Aleksandr Koltschenko: Ich bin kein Terrorist. Ich bin ein Bürger der Ukraine

 

20. November 2014 • Archiv, Krim, Russland

Einleitung von Maksym Butkewytsch:

Die Geschichte dieses Interview ist anders, nicht so wie Interviews in der Regel aufgezeichnet werden. Die Person, die die Fragen beantwortet, befindet sich an einem für Journalisten nicht gut zugänglichen Ort – dem Moskauer Lefortowo-Gefängnis, einer U-Haft-Einrichtung, die gemeinhin als RF FSB SIZO bekannt ist. [RF FSB SIZO = Untersuchungshaft-Einrichtung des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation – Anm. d. Übers. ]

Lefortowo ist ein Gefängnis, in dem Sonderhaftbedingungen herrschen und das über besondere Sicherheitsmaßnahmen verfügt.

Aleksandr Koltschenko von der Krim, einer der Gefangenen in Lefortowo, feiert Ende November seinen Geburtstag. Der Krimer antifaschistische und soziale Aktivist hätte sich wohl nie vorher vorstellen können, diesen Tag an einem solchen Ort zu verbringen.

Doch die Besetzung der Krim veränderte sein Leben: Am 16. Mai wurde Sascha, der unter Freunden als “Tundra” bekannt ist, in Simferopol vom Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation der Teilnahme an einem Sabotageakt und der Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe des Rechten Sektors beschuldigt, verhaftet und bald darauf nach Moskau eskortiert.

Trotz der Absurdität der Vorwürfe, zahlreicher Verstöße bei den Ermittlungen und dem Prozess sowie immer wieder wiederholten Versuchen, Aleksandr Koltschenko gegen seinen Willen die russische Staatsbürgerschaft aufzuzwingen, hat der ukrainische antifaschistische Aktivist ebenso wie der ukrainische Regisseur Oleh Senzow (beide waren aktive Teilnehmer der Proteste gegen die Annexion der Krim durch Russland) bei den Ermittlungen nicht kollaboriert und ist immer noch in Haft.

Am 20. Oktober wurde Tundras Untersuchungshaft noch einmal verlängert.

In der Zeit zwischen der Verlängerung seiner Haftzeit und seinem Geburtstag haben wir es geschafft, Sascha Fragen zu stellen, wie es ihm zu dem Zeitpunkt geht – und Antworten von ihm als einer der ukrainischen “Krim-Geiseln” im Moskauer Gefängnis zu erhalten, was er denkt, tut und plant.

Am 11. November hat die russische Generalstaatsanwaltschaft in einem Schreiben bestätigt, dass die vier Lefortowo-Gefangenen – Senzow, Tschernyj, Afanasjew und Koltschenko – ukrainische Bürger sind. Allerdings hatte diese “Anerkennung” bisher keine Auswirkungen auf ihre Lage.

Alltag in Lefortowo

Frage: Fangen wir mit dem aktuellen täglichen Leben an. Was sind deine Haftbedingungen? Mit wem teilt du die Haftzelle? Wie erlebst du den Tagesablauf im Gefängnis, gibt es genug zu essen und Zeit für Freigang? Wie geht es dir gesundheitlich?

Die Haftbedingungen in der Zelle sind zufriedenstellend. In meinem normalen Leben vor der Haft war ich auch gewohnt, um 6 Uhr aufzustehen, also um 6 Uhr in der U-Haft zu starten, macht mir keinen Stress.

Die Zelle ist nach meinem Verständnis normal: vier Wände, ein kleines Fenster mit Gittern, ein Waschbecken zum Waschen, eine Toilettenschüssel und auf dem Boden befestigten Möbeln. Jetzt finden gerade Reparaturen in den Zellen statt, so dass die Gefangenen nach und nach in renoviert Zellen verlegt werden.

Meine Zellengenossen sind ganz verschieden, aus verschiedenen Regionen und Städten Russlands: Kaukasus und Baschkirien, Moskau und Rostow, und so weiter; sie sind unterschiedlicher Nationalitäten und religiöser Überzeugungen. Trotz der Tatsache, dass ich russische Jungs mit ähnlichen Überzeugungen schon lange Zeit kenne, bin ich zum ersten Mal in Russland. Es ist schade, dass mein erster Besuch mit Untersuchungshaft begann.

Das Essen ist gut hier (auf jeden Fall aber nicht so gut wie zu Hause). Die Speisekarte wechselt alle vier Tage: Frühstück – Haferflocken, Milchsuppe, zwei warme Gerichte zum Mittag- und Abendessen; sie geben immer Fleisch oder Fisch.

Sie haben sogar mir zusätzliche Nahrung. Jeden Tag Kondensmilch und Butter, jeden zweiten Tag ein Ei: Der Grund ist einfach: der medizinische Dienst des Untersuchungsgefängnisses glaubt, ich sei untergewichtig.

Sie bieten jeden Tag den Spaziergang an, aber jetzt gehe ich nicht nach draußen – aus Angst vor Erkältung.

Und ich habe keine gesundheitlichen Probleme oder Beschwerden, alles in Ordnung.

Frage: Wie verbringst du deine Tage im Gefängnis? Wir wissen, dass ihr dort oft lest – was genau? Und was würdest du gerne in der nächsten Zukunft lesen?

Ich lese während des größten Teils meiner Freizeit. Im Moment lese ich die journalistischen Schriften von Lew Tolstoi, insbesondere seine Artikel über religiöse Ansichten, Fragen des Landbesitzes, die Todesstrafe. Tolstoi war ein Denker mit staatsfeindlichen Überzeugungen ähnlich wie ein Anarchist, und deshalb ist er interessant für mich.

Zuvor las ich die Gedichte von Iwan Franko auf ukrainisch; “Staat und Revolution” von Lenin; “Reden eines Rebellen” von Petr Kropotkin; “Die Gesellschaft der Zukunft” von Jean Grave. Ich lese auch russische Zeitungen und Zeitschriften im Abo, wie zum Beispiel “Nowaja Gaseta”, “New Times”, “Russischer Reporter”, “Populäre Mechanik”.

Frage: Was vermisst du in der Haft am meisten?

Vor allem vermisse ich natürlich die Freiheit und die Kommunikation mit meinen Freunden und Verwandten. Ich vermisse auch meine Arbeit und meine Kollegen. Ich bin nicht gewöhnt an einen Zustand des Nichtstuns – ich habe immer gearbeitet, und mir hat meine Arbeit in der Druckindustrie gefallen.

Ich danke allen, die mir hier ins Untersuchungsgefängnis schreiben. Das ist die große Freude und moralische Unterstützung. Und ich vermisse die Krim sehr.

Frage: Welches Paket möchtest du hier erhalten? Alles ungeachtet seiner Kosten?

Musik. Ich möchte Musik hören – vor allem jamaikanische Klänge von Reggae und Ska. Ich liebe Musik und zu einem bestimmten Punkt war das einer der Gründe, der mein Interesse für Anarchisten und Antifaschisten geweckt hat.

Frage: Welche Nachrichten sind für dich jetzt am wichtigsten? Weißt du, wie viele Menschen, vor allem in der Ukraine, deine Situation kennen?

Ich interessiere mich für jede Nachricht von der Welt außerhalb. Ich weiß nur teilweise, inwieweit die Menschen mein Schicksal kennen: aus der Presse und aus Briefen, die ich bekomme.

Frage:Warst du überrascht über die Entscheidung Gerichts vom 20. Oktober über die Verlängerung deiner U-Haft?

Nein, diese Entscheidung kam für mich nicht als Überraschung. Wenn man hier ist, im Gespräch mit meinen Zellengenossen erkannte ich, das das die übliche Praxis ist.

Frage: Mehrere Fragen zu den Ermittlungen. Was glaubst du: Sind sie überhaupt an der Wahrheit in deinem Fall interessiert? Haben Sie dich unter Druck gesetzt?

Nein, ich habe keinen Druck bei den Untersuchungen erfahren. Ich habe keine Ahnung, ob die Ermittler die “Wahrheit” interessiert. Meiner persönlichen Meinung nach, und auf der Grundlage der Analysen, wie die russischen Medien über die Vorgänge in der Ukraine berichteten, glaube ich glaube, Der Rechte Sektor auf der Krim muss für die Rechtfertigung der Annexion der Krim durch Russland herhalten. Genau aus diesem Grund haben in dieser Strafsache Oleh Senzow, die anderen Jungs und mich dem Rechten Sektor zugeordnet. Ich persönlich habe jedoch absolut nichts mit dem Rechten Sektor zu tun.

Frage: Die Ermittlungsbehörde besteht auf deine russische Staatsbürgerschaft, während du in der Ukraine (und nicht nur da ) als Bürger der Ukraine giltst. Wie wirst du die Frage nach der Staatsbürgerschaft beantworten?

Ich betrachte mich als Bürger der Ukraine. Die einzige Ausweis, den ich habe, ist der Pass eines ukrainischen Bürgers. Ich habe nie einen russischen Pass gehabt.

[Nachtrag der Redaktion: Am 11. November hat die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation zugegeben, dass Koltschenko und die anderen politischen Gefangenen ukrainische Staatsbürger sind.]

Wer ist Aleksandr Koltschenko?

Frage: Kommen wir zu mehr kritischen Fragen. Nach dem, was mit dir passiert ist, als was betrachtest du dich im Moment? Als Angeklagten in einem Strafverfahren? Als Kriegsgefangenen? Als Geisel? Als Vertreter eines besetzten Landes, dem die Freiheit von den Besatzungsbehörden entzogen wurde? Oder anders?

Ich finde es schwierig, diese Frage zu beantworten. Aber es gibt eine Sache, die ich mit Sicherheit sagen kann – ich bin kein Terrorist.

Frage: Du hast häufiger darüber gesprochen, dass du eine Person mit antifaschistischen und linksradikalen Ansichten bist. Zur gleichen Zeit wird dir vorgeworfen, ein Teil der Organisation des Rechten Sektors zu sein. Was kannst du sagen über die Position derjenigen, die die Aktionen der russischen Behörden in der Ukraine unterstützen (einschließlich der persönlich gegen dich gerichteten) und sich “Linke” oder “Antifaschisten” nennen?

Ich habe eine negative Einstellung in Bezug auf diese “Linken”, die sich “Antifaschisten” und Unterstützer der LVR oder DVR nennen. Indem sie sich diesen Seiten angeschlossen haben, haben sie sich geweigert, die Seite der [Arbeiter-] Klasse zugunsten einer imperialistischen einzunehmen (wie Politiker und Gruppen wie zum Beispiel [Sergej] Udalzow in Moskau und “Borot’ba” [Organisation] in der Ukraine). Und ich gehöre dem Rechten Sektor nicht an.

Frage: Was würdest du jetzt tun, wenn du frei und in der Ukraine wärst, insbesondere in den besetzten Gebieten?

Ich würde einfach einen Job machen, um meine Familie und mich zu ernähren. Sicher wäre ich noch irgendwie tätig in der Zivilgesellschaft, beim Schutz der Interessen von Berufsgemeinschaften und in der Hilfe bei der Lösung ökologischer Probleme – wie ich das vor meiner Inhaftierung auch gemacht habe.

Frage: Und wenn du direkt etwas an diejenigen sagen willst, die dieses Interview lesen – in der Ukraine, in Russland, in anderen Ländern – dann ist dies der richtige Zeitpunkt …

Ich möchte mich bei allen für die moralische und finanzielle Unterstützung bedanken: meinen Moskauer Freunde, Freunden aus der Ukraine und Freunden aus der Krim, viele andere Menschen aus Russland, USA, Israel, Schweden, Deutschland.

Auch wenn ich sie persönlich nicht kenne, sie unterstützen sie mich.

In der Ukraine werden Aleksandr Tundra Koltschenko und Oleh Senzow unter anderem von der Kyiwer Solidaritätsgruppe “Solidaritätsausschuss” unterstützt, die dieses Interview zur Verfügung gestellt hat.

Wenn Sie Aleksandr und Oleg helfen wollen, können Sie Kontakt mit der Gruppe per E-Mail aufnehmen: [email protected]

Quelle: Noborders.org.ua unter Verwendung eines Artikels in der Ukrajinska Prawda

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

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