Nadija Sawtschenko wird ihren Hungerstreik nicht beenden – Brief aus dem Gefängnis

Nadja-smile

 

Krieg im Donbas, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Halya Coynash
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 13.01.15

Nadija Sawtschenko hat über ihre Anwälte einen Brief an alle übermittelt, die sich um sie sorgen, in welchem sie sich bei allen bedankt aber alle Aufforderungen zur Aufgabe ihres Hungerstreiks zurückweist. Für sie stellt der Hungerstreik die einzige zur Verfügung stehende Möglichkeit dar, Gerechtigkeit zu suchen, und sie beharrt darauf, dass sie erst am Tag ihrer Rückkehr in die Ukraine wieder essen oder aber den letzten Tag ihres Lebens in einem russischen Gefängnis verbringen wird. (Der Wortlaut des Briefs ist weiter unten in diesem Artikel abgedruckt).

Die ehemalige Militärpilotin und jetzige ukrainische Parlamentsbgeordnete und Delegierte für die Parlamentarische Versammlung des Europarats (PACE) befindet sich seit dem 13. Dezember 2014 im Hungerstreik. Sie wurde vor kurzem in Einzelhaft verlegt, und Briefe an sie werden ihr nicht ausgehändigt. Sie hat ausdrücklich erklärt, dass sie jeden Versuch der Zwangsernährung ablehnt, die sie als Folter ansieht.

In weiteren Verletzung russischen und internationalen Rechts wurden auch Besuche durch Nadija Sawtschenkos Anwälte von Ende Dezember bis Montag, 12. Januar, verhindert. Die Abwälte haben es erst jetzt geschafft, den folgenden Brief aus der Haft zu bringen und zu veröffentlichen:

Scan des Briefs, von der Facebook-Seite der Partei Batkiwschtschyna

Scan des Briefs, von der Facebook-Seite der Partei Batkiwschtschyna

An alle, denen mein Schicksal nicht gleichgültig ist.

Von ganzem Herzen danke ich euch für eure Unterstützung. Glaubt mir, ich spüre sie, auch wenn mir die Ermittlungsbehörde der Russischen Föderation das Recht auf Briefverkehr verweigert. Ich habe seit bereits zwei Monaten keinen einzigen Brief mehr erhalten, weswegen ich euch nicht antworten konnte. Deshalb danke ich an dieser Stelle allen, die mir geschrieben oder mich zumindest nicht in Vergessenheit geraten lassen haben. Das hat mir merklich Kraft verliehen.

Nun zum Hungerstreik. Ich weiß, dass viele Menschen – sowohl auf allen staatlichen Ebenen der Ukraine als auch weltweit – sehr viel für meine Freilassung tun, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Mit einer solchen Unterstützung wagte ich gar nicht zu rechnen, denn in der Ukraine und auf der ganzen Welt gibt es auch abgesehen von mir genug Probleme … Deshalb schätze ich euer Engagement umso mehr. Weil ich mich schäme, selbst aus dem Gefängnis heraus so gut wie nichts unternehmen zu können, habe ich mich entschieden, auf die einzige Art Widerstand zu leisten, die mir möglich ist – mittels des Hungerstreiks.

Ich möchte aber nicht, dass ihr euch zu sehr um mich sorgt. Gott, meinen Genen und meinen Eltern sei Dank bin ich äußerst fit und kann den Hungerstreik durchhalten. Eure Anteilnahme an meinem Schicksal wird mir dabei helfen. Jeder Mensch, der wenigstens einmal am Tag einen freundlichen Gedanken für mich übrig hat, hilft mir, meinen Glauben und meine Kraft nicht zu verlieren, und jeder, der schlecht über mich denkt, trägt zu meinem Trotz und meiner Wut bei 😉

Julia Timoschenko hat mir einen Brief geschrieben, in dem sie mich bittet, meinen Hungerstreik zu unterbrechen und meine Kräfte zu schonen, denn „der Feind braucht uns schwach“ – das sind weise Worte. Danke, Julia!

Aber ich möchte euch beruhigen: Schwach war ich nie und werde ich nie sein! Meine Willenskraft ist nicht zu brechen, und in einen Nahkampf werde ich mit den Gefängniswärtern hier nicht geraten! Die Hauptsache ist, mental durchzuhalten, die physische Kraft kommt irgendwann zurück … Und wenn Gott es anders will, dann sei es so … Der Verlust eines Kämpfers wiegt sehr schwer, aber er bedeutet keinen verlorenen Krieg! Die Ukraine wird siegen!

Ein Mensch, der frei geboren ist und nicht als Sklave in Gefangenschaft, kann nun einmal im Gefängnis nicht leben. Erst recht nicht, wenn er unschuldig ist.

Mit meinem Protest – dem Hungern– möchte ich die russischen Machthaber zur Vernunft und das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation dazu bringen, auf ihr Gewissen zu hören. Es existieren unbestreitbare Beweise meiner Unschuld und meiner Nichtbeteiligung an den mir vorgeworfenen Verbrechen. Was wollen sie noch?

Die Entscheidung, in den Hungerstreik zu treten, habe ich selbstbestimmt gefällt, niemand hat mich dazu bewogen. Ich habe mein Wort gegeben: „Bis zum Tag meiner Rückkehr in die Ukraine oder bis zum letzten Tag meines Lebens in Russland!“ Ich nehme es nicht zurück – was wären denn sonst meine Worte wert! 😉

Ich halte durch! Danke, dass ihr an mich glaubt!

Nadija Sawtschenko,12.01.2015

Während eines Prozesstermins im November im Moskauer Stadtgericht

Während eines Prozesstermins im November im Moskauer Stadtgericht

Die 34-jährige Militärpilotin und Freiwillige beim Bataillon Aidar wurde um den 17. Juni herum von Militanten aus der sogenannten “Luhansker Volksrepublik” gefangen genommen und tauchte dann Anfang Juli in einem russischen Untersuchungsgefängnis auf.

Der russische Untersuchungsausschuss [Ermittlungsbehörde] und die Staatsanwaltschaft behaupten, dass Sawtschenko Informationen über den Aufenthalt von zwei Journalisten vom russischen Ersten Kanal weitergegeben habe. Igor Korneljuk und sein Toningenieur Anton Woloschin starben am 17. Juni, nachdem sie in der Nähe von Militanten der selbsternannten Volksrepublik Luhansk unterwegs waren und ins Sperrfeuer von Granaten geraten waren. Trotz sofortiger Behauptungen des Außenministerium Russlands und in den von der Regierung kontrollierten Medien gibt es keinerlei Anzeichen, dass die beiden Männer in irgendeiner Weise als “Zielpersonen” ausgesucht waren.

Die Ermittlungsbehörden haben keinerlei Beweise für ihre Behauptungen vorgelegt. Sie versuchten auch zu erreichen, dass die Gerichtsverhandlungen hinter verschlossenen Türen abgehalten werden, und wichtige Beweise der Verteidigung zu blockieren, die ein unwiderlegbares Alibi lieferten. Angesichts der Tatsache, dass Sawtschenko gegen ihren Willen aus der Ukraine entführt wurde und dass die Journalisten in der Region Luhansk zu Tode gekommen sind, behaupteten die Ermittler mit außergewöhnlicher Dreistigkeit, dass die Anwälte außerhalb Russlands keine Beweise sammeln dürften. Dies hat die Anwaltskammer von Moskau als eine falsche Auslegung des Gesetzes und als derart offensichtlich unhaltbar bezeichnet, dass das Gericht beschlossen hat, das Beweismaterial der Verteidiger in die Prozessakten aufzunehmen..

Das Material enthält Aufzeichnungen über Telefongespräche, aus denen hervorgeht, dass Sawtschenko überhaupt nicht in der Nähe der Stelle war, wo die Journalisten starben.

Der Untersuchungsausschuss und die Anklagebehörde behaupten, sie hätten Beweismaterial, das Sawtschenko belastet, haben dieses jedoch noch nicht einmal vorgestellt.

Dies hat ein Gericht nach dem anderen nicht daran gehindert, die Untersuchungshaft immer wieder zu verlängern, und jegliche Rechtsmittel gegen die völlig ungerechfertigte einmonatige Haft im berüchtigten Serbskij-Institut in Moskau abzulehnen. Sawtschenko hate bei der vorgeblichen psychiatrischen Beurteilung jegliche Mitwirkung verweigert. Eine Reihe von bekannten Psychiatern hat die zwangspsychiatrische Behandlung verurteilt, darunter auch das ehemalige Opfer der sowjetischen Zwangspsychiatrie, Semjon Glusman. Ein weiteres Indiz für die Gesetzlosigkeit insgesamt in diesem Fall sind die absichtlichen Verzögerungen bei der Anhörung über die von Sawtschenko eingelegte Berufung gegen die sogenannte psychiatrische Beurteilung, die erst nach Abschluss des Zwangsaufenthalts in der Psychiatrie stattfand.

Das Gericht hat sich auch geweigert, Sawtschenkos Aussage, dass sie in Handschellen und mit einem Sack über dem Kopf nach Russland gebracht wurde, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Und dies trotz der Tatsache, dass es ein Video mit Datum etwa 18. Juli von einer “Vernehmung” durch die Luhansker militanten Kämpfer gibt, so dass es absurd wäre anzunehmen, dass sie innerhalb von 10 Tagen nicht nur aus unerklärlichen Gründen freigelassen wurde sondern sich auch entschieden habe zu Fuß bis zur Grenze nach Russland zu gehen und dort Asyl zu beantragen.

Während wir zusammen mit Nadija Sawtschenko hoffen, dass bei den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses doch noch einen Überrest an Gewissens, Rechtsverständnis sowie gesundem Menschenverstand vorhanden ist, schaffen die Gerichte und natürlich diejenigen im Kreml, die die Fäden ziehen, in ihrer zynische Missachtung für das Gesetz nicht gerade Vertrauen.

Moskau darf nicht damit durchkommen, Nadija Sawtschenko in der Einzelhaft zu verstecken und zu hoffen, dass “das Problem” sich so löst. Der Kreml mag seine eigenen Medien weitgehend zum Schweigen gebracht haben, jetzt liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die jetzt Druck auf Russland ausüben können, dies auch tun.

Bitte schreiben Sie an die PACE-Präsidentin Anne Brasseur, die am 15.-16. Januar zu einem Aufenthalt in die Ukraine kommt, sowie an andere PACE-Mitglieder und fordern Sie sie auf, sich sie öffentlich für Sawtschenko Freilassung einzusetzen und die Situation auf die Tagesordnung der nächsten PACE-Sitzung zu setzen, die für den  26. Januar angesetzt ist (Entwurf eines Briefs an PACE und die Adressen finden Sie hier khpg.org – englisch)

Es gibt außerdem eine Petition auf change.org sowie einen Twitter-Sturm, beschrieben auf Facebook.

 

Artikel von: Halya Coynash
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 13.01.15

Übersetzt von: Nadiya Vertebna
Redigiert von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , , ,