Fritz Ehrlich: Die Gründe für Russlands Niedergang

niedergang

 

17. Dezember 2014 • Archiv, Russland

Teil 1

Der Rubel rollt – den Berg herunter. Viele meinen, die Ursachen sind allein im Krieg mit Ukraine, den westlichen Sanktionen und dem Ölpreiszerfall zu suchen. In Wahrheit liegen die Ursachen viel tiefer, sind sehr vielschichtig, reichen weit in die russische Geschichte zurück und haben mit der mentalen Besonderheit dieses Volkes zu tun.

 

  • Der geostrategische Grund:

 

Russlands Wirtschaft hat seit hunderten Jahren eigentlich nie wirklich den Anschluss an die Weltwirtschaft geschafft oder gar eine Vorreiterrolle in ihr gespielt. Geostrategisch hat Russland diesen Nachteil stets durch Landnahme kompensiert. Russlands heutiges Staatsgebilde als Vielvölkerstaat mit über 100 Nationen basiert nicht in erster Linie auf einer freiwilligen Einwanderung dieser nun zu Russland gehörenden Menschen oder auf einer geschickten Heiratspolitik regionaler Feudalherren, wie im Westen Europas in der damalige Zeit üblich, sondern auf schlichter Kolonisierung. Selbst wenn Russland gelegentlich auch als gerecht zu bezeichnende Kriege führte, endeten sie praktisch immer mit einer Erweiterung des eigenen Wirtschaftsgebietes auf Kosten des unterlegenen Kriegsgegners oder seiner eigenen Verbündeten. Diese expansive Außenpolitik wurde auch im Denken und Handeln unter der Sowjetregierung fortgesetzt und mit Hilfe unsäglicher Opfer der Völker der Sowjetunion in ihrem Verteidigungskrieg im Verlauf und Ergebnis des Zweiten Weltkrieges zementiert und ausgebaut.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Russland, welches im Bestand der UdSSR und im “Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe” (RGW) die uneingeschränkte Führungsrolle innehatte, erstmals durch den wirtschaftlich stark prosperierenden Westen und sein Schutzschild, die NATO, die Möglichkeit genommen, sich auf Kosten anderer Völker zu sanieren. Russland war gezwungen, geopolitisch nicht mehr extensiv, sondern intensiv zu agieren, was am Anfang durch die sich schnell erholenden Satellitenstaaten nur scheinbar gelang, denn während Länder wie die DDR, die CSSR, Ungarn oder Polen sich auf die Produktion der für den Bevölkerungsbedarf wichtigen Konsumgüterproduktion und den Maschinenbau konzentrierten und dazu einen gesunden Mix aus Leicht- Chemie- und Schwerindustrie anstrebten, setzte Russland in der UdSSR auf die Schwerindustrie, den militärisch-industriellen Komplex und Rohstoffe. Technologisch ansruchsvolle Güter wie z.B.Industrieanlagen, Textilmaschinen, Mähdrescher, Reisezugwagen, Busse, LKW oder industrielle Konsumgüter gingen den Weg nach Osten Im Gegenzug gab es Energierohstoffe wie Öl und Gas aus der Sowjetunion.

Auch bei der Entwicklung neuer Technologien gingen die russischen Brüder im Osten den einfachen Weg, Patente aller Mitgliedsstaaten des RGW konnten gebührenfrei genutzt werden, ein klarer Vorteil für das sowjetische Russland – zunächst, denn man sparte ja kräftig Entwicklungskosten. Und anstatt die eigene Wirtschaft an die neuen Herausforderungen einer sich veränderten Welt anzupassen und sie auf eine solide und gesunde Basis zu stellen, ging Russland mit der UdSSR den Weg wie seit Jahrhunderten, es lebte wie ein Imperator auf Kosten der Anderen. Der Gipfel dieser Politik war die Forderung der Sowjetunion, die 2700 km lange “Sojus”-Erdgastrasse von Orenburg nach Uschhorod von fünf westlichen RGW-Staaten auf deren Kosten allein bauen zu lassen, wohl wissend, dass das Wertvolle am Erdgas die Pipeline zum Kunden selbst ist, denn ohne diese Transportmöglichkeit ist das Gas keinen einzigen Cent wert. Und so kam es, dass 550 km des heute so oft in den Schlagzeilen befindlichen russischen und ukrainischen Erdgasnetzes nach Westeuropa die kleine DDR mit 10000 Arbeitern, die 12-14 Stunden täglich schufteten, stemmte. Um dann eine begrenzte Menge des, ohne die Trasse an sich wertlosen Gases, kostenlos zu erhalten. Und während sich die Satellitenstaaten später abmühten, die steigenden Rohstoffpreise der UdSSR mit immer mehr und immer besseren Produkten zu kompensieren, geriet der große russische Bruder technologisch ständig weiter in Rückstand. Schlussendlich muss man sagen: Russland kam seiner Führungsrolle innerhalb der UdSSR und des RGW in keinster Weise nach und trägt die Hauptschuld am Scheitern der UdSSR.

Als dann mit der deutschen Wiedervereinigung die DDR, die mit seinen 16,5 Mio Einwohnern immerhin 11% des Außenhandels der UdSSR (mit 290 Mio. Einwohnern) ausmachte, gemeinsam mit anderen Ostblockstaaten das Ende des RGW einläutete, kollabierte das rückständig gebliebene Sowjetreich engültig.

Aber welche Lehren hat Russland aus dieser historischen Lektion gezogen? Nachdem sich viele ehemalige Mitgliedsstaaten der UdSSR und fast alle Satellitenstaaten des RGW regelrecht in Richtung EU und NATO flüchteten, frei nach dem Motto: je weiter und je schneller, desto besser, dachte die Führung Russlands gar nicht daran, an seiner imperialen geostrategische Herangehensweise bei der Gestaltung seiner Außenpolitik grundlegend etwas zu ändern. Im Gegenteil: Die NATO wurde als Hort des Bösen verteufelt, denn sie war es ja, die Russland den Zugriff auf die jungen Demokratien verwehrte.

Mit fatalen Folgen für alle anderen, nicht von der NATO geschützten Nachbarn, die Russland zum Teil dreist als “Nahes Ausland” bezeichnet. Diese stehen klar im Fokus russischer neoimperialer Interessen und können jederzeit Ziel eines Angriffes werden. Was auch mit fatalen Folgen für die Völker der russischen Föderation selbst verbunden ist.

Die aktuelle Praxis zeigt, Russland versucht erneut, durch expansives Verhalten an Größe zu gewinnen. Die entsprechende Denkweise ist auch in Teilen der russischen Bevölkerung weit verbreitet und ist Ausdruck eines mental tief verwurzelten hegemonialen Machtanspruches und eben nicht nur das Resultat der derzeitig exzessiven Propaganda russischer Medien. So lange Russland seine geostrategische Politik nicht grundlegend ändert, wird sich also der Zerfall dieses letzten Kolonialreiches der Welt fortsetzen. Denn auch wenn Russland den Anspruch hat, eine Weltmacht zu sein oder es wieder zu sein, die ökonomische Wirklichkeit sitzt einfach am längeren Hebel. Und die sagt eindeutig: Russland ist ein ökonomischer Zwerg und spielt in der Welt der wirtschaftlichen Tatsachen eine untergeordnete Rolle.

Solange aber Russland seinen Platz in der Welt verzerrt wahrnimmt und seine Politik nicht den Realitäten anpasst, wird es eine Gefahr für sich und die Welt sein.Womit wir zum zweiten Grund für den Niedergang Russlands übergehen.

(wird fortgesetzt)

Autor: Fritz Ehrlich

Quelle: Fritz Ehrlich Facebook

Titelbild: Patric Auner Facebook

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