Putin als Hüter der europäischen Werte

 

16. November 2014 • Analytik und Meinungen, Archiv

von Olena Sachartschenko, Ukrainska Prawda

Wie sich jetzt herausstellt, war unser vorheriger Präsident [Janukowytsch – Red.] ein wahrer europäischer Politiker. Er war ein Verfechter des wahren Europa, nicht jenes imaginären, das wir uns zusammengesponnen haben.

Die Ukrainer haben lange geglaubt, dass die wichtigsten europäischen Werte menschliches Leben, Gleichheit und Demokratie einschließen und dass sie an grundlegenden demokratischen Prinzipien festhalten sollten. Doch: All dies hat sich als vollkommen falsch herausgestellt!

Es zeigt sich, dass Stabilität und Bequemlichkeit für die Welt die wichtigsten Prinzipien sind. Darüber hinaus müssen jene, die die obenerwähnten Prinzipien in ihrem eigenen, drittklassigen Land durchsetzen wollen, zerstört werden.

Erinnert euch daran, dass wir zu Beginn des vergangenen Dezember sogar erwarteten, dass Obama und Merkel nach Kyiw kommen würden, dass der Westen „auf Janukowytsch Druck ausüben und ihn dazu bringen würde, gewisse Zugeständnisse zu machen, falls er nicht mit einem Bann belegt werden wollte“ – das ist ein Zitat von einem herausragenden politischen Analysten – nichts davon ist passiert …

Es wurde sogar noch schlimmer … Dort, genau im Zentrum einer großen europäischen Stadt, fuhren Polizei und Spezialkräfte, die vor laufenden Nachrichtenkameras weder Scham noch Angst zeigten, damit fort, unbewaffnete, unschuldige Menschen zu schlagen und zu ermorden, die lustige hölzerne Schilde hielten und seltsam aussehende Plastikhelme trugen. Millionen von Europäern beobachten diese Szenen barbarischer Wildheit im Fernsehen, niemand schrie ängstlich oder schockiert auf.

Dann marschierte Russland in unser Land ein, entriss uns ein Stück unseres Territoriums – und will offensichtlich mehr. Und dann passierte etwas noch Überraschenderes: Anstatt Russland zu isolieren, den Krieg zu erklären, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen, die jeweiligen Botschafter zurückzurufen – all dies sollte gegen einen Aggressorstaat, der alle bestehenden Friedensverträge verletzt hat, verhängt werden – übte die internationale Gemeinschaft mehr und mehr Druck auf die Ukraine aus – Druck und die Forderung, aufzugeben.

Wollen die Russen uns verschlingen? Na gut, lass sie’s versuchen. Wir leben seit 300 Jahren mit ihnen, und nun sagt Russland, wir sind ein integraler Bestandteil seines Landes … Warum geben wir nicht auf und bestätigen das? Warum übergeben wir nicht die Krim, den Donbas und Poltawa an Russland, wenn das den Kreml zufriedenstellt? Und dann ist die Welt nicht mehr instabil und ungemütlich.

Ihr kämpft wirklich für Demokratie und Menschenrechte, nicht wahr? Doch: das sind ja gar keine europäischen Werte – das sind bloße Worte. Europäer sind pragmatisch. Sie verstehen, dass die Welt sich um Geld und gegenseitiges Verstehen dreht. All diese Verlautbarungen über Gut und Böse sind wirklich erbärmlich, überhaupt nicht lustig und stellen niemanden zufrieden. Übergebt die Ukraine an Russland, damit die Europäer weiter leben und Geschäfte machen können wie bisher.

Die Ukrainer haben etwas falsch gemacht – lasst uns das so feststellen und dann das Ganze vergessen! Die Zollunion (mit Russland) und die Föderalisierung (der Ukraine) repräsentieren den geraden Weg zu einem stabilen, bequemen und friedlichen Europa. Und falls – wenn Europa sich frei nimmt – ihr da draußen einige Probleme mit mit der nationalen Frage, einer Art von Unterdrückung einer Sprache oder der Zerstörung Eurer Kultur habt, solltet Ihr wissen, dass wir Euch nicht im Stich lassen. Wir werden zutiefst besorgt sein!

Autorin: Olena Sachartschenko

Quelle: Ukrainska Prawda

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

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