Kolchosen, Massengräber: Eine Klage über die Hungersnot

fCcdc0p

 

24. November 2014 • Archiv

“Was auch immer ich in Zukunft tue oder denke, ich kann nie behaupten, dass ich das nicht gesehen habe.” Malcolm Muggeridge, Winter in Moscow.

Ich habe mich zu etwas verpflichtet, was man nur als eine gewaltige Aufgabe beschreiben kann, nämlich als Priester über den Holodomor zu reflektieren. Zunächst fühlte ich mich allein mit der Aufgabe. Es ist, als ob ich der einzige Überlebende in einem verlassenen ukrainischen Dorf in der Nähe von Tschernihiw oder Charkiw oder einem der Tausende von anderen Dörfern südlich von Kiew in Richtung Odessa wäre. Die Felder sind von Unkraut überwuchert, die Eingänge der verfallenen Häuser stehen weit offen und geben eine Vorahnung, denn schon lange sind die Türen und alles aus Holz als Brennholz verheizt worden. Die Bauern sind verschwunden, aber die Häuser selbst scheinen nach Nahrung zu schreien. Die Welt um mich herum ist zusammengebrochen – wie bei jemand, der einen Nervenzusammenbruch hatte und keine Kraft mehr hat, die Muskulatur und die Körperfunktionen zu kontrollieren. Es hat eine Bedeutung, und es ist eine Last, die aus der Verleugnung und Täuschung geboren ist.

Das Gewicht wird noch durch die Leugner der Hungersnot verstärkt, die schon während der Hungersnot begannen, die Darstellung des qualvollen Tods durch Hunger abzustreiten. Wenn sich zum Beispiel Personen wie Lehrer bemühten, eine grundlegende humanitäre Reaktion auf die Hungersnot zu zeigen, wurden diejenigen, die solche Versuche unternahmen, wegen Verbreitung von Gerüchten über eine Hungersnot, die offiziell nicht existierte, selbst verhaftet und ins Exil getrieben. Ferner gab es so etwas wie eine Bewunderung für Stalin hinter der im Westen vorhandenen Skepsis über die Hungersnot, sogar von der Kanzel verkündet.

Ian Hunter beschreibt in einer Biographie des Journalisten Malcolm Muggeridge, wie ein hochrangiger Priester der Kirche von England Stalin für seinen “festen Vorsatz und seine freundliche Großzügigkeit.” lobte. Es besteht keine Gefahr, dass man eine solche Predigt von einem ukrainischen Priester hören könnte. Letzten Endes, wenn die Menschen in unseren Gemeinden von Stalin sprechen, dann verwenden sie nicht einmal das ukrainische Wort “pomer” [помер], das darauf hinweist, dass ein Mensch gestorben ist, sondern benutzen stattdessen das Wort “sdoch” [здох], das ukrainische Wort dafür, dass ein Tier gestorben ist.

Dennoch verspüre ich diese Last kategorisch anders, als Stalin es im Sinn hatte mit seinem Artikel “Vor Erfolgen von Schwindel befallen” von 1930, als er eine Unterbrechung in der Gangart des Kommunismus in der Sowjetunion forderte. Es war natürlich ein Trick, um die Gegner der Kollektivierung aufzuscheuchen. Anstatt des Gefühls des Schwindels fühle ich mich atemlos angesichts der Last der Erinnerung an die zehn Millionen Menschenleben, die wegen der Hungersnot, Hinrichtungen oder Deportation nach Sibirien als verloren gelten.

Eine Panikattacke sieht so aus: Sie wachen mitten in der Nacht auf, vom drohenden Herannahen des Todes überzeugt; das Herz rast, die Brust fühlt sich schwer an, und Sie sind sicher, dass das Ende der Welt nahe ist. Das einzige Heilmittel für diese geistige Panikattacke ist es, die Gesellschaft anderer für die Gewissheit zu suchen, dass die Gerüchte über die Hungersnot wahr sind, dass die Augenzeugenberichte ebenfalls wahr sind und bestätigt werden können, dass Malcolm Muggeridge ein integrer Journalist war, während Walter Duranty das nicht war.

Jedes Nachdenken über die Hungersnot beginnt mit einer schwere Last angesichts der schieren Größe der Verluste. Deshalb fühlte Malcolm Muggeridge, der 1932-33 acht Monate in der Sowjetunion verbrachte, dass ihm die Worte fehlten, um die Hungersnot zu beschreiben. Ian Hunter schrieb, dass Muggeridge bei der Durchsicht seines Artikel über die Kollektivierung in der Ukraine diesen deswegen als “sehr mangelhaft” beschrieb, “weil das schiere Entsetzen und die Größenordnung jedem Ausdruck trotzte – sogar einem so geschickten Kommunikator wie ihm.” Und – als ob das mich bei dieser gegenwärtigen Aufgabe noch ermutigen sollte, dauerte es nicht lange, bis ich von anderen las, die das gleiche Gefühl hatten.

Miron Dolot, der Autor von “Execution by Hunger” (Hinrichtung durch Hunger), widmete seine Abhandlung über das Überleben der Hungersnot “jenen ukrainischen Bauern, die während der Hungersnot von 1932-1933 vorsätzlich zu Tode gehungert wurden, mein einziges Bedauern ist, dass es mir unmöglich ist, ihre Leiden vollständig zu beschreiben.”

Als Priester lautet mein erstes Gebet beim Beginn dieser Reflexion: “Lieber Gott, vereine die Leiden dieser Nation mit dem Leiden deines Sohnes am Kreuz.” Dies drückt auch das am Ende dieses Artikels abgedruckte Gebet mit anderen Worten aus, das von den Würdenträgern der ukrainischen katholischen Kirche im Juli 1933 geschrieben wurde. Nach ihrer Bitte an die Welt, ihre Aufmerksamkeit auf die Hungersnot zu lenken, und mit der Feststellung, dass humanitäre Unterstützung über die Grenze der Sowjetukraine von Polen aus unmöglich war, schrieben die Bischöfe: “Der freiwillig akzeptierteTod aus der Hand Gottes ist ein heiliges Opfer, das sie vereint mit dem Opfer Christi ins Paradies führen und alle Menschen Heil bringen wird. Lassen Sie uns unsere Hoffnung auf den Herrn setzen.”

Ich spreche dieses Gebet, während ich an die unzähligen Holzkreuze von alten Gräbern in den Dorffriedhöfen denke, die im Winter 1932-1933 gestohlen wurden, um Feuerholz zu haben. Ich gedenke auch der jungen Mütter, die gekleidet in ihren schönsten ukrainischen bestickten Blusen, ihre Halsketten mit geliebten Goldkreuzen um den Hals, die Erbstücke ihrer eigenen Mütter, alle Vorhänge an den Fenstern ihrer Häuser schlossen und sich dann erhängten. Ihre Männer waren schon erschossen worden, ihre Kinder ruhten surreal und makaber im Todeskampf durch den Hunger auf ihren Betten in der Nähe des Ofens des Haus. Sie konnten nicht mehr ohne sie weiterleben. Sie wurden das ukrainische Äquivalent zu den “mitfühlenden Frauen”, die im Buch der Klagelieder beschrieben werden, zur Zeit einer Hungersnot in Jerusalem im Jahr 586 vor Christus. Die Hungersnot wurde zu Ukraines eigener Zeit “der Zerstörung der Tochter meines Volkes.”

Ein moderner Trauerberater hätte ein Leben lang zu tun mit der Arbeit unter den Hungernden. Die allgemeinen Themen bei der Trauer sind Ablehnung und Isolation, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz und Hoffnung. Die Verhungernden konnten ihren langsamen Tod durch den Hunger nicht verleugnen; ihre Isolierung wurde jedoch durch der Spott von offizieller Seite bei der Erwähnung des Wortes Hunger noch verstärkt. Der Isolierung, die sie vor dem Tod erlebten, folgten Jahrzehnte der Isolation durch Leugnung, die die Erinnerungsarbeit in einer modernen Ukraine und über ihre Grenzen hinaus umso dringlicher macht, als ein Mittel, um dieses Muster zu durchbrechen. Muggeridge drückte diese Angst vor Ablehnung in seinem Artikel so aus: “Dieses Verbrechen, und davon bin ich überzeugt, ist eines der ungeheuerlichsten Verbrechen in der Geschichte, so schrecklich, dass die Menschen in der Zukunft es kaum glauben werden, dass es überhaupt passiert ist.”

Die schmerzhafteste Symbol der Massendepressionen während der Hungersnot war der Kannibalismus, ein Schrei des Ausmaßes, dass es den Klageliedern gleicht: “Herr, schaue und siehe doch, wen du so verderbt hast! Sollen denn die Weiber ihres Leibes Frucht essen, die Kindlein, so man auf Händen trägt?” [Klagelieder 2.20] Ein weiteres Zeichen der Depression entstand bei denen, die wegen ihrer Unterstützung der Kommunisten in den Jahren der Revolution und des Bürgerkriegs das Gefühl hatten, dass sie die Hungersnot verdient hatten und ihre Strafe dafür bekamen.

In Wahrheit wurden sie nicht von Gott für die Unterstützung der Kommunisten bestraft; sie wurden von den Kommunisten dafür bestraft, dass sie Ukrainer waren. Miron Dolot beschreibt, dass Menschen wie seine Mutter immer pessimistischer wurden über die Suche nach einem anderen Ausweg: “Oh, allmächtiger Gott: Du hast uns deinen Zorn und deine Strafe in einer Zeit geschickt, in der der Teufel uns ebenfalls quält. Warum behandelst du uns auf diese Weise, großer Gott? Sei barmherzig zu uns und hilf uns, dieser Behandlung durch den Teufel zu widerstehen.”

Es ist unglaublich, sich aus solchen Erzählungen über die Hungersnot vorzustellen, wie intuitiv religiös so viele Menschen im Privaten blieben. Ihnen war alles verwehrt, sie konnten ihren Glauben nicht öffentlichen praktizieren, und sie waren nicht in der Lage, geistige Nahrung aus dem sichtbaren Leib Christi zu finden – der Kirche. Sie konnten im Sakrament der Beichte die Worte der Vergebung nicht mehr hören, die wichtigen Worte “Gehe hin in Frieden, deine Sünden sind dir vergeben.”

Ein Christentum, das sich naturgemäß sehr öffentlich äußerte, wurde plötzlich und heftig auf das Privatleben beschränkt. Es musste im Privaten geflegt werden, denn es gab große Schwierigkeiten, wenn das entdeckt wurde. Der persönliche Glauben wurde spirituell zu dem, was die Familienerbstücke wie Goldmedaillons aus vorrevolutionären Tagen oder bestickte Hochzeitstücher und Kleider als physisch vorhandene Schätze waren.

Das alles musste bei den unvermeidlichen Überfällen vor den Behörden versteckt werden, so lange, bis sie verkauft oder gegen Essen eingetauscht werden konnten, um nicht zu verhungern. Die physische und geistige Hungersnot in Jerusalem wurde in der Ukraine wiederholt: “All ihr Volk seufzet und gehet nach Brot; sie geben ihre Kleinode um Speise, daß sie die Seele laben. Ach, Herr, siehe doch und schaue, wie schnöde ich worden bin!” (Klagelieder 1,11)

Dann gab es diejenigen, die es einfach nicht über sich brachten, einen Verwandten oder Nachbarn ohne ein Gebet am Grab dieser Opfer des Holodomor zu bestatten. Wenn die Erwachsenen schon zu schwach waren, das Haus zu verlassen, schrieben sie die Gebete auf ein Stück Papier, damit ihre Jungen diese auf dem Friedhof vorlesen konnten. Die Kinder wurden auch angewiesen, das Papier zu vernichten, wenn die Gebete aufgesagt waren, aus Angst vor der Entdeckung durch die Behörden. In den Dörfern war die Chance für ein würdiges Begräbnis größer, während in den größeren Provinzhauptstädten und anderen Städten die Entsorgung von Leichen ohne jegliche Zeremonie zunahm. Diese Unglücklichen fand man jeden Morgen am Rande der Stadt, in die Kläranlage für Abwasser geworfen, oder in den Leichenschauhäusern der Krankenhäuser zu Forschungszwecken.

Während die Religion allgemein als “Opium des Volkes” und daher als nicht wünschenswert angesehen wurde, zu einer Zeit, in der die Gesellschaft sich in der “erwünschten” Richtung des Kommunismus entwickelte, kann auch gesagt werden, dass die Ukrainisierung der 1920er Jahre ebenfalls “Opium des Volkes” war, eines der Zugeständnisse in der Art “einen Schritt zurück, um zwei Schritte nach vorne zu machen”, was zunehmend immer weniger sinnvoll erschien, da Stalin seine Macht immer stärker konsolidierte – was weder der ukrainischen noch der religiösen Bevölkerungsgruppe dem evolutionären Zweck der Kollektivierung in den 1930er Jahre dienlich erschien.

Paul R. Magocsi berichtet in seinem Buch “Eine Geschichte der Ukraine” (A History of Ukraine, Toronto: University of Toronto Press, 1996), dass die ukrainische autokephale orthodoxe Kirche im Jahr 1930 gezwungen wurde, sich aufzulösen, und in den nächsten acht Jahren zwei Metropoliten, 26 Bischöfe und 1150 Priester festgenommen wurden und in Lagern verschwanden. Dreihundert Pfarreien waren zunächst noch zugelassen zur Umstrukturierung und funktionierten als ukrainische orthodoxe Kirchen weiter, allerdings wurden auch sie bis 1936 alle geschlossen.

Der Übergang zum Atheismus schritt in den Dörfern fort. Die Kreuze wurden von Kirchen abgeschlagen, und rote Fahnen wurden an ihrer Stelle aufgehängt. Die Altäre von Heiligtümern wurden entfernt, und die Gotteshäuser wurden in Theater oder Museen des Atheismus umgewandelt, eine Chronik des Paradigmas des modernen Konzepts der Evolution, des Lebens und Werkes von Charles Darwin. Wenn es im Dorf nur wenige große Gebäude gab, wurden die Kirchen zu Versammlungsräumen. Die Ikonen und Heiligenbilder wurden entfernt und durch Porträts der Führer der Kommunistischen Partei und der Regierung wie Stalin, Petrowskij und Tschubar ersetzt. Gebete wurden durch Sprüche wie etwa der Losung “Religion ist das Opium des Volkes” ersetzt. Andere Sprüche aus der Zeit lauteten: “Es ist unmöglich, dort eine Kolchose zu bauen, wo es eine Kirche gibt” und “Statt Glocken genießen wir das Tuckern der Traktoren.”

Kirchen wurden in Scheunen umgewandelt. Eine ukrainische Dorfkirche in der Zeit der Hungersnot, mit Getreide gefüllt und von bewaffneten Wächtern geschützt, wurde zu einer ironischen Metapher für den Tod im großen Stil. Einst symbolisierte sie das Leben, den geheiligten und sichtbaren Leib Christi und die Gemeinschaft durch die heilige Eucharistie. Die ukrainischen Dorfbewohner wurden von der neuen Welt des Kommunismus gewaltsam exkommuniziert, ohne für sie einen symbolischen oder tatsächlich vorhandenen Platz in dieser Welt übrig zu lassen. Ironischerweise wurden die Orte, an denen einst Brot – ein Produkt der menschlichen Hand – Gott als unblutiges und spirituelles Opfer dargebracht wurde, zu bewaffneten Lagerhäusern, in denen die beschlagnahmten Getreidevorräte versteckt wurden.

Das Brot wurde dann in die Städte transportiert, außerhalb der Ukraine selbst, oder man ließ es  in Haufen auf dem Boden an Bahnhöfen verrotten. Getreide war einst das Symbol der Verwandlung der Schöpfung durch das Wort Gottes in der Eucharistie. Selbst in ihren Häusern hatten die Bauern eine Ikonenecke, und ein gesegnetes Stück Brot wurde vor der Ikone hingestellt “als Zeichen der Großzügigkeit Gottes”, schreibt Miron Dolot in “Execution by Hunger”. Aber jetzt drohte die Verzweiflung und der Tod in einer Zeit der von Menschen verursachten Hungersnot die Kirchen irreversibel in eine Metapher zu verwandeln für die brutale Verwandlung der Produktionsmittel der ukrainischen Landwirtschaft durch Stalin und den Kommunismus. Die Propagandisten hätten eine solche Metapher gutgeheißen, obwohl die Dorfbewohner privat immer noch eine ehrlichere Frömmigkeit über solche Dinge an den Tag legten.

Als die Kollektivierung bereits zur Hungersnot ausgeartet war, fanden keine öffentlichen Gottesdienste mehr statt. Es gab im Januar 1933 keine religiösen Weihnachtsfeiern in der Öffentlichkeit mehr, und auch keine zu Ostern im Frühjahr. Es gab keine Orte mehr, um solche Gottesdienste abzuhalten, und keine Geistlichen mehr, die sie zelebrieren konnten. Einige Jahre zuvor hatten die Dörfer begonnen, sich als atheistisch zu erklären. Wenn dies geschah, blieb den Priestern und ihren Familien 24 Stunden Zeit, um das Dorf zu verlassen. Das gleiche Schicksal erwartete die Kantoren. Den Westen erreichten Berichte, dass in Parks Bibeln und Ikonen sowie alle beschlagnahmten Gegenstände gesammelt und verbrannt wurden. Es gab Proklamationen, dass Weihnachten ein gewöhnlicher Arbeitstag sei und die Kirchenglocken für die Bedürfnisse der Industrialisierung abgeholt werden.

Darüber hinaus war bis 1933 bereits ein System von Bespitzelung und Repressalien von Brotbeschaffungskommissionen und Saatgutbeschaffungskommissionen, der Geheimpolizei und dem Kommunistischen Jugendverband geschaffen worden, so dass die normalen Beziehungen zwischen den Menschen bis hin zu dem Punkt der Auflösung jeglichen Gemeinschaftssinns verroht waren. Und der Hunger hatte die Menschen so schwach werden lassen, dass sie so weit wie möglich nur zu Hause hinter verschlossenen Türen blieben. Sie wurden jedoch zur Teilnahme an der Maifeier verpflichtet, mit einer Portion Brei angelockt. Es gab also keine öffentliche Zurschaustellung von Ostern, dafür aber die Maifeier.

Wenn die schiere Zahl der Hungertoten eine Belastung ist, wird das Gewicht der Erinnerung noch schwerer mit dem Gedanken an die Generationen, die hätten geboren werden können. Der berühmte Titel aus einem Gedicht des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko entspricht dem auch mit einer religiösen Perspektive, die die Welt sieht wie “diejenigen, die waren, die sind, und die sein werden.” Der Holodomor geschah zu einer Zeit, als die ukrainische Bauernfamilie im Ruf stand, eine angemessene Anzahl von Kindern zu haben. In der Tat, der Vorwurf, ein Kurkul [russ. Kulak – wohlhabender Bauer, Klassenfeind] zu sein, begann oft bei der eigenen Fähigkeit, Arbeitskräfte einzustellen.

Allerdings hatten viele Menschen, die unter dieser Anklage zu leiden hatten, nur Hilfskräfte eingestellt, um ihren wachsenden Familien zu helfen. Bestehende Familien wurden als Folge der Entkulakisierung zerstört, und andere Familien waren nicht in der Lage, weiter zu wachsen, weil die Väter verhaftet und nach Sibirien deportiert wurden. Wieder andere Familien hörten auf zu existieren, weil die Väter als Mittel zur Einschüchterung anderer im Gefängnis erschossen wurden. Nicht zu vergessen sind die Kinder, die den Hunger zwar überlebt, zu Waisen wurden, sich in Jugendbanden zusammenfanden und dadurch nie in die Lage versetzt wurden, in einer normalen Familiensituation eigene Kinder zu erziehen.

Wenn wir heute hören, dass jemand, der ein gewisses Maß an Verantwortung im öffentlichen Leben übernommen hat, 1932-1933 geboren ist, kann man sich kaum vorstellen, wie selten so jemand wirklich ist. Dieser Zusammenhang fiel mir ein, als ich erfuhr, dass Kardinal Lubomyr Husar, der “Kopf und Vater” der ukrainischen katholischen Kirche, 1933 in Lemberg geboren ist, zu einer Zeit als die Westukraine ein Teil von Polen war. Ich sehe ihn als Vertreter einer ganzen Generation, für die als Ergebnis des Holodomor “Ungeborenen”. Mit dieser Idee geht auch das Gebet eines Priester bei der Vorbereitung des Brot und Weins für das Opfer des göttlichen Liturgie einher. Die Worte sind aus dem Buch Jesaja im Alten Testament entnommen, sie sprechen von einem Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Das ist die Frage, “Wer wird je seine Nachkommen zählen können? Denn von der Erde weg wurde sein Leben emporgehoben.” (Apostelgeschichte 8.33) Mit Bezug auf die Hungersnot und jeden 1932-1933 Geborenen können wir fragen: “Wer wird je ihre Nachkommen zählen können? Denn von der Erde weg wurde ihr Leben genommen.” Ich sehe Kardinal Husar als einen Vertreter dieser Generation an. Und er hat sich einer Welt der Barmherzigkeit, Gerechtigkeit geweiht, und die einer neuen Schöpfung in Christus. In einem solchen Geist wird den Seelen aller dieser Opfer respektvoll gedacht werden.

Auch wenn ein solches Vokabular in der Befindlichkeit der Moderne fehl am Platz erscheint, glaube ich, dass die Beschäftigung damit gerechtfertigt ist, wenn man bedenkt, dass der Kommunismus ebenfalls von einer neuen Schöpfung sprach – einem neuen ‘sowjetischen Menschen’. Die Schaffung dieses neuen Menschen war eine Aufgabe für die Arbeiterklasse, und er würde aus ihr selber entstehen. Myroslav Shkandrij beschreibt diesen sowjetischen Menschen in “Fiktion durch die Formel: der Arbeiter in der frühen sowjetukrainischen Prosa” (“Fiction by Formula: The Worker in Early Soviet Ukrainian Prose.” Journal of Ukrainian

Studies 7, 2) als eine “starke Person, die ihren Wert bewiesen hat, [und] in einer Situation der Desorganisation und Demoralisierung von der Partei ausgeschickt wird”. Er hat eine glorreiche revolutionäre Vergangenheit, und seine eine wichtige Qualität ist eine zielstrebige Entschlossenheit, den Kitt, den die Massen darstellen, in ein Bild der Konformität mit den sowjetischen Ziele zu formen.

Die ukrainischen Dorfbewohner wurden Opfer einer künstlich hergestellten Hungersnot, weil ihre nationale Klasse dieser sogenannten Evolution im Weg stand. Als Ergebnis hatte die Ideologie ein heftiges, explosives Element eingebaut, das unter der ukrainischen Bevölkerung in den 1930er Jahren explodierte. Der Holodomor hat bewiesen, dass der sowjetische Begriff der Menschlichkeit moralisch bankrott war. Heute steht es uns frei, in die alte christliche Anthropologie zurückzukehren, die wie folgt zusammengefasst werden kann: Wir sind in dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, und in Christus sind wir eine neue Schöpfung. Kardinal Husar steht damit für die Generation, die aufgrund des Völkermords nicht geboren wurde, und er repräsentiert auch eine alternative Definition der Menschheit zu derjenigen, die der Kommunismus bot.

Der Sieg der Kommunisten in der Sowjetunion wird allgemein mit dem Sieg der Arbeiter über die unterdrückerischen Landbesitzer verbunden. Die ukrainischen Bauern waren per Definition auf Seite der Eigentümer und wegen ihrer Verbindung geistig und rechtlich durch das Privateigentum am Boden in Opposition zu den Arbeitnehmern. Die kommunistische Idee der Kollektivierung der Landwirtschaft sollte im implementierten Modell die Bauern zu etwas dem Proletariat entsprechendem machen. Die Bergarbeiter in den riesigen Industriegewerkschaften des Donbas könnten sich in der Theorie mit den landwirtschaftlichen Arbeitnehmern identifizieren und – nachdem der Prozess der Kollektivierung das Gesicht der Arbeit auf dem Land verwandelt hatte – auf das gemeinsame Ziel des Kommunismus hinarbeiten.

Im Namen der Arbeiterrevolution war die Kollektivierung von Ackerland und Landarbeit sinnvoll als völlig legitime Evolution und Entwicklung vom Kapitalismus zum Sozialismus und Kommunismus. Aber es bedeutete auch, dass die Bewohner ganzer Dörfer zum Tode durch die Hungersnot verurteilt wurden, weil der Kommunismus das Schicksal des Arbeiters mit dem Schicksal des Bauern nicht in Einklang zu bringen vermochte, es sei denn der Bauer hörte auf, etwas in Opposition zu der evolutionären Richtung des Arbeitnehmers darzustellen.

Sowohl “der ukrainische Holocaust” und der jüdische Holocaust wurden zu realen Möglichkeiten, sobald die Zielgruppen nicht mehr als Menschen, nicht mehr als menschliche Wesen angesehen wurden. Obwohl der Holodomor chronologisch bereits 10 Jahre früher als der jüdische Holocaust des Zweiten Weltkriegs stattfand, wird die Hungersnot von 1932 bis 1933 in der Regel in eine zeitgenössischen Kultur eingeordnet, die bereits aus dem Lexikon der Todeslager des Zweiten Weltkriegs bekannt ist. Das für den 50. Jahrestag der Hungersnot ins Englische übersetzte Buch von Vasyl Hryshko übernimmt seinen Namen vom jüdischen Holocaust. In “The Ukrainian Holocaust of 1933” schreibt er, dass die verhängnisvolle Kette von tragischen Ereignissen in der Ukraine 1933 die Bezeichnung “ukrainischer Holocaust” verursacht hat, da “der Holocaust zu einem Symbol für die Schrecken des totalitären Völkermords geworden ist (obwohl der Genozid schon ein Jahrzehnt zuvor in Friedenszeiten in der Sowjetunion Staatspolitik war).

Für sein Argument der prinzipiellen Ähnlichkeit zwischen den beiden Völkermorden zitiert Hryshko aus dem Roman “Alles Fließt” von Wassili Grossman. “Um sie zu massakrieren war es notwendig zu verkünden, dass Kulaken keine Menschen sind. So wie die Deutschen verkündeten, dass Juden keine Menschen sind”, “Sie sind Kulaken, keine Menschen” war Teil des Lexikons der dunklen Welt, die die Hungersnot möglich gemacht hat” – die Malcolm Muggeridge als “makabres Ballett” bezeichnet hatte. Solche Sätze konnten es aufnehmen mit denen der Statistikbüros, die die Todesursache nicht als Hunger sondern als “Verdauungsleiden” eintrugen, und die Polizei bezeichnete den persönlichen Verbrauch von Getreide als “Diebstahl des sozialistischen Eigentums”.

Der alttestamentarische Gebrauch des Wortes Holocaust bezeichnete ein Opfer für Gott, ein Brandopfer, das Gott wohlgefällig ist. Der Schriftsteller, der das Wort mit der Vernichtungspolitik der Nazis verband, erhielt einen Nobelpreis für Literatur. Im Gedenken an all jene Todesfälle ist die Erinnerung auf eine neue Ebene der Würde und Ehrfurcht erhoben worden, die ihnen als Individuen in der Stunde ihres Todes verweigert wurde. Obwohl einige sich über die Verwendung des Wortes “Holocaust” für den Holodomor ärgern, es ist eine legitime Möglichkeit Konzeptualisierung eines unbekannten Grauen in einer Sprache, die ein modernes Publikum verstehen kann. Und die Erinnerung an die zehn Millionen Ukrainer, die in der Hungersnot von 1932 bis 1933 starben, in ähnlicher Weise auf eine neue Ebene der Würde und Ehrfurcht zu erheben, die ihnen als Individuen in der Stunde ihres Todes verweigert wurde.

Jetzt, da eine freie Ukraine die makabren Auswirkungen des Holodomor entwirren wird, müsste es einen Schriftsteller, der die Ereignisse von 1932 bis 1933 in eine Metapher fasst und uns einen authentischen Sammelpunkt liefert, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, für die kein Völkermord stattgefunden hat, und schließlich für sich selbst einen Nobelpreis für Literatur verdient. Ein solcher Schriftsteller, jemand wie Vasyl Barka, der den Roman “Der gelbe Prinz” [Жовтий князь] über die Hungersnot schrieb, ist dringend erforderlich, damit wir die gewaltige Angst vor der Trennung überwinden, wie wir diese Aufgabe zur Erinnerung an die Millionen Opfer erfüllen können.

Ich schließe diese Klage über die Hungersnot mit dem Zitat des Appells der ukrainischen katholischen Kirchenhierarchie Galiziens [Halytschyna] von Juli 1933 ab. Es wurde zuerst abgedruckt in der “Prawda” (Wahrheit) XII No 30, 30. Juli 1933, und wird aus dem von Bischof Iwan Butschko herausgegebenen Buch “Die ersten Opfer des Kommunismus: Weißbuch über die religiöse Verfolgung in der Ukraine” Rom, 1953 (übersetzt von Maria Mirtschuk), zitiert. Dies ist eines jener historischen Dokumente zum Nachweis, dass es die Hungersnot gab und dass die Ukrainer in der Westukraine aufrichtig wünschten, die Isolation zu überwinden, die jede wirksam humanitäre Intervention verhinderte:

Aufruf der ukrainischen katholischen Bischöfe der Kirchenprovinz Galizien an alle Menschen guten Willens, um die Aufmerksamkeit der Welt auf die Gräueltaten in der Ostukraine unter dem bolschewistischen Joch zu lenken.

Die Ukraine ist im Todeskampf. Die Menschen sterben an Hunger. Das menschenfressende System des Staatskapitalismus, das gegründet ist auf Ungerechtigkeit, Betrug, Atheismus und Korruption, hat das reiche Land vollständig ruiniert. Seine Heiligkeit Papst Pius XI, das sichtbare Haupt der katholischen Kirche, hat mit Nachdruck gegen alles protestiert, was im Bolschewismus sich dem Christentum, Gott, und der menschlichen Natur widersetzt, und die ganze katholische Welt gewarnt vor den schrecklichen Folgen solcher Verbrechen. Mit diesem Protest stimmen wir überein.

Wir sehen bereits die Folgen des kommunistischen Regimes: Mit jeden Tag wird es immer erschreckender. Angesichts dieser Verbrechen entsetzt sich die menschliche Natur und lässt das Blut in den Adern gefrieren. Unfähig, materielle Hilfe zu leisten, um unseren sterbenden Brüder zu helfen, wir flehen die Gläubigen an, den Himmel durch ihre Gebete, Fasten, Kasteiungen und alle anderen Exerzitien um göttlichen Beistand zu bitten.

Darüber hinaus protestieren wir vor der ganzen Welt gegen die Verfolgung von Kindern, Armen, Kranken und Unschuldigen. Auf der anderen Seite rufen wir die Verfolger vor das Gericht des allmächtigen Gottes. Das Blut der ausgehungerten und versklavten Arbeiter, die den Boden der Ukraine bearbeiten, schreit zum Himmel nach Rache, und die Klage der halbverhungerten Landarbeiter hat Gott im Himmel erreicht. Wir bitten die Christen der Welt, alle diejenigen, die an Gott glauben, und vor allem alle unsere Landsleute, sich unserem Protest anzuschließen, um unsere Trauer auch in den entlegensten Ecken der Erde bekannt zu machen.

Wir bitten auch alle Radiostationen, unserer Aufruf in die ganze Welt auszustrahlen. Vielleicht kann dies auch die verarmten, öden Häuser der Hunger und Verfolgten erreichen. Damit  zumindest der Gedanke, dass man sich an sie erinnert und sie von ihren weit weg wohnenden Brüdern bemitleidet werden und durch ihr Gebet unterstützt werden, ein Trost sein kann inmitten ihres unsäglichen Leidens und des bevorstehenden Todes. Und alle ihr Leidenden, Ausgehungerten und Sterbenden, betet zum barmherzigen Herrn und unseren Retter Jesus Christus.

Nehmt dieses Leiden zur Sühne für unsere Sünden und die Sünden der Welt auf Euch, und wiederholt mit unserem Herrn: “Dein Wille geschehe, himmlischen Vater.” “Der freiwillig akzeptierteTod aus der Hand Gottes ist ein heiliges Opfer, das euch vereint mit dem Opfer Christi ins Paradies führen und allen Menschen Heil bringen wird. Lassen Sie uns unsere Hoffnung auf den Herrn setzen.”

Gegeben in Lwiw, am Fest der heiligen Olga, Juli, 1933

+ Andrej Scheptyzkyj, Metropolitanbischof

+ Hryhory Khomyshyn, Bischof von Stanislaw (Iwano-Frankiwsk)

+ Josaphat Kotsylovskyi, Bischof von Przemysl

+ Hryhory Lakota, Weihbischof von Przemysl

+ Nicetas Budka, Titularbischof von Patara

+ Iwan Butschko, Weihbischof von Lviv

+ Iwan Latyschewskyj, Weihbischof von Stanislaw

stephAutor: Jeffrey D. Stephaniuk, ukrainischstämmiger Priester in Kanada, Mitarbeiter von Euromaidan Press

Quelle: Euromaidan Press

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

Hintergrundinformationen zum Holodomor: Wikipedia, Deutsch-Ukrainisches Zentrum

Schlagworte:, ,