Bären, Wölfe, Schulversager – Kriegsplaner unter sich

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3. Januar 2015 • Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

“Echo Moskvy” und der ehemalige Putin-Berater Andrej Illarionov berichten unter Verweis auf Quellen aus dem Umkreis des russischen Präsidenten, dass Putin und sein Beraterstab bereits vor der blutigen Wende des Majdan und der Flucht Janukovyčs den Angriff auf die Ukraine konkret geplant hätten. Eine allgemeine Planung für das Frühjahr 2015 und einen Machtwechsel in Kiew wurde ja nach Bekanntwerden von Strategiepapieren aus dem russischen Generalstab seit längerem angenommen. Die konkrete Planung ist aber bis jetzt noch nicht thematisiert worden.

Anonymen Interviews zufolge, welche die Agentur Bloomberg geführt hat, wurde der ukrainische Krieg bei einem oder mehreren Treffen Putins und seiner Minister und engen Mitarbeiter während der Olympiade in Soči erörtert. Auf diesen Zusammenkünften sei es vor allem um die Frage gegangen, ob die russische Wirtschaft die erwartbaren Kosten und Sanktionsfolgen eines Angriffs auf die Ukraine unbeschadet überstehen würde. Putin habe sich, ermutigt von positiven, womöglich vorauseilend-gehorsamen Prognosen seiner Wirtschafts- und Finanzfachleute für die Kriegsoption entschieden.

100 Milliarden Dollar später, um die der russische Staat nun ärmer ist, aber vor allem 5000 Todesopfer später wissen wir: es war nicht nur eine Katastrophe für die ukrainischen Angegriffenen, sondern es hat sich auch nicht gerechnet für die russischen Kriegstreiber. Und die haben die Toten gar nicht in ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung gehabt. Ihnen ging es ausschließlich um die ökonomischen, nicht um die menschlichen Kosten der Aggression. Noch nicht einmal um die russischen Bürger, die dabei zu Tode oder zu Schaden kamen.

Dass es bei dem Eroberungsplan nicht nur um die Krim, sondern um die gesamte südöstliche Ukraine ging, dafür liefert Russland inzwischen tagtäglich den indirekten Beweis: nämlich mit seiner Unfähigkeit, die eroberte Krim zu versorgen. Man hat nicht damit gerechnet, dass der annektierten Krim im Winter 2014/15 ein russisch besetztes Hinterland fehlen könnte, das diese Versorgung “aus russischer Hand” gewährleisten würde. Man rechnete mit einer reibungslosen Übernahme des Donbass und der Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres, mit genügend Kraftwerken, Industrieanlagen und Verkehrswegen zur Herstellung einer breiten Landbrücke und einer infrastrukturellen Integrationsbasis zwischen Russland und der Krim.

Anders ist die große Winter-Überraschung nicht zu erklären, mit der sich Russland nun konfrontiert sieht: dass man lediglich einen Militärhafen und eine unzuverlässige Fährverbindung hat, um die Halbinsel zu versorgen, und dass die Stromversorgung der Halbinsel fast auschließlich vom ukrainischen Festland aus gewährleistet wird. Man hat nicht damit gerechnet, dass man zwar Rechtsverhältnisse leugnen und mit Füßen treten kann, nicht aber die Gesetze der Physik. Deswegen leiden Sevastopol, Jalta und Simferopol unter den Netzabschaltungen aus kriegsbedingter Kohleknappheit genau so wie der Rest der Ukraine. Wenn dann auch noch ein Defekt die das Land am Leben haltenden Kernkraftwerke aus dem Takt bringt, wie im Dezember zweimal passiert, dann gehen auch auch auf der Krim die Lichter aus, obwohl es dort politisch und wirtschaftlich schon seit März zappenduster ist.

Die hilflosen und zweckoptimistischen Äußerungen, die Krim werde “bald” alles bekommen – eine Brücke und eine Stromverorgung über Tiefseekabel – sprechen dafür, dass man eben nicht damit gerechnet hat, Brücke und Kabel wirklich bald zu benötigen.
Beides ist natürlich machbar. Aber die Realisierung ist teuer und langwierig. Die lange Geschichte gescheiterter Brückenpläne an der Meerenge von Kerč hätte den Russen eine Lehre sein können, genauso wie ein kurzer Blick nach Deutschland, wo schon der Hochspannungs-Übertragungsleitungs-Neubau an Land Schwierigkeiten bereitet. Auch ist der russische Staatshaushalt infolge des Ölpreiseinbruchs nicht mehr das, was er mal war – und das, mit dem die Expansion-ist-machbar-Strategen gerechnet haben. Machbar ist sie – aber bezahlbar ist sie nicht.

Zudem müssen die Kriegsplaner mit ihrer eigenen Kleptokratie rechnen. Denn die russische Spielart des Patriotismus beinhaltet ja nicht nur Expansion auf Kosten der Nachbarn, sondern auch die Ausplünderung des eigenen Staates durch die Friends of Putin, denen Brücken- und Leitungsbau gerade recht kämen, um die nach Soči fettgewordenen, durch den Rubelverfall aber empfindlich berührten Konten aufzufüllen.

Es wird nicht lang dauern, und wir werden das, was erst faktennahe Spekulation war und nun stückchenweise ans Licht kommt, ganz offiziell zu hören bekommen. Ist der Ruf erst ruiniert, quatscht es sich nämlich ungeniert in Interviews. Genauso wie der russische Staatsauftrags-Mörder Girkin sich zu Hause in Moskau damit großtut, wie er den Krieg in der Ostukraine angefacht hat, der uns monatelang als inner-ukrainisches Problem dargestellt wurde, hat Putin den Grünmännchen-Coup nachträglich als das bezeichnet, was er war, nämlich eine Intervention der russischen Streitkräfte. In einigen Monaten werden wir sicher auch die Bestätigung dafür hören, was heute, Anfang Januar 2015, wieder “nur” die Ukrainer “behaupten”, nämlich dass sich modernstes russisches Militärgerät, bedient von russischen Soldaten, auf ukrainischem Boden bewegt und dort tötet, und dass russische Militärs versuchen, die sich gegenseitig abschlachtenden rechtsextremen Milizenkommandos einer einheitlichen, straffen Führung zu unterstellen, was natürlich auch nicht ohne Opfer abgeht.

Die Geschwätzigkeit und Geltungssucht des Aggressors, sei er der Subunternehmer oder der Auftraggeber der Gewalt, ist ein Glücksfall für den Historiker und den Ermittler beim Haager Gerichtshof. Er wäre es auch für jeden gesetzestreuen russischen Staatsanwalt, wenn es ihn gäbe; dieser müsste nach der gegenwärtigen Beweislage und nach russischer Rechtslage ein Ermittlungsverfahren gegen Bekannt wegen Vorbereitung und Führung eines Angriffskriegs aufnehmen.

Vor allem ist die Wahrheit, mit der sich der Totschläger brüstet, eine Warnung für die Politiker: denn der Prahlhans hat eine Rechnung immer noch offen. Seine Rechnungen im blutigen Ukraine-Experiment sind nicht aufgegangen. Die Euphorie ist so rasch verdunstet wie der russische Devisenvorrat. Schon schreien die Sofakrieger in Moskau nach neuen patriotischen Narkotika.

Putin antwortet auf dieses Geschrei gern mit zoomorphen Selbstdiagnosen. Er sei wie der Bär, der Herr in “seiner” Taiga, der sein Territorium mit Nuklearkrallen und -zähnen verteidige. Aber selbst hier patscht seine Tatze daneben: denn der Bär ist ein vorsichtiger Verteidiger, gerät in Wut erst auf ureigenem Gebiet, und wenn es die Jungen zu verteidigen gilt. Er ist kein Angriffskrieger, und die Bären in anderen Ländern sind ihm schnuppe. Er ist noch nicht mal ein Präventivkrieger, als den sich der russische Präsident ja auch gern sieht. Vor allem aber schläft der Bär im Winter, statt Olympiaden als Fassade für Kriegsplanungen abzuhalten.

Und der Bär weiß, im Gegensatz zu Putin, wo die Taiga endet, und trollt sich heim. In der ukrainischen Steppe, dem ukrainischen Wald- und Sumpfland, dem Karpatengebirge herrschen andere symbolische Tiere: das Pferd zum Beispiel, das einen gut entwickelten Fluchtinstinkt hat und in der Ebene uneinholbar ist. Und der Wolf, der zum Zwecke der Jagd und der Selbstverteidigung Bündnisse schließt.

Und weil er all das nicht weiß – nicht, wo die Taiga endet; weder, wo die Krim am Festland hängt, noch, an welchem ukrainischen Kernkraftwerksblock Sevastopols Stromversorgung; nicht, wieviel ein Krieg kostet und nicht, wieviel ein Barrel Rohöl in der nahen Zukunft – deswegen ist Putin kein gutmütiger russischer Zottelbär, sondern ein schlechter Schüler, der sich eine Sechs in Geographie und Mathematik eingehandelt hat. Leider wird er sich nicht zum Lernen zurückziehen; vielmehr wird er versuchen, die Schule anzuzünden, die, wie er meint, schuld an seinem Misserfolg sei. Vielleicht sollen vorher noch ein paar Lehrer und Mitschüler dran glauben in diesem großrussischen Bowling for Columbine. Daher sei den Nachbarn geraten, die Feuerpatsche griffbereit zu halten, die Pistole im Halfter zu lockern, aber noch besser, den beleidigten Versager in seinem Zimmer einzuschließen und sein Haus nach Waffen zu durchsuchen. Andernfalls wird er sich, anders als der Bär, in diesem Winter nicht schlafenlegen, sondern neue, vordergründig lohnende und bezahlbare Pläne schmieden – Pläne, die in Jahresfrist die übrige Welt zu lesen kriegt und wieder ganz überrascht sein wird.

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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