Zynismus für den Export

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Analytik und Meinungen, Archiv, Krieg im Donbas, Russland

Der Niederländer Hans Loos, viele Jahre in Russland tätig, ist überzeugt: Der Kreml strebt eine Demoralisierung der gesamten westlichen Gesellschaft an

von Sofija Kornijenko, RFE/RL, 22.11.2014

Russland und der Westen befinden sich im Kriegszustand – das behauptet der niederländische Journalist und Russland-Experte Hans Loos. Das ist ein Krieg eines neuen Typs, man kann ihn als nichtlinear, hybrid oder auch postmodern bezeichnen. Das, was heute in der Ukraine passiert, ist bloß die punktuelle Materialisierung eines viel größeren Prozesses, bei dem es dem Kreml nicht um territoriale Expansion geht, sondern darum, die gesellschaftlich-politische Matrix in anderen Staaten mutieren zu lassen, so dass sie Züge des putinschen Russlands bekommen: Korrumpiertheit, Misstrauen und Zynismus.

Hans Loos ist einer der wenigen westlichen Journalisten, die Russland wirklich gut kennen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese die westlichen Politiker dazu ermahnen, die Augen aufzumachen und zu erkennen, dass hinter den Handlungen des Kreml weder ein banaler Revisionismus und die Rückkehr zur Sowjetunion stehen noch territoriale Eroberungen im Stile des 19. Jhs. oder der Aberwitz eines Diktators, sondern eine gut durchdachte Taktik zur Demoralisierung der gesamten westlichen Gesellschaft mit Hilfe neuester Technologien.

Hans Loos ist nicht sofort Journalist geworden. Viele Jahre arbeitete er im russischen Business: Im Ural, in Moskau und St. Petersburg unterstütze Loos russische Unternehmen dabei, transparenter zu werden und damit attraktiver für westliches Kapital.

– Jetzt, im Licht des heutigen wirtschaftlichen und politischen Klimas, denke ich: „Um Gottes willen, was haben wir damals nur gemacht? Was haben wir uns dabei gedacht?“ Wir wurden von einem naiven Idealismus geleitet. Ob aus diesem Idealismus heraus oder aus gutem Willen, vielleicht auch aus Zynismus, haben wir die Augen verschlossen vor dem, was in Russland wirklich vor sich ging, welche Formen das Putin-System annahm. Ich habe insgesamt sechs Jahre in Russland gelebt, aber auch nach meiner Rückkehr in die Niederlande blieb ich aus beruflichen Gründen in engem Kontakt mit Russland. Dieser Lebensabschnitt fällt zusammen mit der Regierungszeit Putins, also bin ich auch auf eine Art ein Kind des Putinismus. Ich glaube, auf einer unterbewussten Ebene wurde ich von der gleichen Idee eines zynischen Realismus getrieben: So lange unsere wirtschaftlichen Beziehungen weiter gestärkt werden, sei die politische Komponente nur postmodernes Gejammer, nur zur inneren Anwendung bestimmt, ohne Bedeutung, die wirtschaftlichen Bande lassen die Situation nicht außer Kontrolle geraten. Jetzt denke ich da anders.

Heute nicht zu sehen, was mit Russland geschieht, ist schwieriger geworden als vor einigen Jahren.

– Ja, heute ist das wahrlich nur noch schwer möglich. Russland gilt nicht mehr als Partner des Westens. Als der Flug MH-17 abgeschossen wurden, war das ein Wendepunkt, nach dem es auf einmal zum schlechten Ton gehörte, auf dem Standpunkt zu bestehen, Russland sei unser wirtschaftlicher und politischer Partner. Es war schwer geworden, mit Russland Geschäfte zu machen. Andererseits können die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen nicht einfach gekappt werden, und es ist auch fraglich, ob das ein guter Weg wäre. Das ist ein unheimlich komplexer Vorgang.

Sie schreiben selbst: „Die Aufgaben alter internationaler Großallianzen wie der NATO und der EU haben im Vergleich zu den kommerziellen Interessen einzelner westlicher Unternehmen auf dem Territorium von Ländern wie Russland an Bedeutung verloren.“ Formal ist das Leben nur für diejenigen schwerer geworden, die in der Lebensmittelbranche arbeiten. Bei der niederländischen Handelsgesellschaft Gasunie beispielsweise ist nach wie vor alles in Butter.

Ich weiß nicht, inwiefern die Position eines Unternehmens „in Butter“ sein kann, die in einem Konsortium die Minderheit stellt, in dem Gazprom 51 Prozent gehören. Für mich ist vielmehr die Tatsache interessant, dass in den Niederlanden keine öffentliche Debatte über die strategische Bedeutung des Bauprojekts der Nord-Stream-Pipeline stattgefunden hat. Das heißt, es gab zwar eine Diskussion, aber sie hat zu keinem Zeitpunkt ein größeres öffentliches Interesse erregt. Ich glaube, die meisten Niederländer ahnen z.B. nicht einmal, dass wir Gazprom auf unserem Binnenmarkt bevorzugt behandeln, damit wir als Land die Rolle eines Gasverteilers spielen können – eine pflichteifrig dienende. Man müsste eine fundierte journalistische Recherche darüber anstellen, wie russisches Kapital durch unseren Steuerhafen geschleust wird, wo es sich ablagert, wie unsere Wirtschaft dazu benutzt wird, Operationen mit Korruptionsgeldströmen zu erleichtern. Das ist wirklich ziemlich beunruhigend. Andererseits war das russische Kapital lange Zeit eine gute Verdienstquelle für uns. Im Februar dieses Jahres veranstaltete die niederländische Botschaft in Kiew einen Präsentationsabend zum Thema der steuerlichen Attraktivität des Königreichs. Diese Präsentation war nicht für die Menschen gedacht, die damals auf dem Maidan gestanden haben. Es war eine Veranstaltung für diejenigen, die zu jenem Zeitpunkt als die politische und wirtschaftliche Elite in der Ukraine galten. Nur wenige Tage später retteten sich diese Leute aus Kiew, indem sie die Flucht ergriffen. Ich will damit sagen, dass unsere Politik in Bezug auf Russland und die Ukraine eindeutig auf wirtschaftlichen Interessen fußte. Man könnte sich jetzt fragen, ob das vernünftig war. Wir haben die Ukraine  über all diese Jahre hinweg nicht als wichtigen Punkt in Sachen Innenpolitik betrachtet. Der Fokus lag eindeutig auf Russland. Die Ukraine wurde als Nebensache wahrgenommen. Das Argument einer bewussten Expansion des Westens Richtung Osten ist falsch. Die Expansion des Westens in den Osten ist ein Wunsch der Ukrainer. Umso trauriger ist es für mich mit anzusehen, wie manche Niederländer das Argument von der angeblichen Osterweiterung des Westens schlucken und damit der Ukraine ein eigenes Stimmrecht absprechen, als wäre die Ukraine kein souveräner Staat. Das beste Beispiel dafür ist, wie leicht wir die Annexion der Krim durch Russland geschluckt haben. Ja, man hat sie mit einem historischen Beleg versehen, aber diese Art der Argumentation ist falsch. Oder dürfen wir nun auch Hand an Indonesien legen?

„Die Umwandlung von Information, Kultur und Geld zu Waffen ist ein integraler Bestandteil eines hybriden, nichtlinearen Krieges, wie ihn der Kreml führt. Die Anwendung dieser Waffen verbindet der Kreml mit konspirativen kleineren Militäraktionen“, – schreibt aus London ein anderer westlicher Journalist, der Russland von innen heraus kennt, Peter Pomerantsev. Vor einigen Tagen veröffentlichte „The Interpreter“, das Gegenstück zur „Inopressa“, einen Vortrag Pomerantsevs (erarbeitet gemeinsam mit Michael Weiss) „The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money“. „Die Globalisierung der Märkte hätte theoretisch zur Sublimierung von Konflikten hin zum friedlichen Handel führen können. Aber anstatt die Globalisierung als eine Chance zum gemeinsamen wirtschaftlichen Aufschwung zu begreifen, hat der Kreml darin einen Mechanismus gesehen, der Aggression sowie die Möglichkeit zur Aufteilung und Beherrschung legitimiert“, heißt es im Vortrag. Russland, so die Meinung der Autoren, spiele heute die Vorreiterrolle in einer bösartigen Globalisierung, aber schon bald würden andere Regimes seine Methoden übernehmen.

– Dem Westen will es nicht gelingen, eine adäquate Antwort auf das momentane Verhalten Russlands zu finden. Obwohl wir diesen Gang der Dinge schon vor vielen Jahren hätten voraussehen müssen. Stellen Sie sich vor, Ihr Geschäftspartner überschüttet Sie über Jahre hinweg mit Schmutz, sowohl auf der internationalen Bühne wie auch zu Hause. Der Westen wird verkauft als Feind Nr. 1, und die öffentliche Meinung wird um diese Idee herum mobilisiert. Diese Tendenz beunruhigte zwar, aber wir verschlossen die Augen davor, wenn auch unbewusst.

– Der Kreml engagiert nicht nur westliche Journalisten, Politologen (beispielsweise auf dem Waldai-Forum) und einzelne Politiker (mit der Aussicht auf eine Stelle in großen russischen Unternehmen), sondern auch komplette politische Bewegungen und Parteien im Ausland. Der Putinismus wird in gleicher Weise attraktiv für ihrem Anschein nach völlig unterschiedliche, ja widerstreitende Gruppen: Neonazis und Globalisierungsgegner, amerikanische christliche Fundamentalisten und Anarchisten, Europaskeptiker und Enthüller von US-Nachrichtendiensten. Das geschieht deshalb, weil die „postmoderne Diktatur“ in Russland im Unterschied zu den Diktaturen alten Typus Ideologien verwende wie eine austauschbare Ansammlung von Accessoires, schreiben Pomerantsev und Weiss in ihrem Vortrag.

– Das putinsche Modell, die Argumentationsweise, mit welcher dieses Modell auf der Weltbühne positioniert wird, findet großen Anklang in Osteuropa. Aber auch im Westen – wer sind heute die politischen Partner des Kreml? Das sind Parteien, die innerhalb des politischen Spektrums extreme Positionen vertreten, wohlgemerkt sowohl rechts wie auch links. Oder betont antieuropäische Parteien. Es waren Mitglieder solcher politischer Organisationen, die als Beobachter zu den Wahlen in Lugansk und Donezk gereist sind. Reinster Betrug.

loos2 Stellt der Vormarsch des Putinismus eine reale Bedrohung für den Westen dar?

– Das spielt sich doch alles direkt vor unseren Augen ab! Nehmen Sie die Nachfolgerin von Catherine Ashton, eine Italienerin (die neue Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Federica Mogherini – A. d. R.). Kaum ein paar Wochen im Dienst, stellt sie schon die Notwendigkeit der Sanktionen gegen Russland in Frage. Diese Einstellung wird durch Länder geschürt, die in Folge der Sanktionen ernsthafte Verluste zu beklagen haben. Vor allem sind das die Länder Osteuropas, die vollständig vom russischen Gas abhängig sind. So entsteht eine Situation, in der der tschechische Präsident sich offen gegen die Sanktionen und gegen den Maidan ausspricht, was paradox ist, bedenkt man die Geschichte Tschechiens. Das geschieht heute, und diese politischen Kräfte darf man nicht unterschätzen. Worin ich die größte Gefahr sehe, ist die Art, wie wir im Westen die Arbeitsmechanismen des putinschen Informationssystems übernehmen. Ich spreche von dem Zynismus, mit dem man in Russland heute auf bestimmte politische Institutionen blickt, die wir bei uns zu Hause als unumstößliche Wahrheit wahrnehmen – Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Unbestechlichkeit, Menschenrechte. In Russland werden all diese Dinge zynisch als Instrumente zum Erreichen von politischen Zielen gesehen: „Der Westen propagiert die Menschenrechte nicht, weil er an sie glaubt, sondern um bestimmte Bereiche unter seiner Kontrolle zu behalten.“ Das ist eine sehr zynische Sicht auf eine Institution, die einen für unsere Gesellschaft grundlegenden Wert darstellt. Das ist es, was mich am meisten beunruhigt.

Zynismus als russische Hauptexportware?

Ja, und eine sehr erfolgreiche! Im Informationsbereich ist das am besten sichtbar, Russland wird dort zur führenden Kraft. Riesige Summen werden heute nicht so sehr in die Massenmedien gesteckt, die auf den russischen Binnenmarkt gerichtet sind, wie vielmehr in diejenigen, die den Verbraucher außerhalb Russlands erreichen sollen. Das Budget von RT, Russia Today, beträgt über 300 Millionen Dollar im Jahr, demnächst soll es um weitere fast 50 Prozent wachsen. Das sind unglaubliche Summen! In die russische Version von Russia Today, die RIA Nowosti geschluckt hat, werden ebenfalls immense Gelder investiert, alle darüber hinausgehenden Anlagemittel im Bereich der staatlichen russischen Medien fließen in die Förderung von Informationskanälen außerhalb von Russland. Vor einigen Wochen ging der neue Russia Today-Sender in Großbritannien an den Start, bald sollen auch französisch- und deutschsprachige folgen. Das sind genau die Massenmedien, in denen Desinformation und Lügen als Instrumente benutzt werden, um den öffentlichen Diskurs im Westen zu stören oder in eine bestimmte Bahn zu lenken. Dieser Krieg wird nicht mit BUKs geführt, aber seine Folgen werden noch mehr Zerstörung anrichten, als das Abfeuern von Waffen. Darin besteht ja die Idee eines nichtlinearen, hybriden Krieges – „sanfte“ Kampfmethoden entpuppen sich als weitaus effektiver im Vergleich zur militärischen Einmischung. Den kriegerischen Konflikt in der Ukraine kann man als Materialisierung dessen betrachten, was bis dato nur eine PR-Strategie der putinschen Idee war. Eine weitere solche PR-Strategie ist die putinsche Stabilität. Das ist einer der dreistesten Mythen des modernen Russlands, welches schon lange nicht mehr in einem derart instabilen Zustand gewesen ist. Heutzutage kann man in Russland nicht einen Schritt tun, ohne ein großes Risiko einzugehen.

Was will Putin mit all diesen kostenintensiven Mitteln erreichen?

Die Basis für seine Politik liegt im Bestreben, die Lebensdauer des von ihm erschaffenen Systems zu erhöhen. Geopolitisch gesehen strebt der Kreml nach einem mehrpoligen Weltmodell. Mit anderen Worten: Der Kreml will die amerikanische Hegemonie beenden sowie gleichzeitig Europa schwächen und so stark wie möglich korrumpieren. Das heißt, die ihn umgebende Welt nach dem eigenen Vorbild verändern, indem Betrug, Käuflichkeit sowie wirtschaftliche und politische Druckausübung zu den zentralen Spielregeln erhoben werden. In Russland selbst zeichnet sich immer deutlicher ein politischer Kannibalismus ab: Die Führungsclique wird immer kleiner, sie frisst sich selbst auf, um das eigene Überleben zu sichern. Giganten wie Rosneft und Gazprom, die auf dem Weltmarkt Hunderte von Milliarden Dollar umsetzen könnten, leiern dem Kreml Rückfinanzierungen aus allen zugänglichen Reservefonds und Rentenversicherungen irgendwelcher einfacher Leute aus der Tasche. Hinter dem Wachstum von Rosneft, das alle neuen Unternehmen schluckt, steht weder ein effektiver Businessplan noch ein attraktives, inhaltlich fundiertes Programm zur langfristigen Entwicklung.

Der Vortrag von Pomerantsev und Weiss beinhaltet einen Appell an alle, die auf demokratische Werte bauen, sich im Kampf gegen Desinformation und strategische Korruption zusammenzuschließen. Im Einzelnen schlagen die Autoren vor, ein internationales Rating zum System der Desinformation sowie einen Fond zur juristischen Unterstützung für Journalisten einzurichten, gegen die Verfahren wegen Verleumdung laufen, eine alternative Waldai-Konferrenz zu veranstalten und Aufklärungsarbeit mit denjenigen Bevölkerungsgruppen durchzuführen, die oft Adressaten von Desinformationskampagnen sind (z. B. die russischsprachige Bevölkerung Lettlands). Genauso sei es notwendig, auf Transparenz der Finanzierung von analytischen Kompetenzzentren zu bestehen.

– Was sollen wir unternehmen? Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich denke, was die Sanktionen angeht, sollte Europa seinen Kurs fortsetzen und diese unterstützen. Das ist ein Mittel, das auf einen langfristigen Effekt abzielt. Seine Folgen in einer kurzfristigen Perspektive sind immer streitbar. Was die Gaspolitik in Europa betrifft – da hat es Amerika, das auf Schiefergas sitzt, schon einfacher. Europa ist ein sehr komplexes politisches Gebilde, eine Allianz demokratischer Länder, wo es unmöglich ist, irgendeine Strafmaßnahme mit einem Federschwung zu beschließen. Aber es ist klar, dass eine zentrale Aufgabe für das heutige Europa die Ausarbeitung eines Energieprogramms darstellt, das auf erneuerbaren Energiequellen aufbaut, was eine perspektivische Unabhängigkeit vom Gas, jedenfalls vom russischen, bedeuten würde. Das ist eine reale Notwendigkeit. Auf dem Spiel steht alles. Ich glaube, dass die Existenz eines solchen Programms nur eine Frage der Zeit ist. Ich bin zwar skeptisch, aber nicht negativ eingestellt – an diesem Problem wird gearbeitet. Wir haben schon sehr viel Zeit verloren und dürfen uns keinen Durchhänger mehr leisten. Es ist heute wichtig für uns, in Russland (d.h. der russischen Regierung) einen Feind zu sehen, eine Gefahr für die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft, für unser politisch-ökonomisches Modell. Und das ist sicher kein konservatives Weltbild, eher im Gegenteil.

Das Putin-Regime lässt sich nicht reformieren, schreibt Hans Loos in der populären niederländischen Zeitung Volkskrant. Entweder besteht es, oder eben nicht. Die großflächige Unterstützung Putins innerhalb der russischen Bevölkerung würde sich in vielerlei Hinsicht durch das Verstehen dieser einfachen Tatsache und die Angst vor der Ungewissheit erklären lassen, die nach Putin käme.

loos3 Ich denke, weder in Brüssel noch in Berlin gibt es einen einzigen Politiker, der daran glaubt, dass die Sanktionen die russische Führungselite dazu bringen könnten, ihre Politik zu überdenken, den Kurs zu wechseln. Der Westen legt seine Hoffnung in erster Linie in einen Regimewechsel in Russland, d.h. in ein Russland nach Putin. Dieses Russland könnte auf der politischen Karte nach 2028 erscheinen, aber genauso gut auch im nächsten Jahr. Noch nie war es für den Westen so schwer, in der russischen Gesellschaft Punkte zu ertasten, an denen man sich festhalten könnte, die wenigstens irgendeine Perspektive für eine künftige Verbesserung des Klimas in Russland aufzeigen würden. Genau deshalb ist es notwendig, weiterhin in Projekte zu investieren, die auf die Errichtung einer Zivilgesellschaft gerichtet sind, auf den Aufbau von Kontakten mit der einfachen russischen Bevölkerung als Faktor des politischen Prozesses, auf die Förderung der russischen Kultur. Das Putin-Regime hat auf sehr effektive Weise die russische Zivilgesellschaft marginalisiert. Sie ist geschwächt, in ein Simulacrum verwandelt. Dabei ist die russische Bevölkerung beständig dabei, die Zivilgesellschaft aufzubauen, aber das geschieht außerhalb des politischen Diskurses. Das politische Feld ist währenddessen so stark gesäubert worden, dass wir aus Europa niemanden mehr anrufen können, um eine adäquate Antwort zu bekommen. Das offizielle Moskau sagt das Eine und macht das komplette Gegenteil. Moskau bestreitet bis heute seine Präsenz im Donbass! Alles ist zu einer kompletten Lüge verkommen, die Konstruktion einer einzigen großen PR-Maschine. Das ähnelt einer surkowschen Reality-Show, in der den Russen eine zweitrangige Rolle zugewiesen worden ist.

In demselben Beitrag in der Zeitung Volkskrant macht Hans Loos den Leser auf die Erzählung „Ohne Himmel“ (rus. „Bes Neba“) aufmerksam, erschienen im März dieses Jahres in der Zeitschrift „Russkij Pioner“, geschrieben von einem gewissen Natan Dubowizkij. Es ist kein Geheimnis, dass sich hinter diesem Pseudonym höchstwahrscheinlich der Putinismus-Ideologe Wladislaw Surkow verbirgt. In der Erzählung geht es um den „ersten nichtlinearen Krieg“, in dem nicht zwei Seiten gegeneinander kämpfen, sondern alle gegen alle. Und es sind auch nicht zwei ganze Staaten, die gegeneinander kämpfen, sondern Kriegsallianzen, die aus einzelnen Städten und Gruppen bestehen.

„Es kam vor, dass verschiedene Provinzen auf der einen Seite kämpften,  auf der anderen, und irgendeine Stadt oder Generation, oder auch ein Geschlecht, eine Berufsgruppe desselben Staates auf der dritten. Es stand ihnen frei, die Seiten zu wechseln. In ein beliebiges Lager überzulaufen. Manchmal mitten im Kampf.“

„Die Ziele der Konfliktparteien waren sehr unterschiedlich. Jedem das seine, wie man so sagt. Die Eroberung umstrittener Landstreifen. Gewaltsame Präsentation einer neu gegründeten Religion. Erhöhung von Ratings und Quotierungen.“

„Die einfach gestrickten Heeresführer der Vergangenheit strebten nach Sieg. Jetzt handelte man nicht mehr so töricht. […] [G]rundsätzlich sah man den Krieg als einen Prozess. Genauer, als Teil des Prozesses, seine akute Phase. Nicht einmal die wichtigste, vielleicht.“

– Der Krieg im Donbass als Teil eines Prozesses? Vielleicht nicht einmal der wichtigste?

Ganz ehrlich, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: „Mein Gott, was für ein postmoderner Schwachsinn! Was will er damit sagen?“ Der Text schien mir prätentiös geschrieben, der Stil ist auch seltsam – alles so kurze Sätzchen. Aber dann las ich ihn ein zweites und drittes Mal und sah, dass er doch interessant war. Vor allem die Beschreibung der nichtlinearen Kriegsführung, des Zusammenschlusses von Allianzen fesselte mich. Der Erzähler gehört zur einfachen Dorfbevölkerung, über deren Köpfen Dronen einen Krieg führen, auf seine Familie stürzen Flugzeugteile. Wenn ich an die Tragödie der MH17 denke, denke ich daran, was die Verwandten der Opfer durchleben mussten, aber ich denke auch daran, welch unauslöschliches Trauma das für die Bewohner jener Dörfer bedeutet, über denen die Boeing abstützte. Und ich denke ständig an Surkows Erzählung. Diese kleinen Leute in ihren kleinen Häusern, auf ihren kleinen Grundstücken. Unsere Einsatzkräfte, die für die Rückführung der sterblichen Überreste verantwortlich sind, wurden evakuiert, weil es gefährlich geworden war, an der Absturzstelle zu arbeiten, und die lokale Bevölkerung war zur selben Zeit gerade dabei, wie immer ihre Felder abzuernten. Und ein paar Wochen zuvor hatten vom Himmel fallende Körper ihre Dächer durchlöchert.

Und dann appelliert der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte an Putins Mitgefühl, indem er die Rückführung der sterblichen Überreste der Boeing-Passagiere mit der Bergung des untergegangenen U-Bootes Kursk vergleicht.

Genau, ich wüsste gerne, welcher „Experte“ ihm zu diesem Vergleich geraten hat! Als ich darüber in den Nachrichten gelesen habe, war ich auch baff. Ich frage mich, was Putin wohl gedacht hat.

Vielleicht war das ein leiser Wink mit dem Zaunpfahl? Putin hat gedacht: „Mist, sie wissen, dass das auch ich war.“

Ja! „Mist, sie wissen alles!“ Vielleicht hat unser Premierminister das ironisch gemeint, so im Stile Surkows. Und wir waren zu dumm, das zu verstehen.

sofijaAutorin und Fotos: Sofija Kornijenko

Quelle: RFE/RL, 22.11.2014

Übersetzung: Jennie Seitz

Redaktion: Euromaidan Press auf Deutsch

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