Die geheimen Toten von Russlands unerklärtem Krieg

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30. Dezember 2014 • Archiv, Empfehlung, Krieg im Donbas, Russland

Artikel von: Tom Parfitt
Quelle: The Telegraph

Anton Tumanow gab sein Leben für sein Land – doch sein Land will nicht sagen wo, und es will nicht sagen, wie.

Seine Mutter weiß das. Sie weiß, dass Anton Tumanow, ein 20-jähriger Vizefeldwebel, in der Ostukraine getötet wurde, zerrissen durch einem Raketenangriff am 13. August.

Elena Tumanowa (41) erfuhr die nackten Tatsachen über den Tod ihres Sohnes von einem seiner Kameraden, der sah, wie er getroffen wurde und seine Leiche aufsammelte.

„Was ich nicht verstehe ist, wofür er starb“, sagt sie. „Warum konnten wir die Menschen in der Ukraine ihre Dinge nicht selber regeln lassen? Und wenn unsere Regierung Anton schon da hingeschickt hat – warum kann sie das nicht zugeben und uns sagen, was genau ihm passiert ist?

Und auch jetzt, wenn das Jahr seinem Ende zugeht, behauptet der Kreml weiterhin, dass nicht ein einziger russischer Soldat ukrainischen Boden betreten hat, um sich den pro-russischen Milizen anzuschließen, die seit letzten April gegen die Regierungstruppen kämpfen. Während seiner jährlichen Pressekonferenz sagte Präsident Putin, dass die russischen Kämpfer [Anm. d. Übers.: der Ausdruck „Kombattant“ im englischen Original ist fehlerhaft, da er suggeriert, diese Kämpfer stünden unter dem Schutz der Genfer Konventionen] in der Ukraine Freiwillige seien, die „dem Ruf des Herzens“ folgten.

Die Geschichte von Artur Tumanow und die unklaren Tode einer großen Zahl von russischen Soldaten seit diesem Sommer strafen diese Behauptung Lügen.

Menschenrechtsaktivisten haben die Fälle von mindestens 40 Berufssoldaten dokumentiert, von denen sie vermuten, sie seien im Ukraine-Konflikt gestorben – viele glauben, deren Zahl geht in die Hunderte – doch die Staatsanwälte weigern sich, Untersuchungen über ihren Tod einzuleiten, obwohl das vom Gesetz gefordert wird.

Verwundungsursache „unbekannt“

Offiziell starb Tumanow „in Erfüllung seiner Dienstpflichten“ an „einem zeitlich begrenzten Einsatzort der Einheit 27777“ – einem Teil der 18. Garde-MotSchützen-Brigade [Anm. d. Übers.: einer Elite-Grenadiereinheit], deren permanenter Standort Kalinowskaja in Tschetschenien ist.

Sein Totenschein, der im Gerichtsmedizinischen Zentrum des Verteidigungsministeriums in Rostow-am-Don am 18. August unterschrieben wurde, hält fest, dass er „durch eine Explosionsverletzung“ starb, die zu „multiplen Schrapnell-Wunden an den unteren Extremitäten“ führte, die ihrerseits zu „akutem, massivem Blutverlust“ führten. Auf dem Totenschein wurde nicht das Kästchen „militärische Auseinandersetzung“ angekreuzt, sondern das Kästchen „unbekannte Ursache“.

Anton Tumanow, 20, rechts außen, posiert mit Kameraden für ein Foto, das möglicherweise ein bis zwei Tage vor seinem Tod bei einem Raketenangriff in Snischne aufgenommen wurde.

Anton Tumanow, 20, rechts außen, posiert mit Kameraden für ein Foto, das möglicherweise ein bis zwei Tage vor seinem Tod bei einem Raketenangriff in Snischne aufgenommen wurde.

Frau Tumanowa, eine Gesundheitsaufseherin, lebt mit ihrem Mann und Antons beiden jüngeren Brüdern im zweiten Stock eines Holzhauses in Kosmodemjansk, einer kleinen, zerknitterten Stadt, die in einer Wolga-Biegung, 600 km östlich von Moskau liegt.

Der versiegelte Zinksarg war am vergangenen Mittwoch angekommen.

„Da war oben so ein kleines Fenster, so dass man sein Gesicht sehen konnte“, erinnert sie sich. „Ich weiß nicht, welche Verletzungen er genau hatte, aber etwas in meiner Seele sagt mir, dass er seine Beine verloren hat.“

Die Beerdigung fand noch am selben Tag statt. Eine Militärkapelle und einige Offizielle vom hiesigen Militärkommissariat nahmen daran teil. Von Tumanows Einheit kam niemand. Seine Mutter telefonierte mit einem Major in Tschetschenien, der bestätigte, dass der junge Mann in der Ukraine ums Leben gekommen war, doch ablehnte, über Details zu sprechen. Der Befehl, nach Tschetschenien zu gehen, „kam von ‚oben‘ und nur mündlich“, sagte er.

Die Suche nach Arbeit führt in den Krieg

Anton Tumanows Biographie ist nicht unüblich für einen Jungen aus der Provinz und aus bescheidenen Verhältnissen. Er wurde, als er die Schule beendet hatte, als Wehrpflichtiger eingezogen und diente acht Monate in Südossetien, der abtrünnigen, pro-russischen Republik in Georgien. Als er letztes Frühjahr nach Kosmodemjansk zurückkam, kämpfte er darum, einen Job zu finden. Nach Kurzeinsätzen als Barmann und auf einer Baustelle in Moskau entschied er sich als Berufssoldat zu den Streitkräften zurückzukehren. Im Juni wurde er nach Tschetschenien geschickt.

„Ich versuchte ihn zu überreden, wegen dem, was in der Ukraine passierte, nicht zu gehen“, so Frau Tumanowa. „Doch unser Präsident sagte ja, dass keiner unserer Soldaten dort hingeschickt würde. Dort kämpften ausschließlich Ukrainer gegeneinander, und ich habe das geglaubt. Deswegen diskutierte ich letztendlich nicht.“

Anton Tumanow hatte eine dreimonatige Probezeit, doch er war erst zehn Tage in Tschetschenien, als er und andere Soldaten aus dem Standort gefragt wurden, ob sie als Freiwillige in den Donbas zum Kämpfen gehen würden.

Er und seine Freunde weigerten sich, wie er seiner Mutter am Telefon erzählte. „Wer will denn sterben?“ sagt sie. „So dachten sie. Niemand hatte Russland angegriffen. Wäre es so gewesen, wäre Anton der erste gewesen, der sich gemeldet hätte.“

Doch Mitte Juli hatten sich die Dinge geändert. Nun wurde seine Einheit, die Nummer 27777 in ein vorläufiges Lager in die Region Rostow verlegt; in die Nähe der ukrainischen Grenze, offiziell, „um zu üben“.

Schon bald erzählte er Nastja Tschernowa, seiner in Kosmodemjansk zurückgebliebenen Verlobten, dass er auf kurze Trips in die Ukraine gehe, Lieferungen von Waffen und Armeefahrzeuge an die Rebellen lieferm.

Das war der Moment, als die pro-Moskau-Miliz am Rand des Zusammenbruchs gegenüber den ukrainischen Regierungskräften war, die die Separatistenhochburg Donezk fast vollständig eingekesselt hatten. Im darauffolgenden Monat inszenierte Russland eine breit angelegte Intervention – und sandte Panzer und Truppen über die Grenze, um die ukrainischen Truppen zurückzuschlagen und Rebellengebiet zurückzuerobern.

Am 10. August rief Anton Tumanow seine Mutter an und sagte: „Sie schicken uns morgen nach Donezk“ – der Rebellenhochburg. „Wir werden der Miliz helfen.“

Am darauffolgenden Tag sagte er ihr: „Wir geben unsere Dokumente und unsere Handys ab. Sie haben jedem von uns 150 Schuss Munition und zwei Granaten gegeben.“ Ein paar Stunden später kam seine letzte Nachricht über VKontakte, dem russischen Facebook-Äquivalent: „Handy abgegeben, auf dem Weg in die Ukraine.“

Nastja Tschernowa, eine feingliedrige, 17-jährige Oberschülerin, sagte, ihr Freund sei gegen seinen Willen gegangen. „Das letzte Mal, als wir miteinander sprachen, erzählte er mir, dass er und einige Freunde diskutierten, wegzulaufen, aber sie waren weit entfernt von zu Hause und sie hatten nichts zu essen,“ sagt sie. „Es war unmöglich.“

Was danach passierte, weiß Frau Tumanowa von einem Kameraden ihres Sohnes, der in der gleichen Einheit gedient hat und mit ihm gegangen war. Der Soldat gab ihr einen handgeschriebenen Bericht.

„Am 11. August wurde uns befohlen, die Nummernschilder von unseren Fahrzeugen zu entfernen, Flecktarn anzuziehen und weiße Lappen um unsere Arme und Beine zu binden“, schrieb der Soldat. „An der Grenze erhielten wir weitere Munition. Am 11. Und 12. Überquerten wir die  Grenze zur Ukraine. Am 13. August wurde unsere Kolonne durch eine Rakete getroffen. Dabei starb Anton Tumanow. In diesem Moment waren wir in der Ukraine, in Sneschnoje [ukr. Snischne, einer Stadt in der Nähe von Donezk].

Eine große Zahl, Hunderte von Toten

Sergej Kriwenko, Vorsitzender der Gruppe „Bürger und Armee“, einer zivilen Gruppe in Moskau, die Soldaten und ihren Familien hilft, ihre Rechte zu schützen, sagt, die Aktivisten seien sicher, dass in diesem Sommer und Herbst mindestens vierzig Soldaten gefallen seien, doch dass sie den Verdacht hätten, die Zahl gehe in die Hunderte.

Ein Stabsoffizier räumte unlängst auf einem Treffen mit Kriwenko und anderen Menschenrechtsaktivisten ein, dass es im Militär Tote gegeben habe, doch blieb vage in Bezug auf das „wo“ und „wie“.

„Er sagte uns, eine Granate sei über die Grenze aus der Ukraine geflogen und habe einen Panzer getroffen, oder etwas sei explodiert als Leute um ein Feuer auf einem Schießplatz gesessen hätten“, so Kriwenko, der auch Mitglied in der Menschenrechtskommission von Präsident Putin ist.

Anton Tumanowas Grab in seiner Heimatstadt Kosmodemjansk, 600 km östlich von Moskau © Tom Parfitt/The Telegraph)

Anton Tumanowas Grab in seiner Heimatstadt Kosmodemjansk, 600 km östlich von Moskau © Tom Parfitt/The Telegraph)

„Russland befindet sich offiziell nicht im Krieg; deswegen sollte jeder Tod strafrechtlich untersucht werden, doch das verweigern die Behörden“, fügt er hinzu.

Eine Handvoll Soldaten hat „Bürger und Armee“ beschrieben, wie sie auf Trips in die Ukraine geschickt wurden um Waffen auszuliefern und wie später ihre Verträge zerrissen wurden, wenn sie sich weigerten, nochmals dort hinzugehen, oder wie Einheiten verkleinert wurden.

Tumanows Kameraden bestätigten das, was seiner Mutter berichtet wurde, und erzählten Kriwenko, der junge Unteroffizier sei gestorben, als eine Salve aus einer ukrainischen Grad (Stalinorgel) ihre Munitions-LKWs auf dem Grund und Boden einer Fabrik in Sneschnoje [ukr Snischne] traf. Sie schätzten, dass allein bei diesem Angriff 120 Männer gestorben seien.

Diese Tode zu untersuchen, kann gefährlich sein. Ludmilla Bogatenkowa, eine 73-jährige Vertreterin des Komitees der Soldatenmütter in  Stawropol, fand sich, als sie die Tode von Snischne untersuchte, mit einer Betrugsanklage konfrontiert.

Einige wenige Angehörige scheinen das Schicksal  ihrer Lieben zu akzeptieren. Im Interview mit einem Moskauer Radiosender sagte der Vater von Nikolai Koslow, einem 21-jährigen Fallschirmjäger aus einer Uljanowsker Einheit, der ein Bein verloren hat, er sei stolz auf seinen Sohn. „Er leistete einen Eid und führte Befehle aus“. Ein Bericht des Staatsfernsehens über Koslows Fortschritte im Krankenhaus war gegengeschnitten mit Straßenkämpfen und Panzern auf denen die ukrainische Flagge wehte. Der Bericht präsentierte ihn als einen Mann, der noch kürzlich durch die Hölle ging und schließlich doch nach Russland zurückgekehrt ist“. Der Bericht sagte nicht, von wo.

Lew Schlosberg, ein Abgeordneter aus  Pskow in West-Russland sagte, es gibt um die Opfer eine Atmosphäre von Angst und Geheimnis. Er kämpft darum, herauszufinden, wie zwölf Pskower Fallschirmjäger im vergangenen Sommer ums Leben kamen. Als er darüber zum ersten Mal in seinem Blog schrieb, streckten ihn  unbekannte Angreifer ihn von hinten nieder und schlugen ihn bewusstlos.  Rowdys bedrohten Reporter, die die Gräber dieser Fallschirmjäger besuchten, man werde sie „niemals wieder sehen“ und schlitzte ihre Autoreifen auf.

„Viele Soldaten sind in der Ukraine gefallen und ihre Familien sind schockiert. Doch sie äußern sich nicht, da sie um ihr Leben fürchten“, so Schlosberg, der sich nach einer Krankenhausbehandlung wieder erholt hat. Er sagt, er habe mit den Verwandten der Toten und mit Soldaten gesprochen, die gegen ihren Willen in der Ukraine gekämpft hätten, die jedoch dringend anonym bleiben wollen. „Menschen im heutigen Russland leben in Angst vor den Behörden“.

„Unsere Kinder sind namenlos“

In Kosmodemjansk bahnt sich Natja Tschernowa ihren Heimweg nach der Schule durch den Schnee. Sie kann ihren Freund nicht vergessen. Sie postet Gedichte über Anton Tumanow auf ihrer VKontakte-Seite und erinnert sich an den Moment, als sie an seinem Todestag abrupt mit einem schlechten Gefühl aufwachte.

„Anton war kein Freiwilliger“ sagt sie mit Bestimmtheit. „Er wollte nicht in die Ukraine, um zu kämpfen und Menschen zu töten. Er hatte nicht die Aggression dazu in sich. Er schloss sich der Armee an, um sein Land zu verteidigen.“

Zu Hause, in ihrem Wohnzimmer, wartet Elena Tumanowa noch immer auf eine Erklärung für den Tod ihres Sohnes. Seine Kopfbedeckung liegt, auf einer gefalteten russischen Trikolore, auf dem Fernseher. An der Wand hängt ein kleines Portrait, das ihn in Uniform zeigt, mit einem schwarzen Band in einer Ecke.

Frau Tumanowa hatte den Staatsanwalt, über eine Bürgerrechtsgruppe, gebeten, die letzten Tage ihres Sohnes zu untersuchen. Sie bekam keine Antwort.

Auf dem Militärkommissariat erzählten Beschäftigte dem Telegraph, sie hätten über Anton Tumanow keinerlei Informationen. Ein Stabsoffizier im Sanitätszentrum von Rostow, wo sein Tod festgehalten worden war, verweigerte einen Kommentar.

„Für mich ist es wichtig, dass unsere Regierung nicht verbirgt, was passiert ist“, sagt Frau Tumanowa. „Im Fernsehen sagen sie, unsere (russischen) Kriegskorrespondenten, die in der Ukraine gestorben sind, sind Helden. Wir kennen deren Namen, sie wurden mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Doch es geht nicht um Orden. Es geht darum, dass unsere Kinder namenlos sind. Wie heimatlose Landstreicher.

Wenn sie unsere Soldaten dorthin gesandt haben, sollen sie es zugeben. Das ist das bitterste für eine Mutter wie mich. Es ist zu spät, um Anton zurückzubringen, doch das ist einfach unmenschlich.“

Titelbild: Elena Tumanowa besucht das Grab ihres Sohnes Anton in dessen Heimatstadt Kosmodemjansk, 600 km östlich von Moskau, Russland. Foto: Tom Parfitt

Tom Parfitt

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Artikel von: Tom Parfitt
Quelle: The Telegraph

Bild: Tom Parfitt, The Telegraph
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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