Alfred Koch: Angst vor den Gebildeten wird Russland zerstören

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22. Januar 2015 • Analytik und Meinungen, Politik, Russland

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (englisch) 20.1.2015
Quelle: Window on Eurasia 20.1.2015

Alfred Koch: Putins Zurückweisung von Wissenschaft und die Angst vor den Gebildeten wird Russlands Zukunft zerstören

Wladimir Putin „versteht, dass die Bedrohung für sein Regime von den Denkenden und Gebildeten ausgeht“, und hat deswegen Schritte unternommen, die Höhere Bildung in Russland zu zerstören“ sowie die Finanzierung der Wissenschaften zu beschränken, so der Moskauer Kommentator Alfred Koch.

Solche Aktionen können Putin kurzfristig einigen Schutz verschaffen, doch das wird auf lange Sicht vom Land einen hohen Preis fordern. In der Tat, so der Analyst, hatte sogar Stalin anerkannt,  dass das Land nicht lange überleben werde, wenn es die Entwicklung von Bildung und wissenschaftlicher Forschung nicht fördere.

Einige Leute, so Koch, würden nun sagen, dass „Stalin selbst die Basis für das Ende“ des Sowjetsystems  gelegt habe, in dem sich auf das Wettrüsten eingelassen hat, etwas, das dem Diktator abverlangte, die Wichtigkeit des wissenschaftlich-technischen Prozesses anzuerkennen und ihn zu unterstützen.

Ja, die späte sowjetische Periode hatte eine „allgemeine Atmosphäre des Respekts für Gelehrtheit, für Wissenschaft als solche und für Wissenschaftler.“ Sogar Stalin führte eine Korrespondenz mit Pjotr Kapitza (russisch-jüdischer Physiker, Schüler von Ernest Rutherford, mit zwei anderen Preisträgern Physik-Nobelpreisträger von 1978) „der, vorsichtig ausgedrückt, kein Stalin-Unterstützer war und sich sogar geweigert hatte, an der Atombombe zu arbeiten.“

Doch es wurde bald offensichtlich, dass Wissenschaft in Isolation nicht gedeihen kann“, so Koch. Damit sie blühen kann, muss es eine allgemeine Atmosphäre von Freiheit geben, jenseits dessen, was spezifische wissenschaftliche Forschung erfordert. Und letztendlich waren die sowjetischen Führer gezwungen, dies anzuerkennen, denn  sie wollten die Ergebnisse der Wissenschaft, sogar, wenn sie die Freiheit, die Wissenschaft erfordert, nicht wollten.

Während der Stagnation der Breschnew-Jahre, zum Beispiel, „gab es die Brüder Strugatzki, das Taganka-Theater, Tarkowski, Okudschawa und Wyssotzki“ und viele andere … wir lasen ein wenig Hemingway, Ray Bradbury und Stanisław Lem“, kleine, aber wichtige Teile einer „alternativen Kultur“ – und in vielen Fällen wurden ihre Arbeit und ihre Karrieren vom Staat gefördert.

„All diese Unternehmungen führten in der Gesellschaft zu einer Schicht von denkenden Leuten, die das Millieu bildeten, das schlussendlich die Aufgaben von Gorbatschows Perestroika und den Gaidar-Reformen mit all ihren Mängeln und Kosten formulierte“, fährt er fort. Aktuell auch die Warnung vor dem Faschismus – von 2006.

Koch sagt, dass er keinesfalls ein Unterstützer eines sowjetischen Lösungsansatzes sei, „doch das, was wir zur Zeit sehen, hat mit Fortschritt nicht zu tun. Putins Konzept ist zum Scheitern verurteilt, weil er generell den Fortschritt als solchen leugnet – sowohl im gesellschaftlichen Leben als auch in Wissenschaft und Technologie.“

Der gegenwärtige Führer im Kreml „versteht sehr genau, dass die Gefahr für sein Regime genau in den Reihen der Denkenden und Gebildeten ist. Und genau deswegen strebt er die Zerstörung der höheren Bildung an und beschneidet die Finanzen für Wissenschaft und Kultur.“ Und er hat solche Kreaturen eingesetzt wie Medinskij, Rogosin und Patriarch Kirill.

„Aber hier sind auch die Quellen für Putins Ende“, schlussfolgert Koch. „Durch das Abwenden von Wissenschaft und Bildung zerstört der Führer im Kreml rapide Russlands Chancen, „in einer Welt zu überleben, in der Fortschritt, in jedem Fall wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, eine objektive Realität sind.“ Putins Zurückweisung von Wissenschaft wird Russland dann weit mehr schmerzen als der Fall des Ölpreises.

Alfred Reingoldowitsch Koch (*1961 in Syrjanowsk, Kasachstan) ist ein russischer Ökonom, Politiker, Schriftsteller und Unternehmer deutscher Abstammung. Alfred Koch diente als stellvertretender Ministerpräsident unter Präsident Jelzin und war als Verbündeter der Wirtschafts-Reformer Anatoli Tschubais’ einer der Chef-Architekten der Privatisierung in Russland. Alfred Koch lebt im Exil in Deutschland.

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press (englisch) 20.1.2015
Quelle: Window on Eurasia 20.1.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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