Wie Putins Pipeline-Deal scheiterte

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4. Januar 2015 • Archiv, Empfehlung, Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Jim Yardley und Jo Becker
Quelle: The New York Times

Kaum zwei Wochen, nachdem Präsident Wladimir W. Putin die Krim auf der einen Seite des Schwarzen Meeres annektiert hatte, fiel ihm auf der anderen Seite ein weiterer Hauptgewinn zu. Im bulgarischen Parlament stimmte der Gesetzgeber im erster Lesung einem Gesetzentwurf zu, der den Weg für eine Mammut-Gaspipeline von Russland ebnete.

Die unter der Bezeichnung South Stream bekannte Pipeline war das wichtigste europäische Projekt Putins, ein für zwei Ziele entscheidendes Instrument wirtschaftlicher und geopolitischer Macht: Europa von russischem Gas abhängig zu machen und den russischen Einfluss in den fragilen ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion weiter zu verfestigen – im Rahmen eines breiter angelegten Bestrebens, die europäische Einheit zu untergraben.

Das vom Parlament am 4. April verabschiedete Gesetz war undurchsichtig. Aber es fegt eine Vielzahl von europäischen Regelungen beiseite – die Herr Putin nicht befolgen wollte – für eine Pipeline, die Gas für ganz Südeuropa liefern sollte.

Für Putin war dieses Gesetz ein Traum, und das mit Grund. Obgleich das bulgarische Energieministerium angeblich den Gesetzentwurf formuliert hatte, enthüllten Dokumente eine geheim gehaltene Einflussnahme des Kreml: Nicht nur, dass ein großer Teil des Textes von einer Tochtergesellschaft des russischen staatlichen Energieriesen Gazprom stammte, sondern auch, dass Putins Energieminister direkt beteiligt war.

“Wenn so etwas in den USA geschehen wäre, müsste die gesamte Regierung zurücktreten,” sagte Martin Dimitrow, Parlamentsminister vom bulgarischen Reform-Block. “Offensichtlich aber nicht in Bulgarien.”

Seit Jahren schikanierte und umschmeichelte Putin Bulgarien, eines der schwächsten Länder der Europäischen Union mit dem Ziel, dass es sich für das russische Vorhaben South Stream einsetzt. Und es sah ganz danach aus, dass Putin damit durchkommt. Doch gab es eine grundlegende Fehlkalkulation: Er unterschätzte die Reaktion des Westens auf seine Aggression in der Ukraine. Konfrontiert mit Bestrafungs-Sanktionen geriet seine auf Erdöl basierende Wirtschaft an den Abgrund, als die Ölpreise fielen und der Wert des Rubels strauchelte, und so hat Putin in diesem Monat das Projekt angehalten.

Auch wenn die Geschichte von South Stream zeigt, wie größere geopolitische Bedenken zumindest zeitweise Putins Fähigkeit einschränken können, seinen Reichtum an Energie als außenpolitisches Instrument zu verwenden, ist es dennoch auch ein Beispiel dafür, auf welche Weise er in Europa vorgegangen ist – und wahrscheinlich auch weiterhin vorgehen wird.

Er hat im Ausland Einfluss gewonnen durch das Soft-power-Werkzeug von Vetternwirtschaft, die ihn zu Hause so mächtig gemacht hat. Nach einem geheimen Treffen zwischen dem bulgarischen Ministerpräsidenten und dem Chef der Gazprom-Pipeline wurden die Aufträge an ein Unternehmen vergeben, das von einem mit bulgarischen Firmen politisch verbundenen Mitglied des inneren Kreises Putins kontrolliert wird.

In Russland hat Putin manchmal russische staatseigene Banken für seine eigenen Zwecke benutzt; sie halfen zum Beispiel, die Olympischen Spiele in Sotschi zu finanzieren. In Bulgarien übergoss ein Tochterunternehmen einer jener Banken, die VTB, das Land mit polit-strategisch wichtigen Investitionen, während Putin die Regierung bedrängte, South Stream voranzutreiben.

Wie im übrigen Europa umwarb Putin die pro-russische rechtsextremistische bulgarische Partei, die die russischen Interessen vertrat, indem sie half, sich den Plänen für die Erkundung bulgarischer Schiefergasvorkommen zu widersetzen. Beim Versuch, Unterstützung für South Stream zu finden, hat ein Mitglied des russischen Parlaments, dessen Ausweis ihn als Sonderbeauftragten Putins identifizierte, sogar ein geheim zu haltendes Bestechungsgeld angeboten, wie es ein ehemaliger Beamter des Energieministeriums zu verstehen gab.

“Es geht nicht nur um South Stream, und es geht nicht nur um Bulgarien”, sagte der bulgarische Politiker Bojan Stojanow, der im Jahr 2013 stellvertretender Energieminister war. “Die Russen fördern ein Verhalten, bei dem die Menschen bereit sind, ein Loch für einen Vulkans in der Mitte ihres Landes zu graben und sich keine Sorgen darüber zu machen, ob die Lava reinfließt, so lange sie nur dafür bezahlt werden.”

Putins Lieblingsmusiker

Wladimir Putin hatte ein Problem.

Im Jahr 2011 war sein Plan für den Bau von South Stream, der mehr als 40 Milliarden kosten sollte und auf vier Jahren Bauzeit angelegt war, ein Stolperstein in Bulgarien; dort sollte die Pipeline nach der Durchquerung des Meeresgrunds im Schwarzen Meer wieder an Land kommen. Geologische Untersuchungen ergaben, dass unter Bulgarien ein unterirdischer Ozean von Erdgas vorhanden sein könnte, genug, um sich über Jahre hinweg selbst zu versorgen und ausreichend, die Vorteile der South-Stream-Pipeline in den Schatten zu stellen.

Bulgarien war einst ein überzeugter Verbündeter der Sowjetunion und hat in Sprache, Religion und Kultur Ähnlichkeiten mit Russland. Bulgarien feiert immer noch seine Befreiung vom Osmanischen Reich durch Truppen des Zaren im Jahr 1878 als Nationalfeiertag. Bulgarische Politiker unterstützten South Stream und erklärten, dass die Pipeline nicht nur Einkommen durch Transitgebühren sondern auch Energiesicherheit bieten werde: Das Land erhält 90 Prozent seines Gases aus Russland durch eine Pipeline quer durch die Ukraine, wodurch die Gaslieferungen anfällig für die in Abständen wiederkehrenden Preisstreitigkeiten zwischen Moskau und Kyiw waren. Im Winter des Jahres 2009 mussten die Bulgaren zwei Wochen lang frieren, als Russland das Gas abstellte, um der Ukraine eine Lektion zu erteilen.

Wolen Siderow, ein bulgarischer Politiker, mit Verbindungen nach Moskau. Foto: Dimitar DILKOFF / Agence France-Presse - Getty Images

Wolen Siderow, ein bulgarischer Politiker, mit Verbindungen nach Moskau.
Foto: Dimitar DILKOFF / Agence France-Presse – Getty Images

Mitte des Jahres 2011 vergab der bulgarische Ministerpräsident Boiko Borissow eine Genehmigung an die Firma Chevron, um die Schiefergasvorkommen zu erkunden. Fast sofort begann eine gut organisierte Kampagne, um die Schiefergas-Exploration unmöglich zu machen, noch bevor sie anlief. Maßgeblich daran beteiligt waren die Anhänger von Ataka, einer von mehreren rechtsextremen Parteien, die Putin in Europa kultiviert hat. Parteien wie Jobbik in Ungarn und Lega Nord in Italien sehen Putin als Bollwerk gegen eine Flut des westlichen Liberalismus an. Aber der Anreiz ist mehr als nur ideologisch. In Frankreich hat die Vorsitzende des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, kürzlich bestätigt, dass ihre Partei einen Kredit über 9 Millionen Euro von einer dem Kreml nahestehenden Bank erhalten.

Wolen Siderow, der Vorsitzende der Ataka-Partei in Bulgarien, sagte, seine Partei habe keine Mittel direkt aus Moskau erhalten.

“Ich werde sie fragen, wie sie es geschafft, das zu bekommen”, scherzte er über Frau Le Pen.

Doch hat Siderow unbestreitbar ebenfalls enge Verbindungen zum Kreml. Er eröffnete seinen jüngsten Wahlkampf in Moskau, wo er den Verdienstorden für das Vaterland mit Stern für seine Verdienste bei der Stärkung der Beziehungen zwischen Russland und Bulgarien erhielt. Als Unterhaltungsteil bei einer Wahlkampfkundgebung in diesem Herbst traten die in Werbeschriften der Ataka als “Putins Lieblingsmusiker” beschriebenen Sänger Oleg Gasmanow, ein alternder russischer Popsänger, sowie Iosif Kobson auf, ein Abgeordneter und Sänger, die vor kurzem in Donezk, der russisch-separatistischen Hochburg im Osten der Ukraine, in Begleitung des Orchesters des Innenministerium Putins aufgetreten waren.

Die Anti-Fracking Bewegung war im Januar 2012 so stark geworden, dass das Parlament nicht nur die Gewinnung von Schiefergas sondern auch die Erforschung und mengenmäßige Feststellung der Reserven des Landes verbot. Umweltschützer lobten die Parlamentsentscheidung, aber vielen westlichen Politikern kam dies verdächtig vor.

In Brüssel warf der Generalsekretär der NATO, Anders Fogh Rasmussen, später der russischen Regierung vor, mit “aufwändigen Informations- und Desinformations-Operationen” bewirkt zu haben, dass die Schiefergasexploration in Bulgarien und anderen Ländern unmöglich wurde.

Mit dem Ende des Schiefergases war South Stream im Prinzip stärker als je zuvor, zumal die Borissow-Regierung geschwächt dastand. Borissow hatte die vorläufigen Pipeline-Vereinbarungen paraphiert, einmal sogar Putin als Geschenk einen Welpen mitgebracht, aber er galt immer noch als pro-westlich. Knapp ein Jahr nach den Anti-Fracking-Demonstrationen gingen Ataka-Mitglieder wieder auf die Straße, diesmal aus Protest gegen hohe Strompreise. Im März 2013 trat Borissow zurück.

Eine Übergangsregierung wurde bis zu den Neuwahlen ernannt, und Putins Vertreter suchten schnell die entscheidenden Figuren aus, die für South Stream wichtig waren.

Der Dampfhammer Putins

Das Treffen fand nach Mitternacht in der ‘Casa del Habano’, einer Zigarren-Bar in Sofia statt. Bojan Stojanow, ein in New York ansässiger Spezialist für Umstrukturierungen von Unternehmen, war nach Bulgarien zurückgekehrt, um als stellvertretender Energieminister in der Übergangsregierung zu dienen. Er hatte mehrere Anrufe von einem alten Bekannten erhalten der darauf bestand, sich mit ihm für einen Drink zu treffen.

Stojanow war überrascht, dass sein Freund nicht allein an der Bar war. Bei ihm war Aleksandr M. Babakow, ein Mitglied der Duma, dem Unterhaus des russischen Parlaments, den Putin als Sondergesandten ernannt hatte. (Babakow wurde von französischen Medien als Vermittler der die russischen Bankdarlehen an den Front National in Frankreich identifiziert.)

Der Zweck des Treffens wurde bald klar:

“Er wollte meine Temperatur in Sachen South Stream messen”, erinnerte sich Stojanow in einem Interview.

Stojanow sagte, das Projekt würde Bulgariens Abhängigkeit von russischem Gas nicht reduzieren und nur geringen wirtschaftlichen Nutzen bringen, aber Babakow war nicht gekommen, um die Optionen zu diskutieren.

“In wenigen Worten sagte er, er würde sehr viel Gutes für mich tun, wenn ich mitmache und helfe”, sagte Stojanow und fügte hinzu, dass er den bulgarischen Geheimdienst über das Treffen informiert hat. “Ich war nicht froh über seine Annahme, dass ich die nationalen Interessen Bulgariens beiseite lassen und vergessen könnte.”

Babakow hat  nicht auf Anfragen für eine Stellungnahme reagiert.

Stojanows Skepsis über South Stream entspricht der von Beamten in Brüssel und Washington. Die Vorschriften der Europäischen Union verbieten es, dass die gleiche Firma, die Gas erzeugt, als Monopol auch die Pipeline besitzt, über die es liefert. Europa bestand darauf, dass South Stream auch anderen Gasproduzenten Zugang gibt, um sich gegen eine übermäßige Anhängigkeit von Russland abzusichern.

Bei einem europäischen Gipfeltreffen vor einigen Jahren tauschten Putin und der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, Argumente über jene Regeln aus, wie der amerikanischer Diplomat C. Boyden Gray berichtet, der im Jahr 2008 Sondergesandter für euro-asiatische Energiefragen war. Zwei Beamte im Raum erzählten Gray, dass der russische Präsident explodiert sei.

“Wenn ich noch ein Wort über die Konkurrenz höre, werde ich Ihre Sie-wissen-schon-was einfrieren”, soll Putin geschrien haben.

Barroso, dessen Amtszeit im Oktober abgelaufen ist, sagte dazu, er habe keine Erinnerung an die Besonderheiten des Austauschs, bestätigte aber, dass er und Putin “zusammengestoßen” waren.

“Sein Punkt war immer: ‘Das ist gegen uns! Dies ist gegen Gazprom! Dies ist gegen Russland!’” erinnerte sich Barroso.

Zum Zeitpunkt der Wahlen in Bulgarien im Mai 2013 war Putin in einer stärkeren Position. Er hatte South Stream als Alternative zu einem vom Westen unterstützten Plan für eine Pipeline namens Nabucco aus Aserbaidschan nach Südeuropa vorgeschlagen. Nabucco hätte die Abhängigkeit Europas von russischem Gas sowie Putins Einfluss verringert. Aber das Projekt ist schon 2013 wegen der politischen und wirtschaftlichen Hindernisse sowie Putins Störungen gestorben. Jetzt bestand nur noch das Projekt South Stream.

Darüber hinaus hatten die Russen bereits stark in Bulgarien investiert. VTB-Capital, der Investment-Flügel der zweitgrößten staatlichen Bank Russlands VTB, hatte in Sofia ein Büro eröffnet, mit einem ehemaligen Finanzminister Bulgariens, seinem Stellvertreter und dem Bruder des Ministers in wichtigen Positionen. VTB-Capital, die für diesen Artikel jeden Kommentar abgelehnt hat, war dann Partner der Korporatiwna Targowska Banka, der bevorzugten Bank der Energie-Oligarchen Bulgariens, um Anteile an einer Vielzahl von Unternehmen zu kaufen. VTB übernahm sogar eine 9,9-prozentige Beteiligung an der Bank selbst.

Als Plamen Orescharski Ministerpräsident Bulgariens war, hatte er ein geheimes Treffen mit Miller, wollte aber nicht darüber reden.  Foto: Stoyan Nenov / Reuters

Als Plamen Orescharski Ministerpräsident Bulgariens war, hatte er ein geheimes Treffen mit Miller, wollte aber nicht darüber reden.
Foto: Stoyan Nenov / Reuters

Die bulgarischen Wahlen liefen auch zu Putins Vorteil ab. Eine peinliche Koalitionsregierung zwischen zwei pro-russischen Parteien entstand – den Sozialisten und der Partei der türkischen Minderheit. Da sie zusammen aber keine parlamentarische Mehrheit erreichen konnten, stützten sie sich auf Ataka, um eine Mehrheit zu erreichen. Der Ataka-Vorsitzende Siderow, erhielt damals den Spitznamen “Goldener Finger”, weil er den Ausschlag gab.

Der neue Ministerpräsident war ein Technokrat, Plamen Orescharski, der sich zwischen dieser auf Moskau ausgerichteten Koalition und dem wachsenden Druck der Europäischen Union befand. Aleksei B. Miller, der von Putin als Gazprom-Chef eingesetzte Mann, wurde im Juli nach Bulgarien geschickt, um die Bulgaren zur Räson zu bringen. Er versprach, die 3,1 Milliarden Euro für den Bau des bulgarischen Teils der Pipeline zu finanzieren, und vereinbarte, das Profi-Fußball-Spitzenteam von ZSKA Sofia zu sponsern.

Aber auch Europa setzte Orescharski auch unter Druck. Die Europäische Kommission hatte eine Untersuchung gegen das Staatsunternehmen Bulgarian Energy Holding eingeleitet, das bei South Stream Partner von Gazprom war.

Drei Monate später kam Miller zu einem weiteren Treffen mit Orescharski wieder nach Sofia – diesmal unter Geheimhaltung. Es war auf nur 40 Minuten angesetzt, sagte ein Beamter. Monate später antwortete Orescharski auf Fragen über den Mangel an Transparenz wütend, dass “die einzige nichttransparente Sache bei South Stream war mein fünfstündiges Gespräch mit dem Chef von Gazprom, dessen Inhalt nie aufgedeckt werden wird.”

Orescharski antwortete nicht auf Anfragen für ein Interview. Aber die russischen Interessen sind auch so klar gewonnen aus. Am nächsten Tag betrachteten Orescharski und Miller über eine  Videoverbindung, wie Arbeiter die ersten beiden Verbindungsstücke des bulgarischen Teils der Pipeline zusammenschweißten.

Ein paar Monate später wurden die Fertigungsaufträge vergeben – über die Weihnachtsfeiertage und ohne öffentliche Bekanntmachung: Bulgarische Nachrichtenagenturen berichteten anschließend, dass zu den Auftragnehmern Unternehmen mit Verbindungen zu dem  bulgarischen Medienmogul und Parlamentsmitglied Deljan Peewski gehörten. In einer Erklärung bestritt Peewski jegliche Verbindungen zu dem Projekt und bezeichnete entsprechende Berichte als “von der Boulevardpresse in Bulgarien verbreitete Gerüchte.” Als russischer Konstruktionspartner wurde Gennadi N. Timtschenko genannt, einer der mächtigsten Verbündeten Putins.

Alles schien bereit. Das einzige Hindernis waren die europäischen Pipeline-Regulierungen – wenn sie denn nicht umgangen werden konnten.

Eine Pipeline, die keine ist

Am 4. April 2014, kurz nach Putins Annexion der Krim, stimmte das bulgarische Parlament in erster Lesung einem Gesetzentwurf zu, wodurch South Stream von einer Reihe von Vorschriften der Europäischen Union effektiv befreit wurde, am wichtigsten dabei war eine Regelung, wonach Gazprom gezwungen wäre, nicht-russischen Firmen zu ermöglichen, Gas durch die Pipeline zu leiten. Beide Parteien in der Koalition von Orescharski unterstützen dieses Gesetz, ebenso wie Ataka und ihr Anführer Siderow.

Der Gesetzentwurf erreichte dies mit einem sprachlichen Kunstgriff: Der Anfang des bulgarischen Abschnitts von South-Stream sei nicht wirklich eine Pipeline sondern ein “Gas-Meer” Verbindungsstück. Die Europäische Union erhob Zweifel an der vorgeschlagenen Änderung, und Mitglieder der Opposition legten einen Antrag auf Einsicht in die Unterlagen vor, die zu dem Gesetzentwurf existierten. Einen Monat später verkündeten sie, dass die Dokumente -, die der New York Times vorliegen – bewiesen, dass Gazprom und der Kreml direkt an der Formulierung beteiligt waren.

“Das war eine eindeutige Verletzung der nationalen Sicherheit”, sagte Grozdan Karadzhov, ein Abgeordneter des Parteibündnisses Reformblock, in einem Interview. “Das war schon ein einzigartiges Ausmaß an Arroganz, wie Russen Bulgarien sehen.”

Schweißer begannen symbolisch den bulgarischen Abschnitt der South-Stream-Pipeline im Jahr 2013. Die Arbeit wurde später gestoppt. Foto: BULPHOTO über Agence France-Presse - Getty Images

Schweißer begannen symbolisch den bulgarischen Abschnitt der South-Stream-Pipeline im Jahr 2013. Die Arbeit wurde später gestoppt.
Foto: BULPHOTO über Agence France-Presse – Getty Images

Die Dokumente enthalten Passagen des Gesetzentwurfs, die von einer Gazprom-Tochter vorgeschlagen und bulgarischen Energie-Beamten zugeleitet worden waren.

In einem Interview nannte der damalige Energieminister Dragomir Stoynew die Gazprom-Vorschläge eine Form von Lobbyarbeit und betonte, dass “niemand die Bedingungen diktierte; das waren alles unsere vorgeschlagenen Änderungen”.

In einem Brief vom 6. Juni 2014 bestätigte Stoynew jedoch die unmittelbare russische Einflussnahme: Er unterrichtete seinen russischen Amtskollegen, Putins Energieminister, über den aktuellen Stand der Dinge. “Die von der russischen Seite vorgeschlagenen Gesetzesänderungen” seien ausführlich erörtert wurden, schrieb er, und “eine Reihe von ihnen wurden vom Parlament angenommen”.

Das war kühn, aber es war nicht ausreichend. Der Gesetzentwurf wurde nicht mehr zur Abstimmung vorgelegt, vor allem wegen des eskalierenden Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Anfang Juni wies die Europäische Kommission Bulgarien an, die Arbeit an South Stream einzustellen, und erklärte, eine Untersuchung sei eingeleitet, ob die Bauaufträge für die Pipeline die europäischen Wettbewerbs-Gebotsregeln verletzt habe. Als die bulgarische Regierung sich weigerte, strich die Europäische Union zehn Millionen Euro im Fonds für regionale Entwicklung.

Zu diesem Zeitpunkt waren die ukrainischen Regierungstruppen bereits in Kämpfe gegen pro-russische Separatisten im Osten des Landes verwickelt, und im Westen war die Rede von einem neuen Kalten Krieg. Am 6. Juni warnte der amerikanische Botschafter Marcie B. Ries bulgarische Unternehmen vor Geschäften mit Unternehmen, die mit Timtschenko in Verbingung stehen, da er auf der amerikanischen Sanktionsliste stand. Am 8. Juni traf eine Kongress-Delegation unter Führung von Senator John McCain, einem Republikaner aus Arizona, privat mit Ministerpräsident Orescharski zusammen.

Hoffnungslos auf die europäischen Fonds angewiesen, kündigte der Ministerpräsident am nächsten Tag an, South Stream würde angehalten, bis die volle Zustimmung der Europäischen Union dazu vorliegt.

Praktisch im gleichen Moment gab es eine unerwartete Panikreaktion von Anlegern in Sofia; ein geheimnisvoller Bank-Run fand bei der Korporatiwna Targowska Banka statt, der Bank, die als Partner der russischen Investmentgesellschaft VTB Capital und dem Finanzinstitut der Staatsholding auftrat, die die  bulgarische Beteiligung an South Stream kontrollierte.

Manche spekulierten, dass VTB Capital mit ihrer fast 10-Prozent-Beteiligung sich mit anderen Aktionären zur Rettung der Bank zusammenschließen würde. Doch nach Orescharskis Entscheidung, den bulgarischen Teil von South Stream zu kippen, lehnte die russische Bank es ab, sich an einer Rettungsaktion zu beteiligen. Die Korporatiwna Targowska Banka kollabierte, und in der darauf folgenden Krise stürtze auch die Regierung Orescharski.

Der letzte, unerwartete Paukenschlag kam am 1. Dezember, als Putin während eines Staatsbesuchs in der Türkei bekannt gab, dass das Projekt South Stream tot ist. Er beschuldigte Europa und sagte nach türkischen Presseberichten, er habe “genug von den Bulgaren.”

In der Folge hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel angeregt, dass South Stream dennoch gebaut werden könnte. Nach einem Treffen mit ihr sagte der neue bulgarische Ministerpräsident, er sei zuversichtlich, dass die Einwände der Europäischen Union überwunden werden könnten.

Auch wenn das nicht der Fall ist, meinen einige Diplomaten, dass Putin viele seiner Ziele erreicht hat.

“Einerseits ist er zu weit gegangen und hat die Reaktion auf seine Intervention in der Ukraine unterschätzt”, sagte der ehemalige amerikanische Diplomat Gray, dennoch habe der russische Staatschef in Ländern wie Bulgarien war “sehr viel erreicht”.

“Er hat sehr viel erreicht, indem er Nabucco gestoppt hat”, sagte Gray. “Letztendlich ist sein Ziel, so viel Kontrolle wie nur möglich über die früheren Teilen der Sowjetunion zu behalten.”

Autoren: Jim Yardley berichtet aus Sofia, Jo Becker aus Budapest und New York. Georgi Kantchev trug zur Berichterstattung aus Sofia bei, und Masha Gontscharowa aus New York.

Artikel von: Jim Yardley und Jo Becker
Quelle: The New York Times

Bild: Titelfoto: Präsident Wladimir W. Putin benutzt den Gazprom-Chef Aleksei B. Miller, um Bulgarien zur Zustimmung für eine Pipeline zu bewegen. Foto: Aleksey Nikolski
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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