Nadija Sawtschenko: „Wenn sie stirbt, dann stirbt sie halt…“

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Archiv, Krieg im Donbas, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Andrei Shary und Claire Bigg
Quelle: RFE/RL 16.1.2015

Nadija Sawtschenko hat schon mindestens 14 Kilogramm verloren. Die ukrainische Luftwaffenoffizierin, die in Russland unter der Anklage festgehalten wird, am Mord an zwei Journalisten beteiligt gewesen zu sein, hat schon zwei Glukoseinfusionen bekommen, um sie davor zu bewahren, das Bewusstsein zu verlieren.

Sawtschenko weigert sich schon seit mehr als einem Monat, Nahrung zu sich zu nehmen und der Hungerstreik, so ihr Anwalt, fordert bereits seinen gesundheitlichen Tribut.

„Ihre Gesundheit verschlechtert sich. Sie verliert täglich Gewicht“, berichtet Mark Fejgin RFE/RL. „Sie wird dünn und hohlwangig. Ihr Körper verändert sich.“

Sawtschenko besteht auf ihrer Unschuld und weist Anschuldigungen zurück, sie habe die ukrainischen Streitkräfte einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Igor Korneljuk und Anton Woloschin gegeben, zwei russischen Journalisten, die im Juni, als sie aus der Ostukraine berichteten, durch Granaten getötet worden waren.

[Anm. d. Übers.: Sawtschenko, Oberleutnant der ukrainischen Luftwaffe, war auf ukrainischem Territorium bei einem Luftrettungseinsatz in die Gewalt von Söldnern/russischen Truppen geraten und auf russisches Staatsgebiet verschleppt worden, wo man ihr vorwirft, unter Ausnutzung solcher Rettungsmissionen, Söldner-/russ. Truppenstellungen „ausspioniert“ zu haben und ihre Erkenntnisse – zu denen angeblich auch der Aufenthaltsort der beiden Journalisten gehört habe – an die ukrainischen Streitkräfte weitergegeben zu haben.]

In einem offenen Brief, der diese Woche veröffentlicht wurde, schwor sie, sich zu Tode zu hungern, falls Russland sie nicht freilasse.

Ihre Anwälte kennen ihre stählerne Entschlossenheit und nehmen ihre Ankündigung ernst.

„Es ist schwer, sie zu brechen,“ sagt Fejgin. „Wir diskutieren dieses Thema jeden Tag mit ihr, doch Nadija glaubt, dass der Abbruch des Hungerstreiks bedeute, Schwäche zu zeigen.“

Fejgin sagt, dass die Behörden des Untersuchungsgefängnisses auch schon nervös werden und Sawtschenko gedrängt haben, ihren Hungerstreik zu beenden.

Sie ist eine berühmte Gefangene, und alles, das ihr unter deren Augen zustößt, könnte sowohl den Zorn des Kreml als auch den Zorn der internationalen Gemeinschaft hervorrufen.

„Sie sehen jeden Tag nach ihr“,  sagt er. „Die Wachen haben sie unter enger Beobachtung. Denn sie könnte ohnmächtig werden, fallen und sich den Kopf aufschlagen.“

Die Parteichefin Julija Tymoschenko (Mitte) verliest, während einer Parlamentssitzung in Kiew am 13. Januar, einen Aufruf mit der Bitte um internationale Unterstützung für die Freilassung von Nadija Sawtschenko.

Die Parteichefin Julija Tymoschenko (Mitte) verliest, während einer Parlamentssitzung in Kiew am 13. Januar, einen Aufruf mit der Bitte um internationale Unterstützung für die Freilassung von Nadija Sawtschenko.

Es gibt viele in der Ukraine, die Sawtschenko anflehen, ihren Hungerstreik zu beenden, darunter auch die frühere Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko, Parlamentssprecher Wolodymyr Hroysman und des Oberhauptes der Orthodoxen Kirche der Ukraine (Moskauer Patriarchat), Metropolit Onufri. Auch Familie und Freunde der Pilotin zählen dazu.

Fejgin glaubt, dass Sawtschenko am Leben bleiben muss, entweder um freigelassen zu werden oder um den Prozess durchzustehen.

„Nach meiner Erfahrung ist ein Hungerstreik keine effektive Maßnahme“, sagt er. „Klar, sie zieht eine Menge Aufmerksamkeit auf ihren Fall, doch das  wird die Staatsanwaltschaft nicht beeinflussen. Russische Behörden sind solchen Dingen gegenüber taub. Wenn sie stirbt, dann stirbt sie halt.

Die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, hat Sawtschenko, die auch Parlamentsabgeordnete ist [Anm. d. Übers.: der Tymoschenko-Partei Batkiwschtschyna], zu einer Repräsentantin des Parlaments in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) ausgewählt.

Doch Fejgin bezweifelt dass dieser Schachzug, der darauf zielte Russland, bis zur nächsten Sitzung von PACE am 26. Januar, unter Druck zu setzen, damit Sawtschenko freigelassen wird, erfolgreich sein wird.

[Anm. d. Übers.: die Präsidentin von PACE, Anne Brasseur, hat anlässlich ihres Besuches in der Ukraine die Freilassung aller ukrainischen (Kriegs-)gefangenen gefordert und angekündigt, dies auch mit den russischen Behörden zu besprechen.]

Es sei möglich, sagt er, dass die russischen Autoritäten den Prozess in die Länge ziehen wollen, um das öffentliche Interesse am Fall Sawtschenko auszuhöhlen.

Die gerichtliche Voruntersuchung im Fall Sawtschenko wurde vor mehr als sechs Monaten eröffnet.

Nach russischem Gesetz kann sie bis zu zwei Jahre andauern.

Sie haben noch Zeit“, sagt Fejgin.

Jedoch, so der Rechtsanwalt, riskiert Moskau einen massiven, internationalen Rückschlag, falls Sawtschenko stirbt oder zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird.

„Dies ist kein gewöhnlicher politischer Fall. Hier geht es um Krieg und den Tod von Menschen“, sagt er. „Sollten die russischen Behörden versuchen, sie trotz der Beweise für ihre Unschuld zu verurteilen, wird das für Russland kein ruhiger Prozess. Für den Kreml hat es, dadurch, dass er diesen Fall weiterverfolgt, bereits ernste Konsequenzen, und diese Konsequenzen werden dramatisch zunehmen.”

Artikel von: Andrei Shary und Claire Bigg
Quelle: RFE/RL 16.1.2015

Bild: Titelbild: Nadija Sawtschenko (hier bei einem Prozesstermin am 7. November 2014) hat angekündigt, dass sie ihren Hungerstreik bis zum Tode durchhalten wird, falls Russland sie nicht freilässt.
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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