Nachrichten-Analyse: Bombenanschläge eröffnen neue Front im Kampf um Ukraine

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Artikel von: Robert Coalson
Quelle: RFE/RL 9.1.2015

Kaum ein Tag vergeht derzeit in der Ukraine ohne Schlagzeilen über einen terroristischen Zwischenfall oder darüber, wie die Sicherheitskräfte des Landes einen geplanten Anschlag verhinderten oder ein geheimes Waffen- oder Sprengstofflager beschlagnahmten.

In den vergangenen Wochen gab es landesweit Dutzende Bombenanschläge mit den Epizentren Charkiw, Odessa, Mariupol und Kyiw. In Odessa gab es mindestens sechs Bombenanschläge allein im Dezember.

Die meisten Attacken waren während der Nachstunden gegen Büros von Kyiw-freundlichen Organisationen gerichtet, während einige andere die Infrastruktur, die Sicherheitskräfte oder ukrainische Politiker ins Visier nahmen.

Beim schlimmsten Zwischenfall wurden am 9. November elf Menschen verletzt, als in einer Bar im Stadtzentrum von Charkiw eine Bombe explodierte.

Es scheint eine neue Phase des Konfliktes in der Ukraine zu sein, die wahrscheinlich einige Zeit andauern wird.

Charkiw, Odessa und Mariupol scheinen im Fadenkreuz zu sein, da sie in geografischer Nähe der Region der pro-russischen Separatisten liegen und einen signifikanten Bevölkerungsanteil an ethnischen Russen haben.

Analysten und Beamte vor Ort beeilen sich zu sagen, dass die Anschläge in diesen Städten nicht auf eine breite Unterstützung hindeuten, sich der Anti-Kyiw-Rebellion anzuschließen.

„Die Gründung einer Volksrepublik Odessa ist im Moment unvorstellbar“, sagt der einheimische Journalist Sergej Dibrow.

Das relativ geringe Ausmaß an Sachschaden, Toten und Verletzten, die die Anschläge bisher verursacht und gefordert haben, könnten zeigen, dass das Ziel ist, sowohl Unruhe und Unzufriedenheit zu bringen als auch die Ressourcen der Regierung aufzuzehren.

Die Behörden und die meisten Ukrainer sind davon überzeugt, dass die Anschläge direkt mit Russland in Zusammenhang stehen. Sie scheinen zur Moskauer Doktrin einer hybriden Kriegsführung zu passen, die sich vorstellt, einen Konflikt auf dem gesamten Territorium des Feindes auszutragen, indem eine ganze Bandbreite von Mitteln und Taktiken angewendet wird.

Die Sicherheit verstärken

Die Attacken haben die ohnehin schon unter Ressourcenknappheit leidenden ukrainischen Sicherheitskräfte gezwungen zu reagieren und die Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Land zu verstärken.

„Wir setzen viele präventive und prophylaktische Maßnahmen um, die darauf abzielen, Verstöße gegen die öffentliche Ordnung von radikalen Gruppen oder Bewegungen oder Individuen aufzudecken und zu verhindern“, sagt Iwan Kateryntschuk, Leiter der örtlichen Abteilung des Innenministeriums in Odessa.

Die Sicherheitskräfte haben die Patrouillen verstärkt und mehrere Kampagnen zur öffentlichen Bewusstseinsbildung gestartet. Die Beamten haben das Volk auch ersucht, keine Demonstrationen oder öffentliche Veranstaltungen abzuhalten, die ins Visier genommen werden könnten.

Solche Maßnahmen können jedoch von pro-separatistischen und pro-russischen Organisationen und Medien dazu benutzt werden, Kyiw als missglückte und undemokratische Regierung darzustellen.

Die Behörden wendeten sich an die Gerichte, um zu verhindern, dass die in Sowjet–Stil agierende, pro-russische Gruppe “Charkiwer Arbeiter” eine Demonstration vor dem Büro der Gebietsverwaltung abhält.

„Wir wollten unseren starken Protest unter der geltenden Rechtslage der Verfassung anmelden, unter Berufung auf die Tatsache, dass wir eine demokratische, rechtsstaatliche Regierung haben“, sagte der Anführer der “Charkiwer Arbeiter”, Pawel Tischenko, dem ukrainischen Dienst von RFE/RL.

Nikolaj Holmow, der von Odessa aus bloggt, schreibt, dass die Bombenanschläge vermutlich noch bis auf weiteres anhalten werden. Er meint, die beste Antwort sei Offenheit seitens der Behörden, Verantwortungsbewusstsein seitens der Massenmedien und Geduld seitens der Öffentlichkeit.

Laut Holmow wird der Feldzug den „politischen Willen“ Kyiws und seiner westlichen Partner ebenso auf die Probe stellen wie die „Widerstandskraft des ukrainischen Volkes“.

Drohbriefe

Ihor Rosoha ist Aktivist und Mitbegründer des Koordinierungsbüros der Territorialverteidigung von Charkiw. Aufgabe des Büros sei es, zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen zusammenzuführen, um der Regierung dabei zu helfen, den Feldzügen entgegenzuwirken, die durchgeführt werden, um die Ukraine zu schwächen.

Er erzählte RFE/RL, dass seine Gruppe die Sicherheitspatrouillen in der Stadt begleiten und den Funktionären dabei helfen werde, mit den Einheimischen zu interagieren und zu versuchen, der, wie er es nennt, „Informationsaggression“ durch Russland zu begegnen. Sie fordern die Menschen dazu auf, den „Klatsch“ in den sozialen Medien nicht zu glauben, der, wie sie glauben, von russischen Agenten in Umlauf gebracht wird.

„Unser Ziel ist es nicht, die Armee oder die staatlichen Sicherheitsorgane zu ersetzen“, sagt er. „Unser Ziel ist es, die Gesellschaft selbst zu mobilisieren, jegliche Aggression zurückzuweisen und den Frieden in unserer Region aufrechtzuerhalten.“

Von besonderer Bedeutung in Charkiw ist eine Organisation mit der Bezeichnung “Charkiwer Partisanen”, von der der Staatsanwalt der Region Juryj Danyltschenko sagt, dass sie „ständig materiell und taktisch vom Nachbarland unterstützt werde“, womit er Russland meint.

Danyltschenko sagt, das einzige Ziel der Organisation sei es, „terroristische Angriffe“ zu verüben.

Mitte Dezember fanden viele Einheimischen in Charkiw besorgniserregende Weihnachtsgrüße der “Charkiwer Partisanen” in ihrer Mailbox vor.

„Im Umschlag befand sich eine Karte mit einem Emblem, auf dem „Charkiwer Partisanen“ stand und der Text „Wir holen uns jedes Nazi-Dreckschwein“, sagt eine Frau, die bat, nur als Freiwillige in Rosohas zivilgesellschaftlichem Koordinationszentrum bezeichnet zu werden.

„Ich weiß sicher, dass ich nicht die einzige bin, die so eine Karte bekommen hat – mehrere Leute, die ich kenne, haben genau dieselbe Botschaft bekommen“, fügte sie hinzu und sagte, dass sie ihre Familie aus der Stadt weggebracht habe.

Verfasst in Prag von Robert Coalson auf der Grundlage von Berichten von Volodymyr Noskov aus Charkiw  und von Mykhaylo Shtekel aus Odessa.

Artikel von: Robert Coalson
Quelle: RFE/RL 9.1.2015

Bild: Titelbild: Polizeibeamte untersuchten im vergangenen Monat den Ort einer Explosion in einem Gebäude in Odessa, wo ein Büro zur Unterstützung der ukrainischen Armee untergebracht ist. Dieser Zwischenfall war nur einer von vielen Bombenanschlägen in der Ukraine während der vergangenen Wochen.
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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