Zwei Studenten “verschwinden” auf der Krim

 

Archiv, Krim

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe

Zwei Studenten werden seit rund 24 Stunden vermisst, und in einem bereits bestehenden Klima der Angst nach den jüngsten Entführungen und Fällen von “Verschwindenlassen” wächst die Sorge um sie. Artjom Dajrabekow (Bild oben) ist Student im ersten Semester an der Nationalen Taurischen Universität. Am Montag um die Mittagszeit hatte er sich von Zuhause aus auf den Weg zur Universität in Simferopol begeben. Er setzte seine kleine Schwester an der Schule ab und sollte sie um 18 Uhr wieder abholen. Zum Abholtermin erschien er jedoch nicht, und sein Telefon war ausgeschaltet. Nach Angaben seiner Eltern ist Artjom ist ein sehr verantwortlicher junger Mann und würde nie einfach nicht mehr auftauchen. Sie sind verständlicherweise tief besorgt.

Artjoms Tante, Lilja Beljalowa hat RFE/RL-Krym-Realii gegenüber angegeben, dass seine Mutter außer sich vor Sorge sei. Die Familie hat ihn bei der Polizei als vermisst gemeldet, und sie rufen Freunde, Krankenhäuser usw. an.

BelijalBiljalow

Beljal Biljalow

Nach Angaben von Artjoms Familie handelt es sich bei dem anderem jungen Studenten, zu dem jeglicher Kontakt verloren gegangen ist, um einen Freund Artjoms namens Beljal Biljalow (Bild links).

Diese beiden jungen Männer nicht mitgerechnet gab es seit dem 27. September bereits vier Entführungen oder Fälle von  “Verschwindenlassen”.

Ein 25 Jahre alte Krimtatare namens Edem Asanow wurde in einem verlassenen Sanatorium in Jewpatorija, eine Woche tot aufgefunden, nachdem seine Familie berichtete, dass er seit dem 29. September vermisst wird. Die Behörden behaupten, dass Edem Selbstmord begangen habe.

Am frühen Abend des 27. September wurden zwei junge Krimtataren aus Sarij-Su bei Bilohirsk (russ. Belogorsk) auf der Krim entführt. Der 19-jährige Islam Dschepparow und sein 23-jähriger Cousin Dschewdet Islamow wurden in einen dunkelblauen Volkswagen-Transporter gezwungen einzusteigen und in der Richtung von Feodossija weggebracht.

Die Behauptungen der Polizei und des FSB [russischen Sicherheitsdiensts], dass sie nichts über die Entführung wissen, stoßen auf Skepsis wie sie Refat Tschubarow, der Vorsitzende der Medschlis des krimtatarischen Volks (Vertretungsorgan der Krimtataren und Muslime) geäußert wurde. Diese Skepsis wird durch das Versagen die Polizei und Sicherheitsdienst noch verschärft, denn die jungen Männer wurden trotz vieler bekannte Detailumstände, u.a. der Autonummer des Kleinbusses, nicht aufgefunden.

Hunderte von Krimtataren versammelten sich am Tag nach dem Kidnapping vor dem Elternhaus von Islam Dschepparow. Islams Vater Abdureschit Dschepparow traf am 1. Oktober den Chef der Besatzungsregierung, Sergej Aksjonow. Abdureschit Dschepparow sagt, dass alles getan wurde, um die zu Krimtataren zu Vergeltungsschlägen zu provozieren. “Auf den Dächern rund um das Gebäude, wo das Treffen stattfand, waren jede Menge Scharfschützen postiert, man sah Jeeps mit Männern mit Maschinengewehren, und in der ganzen Stadt gab es eine Menge von Soldaten.”

Edem Asanow verschwand zwei Tage später.

Der 23-jährige Krimtatare Eskender Apselymow wird seit dem 3. Oktober vermisst, nachdem er seine Wohnung in Simferopol auf dem Weg zur Arbeit verlassen hatte. Sein Telefon ist abgeschaltet.

Diese Fälle von Entführungen oder “Verschwindenlassen” fallen zeitlich zusammen mit  einer scharfen Eskalation der repressiven Maßnahmen gegen die Krimtataren und mit Versuchen, auch und gerade in den russischen Medien, zu behaupten, dass “radikale Muslime Gewalttaten auf der Krim vorbereiten.

Sowohl Tschubarow als auch Ali Chamsin von der Medschlis haben Vergleiche mit dem abscheulichen Vorgehen der russischen Behörden in Tschetschenien gezogen. Nach Ansicht von Ali Chamsin vom Medschlis entwickeln sich die Ereignisse auf der Krim nach dem “tschetschenischen Szenario”. Er erinnert daran, dass es zu Beginn der bewaffneten Konflikte in Tschetschenien und anderen Teilen des Kaukasus Entführungen und Fälle von  “Verschwindenlassen” gab, in den Medien Vorwürfe über die angebliche Radikalisierung und die Bildung von bewaffnete Kampfgruppen erschienen, und die russischen Vollzugsbehörden als Folge dann aktive Maßnahmen gegen bestimmte Gruppen ergriffen (vgl. hierzu: Erfundene Vorwürfe über “muslimischen Radikalismus” als Waffe gegen die Krimtataren)

Aktualisierung: Es gibt inzwischen völlig widersprüchliche Berichte in den Medien, die alle besagen, dass einer der jungen Männer – Bellal Biljalow – tot aufgefunden wurde, die Angaben über die Todesursache sind aber völlig unterschiedlich. Wir werden so bald wie möglich eine umfassende Aktualisierung liefern.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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