Slawa Rabinowitsch: Wie sich Putin verspielt hat

 

16. Oktober 2014 • Archiv, Russland

Slawa Rabinowitsch, russischer Wirtschaftswissenschaftler

“Meiner bescheidenen Ansicht nach hat Putin in 2014 (plus/minus) sieben verhängnisvolle Fehler begangen, drei davon versteht er selbst ausgezeichnet – vier nicht, wird er aber bald.

Fehler 1

Er dachte, er sei ein mächtiger, willensstarker Politiker, der von der absoluten Mehrheit der Bevölkerung Russlands unterstützt wird, die europäischen Politiker seien aber schwach, schlaff und dumm. Und er hat in diesem „großen politischen Spiel“ beschlossen, das erste dem zweiten entgegenzustellen, überzeugt davon, dass er „Europa zersplittern kann“. Und wenn die Richtigkeit der ersten Behauptung eine strittige Frage ist, so ist die zweite Behauptung schlicht und einfach falsch. Anstatt sich zu spalten, hat sich Europa gegen die russische Aggression zusammengeschlossen. Gegen eine verbrecherische Aggression,  eine militärische, und erst recht gegen die terroristische.

Fehler 2

Er hat überhaupt nicht erwartet, dass die USA, Kanada, die EU, Japan und andere Länder politische und wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland, einzelne russische Firmen und seinen engsten „Umkreis“ einführen werden. Wie man da oben sagt, war er ursprünglich völlig geschockt. Es sieht ganz so aus, als ob Alexej Kudrin nun der einzig reale „Botschafter“ Putins hinter den Kulissen ist, der versucht, die Sanktionen hinzubiegen. Aber Kudrin ist kein Zauberer, und das weiß er. Die Sanktionen sind eingeführt worden und werden bleiben, nicht weil Kudrin es „nicht geschafft hat“, sondern weil momentan gar nicht beabsichtigt wird, die Bedingungen der völligen Sanktionsabschaffung zu erfüllen.

Mehr noch – mir persönlich ist nicht wirklich verständlich, ob Putin die Situation tatsächlich absolut kontrolliert. Zum Beispiel hat man mir eine Geschichte erzählt, der zufolge Gennadij Timtschenko, finnischer Staatsbürger und nun auch ein ehemaliger Aktionär der Firma „Gunvor“, einer der größten Ölhändler der Welt (der vom weltweiten Ölverkauf fast aller russischer Firmen fast alles abgesahnt hat), zu Putin gekommen sei und seinem Freund seine sehr starke Unzufriedenheit mit der Situation mitgeteilt hat, in der er selbst höchstpersönlich unter die Sanktionen gekommen sei und schon am 19. März gezwungen war, schnellstmöglich seine Anteile an der „Gunvor“ an seinen „Partner“ Torbjörn Törnqvist zu verkaufen. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber es heißt, dass zu dem Zeitpunkt, als Timtschenko irgendsowas da gesagt hatte und seinen „Unmut“ geäußert hatte, ihm nicht Putin, sondern jemand anderer (jemand vom Sicherheitsrat?) geantwortet habe, wenn er nicht sofort „die Fresse hält, so ist die Liege von Chodorkowski noch warm“. Ich kann nicht beutreilen, wie wahrheitsgemäß diese Story ist, aber wenn es wahr ist, dann fragt man sich: Wer kann sich denn erlauben, so mit einem engen Freund von Putin zu reden? Patruschew? Bortnikow? Schoigu? Wer noch? Jemand hinter den Kulissen, den wir gar nicht kennen? Von „welchen“? Und wenn dem so ist, was bedeutet das? Wie ist das möglich? Putin hat keine volle Kontrolle darüber, was jemandem in Bezug auf seine Freunde zu sagen oder sogar zu tun erlaubt ist?

Die Sanktionen sind ein Schock für Putin. Waren es, sind es und werden es sein. „Unvorhersehbare Umstände“. Unvorhersehbar allein aus dem Grund, dass man in der KGB-Akademie so etwas nicht unterrichtet hat. Eigentlich hat man so etwas an der juristischen Fakultät der Leningrader Universität auch nicht unterrichtet, bei allem Respekt gegenüber Anatolij Sobtschak. Welche juristische Bildung haben die Schüler und die Studenten zu UdSSR-Zeiten bekommen? In der Schule, soweit ich mich erinnere, gab es das Fach „Grundlagen des sowjetischen Staates und Rechts“. Oder war das an der Uni, im ersten Jahrgang? Weiß ich nicht mehr… Im ersten Jahrgang gab es an allen Universitäten Fächer wie „Geschichte der KpdSU“, „Marxistisch-leninistische Philosophie“, „Politwirtschaft“. Weiter hat man an der juristischen Fakultät der LU [Leningrader Universität] sowjetisches Recht unterrichtet, gestützt hat man sich dabei auf die UdSSR-Verfassung, StGB der UdSSR usw. Und zu jenen Zeiten beinhaltete dies den StGB-Paragraphen über antisowjetische Propaganda und Staatszersetzung der sozialistischen Staatsform, wie auch Paragraphen über den Währungsverkauf, wobei der über das Kaufen/Verkaufen ausländischer Währung nicht nur dumm war: Man hatte so etwas niemals in den Händen gehalten. Dafür hätte man nämlich eine reale Gefängnisstrafe bekommen. Slo etwas hat man Putin, Medwedew usw. unterrichtet, an all diesen „juristischen Fakultäten“- Fuck [sic!].

Darauf folgte das KGB, der dienstliche Aufenthalt in der DDR, die Arbeit mit dem Stasi, und keine Berförderung bei der Rückkehr in die UdSSR, sondern – wie man so erzählt – eine Degradierung und Abberufung aus dem KGB. Man sagt, die dienstliche Beurteilung war „geht so“. Und ich weiß noch nicht mal, ob das gut oder schlecht war, vom Standpunkt dessen, was man über Putin jener Zeit denken sollte und konnte – über den Major des KGB im Dienst in der DDR.

Von allen Mitgliedern des Staatssicherheitsrats Russlands gibt es keinen einzigen Menschen, der ein Verständnis dafür haben könnte, wie die ganze äußere zivilisierte Welt lebt und arbeitet, vom Standpunkt der Folgen einer militärischen und terroristischen Aggression, wie auch vom Standpunkt der Folgen einer Annexion fremder Territorien. Weder der sogenannte „Leistungsteil“ des Staatssicherheitsrats noch die nominalen Figuren, die pflichtgemäß in den Staatssicherheitsrat hineingeraten sind (wie Matwienko und Naryschkin), haben einen blassen Schimmer davon, was Sanktionen sind, und dass sie überhaupt möglich sind. Um so weniger wie man damit umgeht, wenn sie mal eingeführt werden. Und der „Wirtschaftsteil“ der Regierung hat gar nichts gewusst: Die Entscheidung über die Abstimmung des Föderationsrats am 1. März wurde gänzlich ohne diesen „Wirtschaftsteil“ getroffen. Und auch wenn sie es gewusst hätten, hätten sie all die möglichen Folgen nicht erklären können, denn unter ihnen gibt es einfach keinen einzigen Wirtschafts- oder Finanzpraktiker in einer Größenordnung wie zum Beispiel Hank Paulson. Oder wenigstens wie Ruben Wardanjan, wenn man schon von den Praktikern in unserem Land spricht.

Fehler 3

Hier ist alles einfach. Putin dachte, dass die Ukraine, sobald er ein Streichholz anzündet, und es in die Ukraine wirft, sofort in zwei Teile zerfällt und der östliche Teil dem Kreml von allein in die Arme sinkt. Das Land ist wirtschaftlich am Rande des Abgrunds, eine Armee gibt es als solche nicht, das Land wird von „komischen Typen“ regiert.

Anstatt dessen – was für ein Schock!- hat sich die Ukraine zusammengerafft, und das so dermaßen, dass das kein ukrainischer Politiker hätte besser und stärker zusammenschließen können. Das hat das Volk selbst gemacht, nicht ein Politiker. Das Volk, das zuvor auf dem Maidan bewiesen hatte, was es selbständig machen kann. Und jetzt ist Putin, ohne es selbst zu wollen, zu einem Gründervater einer modernen ukrainischen Nation geworden. Auch ein Fehlschuss von ihm.

Hier gehen die Fehler zur Ende, die er wahrscheinlich für sich selbst schon eingesehen hat. Es fangen die Fehler an, die ihm noch nicht bewusst geworden sind.

Fehler 4

Ich habe schon viel darüber gesprochen, mehrere Monate in Folge: die „Toxizität“ von ganz Russland. Es ist unwichtig, was Sie sind oder wo Sie sind, unter Sanktionen oder nicht. Für das Weltfinanzsystem ist Russland fast schon ein Tabu geworden. Toxisch. Fass’ es nicht an, es kann töten. Und damit kann man nichts machen, nicht nur bei kurzfristigen Perspektive, sondern auch bei mittelfristigen. Das wird Russland keine Milliarden, keine Dutzende Milliarden, keine Hunderte Milliarden, sondern Trillionen von Dollar kosten.

Fehler 5

Die Trägheit der Wirtschaft – das ist ein sehr wichtiger Faktor. Die Wirtschaft kann man nicht an einem Tag, in einer Woche, Monat, Quartal tiefgreifend verbessern. Nehmen wir mal an, dass morgen die äußere wie auch die innere Politik eine Wendung um 180 Grad macht, nach den Rezepten, die ich fast im vollen Umfang schon angegeben hatte. Für das Aufscharren dieses ganzen Drecks wird man im besten Fall 6-7 Jahre brauchen. Nein, natürlich konnte man schon in 12-18 Monaten eine deutliche Verbesserung spüren, wenn man sich morgen um 180 Grad dreht….. aber realistisch braucht es 6 oder 7 Jahre, um zu dem Punkt zurückzukehren, von welchem Russland in 2007 heruntergefallen ist. Wenn man miteinbezieht, dass sieben Jahre seit 2007 vergangen sind, reden wir insgesamt von 14 Jahren des „Wiederaufbaus“. Für so etwas gibt es zum Beispiel in der USA den politischen Tod. Wobei, nicht nur für so etwas.

Fehler 6

Putin hat es nicht verstanden, und versteht noch immer nicht, dass man seine Handelspartner nicht angreifen darf. Und das bezieht sich nicht nur auf die Ukraine. Die ganze zivilisierte Welt hat es persönlich genommen. Nicht nur die EU (die es natürlich in erster Linie persönlich genommen hat). Das gilt auch für die USA, Kanada, Japan, Australien usw. Und wenn man schon von großen Partnern spricht, dann ist es die EU, in die man schon auch die Ukraine einbeziehen kann – nicht vom jetzigen politischen oder ökonomischen Standpunkt aus, sondern einfach nur vom Standpunkt des Handels aus. Die Ukraine kauft selber Gas (zum Beispiel bei Russland) und dient als Transitgebiet ins restliche Europa. Wie kann man bloß die Ukraine angreifen, und somit auch Europa??? Das sind deine KÄUFER!!! Kunden! Das ist Russlands „Kundendienst“?

Jahrelang hat Russland Europa schon mit diesen „Gaskriegen“ erpresst, alle waren doch schon müde davon. Und nun hat es auch noch ein fremdes Territorium annektiert und hat in einem Nachbarstaat, der sein Handelspartner und Käufer ist, einen Krieg angezettelt. Von einer jahrelangen Erpressung zu einem realen Krieg.

Und für diesen „Kundendienst“ wird Russland einen sehr hohen Preis zahlen. Es wird die Absatzmärkte aller seiner Hauptwaren verlieren.

Hier hat’s Putin wirklich allen gezeigt.

Fehler 7

Internationale Klagen. Das ist ein Thema für sich, aber vor uns liegen Summen, die sich womöglich auf eine Trillion Dollar Gesamtsumme belaufen werden. Für die Krim, für den Osten, für die Boeing, für alles. Sehr viel. Russland wird auch dann noch lange zahlen müssen, wenn es auf natürliche Art und Weise schon keinen Putin mehr geben wird, wie es auch mich nicht mehr  geben wird, oder dich….

Das wäre jetzt alles. Vom Wichtigen. Drei sind ihm bewusst, vier nicht (noch nicht)

Ein politischer Tod? Bis jetzt hat er nur andere in den Tod geschickt. Nicht nur Soldaten. Manche werden sagen: die „Kursk“, Tschetschenien, die Moskauer Wohnhäuser, Beslan, Nordost, Sobtschak, Litwinenko, sogar du und ich. Ich weiß nicht, ich habe dieses „Portfolio“ nicht erstellt und auch nicht studiert. Kann es aber bereitwillig glauben. Denn „Unter Menschen ist uns der Tod auch schön“. Und hier meint „uns“- dich und mich, aber nicht ihn.

Quelle: Slawa Rabinowitsch (Facebook)

Übersetzung: Irina Schlegel

Lektorat: Euromaidan Press auf Deutsch

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