Die russische Medienmaschinerie zielt auf den Westen

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1. Januar 2015 • Archiv, Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Glenn Kates
Quelle: RFE/RL

Mai in Odessa: Ein Arzt versucht verzweifelt, pro-russische Demonstranten zu retten – mehr als 40 von ihnen werden sterben – gefangen im Gewerkschaftshaus der ukrainischen Stadt.

“Als Arzt eilte ich zu Hilfe, um denjenigen zu helfen, die sich retten konnten, aber ich wurde von pro-ukrainischen radikalen Nazis daran gehindert,” schreibt er auf Facebook und benutzt dabei eine Bezeichnung, die für die neue politische Führung der Ukraine nach der Amtsenthebung von Präsident Wiktor Janukowytsch im Februar von russischen Prominenten und den Medien unerbittlich wiederholt wird. “Einer von ihnen stieß mich grob zur Seite und versprach, dass mir und anderen Juden in Odessa bald das gleiche Schicksal bevorsteht.”

Eine packende Darstellung, aber halt eine Fälschung. Diesen “Doktor” aus Odessa gab es nicht. Die private Facebook-Seite, die die Geschichte veröffentlichte, zierte ein Foto eines Zahnarzts in der russischen Republik Karatschai-Tscherkessien in 2.000 Kilometer Entfernung, war aber kurz darauf verschwunden.

Ganz egal: Das Posting war Online und schnell weit verbreitet, es fand seinen Weg in die westlichen Mainstream-Medien mit einem Kommentar des Journalisten John Pilger im “Guardian”.

2014 war das Jahr, in dem die vom Kreml unterstützten Medien weltweit aktiv wurden. In Russland malte das Staatsfernsehen ein Bild des rachsüchtigen und unmoralischen Westens, der auf gefährliche Weise in Russlands “historische” Einflusssphäre vorgedrungen war, während Moskaus fremdsprachige Sprachrohre wie Russia Today und eine neue Agentur das begannen, was einige als einen neuen “Informationskrieg” bezeichnen.

Es ist nicht klar, ob der Arzt aus Odessa eine komplette Internet-Fälschung oder das Ergebnis der Arbeit einer wachsenden Zahl von russischen bezahlten “Internet-Trollen” war. Aber für die staatlichen russischen Nachrichtenagenturen, die im Internet erschienene Gerüchte schamlos und unverhohlen wiederholen oder ihre eigenen streuen, macht das ohnehin einen Unterschied.

“Propaganda ist jetzt Journalismus”

Im Jahr 2014 konnte ein regelmäßiger Zuschauer eines der drei staatlichen russischen Fernsehsender erfahren, dass ukrainische Soldaten einen dreijährigen Jungen auf einem öffentlichen Platz in der ostukrainischen Stadt Slowjansk gekreuzigt haben; oder dass Konzentrationslager im Nazi-Stil gebaut wurden, um russischsprachige Bewohner im Osten der Ukraine zu internieren; oder dass führende ukrainische Politiker sich mit Satanisten verschworen haben, die Lämmer gefoltert haben.

Alles Erfindungen, aber rund 50 Prozent der Russen sagen – darunter schätzungsweise 94 Prozent, die ihre Nachrichten bevorzugt aus dem Fernsehen beziehen – sie vertrauen dem Staatsfernsehen mehr als jeder andere Quelle, laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Umfrage des unabhängigen Levada-Zentrums (die nächste zuverlässigste Quelle waren “Freunde, Familie und Nachbarn” mit 20 Prozent).

Und Andrej Kondraschow, ein Talkshowmaster im staatlichen Fernsehkanal Rossija, war in einem Gespräch mit dem russischsprachigen Dienst von RFE/RL stolz auf die Rolle der staatlichen Medien in der Zusammenführung von Journalismus und  staatstreuen “Nachrichten”. “Ich würde keine strenge Abgrenzung zwischen diesen beiden Begriffen ziehen, denn zur Zeit haben wir es mit zwei Systemen, zwei Kulturen zu tun, die gegen einander kämpfen, und niemand unterscheidet das eine vom anderen, weil sie zu einer Einheit verschmolzen sind,” sagte Kondraschow. “Jetzt ist jede Art von Propaganda in den Medien im Wesentlichen Journalismus.”

Dieses Narrativ des Staats ist zu Hause schon lange vorherrschend, aber seit Russland und der Westen mit der schwersten Krise seit dem Zerfall der Sowjetunion konfrontiert sind, hat Moskau ein gestiegenes Interesse an der Übermittlung seiner Version von Nachrichten in den Westen gezeigt.

Im November startete Dmitrij Kiseljew, Chef-Propagandist des Landes, der zu Beginn dieses Jahres in einer beliebten wöchentlichen Sendung davor gewarnt hatte, das Russland das einzige Land der Welt sei, das die Vereinigten Staaten in “radioaktiven Staub” verwandeln könnte, die Nachrichtenagentur Sputnik, die nach seiner Auskunft bis Ende 2015 in 34 Ländern in 30 Sprachen senden werde.

Zur gleichen Zeit steigt das Budget für das RT, dem früher als Russia Today bekannten internationalen Nachrichtensender des Kreml, auf 15,38 Milliarden Rubel (rund 280 Millionen Euro) im neuen Jahr.

Diese Auslandssender haben nicht das Ziel “zu überzeugen oder zu überreden, sondern den Zuschauer süchtig und abgelenkt, passiv und paranoid zu halten anstatt zum Handeln zu bewegen,” sagten Peter Pomerantsev und Michael Weiss in “The Menace of Unreality” [Die Drohung des Irrealen], einem im November veröffentlichten Bericht des in Princeton, New Jersey, ansässigen Instituts für das Moderne Russland.

Die Herzen und den Verstand erobern?

Und einige fragen noch, ob die Bemühungen des Kreml im Ausland tatsächlich wirksam sind.

“Wenn das jemand für eine reale Gefahr hält, frage ich mich, ob das nicht doch Panikmache ist,” sagt Kevin Rothrock, Mitarbeiter bei RuNet Echo, einer Webseite, die das russische Internet verfolgt. “Wenn es um eine wirkliche Quantifizierung der Stärke oder des Einflusses dieser Art von Propaganda geht, dann hat für mich bisher niemand dies überzeugend getan.”

Obwohl RT sich damit brüstet, dass ihre Sendungen auf mehr als 630 Millionen Fernsehgeräten auf der ganzen Welt empfangen werden können, gibt es wenig Daten über die tatsächlichen Zuschauerzahlen.

Aber Pomerantsev und Weiss verweisen auf die Berichterstattung über die Katastrophe  des Malaysia Airlines Flugs MH17 als ein Beispiel dafür, wie Moskaus Strategie funktioniert.

Es gibt starke Indizien, dass pro-russische Separatisten im Besitz eines Raketenwerfers vom Typ BUK waren, mit dem das Flugzeug vermutlich abgeschossen wurde, wobei alle 298 Passagiere und Besatzungsmitglieder getötet wurden. Im Westen angeführt durch RT arbeiteten russische Nachrichtenagenturen daran, Zweifel zu erzeugen, indem sie eine Reihe von leicht zu entlarvenden Theorien fabrizierten, um die Katastrophe dem Westen oder der Ukraine anzulasten.

Ziel des ganzen Aufwands erscheint jedoch nicht zu sein, den gewöhnlichen Zuschauer davon überzeugen zu wollen, dass die eine oder andere Seite für den Abschuss des Flugzeugs verantwortlich ist, sondern vielmehr die Schaffung der Idee, dass es sich um eine noch offene Frage handelt.

Seit der Annektion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im März gab es mehrere kleinere Initiativen, die sich gegen Moskaus Bemühungen wehren.

Jewhen Fedtschenko, Direktor der Kiew-Mohyla-Journalistenschule, gründete Stopfake.org, eine Webseite auf Englisch, Russisch und Ukrainisch, um die “verzerrte Information und Propaganda über die Ereignisse in der Ukraine zu widerlegen”. Er sagte, dass Webseiten wie seine nicht “im Wettbewerb mit der russischen Propagandamaschinerie” stünden, sondern ehrliche Nachrichten an so vielen Orten wie möglich berichten wollten.

Pomerantsev und Weiss fordern eine größere und koordinierte Strategie, die eine “Desinformations-Charta” und “gegen die Desinformation vorgehende Redakteure” umfassen sollte, um sich gegen das zu Wehr zu setzen, was sie als “Militarisierung von Informationen” durch den Kreml beschreiben.

“Wir stehen vor einer Herausforderung, die es so noch nicht gab,” sagte Weiss in einem Podcast des RFE/RL-Programms “Power Vertical”. “Und leider muss ich sagen, dass das Putin-Regime und seine Sprachrohre bei diesem Spiel unglaublich geschickt sind.”

Titelbild: Die Webseite der russischen internationalen Nachrichtenagentur Sputnik: “Westliche Angriffe auf russische Medien beweisen lediglich, dass sie die Wahrheit sagen”

RFE/RL, 29. Dezember 2014

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

Artikel von: Glenn Kates
Quelle: RFE/RL

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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