Georgij Mirskij, russischer Historiker und Politologe – Wem ist ein schwaches Russland nützlich?

 

7. Oktober 2014 • Archiv, Russland

Artikel von: Georgij Mirskij
Quelle: Echo Moskau (Blog)

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Georgij Mirskij

Die jüngsten Meinungsumfragen haben gezeigt, dass 71% unserer Bürger glauben, der Westen wolle Russland schwächen und sogar in seine Einzelteile zerlegen

Nichts verwunderliches. Reden Sie mit den Menschen, und Sie werden feststellen, dass es tatsächlich so ist. Mehr noch: Politiker (sogar sehr, sehr hochgestellte) und Wissenschaftler erklären den Menschen, dass der Westen Russland schon immer gehasst hat, eine Unmenge am Übel mitgebracht hat, und die heutige russophobe Kampagne nur die Fortsetzung einer politischen Tradition sei, die sich aus der Tiefe der Jahrhunderte ableite. So, wie sie schon immer unsere Feinde waren, so sind sie es auch geblieben.

Wobei sich das in der Geschichte ja überhaupt nicht bestätigt. Wenn man von Kriegen spricht, so hat in Europa jeder gegen jeden Krieg geführt, die Verbündeten von gestern wurden zu Feinden und umgekehrt. Russland ist dabie keine Ausnahme: Es hat gegen etliche westlichen Staaten mit Unterstützung der anderen Krieg geführt, das war normal. Peter I. zog gegen die Schweden in den Krieg, aber weder die Deutschen noch die Franzosen haben ihn angegriffen. Gegen Frankreich hat man unter Napoleon Krieg geführt, aber doch im Bündnis mit Österreich, Preußen und England. Gegen England und Frankreich hat man im Krimkrieg gekämpft, aber weder Deutsche noch Österreicher haben sich unseren Feinden angeschlossen.

Gegen Deutschland hat man in beiden Weltkriegen gekämpft, aber doch zusammen mit England, Frankreich und den USA. Polen wurde zusammen mit den Deutschen und mit den Österreichern zerfetzt und zerteilt.

Nehmen wir die politischen oder gar die zivilen Beziehungen zueinander – und was sehen wir da? Schon Iwan der Schreckliche wollte eine englische Königin heiraten, und über das deutsche Blut in unserer Zarenfamilie – angefangen bei Katharina, über die Eheschließungen der Zaren und der Großfürsten mit den Deutschen braucht man gar nicht zu reden. Und wieviele Deutsche seit den Zeiten vom Peter I. geholfen haben, das moderne Russland zu errichten, wieviele deutsche Ärzte, Verwalter, Unternehmer, Generäle bei uns waren, und wieviele italienische Architekten… usw. usf. – alle wissen es.

Natürlich haben sich die Europäer Russland gegenüber immer sozusagen sonderlich verhalten. Fern, gewaltig, unverständlich, fremd, genau deswegen erschreckend – ja, es war so. Aber niemals hat man Kinder mit Russen verschreckt, und niemals hat man eigene Misserfolge den russischen Machenschaften zugeschrieben, während es in Russland zu der Zeit, als Königin Victoria auf dem englischen Thron saß, bei verschiedenen außenpolitischen Misserfolgen üblich war zu sagen: „Die Engländerin besudelt“. Und das ist geblieben. Ich kenne einen Arzt, welcher sobald es um irgendeinen Schlamassel auf der Welt geht immer sagt: „CIA“.

Nach der Oktoberrevolution hat der Westen tatsächlich Hass gegen die sowjetische Obrigkeit empfunden, aber hier treffen wir immer auf Übertreibung, wenn man über unsere Propaganda spricht,. Die russische Obrigkeit nicht zu mögen heißt gar nicht „das russische Volk“ zu hassen. Nach meinen Beobachtungen hat man im Westen Sympathie nur für zwei Vertreter der russischen Obrigkeit: Katharina die Große und Michail Gorbatschow. Aber das betrifft nur die Obrigkeit, den Russen als Volk gegenüber habe ich nie und nirgendwo irgendwelche Feindschaft gespürt.

Ich habe neun Jahre lang in der USA gearbeitet, und habe nie ein schlechtes Wort über die Russen gehört. Die dunkelhäutigen Busfahrer in Princeton haben noch nie von Tolstoi oder Tschaikowski gehört, wussten aber, dass Russland ein erhabenes Land ist und Amerikas Verbündeter war, und sie haben mich immer nur mit Mitleid gefragt: „Warum hört man von Euch immer so schlechte Nachrichten, Ihr habt doch so ein großartiges, gewaltiges, reiches Land?“

Und von unserer Seite? Es gab keinerlei antiwestliche Stimmungen (im Unterschied zu „Klassen“-Stimmungen) zu Stalins Zeiten, in der Vorkriegszeit; und zu den Deutschen hatte man eine gute Beziehung, bis Hitler an die Macht kam; und zu Amerika? Die ersten ausländischen Worte, die wir, Moskauer Jungs Anfang der 30er kannten, waren „Ford“, „Lincoln“, „Buick“ und „Cadillac“. In der Schule hat man uns gelehrt, „den russischen revolutionären Schwung mit der amerikanischen Geschäftigkeit“ zu verbinden (wobei dies später gegen die „Bolschewitzkaja“ ausgetauscht wurde). Und während des Krieges? Ich konnte 1942 wegen der Unterernährung selber kaum auf den Beinen stehen, und meine Mitarbeiter wurden vor meinen Augen zu lebendigen Leichen, bis im Herbst amerikanische Verpflegung kam. Fleischkonserven mit Nudeln, Eierpuder usw. – das hat uns, wenn nicht vorm Tod, so doch vor der Auszehrung gerettet, und dabei waren ja das, was unter den Moskauern verteilt wurde, nur die Reste von der Verpflegung, welche die Rote Armee bekommen hatte.

Und ich rede gar nicht von der Technik, über die sogar Marschall Schukow am Ende des Krieges sagte, dass wir ohne die amerikanischen LKWs gar keine Möglichkeit gehabt hätten, unsere Artillerie zu transportieren. Ich erinnere mich, was ich empfunden habe, als ich schon im Jahr nach dem Krieg von meinem ZIS-5 an das Steuer eines Studebaker wechselte. Danach habe ich erfahren, dass während des Krieges auf Befehl von Moskau alle „Katjuschas“ von ZIS auf Studebaker umgestellt wurden, weil die Gasannahme, die Fähigkeit gleich von der Stelle loszuschießen und nach der Salve von der Stellung abzuziehen um einiges schneller war – und wieviele Tausende von Soldatenleben wurden dadurch gerettet!

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass am 9. Mai 1945, als der Sieg ausgerufen wurde und ganz Moskau auf den Roten Platz stürzte, von allen Offizieren diejenigen der amerikanischen Militärmission beliebtesten waren. Sobald ein amerikanischer Leutnant auf dem Platz aufgetaucht war, und das sehe ich noch immer vor meinen Augen, hat eine Riesenmenschenmenge ihn in die Luft geworfen. Und jeder, der jetzt die Bedeutung der Hilfe unserer westlichen Verbündeten während des Krieges verneint oder sogar nur verschweigt, ist einfach nur ein Dreckskerl.

Und was jetzt? Vor ein paar Jahren, und das habe ich mit meinen Augen gesehen, wurde auf einem der wichtigsten Fernsehsender, ich glaube es war TWZ, die Frage gestellt: „Glauben Sie, dass die Amerikaner uns AIDS gebracht haben, um unser Volk zu vergiften?“ Und 30% haben geantwortet, dass sie es nicht ausschließen. Wie muss man denn die Menschen verdummen, um sie zu so etwas zu bringen?

Nun stellen wir uns vor, was sein kann, wenn („entsprechend den westlichen Absichten“) es zu einer Schwächung und dem Zerfall Russlands kommt? Wie spiegelt das sich am Zustand und in der Stimmung des Volkes, in seiner Psyche wider?

Unser Volk ist jetzt schon und zu einem großen Teil verbittert, aggressiv, unfreundlich. Ich muss ehrlich sagen, bei all meiner Abneigung gegenüber dem unmenschlichen sowjetischen System waren damals die zwischenmenschlichen Beziehungen besser. Jetzt gibt es so viel Hass, Feindschaft jedem gegenüber, Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit …

Was passiert, wenn das Land erstens verarmt (denn genau das setzt die These „Russlands Schwächung“ voraus – die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage) und zweitens – zu zerfallen anfängt (der zweite Teil derselben These: zunehmender Separatismus und am Ende die Zerstückelung der Föderation)? Zweifellos wird nur eins passieren: das Volk verliert die Kontrolle. Auf wen werden sie hören? Auf Demokraten, Liberale, die Menschen, deren Stärkung dem Westen nützlich ist? Nein, umgekehrt – diese Menschen werden für alles beschuldigt („Verräter, Fünfte Kolonne, Agenten des Westens, sie haben die UdSSR zerstört, jetzt machen sie Russland fertig“), sie werden verfolgt und verhaftet, und der Obrigkeit wird es nützlich sein, den Menschen einzutrichtern, dass all das Unheil, die Wirtschaftskrise, die allmähliche Verarmung – dass alles das von dort kommt, vom Westen.

Nein, sie werden auf die radikalen Nationalisten bis zu den unverhohlenen Faschisten hören. Sie werden nicht an die Macht gelassen, aber das ideologisch-politische Klima im Land wird bestimmt von den Pseudopatrioten, den Rotbraunen, deren Weltsichtbandbreite zwischen orthodox-monarchischem und stalinistischem, neobolschewistischem Weltbild schwankt. Aber alles überschneidet sich in einem Punkt: im Hass gegen den Westen (und nebenbei auch gegen Moslems, Kaukasier, Tadschiken, Ukrainer, Litauer, Polen usw.) und in der Überzeugung, dass Russlands Feinde die Amerikaner, die Liberalen und die Schwulen sind.

Derweil bleibt aber der Atomwaffenbestand selbst bei dem verarmten und zerstückelten Russland. Und im Westen wird die begründete Sorge wachsen: Und was, wenn der anwachsende russische Nationalismus zum logischen Resultat einer außenpolitischen Aggression führen wird?

Und hier die Schlussfolgerung: Ein verarmtes, zerstückeltes Russland mit einer verbitterten, den Westen hassenden Bevölkerung, und dabei mit Atomwaffen – kann man sich denn ein grauenhafteres Szenario für westliche Politiker vorstellen?

Während meiner Arbeitszeit in Washington verkehrte ich in politischen Kreisen, Brzeziński und Fukuyama kamen zu meinen Vorlesungen in der Johns-Hopkins-Universität, und danach beim Mittagessen haben wir viel gesprochen, wie ich auch mit Paul Nitze, Eagleburger, Sam Lewis und anderen gesprochen habe, genau über dieses Thema.

Ohne eine einzige Ausnahme waren absolut alle der gleichen Meinung: Nur Idioten und Selbstmörder in den USA können daran interessiert sein, dass Russland schwächer, arm, degradiert, zerfallen wird. Solche gibt es in Washington nicht, obwohl ich, der ich genug gehört und gesehen habe, durchaus sagen kann, dass viele policy makers dort gar nicht von der allerbesten Sorte sind (das sieht man ja auch an dem Irakabenteuer). Aber keinem vernünftigen Menschen kann es in den Kopf kommen, bewusst die Sache dahin zu steuern, dass Amerika einer durch ihre Misserfolgen und das ihr widerfahrene Unheil ergrimmten, einer auf alles Westliche borstig reagierenden Atommacht entgegentreten muss.

Hier in Moskau habe ich an verschiedenen Runden Tischen diese Argumente mehrmals in Polemik gegenüber denjenigen gebracht, die über die Absicht Westens Russland zu zerstören hysterisch aufschreien. Und es hat sich kein einziger Mensch gefunden, die diese Argumente mit logischen und ruhigen Überlegungen widerlegen könnte. Andererseits war aber auch niemand mit mir einverstanden. Was in die Menschen hineingestopft wurde, das sitzt da auch fest. Völlig richtig hat es mal Naum Korschawin gesagt: „Nur mit Gleichgesinnten macht es Sinn zu streiten“. Und diese werden immer weniger.

Wenn man mein Alter berücksichtigt, so kann ich mich nur glücklich darüber schätzen, dass ich die Zeit nicht erleben werde, wenn die 71% zu 99% werden.”

übersetzt von Irina Schlegel

Artikel von: Georgij Mirskij
Quelle: Echo Moskau (Blog)

Übersetzt von: Irina Schlegel
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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