Denis Sinjakow: „Der Freudentanz hat sich schon lange ausgetanzt!”

 

12. Dezember 2014 • Archiv, Krim, Russland

von Mark Krutow, RFE/RL, 2.12.2014

Über den Fotograf Denis Sinjakow und seine Reise auf die Krim, die Sorgen der Krimtataren und darüber, weshalb er seine Verhaftung fast vergessen hätte.

Titelbild: Ehemalige ukrainische Kriegsschiffe mit übermalten Schiffsnamen in der Bucht von Sewastopol

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Denis Sinjakow nach seiner Freilassung

Der russische Fotograf Denis Sinjakow, der im September letzten Jahres mit AktivistInnen wegen Fotoaufnahmen bei einer Greenpeace-Aktion bei der Ölbohrstation „Priraslomnaja“ verhaftet wurde, war im November auf der Krim und hat RFE/RL von seinen Eindrücken über das Leben der Menschen auf der Halbinsel nach der Annexion durch Russland erzählt. Laut Sinjakow ist jetzt auf der Krim von der Euphorie durch die Angliederung an Russland nichts mehr zu spüren. Das Leben hat sich im Grunde nicht verändert, abgesehen von den Renten- und Preiserhöhungen, wie auch durch die verstärkten Repressionen gegen die ursprüngliche Bevölkerung, der Krimtataren. Denis Sinjakow erzählte auch, wie er zur Initiative des ukrainischen Militärs steht, die Arbeit von JournalistInnen im Donbas einzustellen und darüber, ob er die von den Ermittlungsbehörden nach der Greenpeace-Aktion beschlagnahmten Speicherkarten und den Computer wieder zurückbekam.

Frage von RFE/RL: Wie viel Zeit ist seit Ihrer letzten Reise auf die Krim vergangen? Welche Veränderungen stechen sofort ins Auge?

Denis Sinjakow im Kalininskij-Gericht in Sankt-Petersburg, November 2013

Denis Sinjakow im Kalininskij-Gericht in Sankt-Petersburg, November 2013

Sinjakow: Ich war einige Male auf der Krim während der Ereignisse im Frühling vor dem Referendum über die Angliederung an Russland, jetzt sind acht Monate vergangen. Es war interessant zu sehen, was jetzt auf der Krim vor sich geht. Das wichtigste ist, dass ich mich damals, im Frühling, mit Krimtataren getroffen habe, die damals ziemlich unerfreut über eine Kolonne russischen Militärs waren, die damals von Feodosija nach Simferopol fuhr. Sie sagten, dass sie so einfach nicht am Referendum teilnehmen würden, sondern die Wahlbüros boykottieren werden. Ich fand das interessant und wollte wissen, was jetzt mit ihnen los ist. Ich fuhr in das Dorf, wo ich mich mit ihnen traf, und die meiste Zeit meiner Reise widmete ich ihnen. Aber natürlich wollte ich generell alles sehen, was dort vor sich geht, von den Überfahrten bei Kertsch bis zu den Veränderungen in Simferopol und Sewastopol. Das Erste, was mir auffiel, war, dass es dort wirklich wenig russische Symbolik gab. War doch im Frühling beinahe jedes Auto mit einem orange-schwarzen Sankt-Georgs-Band oder der russischen Trikolore versehen, so gibt es das heute nur noch selten, im Vergleich zu Moskau zum Beispiel. Natürlich gibt es auf der Krim viele Plakatwände, von der Partei „Einiges Russland“ zum Beispiel, die in den russischen Farben bemalt sind, aber im Privatleben trifft man so etwas sehr selten an.

Krimbewohner vor der St. Peter und Paul Kathedrale in Simferopol, an der ein Plakat hängt, das besagt, dass Wladimir Putin persönlich die Schirmherrschaft für die Restaurierung der Kirche übernommen hat.

Krimbewohner vor der St. Peter und Paul Kathedrale in Simferopol, an der ein Plakat hängt, das besagt, dass Wladimir Putin persönlich die Schirmherrschaft für die Restaurierung der Kirche übernommen hat.

Das hat mich sehr überrascht, nicht, dass die Euphorie über die Rückkehr nach Russland bei den  Bewohnern der Krim schon vorbei ist, sondern dass darüber wenig geredet wird und es auch wenige äußere Merkmale gibt. Es ist eher so ein Gefühl, als hätte sich gar nichts verändert. Ich war davor oft auf der Krim und ich habe keine äußeren Veränderungen bemerkt, innere allerdings schon, denn die Menschen reden wenig und versuchen, nicht mit Journalisten zu reden, vor allem die Krimtataren, das ist merkwürdig.

– Wie ist es jetzt als Fotojournalist auf der Krim zu arbeiten? Ruft eine Person mit Kamera negative Reaktionen bei der Bevölkerung hervor, wie es im Frühling häufig passierte?

– Ja, damals war es wirklich schwierig zu arbeiten und im Prinzip ist es auch heute nicht einfach. Das ist häufig mit Vorurteilen verbunden. Ich hatte zum Beispiel eine Assistentin, die für den Kanal ATP gearbeitet hat (den Fernsehkanal der Krimtataren) und sie sagte mir, wann man keine Fotos machen durfte, da man sonst mit Schlägen dafür bezahlen müsse. Es ist schwierig zu arbeiten, schwierig mit der sogenannten „Selbstverteidigung“ zu reden, obwohl sie es vorziehen, „Bürgermiliz“ genannt zu werden, „Selbstverteidigung“ gefällt ihnen kategorisch nicht. Ziemlich aggressiv wird mit einem jetzt auch umgegangen, wenn man keine Erlaubnis von einem Kommandeur hat. Das Problem liegt darin, dass die Bevölkerung generell ziemlich misstrauisch zu Fotografen eingestellt ist, es ist schwierig auf Märkten und auf den Straßen zu arbeiten. Als ich ein Foto von einem Eisenbahnzug mit Kriegsausrüstung machte, wurde ich von bewaffneten Personen festgenommen, sie haben mich dann zwar wieder freigelassen und meine Papiere kontrolliert, aber ist es dort nicht alles so frei zugänglich wie in Moskau.

Ein Zug russischer Kriegstechnik bei der Fährübersetzstelle in Kertsch

Ein Zug russischer Kriegstechnik bei der Fährübersetzstelle in Kertsch

– Wenn wir darüber sprechen, wie über die Situation auf der Krim in den russischen und ukrainischen Medien berichtet wird, was ist dann näher an der Realität? Hat sich das Leben der Bevölkerung verbessert oder verschlechtert?

– Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was über das Leben auf der Krim in den ukrainischen Medien berichtet wird, ich kann nur raten. Doch so, wie die Krim bei uns beschrieben wird, ist es weit von der Wirklichkeit entfernt, insofern, als dass die Menschen jetzt eine Erwartungshaltung einnehmen. Dort werden keine Freudentänze mehr getanzt, die Menschen schauen vorsichtig in die Zukunft. Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, das waren auch pro-russisch eingestellte Menschen, auch russische Soldaten, die ehemals in der ukrainischen Armee dienten, sie sagen, dass sich im Grunde nichts geändert hat. Der Lohn und die Renten haben sich erhöht, ja, aber das wird von den gestiegenen Lebensmittelpreisen wieder ausgeglichen. Sie haben natürlich noch nicht das Preisniveau von Moskau erreicht, aber sie sind trotzdem im Vergleich zu den ukrainischen Preisen gestiegen. Man sagt, dass auf der Krim wieder der „Sowjetmensch zurückgekehrt“ ist, dass sich das Leben der Rentner dort verbessert hat, aber das stimmt auch nicht ganz. Die Rentner müssen auch zahlen, vor allem für Medikamente. Man sagt, dass manche Medikamente sich um das Sechsfache erhöht haben, zum Beispiel Medikamente für Kinder. Deshalb ist momentan noch nichts klar und alle warten einfach.

– Gibt es auf der Krim noch Bewohner, die pro-ukrainisch eingestellt sind?

– Ja, es gibt noch ziemlich viele, sie sind nicht alle weggefahren, manche planen das gerade. Das Problem liegt darin, dass ein Großteil der Bevölkerung keinen russischen Pass will, sondern den ukrainischen Pass behalten möchte. Doch den ukrainischen Pass zu behalten, war aber ziemlich schwierig. Einige Personen, mit denen ich sprach, sagten, dass sie dafür nur einen Tag Zeit hatten [eigentlich waren es zwei Wochen, Anm. RFE/FL], schlussendlich fuhren sie dann von Kertsch nach Simferopol, denn nur dort, so sagten sie, konnte einen Antrag auf Verzicht des russischen Pass stellen [es gab Stellen, an denen man den Verzicht auf die russische Staatsbürgerschaft beantragen konnte in einigen weiteren Städten der Krim, doch es war trotzdem nicht möglich, lange Schlangen zu vermeiden und die Dokumente von allen anzunehmen, Anm. RFE/RL]. Die Menschen standen in langen Schlangen, um dies rechtzeitig zu beantragen, viele haben es aber trotzdem nicht geschafft. Einige bekommen einen russischen Pass, nicht aus dem Grund, weil sie die russische Staatsbürgerschaft haben wollen, sondern nur als eine gewisse Zukunftsgarantie. Viele Krimtataren sagten zwar, dass sie keinen russischen Pass wollen, doch sie bekommen ihn trotzdem, aber nur, weil er das Leben einfacher macht. Zudem verzichten sie natürlich nicht auf den ukrainischen Pass und beantragen mit diesen im Oblast Cherson oder in Kyiw Visa. [Die Konsulate der meisten Staaten weigern Visa für BürgerInnen auszustellen, die mit einem russischen Pass auf der Krim registriert sind. Anm. RFE/RL]

Wovon leben die Krimtataren jetzt, wie stark ist der Druck, dem sie seitens der Regierung ausgesetzt sind?

Ich habe das Gefühl, jetzt gibt es eine Art Atempause, weil der Kreml ihnen drei Monate zur Aushändigung [extremistischer] Literatur eingeräumt hat. Nachdem Menschenrechtler, wie z. B. [Nikolai] Swanidse, beim Treffen der Öffentlichen Kammer mit dem Präsidenten von Entführungsfällen berichtet hat – und es hat bisher insgesamt sieben entführte Personen gegeben, wovon zwei ermordet wurden –, sagten Putin und auch Aksjonow, sie garantierten, es würde keine Entführungen und Durchsuchungen in der Form mehr geben, wie das bisher de Fall war. Danach wurde es ruhiger. Die letzten Entführungen liegen jetzt drei Monate zurück, das waren der Sohn und der Neffe Dschepparows [Abdureschit Dschepparow, Einwohner der Siedlung Sarij-Su bei Bilohorsk/Belogorsk – Anm. RFE/RL]. In jedem Fall hat das Angst und Paranoia erzeugt, die Menschen schweigen und wollen genau aus diesem Grund nicht sprechen. Sie haben Angst um ihre Zukunft, sie vermeiden es nach Möglichkeit, alleine auf die Straße zu gehen, sie fürchten sich wirklich davor, dass Russland jetzt da ist und sich eine Art Kaukasus wiederholen könnte. Offen spricht man darüber nicht, aber Mitglieder des Medschlis sprechen darüber, Nariman z. B. [Nariman Dscheljalow, stellvertretender Vorsitzender des Medschlis des krimtatarischen Volkes – Anm. RFE/RL], sie haben Angst, dass der FSB jemanden festnehmen könnte, wegsperren oder umbringen, um dann zu behaupten, es sei ein radikaler Islamist gewesen.

Viele glauben, die russische Regierung provoziere die Krimtataren zu irgendwelchen unangemessenen Handlungen, die ihrerseits dem Kreml erlauben würden, radikaler und härter gegen sie vorzugehen. Die Tataren glauben, dass der Kreml sie dort [auf der Krim] nicht gebrauchen kann. Sie sprechen nicht über eine zweite Deportation, aber alle haben das noch vor Augen und wissen, dass sich das wiederholen könnte. Genau das ist der Grund, warum sie versuchen, auf die Handlungen der Regierung nicht ihrerseits mit harten Maßnahmen zu antworten, sondern bemühen sich noch irgendwie zu verhandeln, Kontaktgruppen einzurichten, sich mit Aksjonow zu treffen, den lokalen Politikern und die Fragen der Durchsuchungen usw. zu besprechen.

Der Vater des vermissten Sejran Sinetdinow zeigt ein Foto von seinem Sohn

Der Vater des vermissten Sejran Sinetdinow zeigt ein Foto von seinem Sohn

Haben Sie vor, in den Donbas zu gehen, in das Kriegsgebiet im Osten der Ukraine? Wie stehen Sie zum Beschluss der ukrainischen Führung, die Arbeit von Journalisten ohne militärische Begleitung im ATO-Gebiet zu verbieten?

Ich war einige Male im Donbas, aber nicht während der aktiven Phase, sondern als [die Separatisten] den ukrainischen Sicherheitsdienst einnahmen, aber im Moment habe ich nicht vor, dorthin zu reisen, weil ich es viel spannender finde, abzuwarten und ein Projekt darüber zu machen, welche Folgen dieser Konflikt haben wird. Das erscheint mir aus journalistischer Sicht wichtiger als die laufenden Ereignisse. Was die Maßnahmen in Bezug auf die Journalisten angeht, das finde ich falsch. In Begleitung [von Armeeangehörigen] wird überhaupt nichts gemacht, ich verstehe natürlich, warum die ukrainische Regierung das will, sie hat ihre eigenen Gründe, ich meine die russische Propaganda, aber in jedem Fall halte ich das für einen falschen Schritt. Wie auch immer die einzelnen Journalisten sein mögen, sie müssen arbeiten können. Das ist eher ein Zeichen von Schwäche als von Stärke.

Greenpeace-Aktion auf der Priraslomnaja

Greenpeace-Aktion auf der Priraslomnaja

– Es ist nun etwas mehr als ein Jahr her, dass Sie nach Ihrer Verhaftung bei der Greenpeace-Aktion an der russischen Ölförderstation Priraslomnaja freigelassen wurden. Denken Sie oft an diese Ereignisse? Wie haben sie Ihr Leben verändert, ist Ihr Konflikt mit dem Staat ausgetragen, haben Sie Ihre persönlichen Dinge zurückbekommen?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon vergessen, dass das jemals passiert ist – so viel ist seitdem sowohl in Russland wie mit meinen Freunden in der Ukraine passiert. Es kommt mir vor, als sei das eine Art Dienstreise in die U-Haft gewesen, einfach um das am eigenen Leib zu erleben. Der Konflikt mit dem Staat ist diesbezüglich noch nicht zu Ende, weil man mir immer noch nicht meine Kameraspeicherkarten zurückgegeben hat. Ich würde furchtbar gerne sehen, was sich darauf befindet, die Aufnahmen von der eigentlichen Enterung des Schiffs.

Ich hoffe, dass ich sie wiederbekomme, denn sehr überraschend für mich, genauso wie für meinen Anwalt und meine Freunde, habe ich gerade vor einer Woche meinen PC und die Festplatte zurückbekommen, auf der tatsächlich alles noch erhalten ist. Man hat mir versichert, sie würden alles vernichten und löschen, aber nein, es ist alles noch genauso erhalten. Diese Tatsache hat mich positiv überrascht, und ich hoffe, dass es sich mit den Speicherkarten genauso verhalten wird. Dieser Konflikt hat mir nichts eingebrockt, abgesehen davon, dass ich immer noch nicht mit russischen Unternehmen zusammenarbeiten kann, mit „Gazprom Neft“, mit „Rusgidro“, weil sie Bedenken haben. Aber im Großen und Ganzen ist es, als wäre nichts gewesen.

Krutow

Mark Krutow

Autor: Mark Krutow

Quelle: RFE/RL, 2.12.2014

Übersetzung: Christina Riek und Jennie Seitz

editiert von Euromaidan Press auf Deutsch

Fotonachweis: alle Bilder von Denis Sinjakow/RFE-RL (außer dem Bild von Sinjakow bei seiner Freilassung: @ Reuters)

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