Krimtataren: Diskriminierung, “Verschwindenlassen” und die Anführer ins Exil getrieben

jewpatorija

 

4. Januar 2015 • Empfehlung, Krim, Kultur, Menschenrechte

Quelle: Union of Councils for Soviet Jews 24.12.2014

Im März 2014 übernahm Russland illegal die Kontrolle über die Krim und annektierte deren Gebiet nach einem heftig kritisierten Referendum. Seitdem hat sich die Situation der Krimtataren, der indigenen Bevölkerung der Halbinsel, die schon einmal, unter den Sowjets in den 1940ern, eine Deportation ihres gesamten Volkes erleiden mussten, signifikant verschlechtert. Sie sehen sich ernster und systematischer Diskriminierung und weitreichenden Einschnitten in ihre religiösen Rechte und die Rechte ihrer Gemeinschaft ausgesetzt, mehrere Menschen sind verschwunden und wurden sogar getötet.

Die Krimtataren sind ein Turkvolk, das die Krim bis 1783 bewohnte und regierte. Danach waren sie zuerst Teil des russischen Kaiserreichs, danach der Sowjetunion, und, nach der russischen Revolution wurde die gesamte krimtatarische Bevölkerung 1944 nach Zentralasien deportiert. Sie wurden gezwungen, dort bis 1980 zu bleiben. Weder die Sowjetunion noch ihr Nachfolgestaat, die Russische Föderation, haben sich jemals für diese Deportation entschuldigt, deren Konsequenzen bis heute sehr sichtbar sind: Nachdem sie auf die Krim zurückgekommen waren, litten die Krimtataren, auch als die Krim 1991 ein Teil der unabhängigen Ukraine geworden waren, unter Diskriminierung und Armut.

2014 sprachen sich die Tataren deutlich gegen das Referendum aus, das die russische Annexion einleitete, und weigerten sich, daran teilzunehmen. Man schätzt, dass nur ca. 0,5 Prozent der ungefähr 300.000 Seelen starken Gemeinschaft ihre Stimme abgegeben haben.

Vor dem Referendum hatte Russland versprochen, die Tataren würden fair behandelt und gleichberechtigt mit der übrigen Krim-Bevölkerung. Der Staat würde sie schützen, Krimtatarisch würde eine der offiziellen Sprachen der Halbinsel und die Gemeinschaft werde Quoten für die Repräsentation in der lokalen Regierung haben. Doch die russischen Behörden haben nicht eines ihrer Versprechen gehalten. Tatsächlich verschlimmerte sich die Situation der Krimtataren beträchtlich. Religiöser Extremismus und Sicherheitsbelange wurden genutzt, um fälschlicherweise damit die Verfolgung der Tataren zu legitimieren, deren muslimische Religion sie zu einem leichten Ziel macht.

Der Gemeinschaft war nicht erlaubt worden, den Jahrestag ihrer Deportation durch die sowjetischen Behörden, den 18. Mai, zu begehen oder den Tag ihrer Flagge am 26. Juni. Brandstifter griffen ihre Moscheen fünfmal an, ohne dass jemand dafür festgenommen wurde.

Die Behörden nahmen sich auch den Medschlis zum Ziel, die höchste Repräsentanz der Gemeinschaft, durchsuchten die Büros seiner Mitglieder, froren die Bankkonten ein und machten schließlich das Haus dicht. Außerdem lösten sie eine Wohlfahrtsstiftung auf, die die Gemeinschaft mit Geld versorgte. Zwei der höchsten Führer der Tataren, Mustafa Dschemilew und Refat Tschubarow, wurden von der Halbinsel verbannt, nachdem sie im Ausland an einer internationalen Veranstaltung teilgenommen hatten, sie leben nun im Exil, was ihrem Recht auf ein Familienleben zuwider läuft.

Die Massenmedien der Krimtataren, darunter auch ATR, der Haupt-TV-Sender, und die Zeitung Avdet, werden nun als feindliche oder „extremistische“ Medien angesehen, ihre Nachrichten zensiert und die Journalisten angegriffen, besonders, wenn sie über die unfaire Behandlung der Gemeinschaft recherchieren.

Erzwungenes „Verschwindenlassen“ ist ebenfalls Ursache zur Besorgnis: Es wird von einer Anzahl Fälle seit der russischen Übernahme berichtet. Mindestens 19 Krimtataren und pro-ukrainische Aktivisten sind in den letzten Monaten verschwunden oder entführt worden, mindestens zwei wurden später tot aufgefunden.

Die russischen Behörden und die Polizeikräfte weigern sich, mit den Tataren zusammenzuarbeiten, wenn die Tataren von Diskriminierungen berichten oder verlangen, dass Verbrechen untersucht werden sollen, die gegen sie verübt wurden. Die meisten dieser Verbrechen bleiben ungesühnt, und die Behörden haben auch keine Verfahren eingeleitet, um den Schutz für die Gemeinschaft zu verbessern.

Die Kombination all dieser Bestandteile hat eine Situation hervorgerufen, die der Tragödie der sowjetischen Deportation in den vierziger Jahren vergleichbar ist. Dieses Mal wird die Bevölkerung nicht mit Gewalt vertrieben, doch die Niederschlagung der Kultur der Tataren, Religion und gesellschaftlicher Stellung kann dazu führen, dass ihre Gemeinschaft nicht aufrechtzuerhalten ist. Nur fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Rückkehr könnten die Tataren einmal mehr gezwungen sein, das Land ihrer Vorfahren, ihrer Tradionen und ihrer Geschichte hinter sich zu lassen.

Anhang: eine Powerpoint-Präsentation von Aische Memetowa, einer Repräsentantin der Krimtataren, die auf einer von UNPO (Organisation der Nicht-Repräsentierten Nationen und Völker) organisierten Konferenz gehalten wurde, sowie der Text eines Briefings.

Quelle: Union of Councils for Soviet Jews 24.12.2014

Bild: Titelbild: Moschee von Jewpatorija/Krim – http://www.fotothing.com/photos
Übersetzt von: Union of Councils for Soviet Jews 24.12.2014

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