Das armselige Leben der Putin-Trolle

 

Archiv, Russland

Seit Beginn der Krise in der Ukraine leiden die sozialen Netzwerke und die Kommentar-Bereiche von Nachrichten-Webseiten unter einer Lawine von pro-russischen Kommentaren. Eine Untersuchung [der Süddeutschen Zeitung] ergab, dass zumindest ein Teil davon lediglich ein weiterer Bestandteil von Putins Informationskrieg ist, Hunderte Kommentatoren stehen auf der Gehaltsliste. Vor kurzem bekam ein auf der St. Petersburger Nachrichten-Webseite dp.ru veröffentlichtes Interview mit zwei ehemaligen “Putin-Trollen” eine erhebliche Resonanz im “runet” (russisches Internet). Der Bericht beschreibt eine solide Internet-Kommentarfabrik mit etwa 250 Mitarbeitern, von denen viele überraschenderweise – wie sich herausstellte – nicht der Gehirnwäsche unterzogene Propagandisten sondern ganz normale Menschen waren, die damit Geld verdienen wollten.

Auf die Frage, warum sie mehrere Monate lang als bezahlte Blogger gearbeitet hatten, zitierten die beiden ehemaligen Mitarbeiter der Firma “Internet Research” LLC ironisch eine russische Internetweisheit [Anm. des. Übers.: in der englischsprachigen Einleitung “meme”]: “Ich war jung und brauchte Geld.” Der Name des Unternehmens ist in der Kriegs-Blogger-Welt seit langem bekannt. Die bezahlten Trolle, die sich bis vor kurzem in ein Büro in Olgino am Stadtrand von St. Petersburg quetschen mussten, sind jetzt in ein neues 4-geschossiges Büro am Ufer des Flusses Newa umgezogen.

Rund 250 Menschen arbeiten in 12-Stunden-Schichten, sie verfassen rund um die Uhr und ohne Pause Blog- Beiträge, meist auf der russischen Blogging-Plattform Livejournal und dem Facebook-ähnlichen sozialen Netzwerk Vkontakte. Es handelt sich um einen kompletten Zyklus eines Produktionprozesses: Einige schreiben Beiträge, andere kommentieren sie. Meistens kommentieren sie sich untereinander, um das Rating zu erhöhen. Die Message ist immer die gleiche: der gute Putin, der schlechte Poroschenko und der hässliche Obama. Die beiden ehemaligen Mitarbeiter der Internet-Loyalitätsfabrik erzählten dp.ru über deren Innenleben.

Wir sitzen in einer aufgeräumten Küche in einer gewöhnlichen Wohnung. An den Wänden hängen keine Bilder von großen Führern. Ein Geruch nach Suppe. Eine Katze streicht um jedermanns Füße. Ein junger Mann und eine junge Frau haben sich dort getroffen, und sie kündigten am selben Tag. Und sie bedauern diese Entscheidung kein bisschen.

Danke, Putin, für den Kuchen

Sie wachten doch morgens nicht mit dem Gedanken auf “Ich werde als bezahlter Internet Kommentator arbeiten”, oder? Wie kamen Sie überhaupt zu der Firma?

Mann: Freunde drängten mich dazu, aber ich ging dort nur hin, als ich Probleme bei meinem vorherigen Job bekam. Ich habe dort einen Fragebogen ausgefüllt und begann schon am nächsten Tag. Ich wusste kaum, was ich tun sollte. Eigentlich sagten sie nur “schreib Beiträge”. Ich war noch nie in den Medien tätig. Aber irgendwie gefielen ihnen meine Texte.

Frau: Übrigens, sie sagen einem nicht genau, was man tun muss bis du damit anfängst. Sie sagen dir, du wirst in einem Blog schreiben, wie eine Hausfrau, aber in einem Büro. Ja, da kommt eine Hausfrau daher und fängt an, über die Ukraine zu schreiben, richtig?

Selbst beim Eignungstest war da nichts dergleichen. Man musste einfach etwas über das Leben schreiben. Eigentlich waren das mehrere Interviews. Ich bekam den Job nicht direkt. Ich erinnere mich auch nicht an irgendwelche Loyalitätstests. Ich hatte davor mehrere Monate keinen Job. Ich brauchte Geld, und die Bezahlung war gut.

Mann: Das einzige, was sie mich gefragt haben, war: Wie ist deine Einstellung zu unserer Regierung? Ich sagte, neutral, das ist mir egal.

Wie haben Sie Ihre Tage verbracht? Welche Aufgaben haben Sie bekommen?

Frau: Wir arbeiteten in 12-Stunden-Schichten an zwei Tagen und dann zwei Tage frei. Die Quote für jeden  Blogger beträgt zehn Beiträge pro Tag, je 750 Zeichen, ein Kommentator hat 126 Kommentare und zwei Beiträge zu schreiben. Ein Blogger hat drei Benutzerkonten zu verwalten. Sie müssen die 10 Aufgabestellungen unter sich verteilen. Eine Aufgabenstellung besteht aus einem Gesprächsthema, meist Nachrichten, und ein Ziel, das man erreichen sollte. Deswegen muss man die Lösung an die Antwort anpassen. Grob gesagt, sie schreiben, dass sie leckere Torten gebacken haben, was bedeutet, dass das Leben in Russland toll ist und Putin ein guter Kerl ist. Schauen Sie auf die Webseite von Russia Today – da sind alle unsere Aufgabenstellungen.

Mann: Die Nachricht war nicht älter als von gestern. Es gibt keine strategische Planung in dieser Hinsicht. Wir schrieben, was auch immer die Vorgesetzten uns am Morgen vorgaben. Die Aufgabenstellungen waren auch mal grenzwertig verrückt. Eine meiner ersten Aufgaben war es, über einen amerikanischen Dokumentarfilm über die Krim zu schreiben. Die Legende war, dass ein Mann eine Filmschule in Kalifornien abgeschlossen hatte und auf die Krim kam, um Krieg und Besatzung zu filmen, aber nichts dergleichen fand. Die Hauptmessage war “Meine Regierung hat mich betrogen”.

Allerdings war mir der Name und das Gesicht des Mannes erstaunlich vertraut – das war Miguel Francis. Er hat ein sehr bekanntes Video in Moskau gedreht, wo ein Straßenfeger ihm nachjagte, um ihm sein Handy zurückzugeben. Das Video war auf jeden Fall gestellt. Ich meine, dieser Kerl ist eigentlich Russe, er lebt und arbeitet schon lange in Moskau. Da habe ich kapiert, dass, wenn sie über so offensichtliche Dinge Blödsinn verzapfen, alles andere noch viel schlimmer sein muss.

Deswegen habe ich an meinem ersten Tag unvorbereitet und unkontrolliert gearbeitet. Ich sollte einen Beitrag über Erfolge in der Weltraumforschung kommentieren. Und da gab es einiges an völligem Unsinn. Also schrieb ich etwas in der Richtung “Oh Mann, hast du keinen anderen Grund um stolz zu sein, als dass du seit Jahrzehnten betest, während dein Leben in der Scheiße liegt?”. Der Teamchef lam sofort angerannt und las mir die Leviten.

“Mein Ex ist wie Poroschenko”

Frau: Die Leute, die schreiben, verstehen nicht wirklich, was sie tun. Sie haben bestimmte Begriffe in einem Text zu verwenden, also schreiben sie ohne einen zweiten Gedanken zu verschwenden. Da gab es ein Thema wie “Eine Beziehung ist wie die ukrainische Politik” oder “Weißt du, mein Ex ist wie Poroschenko”.

Du kommentierst: “Gott, wo zum Teufel hat er sie aufgegabelt?” Als Kommentator macht das mehr Spaß. Du versteifst dich auf einen Fehler des Beitragsschreibers. Aber am Ende musst du noch jemand von der Regierung loben.

Frau: Eigentlich ist das das einzige, um Spaß an dieser Art von Job zu haben. Die Hauptaufgabe eines Kommentators ist es, unter einem Posting, das niemand sonst braucht, einen Aufruhr zu veranstalten. Wir sollten nicht die Top-Blogger angreifen. Du siehst also bestimmte offensichtliche Nachteile, wie schlechter Stil und Grammatik, und stichelst gegen den Autor. Die meisten Menschen in unserem Büro beherrschten die russische Sprache nicht besonders gut, während es doch bekannt ist, dass nur gut ausgebildete Menschen für Putin stimmen …

Mann: Da gab es einmal einen Nachrichtenbericht, dass ein größerer Anteil der Menschen mit Hochschulbildung für unseren Präsidenten sei. Und einer unserer Jungs schrieb darüber mit einer schrecklichen Latte von Fehlern, das war ein gutes Pflaster für Trolling.

Frau: Manchmal musstest du auf anderer Leute Blogs mit guten Trefferzahlen kommentieren, nur damit dein Nickname dort auftaucht und jemand auf deiner Seite erscheint.

Welches Thema hast du am meisten bearbeitet?

Frau: Die wichtigsten waren: “Poroschenko ist ein Trottel, und in Wirklichkeit regiert Putin die Ukraine”, “Obama ist ein Idiot, und Putin ist groß”, “Gut gemacht, Verteidigungsministerium, seht mal diese glänzenden neuen Panzer”, “Putins Rating” und – auf jeden Fall “Die Krim gehört uns”.

Mann: Syrien, USA, Putin (es spielt keine Rolle, was er tat, aber wenn er etwas tat, machte er es richtig), das Verteidigungsministerium, die Ukraine, seltener die Opposition. So schrieben wir nichts über die Strafprozesse gegen Navalny [russischer politischer Blogger und Korruptionsbekämpfer, der wegen zahlreicher fabrizierter Vorwürfe unter Hausarrest steht, Anm. d. Red.]. Wir mussten auf niemand Scheiße auskippen außer Obama.

Die Hauptaussage gegen ihn war, dass Obama Waffen nach Syrien schickt und Putin ihn davon abhält.

Der Verteidigungsminister ist ein netter

Gibt es eine ideologische Indoktrination der Mitarbeiter?

Mann: So ungefähr. Der Akzent liegt meistens auf den Teamleitern (im Grunde Teamaufsehern). Da ist zum Beispiel Aljona, die ich zuvor schon kannte, die ist einer perfekten Gehirnwäsche unterzogen. Das ging so weit, dass sie ein riesiges Porträt des Verteidigungsministers Sergej Shoigu aufhängte und jedem erzählte, er sei ein ganz netter, aber er beobachtet uns alle trotzdem.

Frau: Ich glaube, jeder fühlt sich schlecht dabei. Aber man kann nicht immer nur die Augen zumachen – man muss auch Texte tippen.

Es gab auch Vorträge. Irgendein Politikwissenschaftler kam – es war das erste Mal, dass ich den Nachnamen hörte. Er sprach viel über seine Erfolge bei den Wahlen. Dann über Putins glorreiche Politik: “Wer sonst außer ihm”, solche Sachen. Aber warum ist es hier bei uns so schlimm? Ach, egal, ist Putin immer noch groß. Und er hämmerte weiter auf uns ein. Einige Zeit später hörten bei mir die feindseligen Reaktionen auf – oder überhaupt jede Reaktion. Ich musste einfach die Vorlesung absitzen.

Die meisten Leute kommen nicht, weil sie Putin lieben, sondern damit sie nicht irgendwo anders arbeiten müssen. Zum Beispiel sitzen in einem Raum ein paar Rentner. Die kriegen nirgendwo anders einen Job. Das ist ein guter Indikator für Putins Russland: Die Rente ist klein, und sie haben sonst nichts mehr zu tun, als dafür bezahlt zu werden, Putin zu lieben. Und das Geld ist gut. An kaum einem anderen angenehmen Arbeitsplatz kriegst du im Monat 40.000 Rubel [knapp 700 €, Stand Mitte November].

Wart ihr offiziell beschäftigt?

Mann: Sie erzählten Geschichten über eine offizielle Beschäftigung, aber wir hatten nicht das Glück, das zu erleben.

Frau: Sie sagen, etwa ein Viertel der Mitarbeiter sei offiziell angestellt.

Wie kommt das Geld in das Unternehmen herein?

Frau: Ich weiß keine Details. Ich kann nur sagen, wir haben das Geld in bar bekommen. Nach allem, was ich weiß, konnte man das Geld auch von der russischen Post geschickt bekommen – vor allem, weil es oft verspätet kam.

Mann: Schau mal, ein Gehalt von 40.000, für die Manager natürlich mehr, das macht etwa 10 Millionen [etwa 170.000 €] pro Monat. Und da ist auch noch das neue vierstöckige Büro, die Miete, Strom, Dienstleistungen.

Propaganda-Profis

Hattet ihr Interesse an eurem Management? Hatten sie irgendwas mit Politik zu tun?

Mann: Nicht in dem Sinne. Aber man kann direkt sagen, dass die Verwaltung nie über Politik gesprochen hat. Da war ein lustiger Kerl namens Oleg. Stellen Sie sich vor: Ein Mann mit einem riesigen Bierbauch, in einem Jeanshemd, das über Hose hängt, läuft herum, lässt den Autoschlüssel an einem Finger baumeln wie ein Taxifahrer und sagt dir: “Wenn einer schreiben kann, wird er über alles schreiben”. Den Generaldirektor, in den Geschäftspapieren steht M.I. Bystrow – ich wusste nicht einmal, wie der hieß – habe ich nur bei der Abgabe meiner Kündigung gesehen.

Frau: Die Teamleiterin war ein 20-jähriges Mädchen, die noch nie in den Medien gearbeitet hatte. Früher hat sie Kaffee verkauft. Na ja, sie hat ihn gekocht und ihn den Kunden auf einem Tablett gebracht, sie hatte die Universität abgebrochen. Jetzt ist sie eine wichtige Chefin.

Ich erinnere mich nicht daran, dass jemand das Unternehmen aufgrund der Politik verlassen hat. Innerhalb des Unternehmens gibt es Wachstum. Da war ein Mann, der 20 Beiträge pro Tag geschafft hat. Jetzt trägt er eine Krawatte und schreibt Anleitungen, wie man 20 Beiträge pro Tag schafft.

Wie ist die allgemeine Atmosphäre in der Firma?

Frau: Anfangs waren die Bedingungen nahezu perfekt: Es gab einen Aufenthaltsraum mit Sofas und Tischfußball, zum Beispiel.

Mann: Das Zimmer wurde nach und nach leergeräumt, Der Kicker war das erste, was ging. Dann trugen sie die Sofas raus.

Frau: Vor kurzem begann das Unternehmen an allem zu sparen. Zuerst haben sie Aushänge in die Toilette gehängt, man solle Papierhandtücher sparen. Dann haben sie die Papierhandtücher entfernt und einen einzigen elektrischen Trockner aufgehängt. Sie fingen an, Geldstrafen für Verspätungen zu verhängen. Sie haben Qualitätskategorien für Beiträge eingeführt. Niemand konnte einem jedoch die formalen Kriterien erklären. Die Menschen links und rechts von dir begannen zu gehen.

Mann: Eine WC-Kabine mit einer verstopften Toilette wurde nur mit Klebeband abgesperrt. Das bilebt so für zwei Wochen. Dann kündigten wir, so dass ich nicht weiß, wie das weiter ging. Aber es sagt genug.

Frau: Es gab auch eine Regel: Man darf nicht bei der Arbeit essen.

Mann: Nein, sie sagten nur, dass man keine Speisen oder Getränke auf dem Tisch haben dürfe. Also stellte ich alles auf dem Boden.

Frau: Der Gesamteindruck? Ekelhaft. Das Gehalt war verlockend, das gebe ich zu. Wir sind nicht hier alleine. Man kann die Abscheu für eine lange Zeit bekämpfen. Die Menschen leben seit Jahren so. Sie verfluchen ihre verhassten Jobs, gehen aber morgen immer noch dorthin. Aber wir haben das einfach nicht mehr ausgehalten.

Autor: Anton Buzenko

Quelle: dp.ru – Euromaidan Press (englisch)

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

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