Die Philosophen auf Putins Nachttisch – Teil 1

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Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Casper Thomas
Quelle: De Groene Amsterdammer 12/2014 vom 19. März 2014

Russlands Präsident liest gerne nationalistische Philosophen aus der prä-sowjetischen Ära. Denker wie Iljin, Berdjajew und Solowjow haben sein Denken stark beeinflusst. Ein roter Faden in deren Werken ist der tiefe kulturelle Graben zwischen dem kalten, materialistischen Westen und ihrem großen, großen Russland.

Am 3. Oktober 2005 fand im Donskoi-Kloster in Moskau ein besonderes Ritual statt: Hierhin, in diese älteste und vornehmste Begräbnisstätte wurden zwei Russen unter großer Prachtentfaltung umgebettet. Der erste war General Anton Denikin, Befehlshaber der zaristischen Streitkräfte zur Zeit des Russischen Bürgerkriegs. Er starb 1947 im Exil an einem Herzinfarkt. Im zweiten Sarg, der in die Katakomben ging, befinden sich die sterblichen Überreste von Iwan Iljin, einem nationalistischen, tief religiösen Philosophen, der sich nach 1917 gegen die Bolschewiki wandte. Er wurde 1922 mit einem großen Teil der russischen Intelligenzija verbannt. [Anm. d. Übers.: diese Aktion wurde unter dem Namen „Philosophenschiff“ bekannt. 225 missliebige Intellektuelle, darunter 11 Philosophen, wiederum darunter die drei Philosophen, von denen Wladimir Putin heute maßgeblich beeinflusst ist, nämlich Iwan Iljin, Nikolai Berdjajew und Wladimir Solowjow, wurden auf insgesamt fünf Schiffen aus Russland nach Stettin, Riga und Konstantinopel transportiert. Das Schiff, das 2003 die Teilnehmer des XXI. Internationalen Philosophenkongresses „Philosophie im Angesicht globaler Probleme“ aus der Türkei nach Russland transportierte, wurde ebenfalls “Philosophenschiff” genannt: die russische Philosophie kam nach Hause zurück].

Iljin ließ sich schlussendlich in der Schweiz nieder. Dort lag er auch begraben, bis man beschloss, ihn nach Moskau umzubetten.

Nun kann man in Russland den Stand der politischen Gezeiten sehr gut daran ablesen, wie mit berühmten Toten umgegangen wird. Die ermordeten Romanows wurden durch die Bolschewiki in ein anonymes Grab geworfen. Für die Kommunisten selbst waren die einbalsamierten Leichname von Stalin und Lenin ein wichtiges Propagandamittel. Stalin wurde 1961, im Verlauf der Chruschtschow’schen Destalinisierung, aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz vertrieben. Wie lange Lenin dort noch liegt, ist die Frage. In einer kürzlich erhobenen Umfrage schienen drei Viertel der Russen für die Schließung des Mausoleums zu sein.

Auch die Umbettungen von 2005, bei denen Putin anwesend war, waren getränkt mit politischer Bedeutung. General Denikin war ein mit Orden überladener Eisenfresser, der sich im Ersten Weltkrieg seine Sporen verdient hatte. Nach der Oktoberrevolution kämpfte er gegen Trotzkis rote Truppen. Währenddessen hetzte er seine Soldaten zu gnadenlosen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung der Ukraine auf. Dass jemand wie Denikin im heutigen Russland auf den Schild gehoben wird („Er schwor, dass Russland eines Tages groß und frei sein werde“, so der Patriarch während der Beerdigung, „dieser Tag ist nun gekommen.“), sagt viel aus. Ein zaristischer Kriegsheld, dem Kirche und Staat die letzte Ehre erweisen, ist sowohl eine Abrechnung mit der der sowjetischen Epoche als auch ein Unterstreichen der imperialen Aspirationen Putins.

Im Fall des Philosophen Iljin springt einem die Symbolik fast schon ins Gesicht: Seine Beisetzung in den Grüften des Donskoj-Klosters markiert seinen Status als Putins Inspirator. Seine Werke sind mittlerweile wieder allesamt erhältlich. [Anm. d. Übers.: es stehen auch einige in deutscher Sprache als Download im Internet oder antiquarisch zur Verfügung. Der Berliner Eckart-Verlag, in dem Iljin in den dreißiger Jahren publizierte, begriff sich als dezidiert antikommunistisch und veröffentlichte auch antisemitische Schriften. Hier scheint eine relativ komplette Auflistung seiner Werke zu stehen.] Im Jahr 2006 wurde auch das vollständige Archiv Iljins aus den USA zurückgeholt. Putin zitiert gerne aus dem Werk „Unsere Aufgaben“ [Anm. d. Übers.: einer antikommunistischen und antisowjetischen Kampfschrift], einem Buch, in dem man unter anderem einen Artikel mit dem Titel: „Was bedeutet die Aufteilung Russlands für die Welt?“ findet. Es sei bekannt, dass die westlichen Nationen die russische Identität nicht begreifen und nicht dulden. Sie würden „den russischen ,Besen‘ in lose Zweiglein aufteilen, die Zweiglein in Stücke brechen und anzünden mit dem abschreckenden Feuer ihrer Zivilisation“, schreibt Iljin. „Sie wollen ein uneiniges Russland, das auf Augenhöhe mit dem Westen steht, um es so vernichten zu können. Das ist abscheuliche Machtgier.“ Wenn Putin sich wirklich durch solche Ausführungen leiten lässt, bietet das wenig Hoffnung auf einen konstruktiven Dialog über die Krise in der Ostukraine.

Iwan Iljin war ein Spross eines adligen moskowitischen Geschlechts.

Er wuchs in den Mauern des Kreml auf, wo sein Vater und Großvater im Dienst des Zaren arbeiteten. Er studierte Jura in Moskau, doch sein Herz hing mehr an der Philosophie. Er studierte Hegel, schrieb über Ethik und Politik und entwickelte eine Lehre, in der Macht und Legitimität des Staates im Zentrum stehen. Sein zweites großes Thema, mit dem er sich Blasen an die Finger schrieb, war die Zukunft der russischen Nation. Laut Iljin war diese Nation permanent in Gefahr, durch andere Mächte „angenagt“ zu werden. Er fürchtete einen deutschen Aufmarsch durch die baltischen Staaten und die Ukraine, eine englischen durch den Kaukasus und Zentralasien und eine japanische Expansion von Osten her. „Russland läuft Gefahr, ein permanenter Balkan zu werden, eine ewige Konfliktquelle, ein Problemkindergarten, schrieb Iljin 1948 in dem Essay „das künftige Russland“.

Bei seinen Zeitgenossen rief Iljin gemischte Gefühle hervor. Er wurde als Sprachvirtuose und brillianter Redner gepriesen, aber auch als kompromissloser Scharfmacher. Sein Unwille, einen diplomatischen Ton anzuschlagen, beendete nach der Oktoberrevolution seine bürgerliche Karriere. Trotz der Anstrengungen der Zensur fuhr er fort, die Bolschewiken zu kritisieren. Er wurde sechsmal verhaftet und letztendlich zum Tode verurteilt. Gerade noch rechtzeitig wurde die Strafe in permanente Verbannung abgeändert. Er ließ sich in Berlin nieder, wurde von dort jedoch 1938 ausgewiesen, da er sich weigerte, für die Nazis antisemitische Propagandatexte zu schreiben. Mithilfe des Komponisten Rachmaninoff landete Iljin an seinem zweiten Verbannungsort in der Schweiz. Auch da wurde ihm verboten, politische Aktivitäten zu entfalten, ein Verbot, das er in großem Stil ignorierte. Er schrieb Hunderte Artikel, in denen er den russischen Staat analysierte und sich als Weggefährte des Faschismus entpuppte, der in seinen Augen die einzig wirksame Waffe gegen den Kommunismus war.

Iljin entpuppte sich als Weggefährte des Faschismus, in seinen Augen die einzige wirksame Waffe gegen den Kommunismus.

In Russland selbst wurde Iljin  größtenteils vergessen. Seine Broschüren – heimlich gedruckt und von Hand zu Hand verbreitet – fanden Widerhall in den Kreisen der „weißen Emigranten“, der bunten Gesellschaft aus russischem Adel, Intellektuellen und Großbürgertum, das sich nach der Revolution in Europa ausbreitete, auf der Flucht vor den Kommunisten. Diese Gemeinschaft, vertrieben von Haus und Herd und oft auf einen Schlag in Bedürftigkeit gestürzt, hatte sehr wohl Bedarf an einem Pröbchen scharfe Prosa über den Verfall ihres Heimatlandes. Doch verlor auch dieses Publikum nach und nach das Interesse. Dass Iljin 1954 seinen letzten Atemzug tat, blieb fast unbemerkt. „Wie reagierte die russische Emigrantengemeinde auf den Heimgang dieses bemerkenswerten Denkers? Mit beinahe vollständigem Stillschweigen“, konnte man in der New Yorker Emigrantenzeitung Rossija lesen.

Dass Iljin in seinem Heimatland vor der Vergessenheit bewahrt wurde, ist einem russischen Experten zu verdanken, der in dem obskuren Philosophen eine Stimme des neuen Russland sah. Dieser Jurij Lisitza besaß selbst noch einige abgegriffene Photokopien  von Iljins Texten und machte es zu seiner Lebensaufgabe, die Werke des Philosophen zu sammeln, zu annotieren und aufs Neue herauszugeben. 1990 nahm Lisitza unbezahlten Urlaub von der Universität und kandidierte für den Moskauer Gemeinderat, um so die Ansichten seines intellektuellen Helden zu verbreiten. Lisitza ging von Tür zu Tür, eine Wahlbroschüre in der einen, ein selbst geschriebenes Büchlein über Iljin in der anderen Hand. Die Kampagne erwies sich als Fehlschlag, zumindest in politischer Hinsicht. Doch Dank des unermüdlichen Lisitza keimte das Gedankengut von Iljin erneut in der russischen intellektuellen Kultur.

Seitdem wurde Iljins Namen in Russland stets bekannter. In den neunziger Jahren tauchten seine Erklärungen in den Reden des damaligen Bürgermeisters von St.Petersburg auf, der ihn zustimmend zitierte, um große westliche Komplotte zu skizzieren, die die Macht von Russland unterminieren sollten. [Anm. d. Übers.: Dieser Bürgermeister war Anatolij Alexandrowitch Sobtschak, Chef und politischer Ziehvater sowohl von Putin als auch von Medwedjew, von Benjamin Bidder im Spiegel hier portraitiert]. In den Jahren nach 2000 übernahm der Filmemacher Nikita Michalkow [Anm. d. Übers.: „Putins Kino-Zar“] die Staffel und begann mit einer Kampagne für die Repatriierung von Iljins sterblichen Überresten. Und seit Wladimir Putin – ein Vielleser von vor allem historischen und philosophischen Büchern, so seine Biografen [Anm. d. Übers.: genau diese Lesevorlieben soll Stalin auch gehabt haben] – an der Macht ist, hat Iljin einen Platz auf dem Nachttisch im Präsidenten-Schlafzimmer bekommen. Im Nachwirken von Kalte-Kriegs-Gefühlen verfolgen die amerikanischen  Sicherheitsdienste und Think-Tanks dieses Leseverhalten mit Argwohn. Um einen Eindruck von der Quelle zu geben, an der der alte Rivale sich labt, brachte die CIA 2007 ein Büchlein heraus: Ivan Ilyin: The National Philosopher of Putin’s Russia. Iwan Iljin, der nationale Philosoph von Putins Russland.

Wann genau Putin in Berührung mit Iljin kam, ist schwer nachzuvollziehen, aber dass dieser konservative Denker einen Ehrenplatz in seiner Bibliothek hat, ist sicher. Im Kreml ist Iwan Iljin mittlerweile so populär, dass  “Unsere Aufgaben” zum Weihnachtsgeschenk wurde – als Lesefutter für die Weihnachtsferien. Das Geschenk schien willkommen zu sein. “Politische Führungskräfte müssen eine einheitliche Auffassung von Russischer Geschichte und Ideologie haben, erklärte der Gouverneur der Oblast Swerdlowsk in der russischen Zeitung “Kommersant”.

Artikel von: Casper Thomas
Quelle: De Groene Amsterdammer 12/2014 vom 19. März 2014

Bild: Titelbild: Der russische Präsident lässt sich durch slawische Denker aus dem 19. Jahrhundert inspirieren. Und schreibt sie für seine Entourage vor.
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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