Die Grausamkeit des Kreml

navalny

 

Archiv, Menschenrechte, Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Miriam Elder
Quelle: buzzfeed.com

„Das ist die schmerzhafteste Option für mich.“

Oleg Nawalny verbringt die Nacht in der Butyrka, einem Gefängnis aus der Zarenzeit, in dem jahrhundertelang russische Kriminelle, Dissidenten und Revolutionäre einsaßen. Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn verbrachte Zeit innerhalb der kalten Festungsmauern, genau wie Jewgenia Ginzburg, die ergreifend über die Stalinschen Säuberungen schrieb, durch die weite Kreise der Bevölkerung in den dreißiger Jahren ins Gefängnis gebracht wurden.

Oleg Navalny ist kein besonders Prominenter. Er ist ein 31-jähriger Vater von zwei Kindern, der den größten Teil seines Berufslebens für die Post gearbeitet hat. Er hat niemals einen großen Roman geschrieben, sich gegen den Kreml positioniert oder versucht, die Regierung zu stürzen.

Hier ist er mit seiner Frau und zwei Kindern:

Tweet-Text: Niedliches Bild von Oleg Nawalny + Familie – in den Knast geschickt, um seinen Bruder zu bestrafen.

Oleg Nawalny muss ins Gefängnis, weil er als jüngerer Bruder von Alexej Navalny geboren wurde, jenem Anti-Korruptions-Kreuzritter, der zur Hauptperson der Opposition wurde, unterstützt von jungen, technikaffinen Russen, die – angesichts der mittelalterlichen Politik des Kreml – sehen wollen, wie ihr Land modernisiert wird. Am Dienstag sprach ein Moskauer Gericht beide Brüder schuldig – auf Grund erfundener Betrugsvorwürfe. Alexej wurde zu dreieinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt. Oleg musste in die Butyrka. Dort erwartet er seinen Transport in ein russisches Straflager, um ein Urteil über die gleiche Dauer abzubüßen. Das Verhalten des Gerichts – sehr wahrscheinlich direkt aus dem Kreml gesteuert – ist unaussprechlich durchtrieben und grausam.

Der russische Staat ist bereits für seine brutalen, schwerwiegenden und chaotischen Maßnahmen bekannt – z.B. die Annexion der Krim und die Invasion in die Ukraine, die durchgeknallten Propagandamedien wie Russia Today, und vieles, vieles mehr. Doch im Zermalmen von Individuen – das Zerbrechen in der destruktivsten Art und Weise, die möglich ist – hat er wenig Konkurrenz. Jahrzehntelang hat der Staat einen der grausamsten – und wirkungsvollsten – Geheimdienste der Welt aufgebaut: früher bekannt als Tscheka, dann als KGB, heute als FSB. Dieser Geheimdienst ist nun an der Macht, vertreten durch seinen früheren Chef, Wladimir Putin.

Hätte man Alexej Nawalny ins Gefängnis gesteckt, hätte man einen Märtyrer aus ihm gemacht – ein Grund zu demonstrieren für die Russen zu Hause und ein Grund für die politischen Führer der Welt, Putin zu piesacken. Statt dessen versucht der Staat, ihn langsam zu zerstören, indem er ihn mit Gerichtsverfahren über Verfahren überzieht, ihn unter Hausarrest stellt, ihn vom Internet, seinem Lebenselixier, abschneidet und sein Leben im Allgemeinen zu einem Hürdenlauf macht, der ihm keine Zeit lässt, sich seiner Anti-Kreml-Sache zu widmen, die ihn antreibt. Doch er hört nicht auf. Er veröffentlicht weiterhin Untersuchungen über die Korruption der Behörden. Nachdem er wieder Zugang zum Internet hatte, fuhr er fort, gallige Attacken auf diejenigen an der Macht zu reiten und seine Anhängerschaft zu vergrößern. (Die ist immer noch, das sollte man zur Kenntnis nehmen, verdammt klein, im Vergleich mit ganz Russland.) Und deswegen verfolgen sie seine Familie. Nawalny schrieb nach dem Urteil auf seinem Blog: „Das ist das widerwärtigste von allen möglichen Urteilen. Jeder Mensch wählt sein eigenes Schicksal, doch niemand wählt seine Verwandten.“ Die Entscheidung, seinen Bruder zu verfolgen, zeige die ,Qualität des menschlichen Materials‘, aus dem die bestehen, die in unserem Land die Macht ergriffen haben. Und das ist möglicherweise, der Hauptgrund, weswegen diese Regierung nicht existieren sollte.“Nawalny wird nun die folgenden wenigen Tage, Wochen, Monate und Jahre in dem Bewusstsein durchleben müssen, dass sein Bruder wegen ihm aus dem Leben und der Familie herausgerissen wurde.

In seinem neuen Buch über Russland, Nothing is True and Everything is Possible (Nichts ist wahr und alles ist möglich) zeigt Peter Pomerantsev, wie Russlands Schmiergeld-gesteuerte Kultur (er erwähnt besonders das Schmiergeld, das man braucht, um damit um den verpflichtenden Wehrdienst herumzukommen), die persönliche Schuld jedes Einzelnen generiert. „Dies ist der Genius des Systems: Selbst, wenn es Dir gelingt, um den Wehrdienst herumzukommen, wirst Du Teil eines Netzwerk aus Schmiergeld, Angst und Tun-als-ob; Du lernst, ein Schauspieler zu sein, der seine verschiedenen Rollen in der Beziehung zum Staat ausspielt und weiß, dass der Staat die große Kolonialmacht ist, die Du fürchtest, und die Du vermeiden, täuschen oder bestechen willst. Und schon bist Du nur noch halblegal und jemand, der die Gesetze übertritt.“ Navalny wird nun damit leben müssen, schuldlos schuldig zu sein.

„Seine Mutter verabschiedet sich von Oleg Nawalny, bevor ihm Handschellen angelegt werden. Währenddessen wird sein Bruder auf Bewährung freigelassen.“

Diese Taktik – die Angehörigen zu verhaften – war zu Sowjetzeiten eine verbreitete und vernichtend-effiziente Taktik. Putin benutzt dieses grausame Mittel, da er sich einer solchen Opposition bislang noch nicht gegenüber sah – einer Opposition, die ihre Stärke aus dem Aufbau einer Online-Gemeinschaft bezieht, sogar, wenn der Protest auf der Straße zerschlagen wurde. Das, was der russische Staat nämlich am meisten fürchtet, ist das starke Individuum. Doch was machst du, wenn sie die verfolgen, die Du liebst?

Letztes Jahr zog Nawalnys erste Sprecherin, eine junge Frau namens Anna Veduta, nach New York, um an der Columbia School of International and Public Affairs (SIPA) einen Abschluss zu machen. Sie wurde, wie so viele von Nawalnys Gefährten, in einem Verfahren – gegen Nawalnys Ratgeber Georgij Alburow – vor Gericht gezogen [Anm. d. Übers.: Dieser Artikel sagt, worum es dabei ging]. Sie wurde als Zeugin geladen, doch sie war ja in New York. Wir trafen uns in einem Café auf der Lower East Side und sie war wütend. Ihre Mutter, noch in Moskau, war als Zeugin geladen worden. „Mit mir können sie machen, was sie wollen“, sagte sie, „aber wenn sie meine Familie verfolgen…“. Das ist ein Satz, von dem niemand weiß, wie er ihn beenden soll.

Titelfoto: Die Nawalny-Brüder: Oleg im Käfig, Alexej steht daneben. © Sergej Karpuchin/Reuters

miriamelder-10019-1375405381-9_largeAutorin: Miriam Elder

Quelle: buzzfeed.com, 31.12.14

Übersetzung: Euromaidan Press auf Deutsch

Artikel von: Miriam Elder
Quelle: buzzfeed.com

Bild: © Sergej Karpuchin/Reuters
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:,