Marc Galeotti: Russlands Geheimwaffe

 

Archiv, Russland

Artikel von: Marc Galeotti
Quelle: The Moscow Times

Vergessen Sie die “höflichen Männchen”, die heimlich über die Grenze von Russland eindringen. Vergessen Sie, dass russische Raketen in der östlichen Ukraine einschlagen. Vergessen Sie auch die “Gaswaffe” – die wirtschaftliche Waffe, die Europa als Geisel hält. Was Moskau betrifft, so ist seine Geheimwaffe die Spaltung, die Ablenkung und das kurzfristige Denken des Westens: Die Gesellschaft mit Aufmerksamkeits-Defizit-Störung.

Ist das nicht ein wenig hart? Es ist nicht schwer einzusehen, warum eine solche Ansicht überwiegt. Die Krim ist schon eine alte Nachricht, ein ‘fait accompli’ – eine vollendete Tatsache.

Außerhalb der Niederlande und Australiens ist der Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugzeugs MH17 ebenfalls im besten Fall eine bereits abgelegte Geschichte. Angesichts der Störung durch den Krieg, der vorsätzlichen Trübung der Gewässer durch Russland und des Zeitverlusts und der Schwierigkeiten zu felsenfesten Aussagen über die Ursache und Täter des Verbrechens zu kommen, ist die öffentliche Meinung – und in der Tat auch die politische Elite -,die gewöhnt ist, unverzüglich ihre Schlüsse zu ziehen, schon weiter gezogen.

Im Westen haben scheinbar die grausamen Verbrechen des Islamischen Staates, die ebenso grausame Ausbreitung von Ebola und sogar die relative Flexibilität des neuesten iPhone an Bedeutung gewonnen, mehr als der nicht erklärte aber sehr reale Krieg, der etwas außerhalb am Lattenzaun der NATO und der EU tobt.

Für den Kreml ist das ein Konflikt, in dem nicht so sehr mit Waffen und Panzern und auch nicht mit Gas und Geld gekämpft wird. Stattdessen handelt es sich um eine Herausforderung des Willens, der Entschlossenheit und der Ausdauer. Der Westen hat alle Trümpfe in der Hand, aber Moskau hat vor, ihn zu überlisten und abzuwarten, bis das alles vorbei ist.

Zu diesem Zweck wird es für Russland von entscheidender Bedeutung, alles zu tun, um eine Ablenkung des Westens zu erreichen. Russlands Sicherheitsbehörden haben echte Sorgen wegen des Islamischen Staats, zum Beispiel: Kurzfristig werden dadurch Militante aus dem Nordkaukasus abgezogen, aber zu gegebener Zeit werden sie zurückkommen, mit neuen Erfahrungen und neuen Verbündeten.

Aber für den Kreml ist das ein Glücksfall, nicht nur ein neues und wichtigeres Anliegen für den Westen, sondern auch ein Ansatzpunkt für eine Hebelwirkung. Lassen Sie uns helfen, mit diesen fiesen Dschihadisten fertig zu werden, können die Russen doch auf diese zotteligen Barbaren hinweisen, die unser gemeinsamer Feind sind. Natürlich, wenn wir zu eurem Verbündeten im Nahen Osten werden, oder auch wenn wir uns nur bei der Interferenz- und Obstruktionspolitik zurückhalten, die anzuwenden wir in der Lage sind, wie ihr wisst – denkt an Syrien? – dann würden wir natürlich eine gewisse Gegenleistung erwarten.

Entsprechend erscheint das neue Modell der russischen politischen Kriegsführung im Westen nicht als Flutwelle sondern wie ein Dutzend mäandernder Bäche: Russophile “nützliche Idioten”, überraschend gut finanzierten Randparteien und auf Einzelthemen spezialisierte Lobbygruppen mit ihren spalterischen Meinungen, RT und ähnliche Medien, lustige kleine Think Tanks mit leeren Büros aber vollen Bankkonten, Wirtschaftslobbygruppen und so weiter.

Ihre Rolle ist nicht so sehr darauf ausgerichtet, den Mainstream der öffentlichen Meinung davon zu überzeugen, dass Putin ihr Freund und Russland ein zu übernehmendes Modell ist – viel Glück damit – sondern eine verzerrende und vergößernde Lupe vorzuhalten, die die Mängel, Verschwörungstheorien und Spinnereien der demokratischen Welt aufzeigt. Seht her, sagen sie, ihr seid nicht besser: Welche Gründe habt ihr, Russland zu kritisieren? Und außerdem, schaut mal auf dieses glitzernde Problem hier, ist das nicht viel wichtiger? Achtet nicht auf die Ukraine, passt statt dessen beser hierauf auf.

Die traurige Wahrheit der Sache ist, dass diese Strategie erheblichen Erfolg hat. Washington ist weit mehr mit dem Nahen Osten beschäftigt – und, seien wir ehrlich, mit den Zwischenwahlen im November – als mit der Ukraine. Die Reaktion der Europäischen Union war in gewisser Weise ermutigend, ist aber auch gekennzeichnet durch massive Streitigkeiten zwischen den Staaten über die beste Reaktion, die von nationalen Eigeninteressen und persönliche Rivalitäten geschürt werden.

Dennoch ist es vorschnell anzunehmen, dass diese Aufmerksamkeit-Defizit-Störung überall im Westen vorhanden ist. Als die ersten Sanktionen verhängt wurden, damals im März, erinnere ich mich noch lebhaft, dass die Leute im russischen Außenministerium und Wissenschaftler und Experten, die mit ihnen zusammenarbeiten und sie beraten, mir alle sorglos versicherten, dass es keine sechs Monate dauern wird, dass bis dahin der Westen das Interesse oder den Willen verloren habe, mit Russland zu kämpfen, und dann mit einem neuen Reset kommt.

Schön und gut, so war es ja auch immer in der Vergangenheit, und vor allem in Anbetracht der ursprünglichen katastrophalen “Reset”-Politik der USA und auch der unziemlichen Eile, nach dem georgischen Krieg von 2008 zur Tagesordnung zurückzukehren, damals mag das also gewirkt haben wie ein plausibles Projekt. Aber wir haben jetzt bereits den achten Monat der Sanktionen.

Dass der Westen nicht besonders gut dabei ist, in nicht offensichtlichen und sofort zu erkennenden Bedrohungssituationen an seinem Fokus festzuhalten, ist vollkommen richtig – schauen wir nur auf die schleppenden Reaktionen auf den Klimawandel, vielleicht die schwerste existentielle Bedrohung für uns alle.

Sein Engagement für Transparenz, die Vielzahl von Meinungen und die Legalität behindern in der Tat schnelle Antworten, abgesehen von Bomben gegen Aufständische im Nahen Osten, aber das ist eine andere Geschichte. Er ist eben doch eine Gemeinschaft von verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Interessen und Werten.

Dennoch gilt für alle, dass es scheinbar einen echten Wandel in der Einstellung zu Russland gibt.

Es kann sich um ein pragmatisches Engagement handeln, aber ich sehe keinen ernsthaften Politiker, der Putin für einen Verbündeten oder sogar für jemand anderes als einen gefährlichen und unberechenbaren Nachbarn hält. Noch ist es wahrscheinlich, dass die Sanktionsregelung irgendwann demnächst beendet wird.

Falls der Westen eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung hat, dann ist es zumindest eine gut funktionierende Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, und er kann sicherlich lernen, wem er vertrauen kann. Es gibt derzeit vielleicht noch keine Strategie, um gegen die Nemesis im Kreml vorzugehen, aber es wird sie geben. Putins Geheimwaffe kann sich immer noch herausstellen als etwas, das seinen Untergang bedeutet.

Artikel von: Marc Galeotti
Quelle: The Moscow Times

Übersetzt von: Klaus H. Walter
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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