Verfolgung von Protestanten im Rebellengebiet

 

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von Brad Bird

Lemberg, Ukraine – Protestanten und proukrainische Bewohner in den Kriegsgebieten der östlichen Ukraine werden von separatistischen Rebellen verfolgt und zur Flucht gezwungen, sagt ein Mann aus Region Luhansk.

“Die Separatisten sagen, alle protestantischen Kirchen sind amerikanische Spione, insofer gibt es Unterdrückung aus religiöseen Gründen,” sagte Jurij Radtschenko, 46, aus der Stadt Symohirja. Radtschenko protestantischen Glaubens und wurde nach eigener Aussage zweimal beschossen, bleib aber unverletzt.

“Alle Religionsgemeinschaften mit Ausnahme der russisch-orthodoxen sind bedroht. Mein Eigentum wurde mir genommen, und wir haben nichts mehr,” sagte er. Andere Quellen, darunter ein aktueller Bericht des Menschenrechtskommissariats der Vereinten Nationen, bestätigen, dass die Rebellen und ihre Unterstützer plündern.

“Das ist das Problem. Ich habe alles im Osten der Ukraine verloren,” sagte Radtschenko. “Wer dort bleibt, ist Drohungen oder Unterdrückung ausgesetzt und wird zusammengeschlagen. Das ist die Tragödie. Wenn die Separatisten merken, dass jemand pro-Ukraine ist, leiden sie sehr. Es ist wie eine ethnische Säuberung. Entweder man geht oder man leidet.”

Jurij Radtschenko sagt, er ist beschossen wurden und man habe ihm sein Haus weggenommen

Jurij Radtschenko sagt, er ist beschossen wurden und man habe ihm sein Haus weggenommen

Radtschenko und andere Inlandsflüchtlinge (IDPs) sprachen vor kurzem auf einem ehemaligen Militärgelände in der Stadt Wynnyky, östlich von Lemberg, über einen Dolmetscher mit einem Reporter. Über 200 Männer, Frauen und Kinder werden dort von der evangelischen Kirchengemeinschaft der Barmherzigen Samariter berherbergt und verköstigt, sagte der Kanadier Roman Yereniuk, der bei der Finanzierung mithilft.

“Viele Protestanten werden von der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine nicht toleriert,” sagte er. “Die beiden anderen orthodoxen Kirchen haben gute ökumenische Beziehungen zu den Protestanten. Viele Menschen sind aus dem Osten in den Westen geflohen.”

Etwa 375.000 Inlandsflüchtlinge sind vor der Gewalt im Osten geflohen und leben überall in der Ukraine weitgehend von ihren Ersparnissen und der Großzügigkeit von Freunden und Familien, berichtete das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen am 8. Oktober. Der Bericht bestätigt, dass [im Osten] Verfolgung stattfindet.

Einige der Flüchtlinge in der Nähe von Lemberg kamen vor vier Monaten an, andere erst vor kurzem, sagte eine ihrer Sprecherinnen, Elena Pawlenko. Alle haben eine ähnliche Geschichte der Angst um ihr Leben als folge direkter Drohungen oder Bedenken, ins Kreuzfeuer zwischen ukrainischen und separatistischen Kräften zu geraten.

In einem kürzlich erschienen Artikel in der ukrainischen Zeitung ‘Den’ (‘Der Tag’) sagte Mykola Siry, vom Koretzky-Institut für Staat und Recht: “Wir reden hiern über systematische Folter von Menschen in den Regionen Luhansk und Donezk, von vorsätzlichen Morden. Das ist eine Form der Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. ”

Im Nahen Osten greift ISIS die Zivilbevölkerung wegen ihres Glaubens an und tötet Menschen, und die internationale Gemeinschaft geht militärisch dagegen vor. Aber Gewalt geschieht auch gegen die Zivilbevölkerung im Osten der Ukraine, dort weicht der Westen dem Engagement aus.

Für Elena Pawlenko wuchsen die Befürchtungen, als die Separatisten einen Raketenwerfer neben ihrem Haus aufbauten. Der Lärm war ohrenbetäubend, sagte sie, und sie befürchtete, von ihrer eigenen Seite bombardiert zu werden. Ihr Mann organisiert humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge, und sie haben ein kleines Kind. Die Rebellen, eine Mischung aus einheimischen Männern, die gegen Kyiw eingestellt sind, und Ausländern, die nach Pawlenkos Aussage aus Russland kommen, beschießen den ca. acht Kilometer entfernten Flughafen [von Donezk] und versuchen, die ukrainischen Streitkräfte von dort zu vertreiben

Elena Pawlenko, einer der Sprecherinnen der Gruppe, im Gespräch mit einem Reporter

Elena Pawlenko, einer der Sprecherinnen der Gruppe, im Gespräch mit einem Reporter

Die ukrainischen Streitkräfte und die pro-russischen separatistischen Kämpfer begingen vor kurzem den Ablauf von einem Monat seit der Unterzeichnung eines vom Kreml unterstützten Waffenstillstand mit einer der heißesten Schlachten des sechsmonatigen Kriegs in Donezk. Nach ukrainischen Abgaben sind seit dem Waffenstillstand vom 5. September 75 Soldaten und Zivilisten getötet worden. Präsident Petro Poroschenko hofft, dass der brüchige Waffenstillstand, der als Teil eines Friedensplans unterzeichnet worden war, auch über die Parlamentswahlen am 26. Oktober hinaus halten wird.

Elena Pawlenko sagte, viele Soldaten seien bei den Kämpfen getötet worden und verweist auf ein “Massengrab” in der Nähe des Flughafens. Über 400 Zivilisten seien ihr Wissens in Luhansk gefalllen. Die meisten Menschen sind geflüchtet, sagte sie, und wer dort blieb, muss im Haus bleiben. Tausende von Vertriebenen sind auch nach Russland geflüchtet.

Die Protestanten machen etwa 2,4 Prozent der ukrainischen Bevölkerung aus, aber die Ukraine wird auch al “Bibel-Gürtel” in Osteuropa bezeichnet und ist ein Zentrum der evangelischen Kirche Leben und die Mission. Die meisten Menschen sind ukrainisch-orthodox (40 Prozent), russisch-orthodox (30 Prozent) oder gehören der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche an (14 Prozent). Katholiken machen 1,7 Prozent der Bevölkerung aus, Muslime 0,6 Prozent und Juden 0,2 Prozent.

Durch den Verlust der Krim im März schienen sich die Spannungen zwischen den orthodoxen Kirchen zu reduzieren – ein Pro-Moskau eingestellter Prälat verurteilte Putin sogar als “Banditen” – aber eine bittere Spaltung bleibt.

Jurij Radtschenko, der für eine  gemeinnützige Organisation arbeitete, die Drogenabhängige und ehemalige Gefängnisinsassen unterstützte, sagte, auch Pfarrer wurden gefoltert. Er nannte das Beispiel eines Menschen, der verletzt wurde und in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, wo auch Separatisten behandelt wurden . Als sie hörten, wie er missionierte, meldeten sie das ihren Führern, die den Mann aus dem Krankenhaus holten, ihn verprügelten und ihn im Glauben, er sie tot, in einem Wald liegen lie´ßen. Gemeindemitglieder fanden ihn schließlich, und er erholt sich, sagt Radtschenko.

Das war der Zeitpunkt, als er Freunde um einen Platz für ihn und seine Familie – Frau, vier Kinder und Schwiegermutter – bat. Seine Frau und seine Kinder sind vor vier Monaten hier angekommen, aber er blieb bis Mitte September zu Hause.

All das begann im vergangenen November mit massiven Protesten in der Ukraine, als der ehemalige Präsident Wiktor Janukowytsch es abgelehnt hatte, ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union zu Gunsten einer Abmachung mit Russland zu unterzeichnen. Er wurde im Februar aus dem Amt vertrieben, da der größte Teil des ukrainischen Volkes eine enge Beziehungen mit der EU als wesentlich für die Beseitigung eines korrupten Systems ansah. Die Ukraine ist auch tief verschuldet, und Janukowytsch wurde auch deswegen verachtet, weil er sich die eigene Tasche und die seiner Familie und Freunde gefüllt hatte. Aber seine Abreise missfiel dem Kreml und führte zu einem bewaffneten Aufstand von pro-russischen Rebellen im Osten und der Annexion der Krim durch Russland.

Wie die 17-jährige Studentin Walentina am Denkmal auf dem Platz der Unabhängigkeit oder Maidan sagte: “Russland wollte uns beherrschen, deswegen gibt es die Kämpfe im Osten.”

Ein weiterer aus dem Osten geflohener Mann, Wassilyj Klimow, 40, verheiratet, vier Töchter sagte, die Dinge gingen schnell aus dem Ruder in seiner Heimatstadt Krasnodon:

“Als der Krieg begann, nahmen sich Einheimische, die kriminelle Banden gebildet haben,  Waffen von irgendwoher und eroberten die Polizeistation, und die Polizisten ergaben sich und schlossen sich ihnen an. Als nächstes sprengten diese Separatisten das Zollhaus an der Grenze nach Russland.”

Klimow sagte, es sei schrecklich gewesen, in die Stadt zu fahren, weil die bewaffneten Rebellen ohne Uniformen offen die Autos und Menschen anhielten. “Man musste Angst haben, etwas zu sagen, womit man sie provoziert. Einige Freunde haben gehört, wie Menschen in den Autos schrieen, man Hörte Schüsse. Deshalb haben wir gepackt und flohen im Juni auf die Krim.”

Aber die Familie verließ Krim 22. September wieder, weil “dort die Unsicherheit in der Luft hängt und einige Leute erwarten, dass der Krieg auch auf die Krim kommt”. Dort ist der einzige  Warmwasserhafen Russlands (den es gemietet hatte) und der Heimathafen der russischen  Schwarzmeerflotte.”Die lokalen Behörden wollen die Krim zurück haben”, meint Klimov, “und die einheimischen Tataren (die Moslems sind und mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen) sind gegen die Annexion der Krim.”

Wassilyj Klimow mit drei seiner Töchter; sie flohen zweimal

Wassilyj Klimow mit drei seiner Töchter; sie flohen zweimal

Die Annexion geschah nach dem Referendum vom 16. März und ergab [nach offiziellen russischen Angaben] eine 97-prozentige Unterstützung für den Anschluss an Russland. Auch wenn die Abstimmung manipuliert wurde, meinen einige Menschen, die meisten Krim seien für den Wechsel gewesen, andere sagen, eine Mehrheit habe den Status-quo erhalten wollen. Auch einige Ukrainer, die noch der Sowjetzeit nachtrauern, glauben, dass unter Russland ihre alten Gewohnheiten besser geschützt werden würden.

Wie viele hier glaubt Pawlenko, dass der Krieg teilweise wegen des Wunsches des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach einem Landweg zur Krim geführt wird.

Putin hat gesagt, seine Sorge gelte dem Schutz der ethnischen Russen. Er hat die ukrainischen Truppen beschuldigt, sich in dem Konflikt “wie die Nazis” zu verhalten, weil sie in Wohngebiete in Städten und Gemeinden schossen, wie dies im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen in der ehemaligen Sowjetunion getan haben.

Propaganda kommt von beiden Seiten, aber ein Großteil davon kommt aus Russland. Russische Militärführer haben im Fernsehen behauptet, dass in der Region nur Ukrainisch gesprochen werden könne, während in Wirklichkeit Russisch ungehindert und legal verwendet wird. Der UN-Bericht besagt, dass Propaganda und Hetze zu Spannungen im Osten der Ukraine führe, was dazu führen könnte, dass die Region wie die Krim wegbricht.

Das Sprachenproblem ist ein wunder Punkt. Ukrainisch ist die einzige offiziell anerkannte Sprache, was dem Aufbau der nationalen Einheit eher abträglich ist. Viele Menschen sprechen Russisch, besonders in den Städten, während Ukrainisch eher auf dem Land gebräuchlich ist. Der Dolmetscher Jewhenij Sinjelnikow, ein 27-jähriger Geschäftsmann und ehemaliger Doktorand aus einer Stadt in der Nähe von Kyiw, sagte, dass viele eine gemischte russisch-ukrainische Sprache namens “Surschyk“ verwenden, nach einer Mehlmischung.

Ein weiteres Problem ist die Korruption im Rechtssystem: Bestechung von Richtern ist weit verbreitet.

Aber der Hauptgrund für die Unzufriedenheit in der Region ist nach Sinjelnikows Ansicht der Mangel an Kontrolle über die lokalen Steuern, Ausgaben und andere Angelegenheiten. Während Länder wie Kanada ihre Regionen gestärkt haben und die Beschwerden der in den Randregionen lebenden Bevölkerung abmildern konnten, ärgern sich viele im Osten über die Kyiwer Kontrolle über ihr Leben. Für sie riecht das nach Sowjetunion im schlimmsten Sinne.

Das seit einem Monat geltende Waffenstillstandsabkommen löst dieses Problem, da den von Rebellen kontrollierten Gebieten eine größere Autonomie gewährt werden soll. Aber der separatistische Geist ist aus der Flasche, und es wird schwer sein, ihn dahin  zurück zu stopfen.

Brad Bird reist in der Ukraine der Region umher. Mehr Informationen über die Flüchtlingslager gibt es hier: teenagerfund.org.ua

Titelbild: Eine orthodoxe Kirche mit Blick auf Luhansk im Rauch von Einschlägen

Quelle: Euromaidan Press

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

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