Heldin des Krieges Russlands mit der Ukraine gelobt Hungerstreik fortzusetzen

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18. Januar 2015 • Archiv, Krieg im Donbas, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Olivia Ward, Reporterin für Außenpolitik
Quelle: The Star (Toronto, Kanada), 14.1.2015

Nadija Sawtschenko, ehemalige Modedesignerin und dann Kampfpilotin, die nun in einem russischen Gefängnis dahin vegetiert, hat Stereotype aufgebrochen und ist zum Symbol des Kampfes der Ukraine mit dem Nachbarn geworden.

nadia-zelleNach einem Monat Hungerstreik in einer russischen Gefängniszelle blickt Nadija Sawtschenko dem Tod ins Auge.

Doch die ukrainische Modedesignerin, die zur Frontkämpferin geworden ist, begegnet der Situation – und dem Zorn Moskaus – mit Standfestigkeit, was sie zur Jeanne d’Arc der Ukraine macht, auch wenn Russland sie als „Satans Tochter“ denunziert und sie der Komplizenschaft im Mord an zwei Journalisten während der Kämpfe in der Ostukraine bezichtigt.

„Ich habe mein Wort gegeben“, schrieb sie in einem trotzigen Brief aus einem Moskauer Gefängnis, der am Montag von ihrem Anwalt veröffentlicht wurde. „Bis zu dem Tag, an dem ich in die Ukraine zurückkehre, oder bis zum letzten Tag meines Lebens in Russland… werde ich nicht nachgeben.“

Diese Woche appellierte das Parlament in Kyiw an die Staatsoberhäupter Russlands, Deutschlands und Frankreichs, mitzuhelfen sie zu befreien.

Seit ihrer Gefangennahme durch pro-russische Separatisten im Kampfgebiet im vergangenen Juli ist Sawtschenko zur Heldin in einem Drama geworden, das ein globales Publikum erreicht hat.

nadia-wahlplakat-savilov getty imagesMittlerweile 33, stieg sie von der verarmten Studentin zur Absolventin der renommierten Offiziershochschule der ukrainischen Luftstreitkräfte, zur neu gewählten Parlamentsabgeordneten und zum Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates auf. Sie hat sexistische Stereotype durchbrochen als Mädchen am Werbeplakat für den Kampf der Ukraine gegen den riesigen Nachbarn, der die Krim erobert und nun die unruhige Ostregion der Ukraine im Visier hat.

Aber Sawtschenko steht auch im Zentrum der Neuauflage des stark polarisierten Kalten Krieges, und ihr Schicksal geht über die Grenzen Russlands und der Ukraine hinaus.

Ihr Fall ist „absolut politisch“, sagte Sawtschenkos russischer Anwalt Mark Fejgin, der Mitglieder der Punk-Gruppe Pussy Riot verteidigte. “Er kann nur mit politischen Mitteln gelöst werden, weil die rechtlichen Wege nicht funktionieren.“

Er glaubt, dass Sawtschenko Thema bei einem Friedensgipfel über den Ukrainekonflikt in Astana, Kasachstan noch in diesem Monat sein werde.

Unterstützer hoffen, dass es noch nicht zu spät ist. In Einzelhaft in Moskau überlebt Sawtschenko mit Schlucken von Wasser und mit sporadischen Glukose-Infusionen über einen intravenösen Tropf. Sie erklärte sich mit der Behandlung einverstanden, um der „Folter“ von Zwangsernährung zu entgehen, sagte ihre Schwester Wira in einem Interview durch einen Übersetzer.

Als enge Freundinnen waren die Schwestern zusammen, bevor Nadija am 17. Juli während der Bergung einiger verwundeter ukrainischer Soldaten in der Nähe der Front aufgegriffen wurde. Nadija war auf einer Übungsmission in der Ostukraine, nachdem sie sich von der Armee entfernt hatte, die sich weigerte, Soldatinnen in den Kampfeinsatz zu schicken. Wira hatte sie freiwillig zur Front gefahren und dann an der Bergungsaktion teilgenommen, als Rettungskräfte „davor Angst hatten, in das Gebiet zu gehen“.

Von der Modedesignerin zur politischen Gefangenen

nadia-designWira sagte, dass sie während des Transportes verletzter Soldaten in der tobenden Schlacht den Kontakt zu Nadija verloren habe und fürchtete, sie sei tot. Am nächsten Tag wurde der Anruf auf Nadijas Handy „von einem Mann der Separatisten-Bewegung beantwortet, der Flüche und Drohungen hineinschrie.“

Im Glauben, dass ihre Schwester am Leben sei, begann Wira Gespräche mit den Separatisten wegen eines Gefangenenaustauschs. Aber der Versuch schlug fehl, und sie erfuhr später in einem Brief aus dem Gefängnis, dass Nadija über die Grenze nach Woronesch in Südrussland gebracht worden sei. „Sie zogen ihr eine Balaclava über den Kopf und wechselten sechs Mal das Auto.“

Die russischen Behörden insistieren, dass Sawtschenko heimlich illegal über die Grenze gegangen sei, doch sie und ihre Familie behaupten, dass sie gekidnappt worden sei. „Sie haben nicht erwartet, dass der Fall so einen Skandal verursachen würde“, sagte Fejgin.

Sawtschenko wurde  von russischen Beamten verhört und für den Mörserangriff, der Igor Korneljuk und Anton Woloschin tötete, zwei russische TV-Journalisten, die aus der Region berichteten. Sie hat die Anschuldigungen immer dementiert, und ihre Anwälte sagen, dass es „unmöglich“ gewesen sei, da sie geraume Zeit, bevor die beiden starben, gefangen genommen worden sei. „Der russische Prozess ist gegenstandslos“, behauptet Feygin.

Sawtschenko sind Meinungsstreits nicht fremd.

In der verarmten Ukraine aufgewachsen – ihr Vater war Maschinenbauer und ihre Mutter Näherin – wollte die junge Nadija Journalistin werden, musste aber das Studium an der Universität von Kyiw wegen Geldmangels abbrechen. Stattdessen absolvierte sie eine weniger teure Modeschule.

Doch Kindheitsausflüge auf die Krim hatten in ihr die Liebe für die Fliegerei entzündet und sie sehnte sich danach, Jet-Pilotin zu werden. Da die Universität der Luftstreitkräfte Anfang der 2000-er Jahre für Frauen noch geschlossen war, trat sie in die schlecht zahlende ukrainische Armee ein.

Nach einer Zuweisung in den Irak wurde ihr Wunsch endlich erfüllt, und sie machte als eine von nur zwei Frauen, die neu an der Universität aufgenommen worden waren, den Hochschulabschluss. Als die Revolution, die als „Euromaidan“ bezeichnet wurde, 2013 ausbrach, schloss sie sich einer Selbstverteidigungstruppe an und brach das Tabu, dass Frauen keine aktive Rolle im Kampfeinsatz bei den Sicherheitskräften spielen können. Und als die Vertreibung des ukrainischen Präsidenten Janukowytsch zur russischen Eroberung der Krim und zur Unterstützung der pro-russischen Separatisten in der Ostukraine führte, lehnte sie den Standpunkt der Armee, Frauen von der Front fernzuhalten, ab.

Sawtschenko ist das berühmteste Symbol für die Kämpferinnen der Ukraine. Aber sie ist eine von Dutzenden Frauen, die die Zwänge einer männerdominierten Gesellschaft abgeworfen haben, seit die Euromaidan-Bewegung begann.

„Sie ist in mancher Hinsicht ein Symbol, aber nicht wirklich für Feminismus“, sagt die Soziologin Tamara Marzenjuk von der Nationalen Universität von Kyiw-Mohyla-Akademie, derzeit Gast-Professorin an der University of Toronto. „Man kann sie als Frau wahrnehmen, die wegen der Beziehungen der Ukraine zu Russland leidet.“

Frauen sind in der Armee und in der Politik an den Rand gedrängt worden, erläutert sie. Julija Tymoschenko, deren Partei sie auf die Wahlliste setzte, ist typisch für das Image der erfolgreichen ukrainischen Frau, fügt Marzenjuk hinzu: „Sie ist wohlhabend, schön, verheiratet, hat Kinder und ist zugleich Politikerin.“ In der Armee haben Frauen geringen Status, untergeordnete Aufgaben mit niedriger Bezahlung und wenig Hoffnung auf Beförderung. Und in der Ehe „kommen arbeitende Frauen noch immer heim und kochen das Abendessen“.

Falls Sawtschenko freigelassen wird, könnte sie an vorderster Front eines Wandels stehen. Aber da ihr Hungerstreik andauert, ist ihr Schicksal ungewiss.

„Sie weist alle Forderungen und Appelle, ihren Hungerstreik zu beenden, zurück und sagt, sie werde bis zum bitteren Ende fasten“, erzählte die russische Menschenrechtsaktivistin Anna Karetnikowa Radio Free Europe/Radio Liberty. „Sie hat ihren Weg gewählt und will keine Ratschläge hören.“

Artikel von: Olivia Ward, Reporterin für Außenpolitik
Quelle: The Star (Toronto, Kanada), 14.1.2015

Bild: Titelbild: Nadija Sawtschenko, 33, war unter den ersten Frauen, die an der ukrainischen Offiziershochschule der Luftstreitkräfte aufgenommen wurde. Als 2013 die Euromaidan-Revolution ausbrach, trat sie der Selbstschutz-Truppe bei und brach damit das Tabu, dass Frauen keine aktive Rolle im Kampfeinsatz bei den Sicherheitskräften des Landes spielen sollen.
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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