„Atomare Provokation“ in der Ostukraine, „Sender Gleiwitz“ 2.0 oder Buzzword-Bingo? – Eine Antwort auf Paul Goble. Teil 2

godzilla

 

Archiv, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Dagmar Schatz

Die Dekonstruktion der „Atom“-Desinformation und des Versuchs, Godzilla durch die sozialen Netzwerke zu treiben, wird fortgesetzt.

Zur Erinnerung: um Weihnachten herum – so Netrebko-Impressario Oleg Zarjow und ein Facebooker namens Anton –  sollte eigentlich in der Ostukraine ein „taktischer Nuklearsprengkörper“, eventuell mit einer Sprengkraft im Megatonnenbereich gezündet, und dies den russischen Streitkräften angeklebt werden.

chramCruise missile oder Interkontinentalrakete?

Ich denke, ich habe im ersten Teil meiner Ausführungen  erklären können, warum ich den Einsatz einer taktischen Nuklearwaffe für unwahrscheinlich halte, von welcher Sprengkraft auch immer. Kurz noch mal die technischen Daten: Im Salt II-Vertrag wird definiert, dass man von Interkontinentalraketen spricht, wenn die Reichweite 5.000 km überschreitet. Je nach Einsatzzweck können auch große Sprengköpfe auf Interkontinentalraketen unter die taktischen Waffen gerechnet werden, allerdings ist die Einordnung als „strategische“ Kernwaffe die gebräuchliche. Und mit dem Castle-Bravo-Bild will uns Freund Zarjow genau das suggerieren: eine Detonation im Megatonnenbereich… (Nun ja, bei der Übersetzung des Goble-Artikels habe ich das etwas ungenau rübergebracht…).

Eine taktische Nuklearwaffe kann aber auch eine wesentlich geringere Reichweite haben; die Sprengkraft fängt dann bei 0,3 KT an, je nach Wirkmittel (Granaten, Raketen, Minen etc). Eine sehr übliche Größe für so einen Sprengkopf sind 5 KT (5.000 Kilotonnen).

5 KT rechnen sich um in: 10.000 Tote und 30.000 Schwerverletzte. In den Kassandrarufen unserer Freunde ist man sich über die Art der Rakete recht uneins: Die von Herrn Zarjow verbildlichte Explosion würde eine Interkontinentalrakete erfordern, während Herr Deljagin sich auf eine – kleinere – taktische Waffe festlegt. Ach ja, und der Sprengkopf … der liegt ja schon bereit, so Herr Chram. Also ein amerikanischer Sprengkopf auf eine ukrainische Rakete??? Wie soll das denn funktionieren? Das hat uns Herr Chram nicht verraten. Nur soviel: Der Sprengkopf liegt ja angeblich im estnischen Paldiski – und damit hat es seine Bewandtnis, aber dazu später …

Interkontinentalrakete oder Cruise Missile: Der Unterschied liegt in der Reichweite – können wir uns darauf einigen, dass die Reichweite sinnvoll mit dem Einsatzzweck gekoppelt sein muss? Die Reichweite einer Interkontinentalrakete: 5.000 bis 13.000 km – Herr Deljagin präferiert eine Cruise Missile, wie er mehrfach wiederholt. Und eine Cruise Missile hat eine Reichweite zwischen 30 und 3.000 km. Das käme schon eher hin, aber man muss sich da mal entscheiden.

Ein bullshit-Bingo für Herrn Zarjow (Monster-Bombe Castle-Bravo):

buzzword – bingo!

Die Entfernung zwischen Paldiski und Donezk: 1.852,2 km – fast Luftlinie:

paldiski

Ja, und was ist jetzt mit Paldiski? Gedulden Sie sich …

Faktencheck 2, Dirty bombs

Die Sofortwirkungen, Hitze, Druck, und Strahlung sind bezeichnend für einen Nuklearsprengkörper, der mittels eines Mechanismus, der dessen Eigenschaften benutzt, zur Detonation gebracht wird. Den kann man, so man denn möchte, auch „Atomsprengkopf“ nennen. Volksgenosse Deljagin hätte allerdings lieber Atommüll, der aus dem estnischen Hafen Paldiski kommen soll. Ja, was denn nun? –

Kommen wir zur „Dirty Bomb“: eine „schmutzige Bombe“ funktioniert völlig anders: „Low dose radiation“, also Staub mit einer niedrigen Strahlendosis wird mittels Sprengstoff in die Luft geblasen:

Bildnachweis: http://www.whatdoesitmean.com/dbp2.jpg

Bildnachweis: http://www.whatdoesitmean.com/dbp2.jpg

Eine solche Konstruktion ist unendlich viel einfacher als ein Nuklearsprengkörper, man kann sogar einen Druckkochtopf dazu benutzen. Deswegen muß man auch keine schmutzige Bombe „anstreben“, wie es mal von al-Qaida behauptet wurde. Auch und besonders in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion liegt radioaktiver Abfall en Masse rum, und, wer das wirklich will, findet schnell was er sucht. Angeblich, so die russische Prawda, was sich ja immerhin mit „Wahrheit“ übersetzt, wird auch radioaktiver Abfall aus dem Westen in die Ukraine transportiert. Wieso sich also auf den Weg nach Estland machen?

Es gibt Erfahrungen mit der Ausbreitung von radioaktivem Staub, wie den Goiânia-Unfall (Schrotthändler hatten eine Strahlenquelle gestohlen und durch unsachgemäße Handhabung 93 g Caesium in dieser Stadt in Brasilien verteilt, die Probleme hat man bis heute nicht im Griff), es gibt Modellrechnungen, wie sich denn die Detonation  einer Dirty Bomb in Städten wie London, New York oder – jaja! – Moskau auswirken würde. Laut einer – zugegeben sehr sensationalistisch aufgemachten – Sendung der BBC (ab ca. 1’33),  hat es einen Fund einer solchen Bombe in Moskau gegeben: Eine voll funktionsfähige schmutzige Bombe wurde per Zufall in einem Park gefunden. Modellrechnungen zeigen, dass eine mit radioaktivem Staub verseuchte Stadt nicht zu reinigen wäre und wohl für immer aufgegeben werden müsste. Wer wird also so blöd sein, „taktisch“ eine Dirty Bomb zu zünden… Aber schon allein der Begriff macht sich zur Erzeugung eines Gefühls von Unsicherheit immer gut, sei es in Moldawien, sei es beim IS.

Exkurs Nummer 1: Estland

Die Länder des Baltikums scheinen sich auch einer besonderen Aufmerksamkeit des Kreml zu erfreuen und unter ihnen besonders Estland. Zunächst äußerte sich – ärgerlicherweise für den Kreml – die russischsprachige Minderheit, und teilte via Petition mit, dass sie von Moskau keineswegs unterstützt werden müsse. Dann gelangte Sofi Oksanen, Tochter einer estnischen Mutter, zu Ruhm und Aufmerksamkeit. Dann wurde ein estnischer Sicherheitsbeamter entführt und ein estnischer Spion für Russland enttarnt und letztendlich verurteilt. Einen weiteren enttarnten die Russen lieber gleich selber. Und dann schenken die USA Estland noch zwei „kaum gebrauchte Transportflugzeuge“

Exkurs Nummer 2: Russische Brennstäbe

Mittlerweile nimmt das Propagandagedöns bizarre Formen an: Die neueste „Erkenntnis“: Es wird vor den Konsequenzen gewarnt, die sich angeblich daraus ergeben, dass die Ukraine ihre Brennstäbe nicht mehr in Russland kauft. Die amerikanischen Brennstäbe seien dadurch gefährlich, dass ihre Form nicht in die für russische Brennstäbe geeigneten Halterungen passten, oder so: das Runde muß ins Eckige oder so ähnlich, was schlicht lächerlich ist. Außerdem sei der „Brennstoff“ höher angereichert. Ich will an dieser Stelle nicht mit langatmigen technischen Erklärungen langweilen, nur soviel: Es gibt den Brennstab, der mit radioaktivem Material befüllt wird. Dieses zerfällt und muß wieder aufbereitet werden.

Nun hat der bekannteste Hütchen-, äh, Pyramidenspieler der Separatisten, Denis Puschilin, sich zu Wort gemeldet: Stelle man einen Reaktor russischer Bauart auf amerikanischen Brennstoff um, so gebe das Probleme, unter anderem entweiche Radioaktivität in die Umgebung, was Puschilin darauf zurückführt, dass das Runde nicht ins Eckige gepasst habe, oder so … Der ganze Unfug kann hier nachgelesen werden. Kundschaft geht von der Fahne… Ärgerlich…

Brennstäbe werden wiederaufbereitet, in Westeuropa und auch in Russland – deutsche Kernkraftwerke, die erst schrittweise bis 2022 abgeschaltet werden sollen, arbeiten mit russischem „Militäruran“. Der Deal wurde anscheinend schon während der Zeit von Rot-Grün eingefädelt unter Bundeskanzler, na? Wo ist die Anti-Atom-Bewegung, wenn man sie mal braucht?

Unfall im Kernkraftwerk

Ja, wenn ich ein Separatistenführer wäre, würde ich das genauso machen: Wie dieser Gottesmann ankündigt, als Alternative zum Waffeneinsatz „das Tschernobyl-Ventil aufdrehen“:

Man könnte, sagen wir, eine BUK auf ein Kernkraftwerk schießen lassen, denn die Dinger sind meistens – wie diejenigen westlicher Provenienz, gegen vertikale Gewalteinwirkung wie einen Flugzeugabsturz gesichert, aber halt nicht gegen horizontal einwirkende Gewalt. Und dann würde ich, sagen wir, die gleiche Desinformationskampagne fahren wie bei MH17. Ja, so würde ich das machen … Der Nachteil – für den Separatisten: Fallout geht nach Osten, umgebendes Gebiet auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte verseucht, etwa so:

Wahrscheinlichkeiten

Ich persönlich glaube überhaupt nicht, dass irgendeine Seite einen Nuklearsprengkörper zündet. Wie ich bereits schon mal ausführte: Schon 5 kt würden 10.000 Tote und 30.000 Schwerstverletzte generieren, und der Fallout ginge im Wesentlichen nach Osten

AKWs russischer/sowjetischer Bauart halte ich übrigens nicht für sicherer oder unsicherer als westliche AKWs, wie die Geschichte von Anja Hermans aus Belgien zeigt. Das Risiko nimmt mit zunehmendem Alter zu. Die Technologie als solche sollte endlich entsorgt werden. Die Chance eines Unfalls halte ich immer für sehr hoch, egal wo die Dinger stehen.

Dirty Bomb: ich denke, dass, wie z.B. auch in Georgien überall auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion jede Menge unversorgter Abfall herumliegt und dass man nicht weit laufen muss, um sich das Zeug zu besorgen – also auch nicht bis nach Estland.

Was soll denn jetzt das ganze Geschrei, besonders von (pro)russische Seite? Was das soll, und was das mit Godzilla zu tun hat – darüber mehr im dritten und letzten Teil.

 

Artikel von: Dagmar Schatz

Bild: Titelbild: http://www.slate.com/content/dam/slate/articles/health_and_science/science/2014/06/140604_SCI_GodzillaHbomb.jpg.CROP.promo-mediumlarge.jpg
Redigiert von: Euromaidan Press auf Deutsch

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