Lew Gudkow (Lewada-Zentrum): Die Ukraine hat alles überschattet

 

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Lew Gudkow: 84 Prozent glauben an die „Feinde Russlands“

Lew Gudkow spricht über die antiwestlichen Tendenzen in Putins Russland, die alle bisherigen Umfrageergebnisse in den Schatten stellen. (RFE/RL – auszugsweise Übersetzung)

„Der Westen steht vor den Toren!“

Das hat es noch nicht gegeben. 84 Prozent der durch das Lewada-Zentrum befragten Russen sind der Ansicht, dass Russland von Feinden umzingelt sei. Gleichzeitig sprechen sich 66 Prozent der Befragten dafür aus, die Beziehung „mit dem Westen“ zu erneuern.

Die Frage „Stimmen Sie der Aussage zu, dass zwischen Russland und der Ukraine Krieg herrscht?“ bejahten lediglich 26 Prozent der Befragten. 59 Prozent verneinten die Frage, und 15 Prozent wussten darauf keine Antwort.

Professor Lew Gudkow, Soziologe, Doktor der Philosophie und Direktor des Lewada-Zentrums in Russland, im Gespräch mit Michail Sokolow über antiwestliche Ressentiments und die Schizophrenie in den Köpfen russischer Staatsbürger. [Es handelt sich um eine stark gekürzte Version der Niederschrift des einstündigen Gesprächs. Längere Kürzungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet, Anm. d. Übers.]

Michail Sokolow: Je nach Datensatz sehen bis zu 80 Prozent der Befragten im Westen den Feind Russlands – das ist die höchste Anzahl überhaupt in der Geschichte Russlands. Herrscht wirklich so eine starke antiwestliche Stimmung im Land?

Lew Gudkow: Die Frage, ob Russland Feinde hat, haben 84 Prozent mit einem „Ja“ beantwortet. Das ist der höchste Wert in den 25 Jahren, die wir diese Frage nun schon stellen. Die gefährlichsten Feinde wiederum, das sind natürlich die verdeckten Feinde im Inneren des Landes.

Wir stellten diese Frage das erste Mal im Februar 1989. Damals antworteten 13 Prozent mit einem „Ja“ und zählten folgende Feinde auf: CIA, Islamisten, Kommunisten, Demokraten, Separatisten – alle diese Gefahren zusammen kamen also nur auf 13 Prozent.

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Michail Sokolow: Inwieweit vermuten Sie eine künstlich geschaffene Mobilisierung hinter den Zahlen? Oder haben wir es mit einem genuinen Trend der öffentlichen Meinung zu tun, Ursachen für Probleme und Feinde vermehrt außerhalb Russlands zu sehen?

Lew Gudkow: Man kann beobachten, dass die Zahlen mit der Amtsübernahme Putins schlagartig angestiegen sind und dann einen Höhepunkt erreichten. Nach dem Beginn des Zweiten Tschetschienkrieges, nach der Geiselnahme von Beslan, nach der Tragödie von Nord-Ost sehen wir mit 78 Prozent den ersten Spitzenwert erreicht. In diesem Sinne spiegelt sich in dem Ergebnis tatsächlich der Propaganda-Erfolg wider. Aber selbst die beste Propaganda ist nur dann wirksam – und real – wenn die Leute sich mit ihren Inhalten identifizieren und ihr glauben wollen. Propaganda muss in gewissen Sedimenten des Bewusstseins Anklang finden.

In gewisser Hinsicht ist dies eine Reaktion auf trübe Zukunftsaussichten, ein mangelndes Selbstbild oder auch ein Ausgangspunkt für das Selbstwertgefühl. Die Perspektivlosigkeit, das ungenutzte Potential, Frustration, Bitterkeit und Aggression innerhalb des Landes schreien geradezu nach einer Erklärung. Derjenige, der diese Erklärung liefert, hat in Hinsicht auf Manipulation und ihre Stoßrichtung ein leichtes Spiel.

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Michail Sokolow: Ein kleiner, siegreicher Krieg kann große innenpolitische Probleme lösen. Was halten Sie von dieser These mit Blick auf die Annexion der Krim und den darauffolgenden Krieg im Donbas?

Lew Gudkow: Ich denke nicht, dass die russischen Machthaber so genau auf unsere Daten schielen. Tatsächlich stellt sich die Frage, welche Daten ihnen überhaupt vorgelegt werden, welches Bild sie von der Stimmung in der Ukraine, von der Unzufriedenheit, vermittelt bekommen. Davon nichts mitzubekommen ist nicht leicht, schließlich dauerten die Proteste fast zwei Jahre an.

Michail Sokolow: Doch selbst als die Demonstrationen an Intensität verloren wurden, gingen die Popularitätswerte in den Keller.

Lew Gudkow: Ich bin der Meinung, dass die Situation in der Ukraine aus mehreren Gründen eine ernste Bedrohung für Putins Regime darstellt. Erstens durch die Zerstörung einer geopolitischen Idee. Für Putin ist die Existenz der Eurasischen Union – einer Mini-Ausgabe der Sowjetunion, wenn Sie so wollen, einem Bündnis von antieuropäischen Diktaturen unter der Führung Russlands – von unschätzbaren Wert für den innenpolitischen Machterhalt. Es geht hier um die Außendarstellung als Großmacht, wenn auch in kleinerer Form. Dieses Thema ist äußerst wichtig.

Werfen Sie einen Blick auf die Umfragen während der Wirtschaftskrise Ende der 90er Jahre: Angesichts von Stagnation, Depression und Desorientierung können Sie erstens sehr starke Erwartungen hinsichtlich eines autoritären Herrschers beobachten, eines Erlösers, der das Land aus der wirtschaftlichen Krise führt. Zweitens haben Sie massive Erwartungen in Bezug auf den Status Russlands als Großmacht. Das ist ein wichtiger Punkt: Damals wurden wir respektiert und gefürchtet und konnten auf diese Weise den elenden Privatalltag des kleinen Mannes kompensieren.

Michail Sokolow: Der kleine Mann sehnt sich also danach, Teil eines größeren Ganzen zu sein?

Lew Gudkow: Auf diese Weise definiert er sich. Zwar leben wir schlecht, arm, schmutzig, müssen unsere Wut unterdrücken und so weiter. Doch dafür wissen wir, wie man Raketen baut. Dieses doppelte Bewusstsein hat große Bedeutung, da es zum einen der Kompensation dient und gleichzeitig die Machthaber schützt.

Michail Sokolow: Und die Ukraine hat entschieden, kein Teil dieser neuen Sowjetunion zu werden?

Lew Gudkow: Nicht nur das. Die Ukraine hat Russland mit großer Entschiedenheit die Maske vom Antlitz gerissen und ihr wahres Gesicht gezeigt – gezeigt, was passiert, wenn sich selbst ein so brüderliches Land mit ähnlicher Seele, Sprache, Kultur und Geschichte von ihr abwendet. Das ist ein einzigartiger Vorgang. Darüber hinaus sollten nun keine Illusionen mehr über die vermeintliche Ähnlichkeit unserer Machtregime bestehen. Die Ähnlichkeiten zwischen Putin und Janukowitsch waren nur oberflächlicher Natur.

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Michail Sokolow: Die USA sind der „Hauptfeind“ – und überhaupt sind viele der Meinung, dass es sich bei den zwei Kriegsparteien in der Ukraine um Russland und die Vereinigten Staaten handelt, während die Ukraine nur als Schlachtfeld dient. So verkauft uns die Propaganda diesen Krieg.

Lew Gudkow: Das war der Ausgangspunkt der Propaganda. Das Argument war, dass der Maidan vom Westen organisiert und finanziert wurde. Das ist ein wichtiger Punkt, weil die Propaganda das Ziel hat, die demokratische Bewegung zu diskreditieren, die in der Ukraine gegen das korrupte Regime auf die Straße gegangen ist und nun versucht, einen völlig neuen Staat auf rechtsstaatlichen Prinzipien zu errichten – und dies geht nur durch die Integration in die Europäische Union.

Michail Sokolow: Aus genau diesem Grund wird die Opposition in Russland, die ähnlich argumentiert, so stark drangsaliert.

Lew Gudkow: Auf jeden Fall. Am einfachsten lässt sich das dadurch bewerkstelligen, indem man die europäischen Werte schlechthin diskreditiert: Menschenrechte, Freiheit, Liberalismus – sämtliche Ideen der westlichen Demokratien.

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Michail Sokolow: Kommen wir auf die erste Phase der Ukraine-Krise und ihre Rezeption in der Öffentlichkeit zurück: Wie groß ist der Anteil der Russen, die fest an die Rechtmäßigkeit der Krim-Annexion glauben?

Lew Gudkow: Die Zahl ist leicht zurückgegangen: Von 84 Prozent auf nunmehr 75 Prozent, die die Annexion befürworten. Ein klein wenig Ernüchterung ist eingetreten.

Michail Sokolow: Der Krieg im Donbas, der Umstand, dass dort nicht nur „Freiwillige“ kämpfen, sondern auch die russische Armee, die hohen Verluste und so weiter: Wie sieht es mit der Unterstützung gegenüber der russischen Militärinvasion aus?

Lew Gudkow: Während im März noch 74 Prozent die direkte militärische Beteiligung russischer Streitkräfte befürwortet haben, ist diese Zahl heute, nach den Sanktionen, nach den Gegenmaßnahmen, nach den ersten russischen Kriegsopfern, auf schätzungsweise 38 bis 40 Prozent gesunken.

Michail Gudkow: Ist der Anteil beständig im Sinkflug?

Lew Gudkow: Der Anteil sinkt nachhaltig. Ich denke, dass er weiter fallen wird. Es gibt jedoch einen großen Anteil von Leuten, die zwar den Informationskrieg und die Unterstützung der Separatisten im Donbas befürworten – aber dem Einsatz der russischen Armee ablehnend gegenüberstehen. Dem direkten Einsatz des Militärs befürworten nicht mehr als 30 Prozent. Ein großer Teil der Befragten fürchtet sich vor einer Eskalation der Auseinandersetzung zu einem größeren Krieg. Deshalb forderten die Befragten in den Umfragen von April, Mai und Juni eine diplomatische Rolle ein – und keine militärische. Die öffentliche Meinung will das nicht. Zumindest fürs erste.

Michail Gudkow: Landesweit spricht sich die Mehrheit dafür aus, die separatistischen Regionen in die Russische Föderation einzugliedern, oder?

Lew Gudkow: Der Anteil der Befürworter schrumpft. Mittlerweile sind rund 50 Prozent – vielleicht ein wenig mehr – dafür, die Regionen anstelle der Eingliederung als de-facto Staaten unter russischem Protektorat zu behandeln.

Michail Gudkow: Das heißt, die öffentliche Meinung steht plötzlich in Einklang mit der russischen Propaganda?

Lew Gudkow: Eine andere Sprache sprechen die Menschen nicht, im Grunde genommen kennen sie nur die Sprache der Propaganda.

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Quelle: REF/RL

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

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