ihre Häuser waren von anderen Menschen besetzt. Zwischen den Angesiedelten und den Zurückgekehrten fanden grausame Konflikte statt.
Und jetzt ist die „Krim unser“. Deswegen wird ein Krieg in der Ukraine geführt, und Russland verwandelt sich rapide in einen Pariastaat. Gibt es einen Ausgang? Ja. Aber aus unserer Sicht fordert es die Aufgabe aller Forderungen auf Besitz dieses Territoriums und die Rückkehr zum Willen der Menschen, die hier leben, deren Wille auch das Schicksal dieses Territoriums entscheiden muss”.

übersetzt von Irina Schlegel

Artikel von: Andrej Subow
Quelle: Wedomosti

Übersetzt von: Irina Schlegel
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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