Russisch-orthodoxe Aktivisten sagen, die Charlie-Hebdo-Schießerei war „einfach eine Strafe“

charlie-charboo-russia-protests y dmhyq

 

Archiv, Russland

Artikel von: Anna Dolgov
Quelle: The Moscow Times, 09. Januar 2014

Russisch-orthodoxe Aktivisten haben sich mit Plakaten vor der französischen Botschaft in  Moskau versammelt, die sowohl der Redaktion von Charlie Hebdo wegen deren Praxis, verschiedene Religionen zu schmähen, als auch der französischen Regierung, da sie dies toleriert habe, die Schuld am Massaker in den Redaktionsräumen zuwiesen.

Während eine große Zahl von Moskauern vor der französischen Botschaft Blumen niederlegte, um sowohl den Familien der zwölf bei dem Angriff Ermordeten als auch der trauernden französischen Nation ihre Anteilnahme zu zeigen, kreuzte eine Handvoll orthodoxer Aktivisten von der „Bewegung Göttlicher Wille“ am Donnerstag auf, um die Opfer stattdessen zu verurteilen. [Anm. d. Übers.: der Führer dieser Bewegung, Dmitry Enteo machte im September des vergangenen Jahres von sich reden, als er einen Vortrag mit anschließendem Round-Table-Gespräch veranstaltete, bei dem auch die These vertreten wurde, dass Wladimir Putin durch göttliche Gnade selber Gott werde. Ansonsten wurde die Gruppe dadurch bekannt, dass sie gegen LGBT- und Pussy-Riot-Unterstützer vorging und eine Vorstellung des Oskar-Wilde-Theaterstücks „Ein idealer Gatte“ störte, da das Stück sich über „unseren Glauben“ lustig mache. Dummerweise hielt das Publikum den Protest für einen Teil der Vorstellung].

Hier ist die eindrucksvolle Fotogalerie der Moskauer Mahnwache, die die Opfer des Massakers betrauert.

„Französische Gotteslästerer haben Jesus Christus furchtbar verunglimpft – und dafür ihre Strafe bekommen“, stand auf einem Schild, das eine junge Demonstrantin hochhielt.

Auf einem anderen Plakat stand: „Die Verantwortung für diese Tragödie trägt die französische Regierung. Sie hat die Gefühle der Gläubigen nicht geschützt“, so zu sehen auf Bildern in den sozialen Medien.

„Auch, wenn wir den Islamismus nicht anerkennen, bezeugen wir, dass die Karikaturisten die wahren Terroristen sind (so wie die Charlie-Hebdo-Journalisten)“, schrieb einer der Organisatoren der Demonstration auf Vkontakte.

Die satirische französische Zeitung hatte sich über fast jede Religion lustig gemacht, doch Anlass für den Angriff waren offensichtlich Karikaturen des Propheten Mohammed.

Ein leitender US-amerikanischer Beamter sagte am Donnerstag, dass einer der Verdächtigen, der 34-jährige Said Kouachi, im Jemen beim dortigen Al-Qaida-Ableger 2011 ein Terrortraining absolviert habe. Zeugen erzählten der BBC, die Amokschützen hätten während des Angriffs geschrien „Wir haben den Propheten Mohammed gerächt“.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat nicht sofort auf den Angriff reagiert, selbst dann nicht, als der russische Präsident Wladimir Putin den Familien der Opfer sowie allen Einwohnern von Paris sein Beileid aussprach.

Eine große Anzahl von Moskauern versammelte sich vor der französischen Botschaft um Blumen niederzulegen – ein Aufflammen von Sympathie, das in den russischen Staatsmedien bemerkenswert viel Beachtung fand.

Russlands Jugendorganisationen haben am Freitag-Nachmittag eine Solidaritätsaktion vor der französischen Botschaft durchgeführt.

Foto: TASS

Foto: TASS

Wie die Nachrichtenagentur TASS berichtet, hatten Dutzende von jungen Leuten Blumen zur Botschaft gebracht. Auf ihren Plakaten stand: „Stoppt das Schießen“, „Religion erlaubt keinen Mord“, „Wir wollen nicht zulassen, dass überall auf der Welt Journalisten ermordet werden“ und „Nichts entschuldigt einen Terrorakt“. Die jungen Leute hätten diese Demonstration mit Diskussionen in den sozialen Netzwerken vorbereitet und gefordert, dass junge Journalisten und die Meinungsfreiheit unterstützt werden müssten.

Der stellvertretende Chefredakteur der unabhängigen [Anm. d. Übers.: putinkritischen] Radiostation „Echo Moskwy“, Wladimir Warfolomejew, sagte jedoch, dass die Russen in ihrer Reaktion auf die terroristischen Angriffe tief gespalten seien.

„Unter meinen Bekannten gibt es welche, die die Angriffe nicht verurteilen, und andere, mit denen wir uns auch immer über Putin, die Krim, den Donbas usw. streiten“, sagte Warfolomejew, ein Kritiker der Politik des Kreml am Donnerstaf auf seinem Blog auf der Echo Moskwy-Website.

Er sagte: „Heute liegt zwischen uns ein Abgrund“.

Artikel von: Anna Dolgov
Quelle: The Moscow Times, 09. Januar 2014

Bild: 8. Januar 2014 Eine Frau legt an der französischen Botschaft in Moskau Blumen für die Opfer des Angriffes auf das Hauptquartier der französischen Zeitung Charlie Hebdo nieder. – Foto Maxim Zmeyev / Reuters
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, ,