Mustafa Najem: “Muss man für Mariupol sterben?”

najem

 

Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas

Artikel von: Mustafa Najem
Quelle: pravda.com.ua

Es scheint ein kriegspolitisches Déjà-vu der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sein. Bereits das Referendum der Krim im März glich dem Münchner Abkommen und Sudetendeutschland. Heute sind wir noch dichter daran.

Im Frühling 1939 erschien in der französischen Zeitung L’Œuvre ein Artikel des in jener Zeit bekannten Politikers Marcel DéatFaut-il mourir pour Dantzig?“ („Muss man für Danzig sterben?“).

In diesem Artikel bestand Déat darauf, dass es für Frankreich keine Notwendigkeit gibt, ja es sogar schädlich sei, für Danzig auf der Seite von Polen in einen militärischen Konflikt mit Deutschland einzutreten.

Die kurzsichtigen Ideen von Déat wurden von praktisch der gesamten Elite Frankreichs unterstützt, einschließlich der Intellektuellen und der mit Hitler fühlenden Rechtsradikalen. (Tatsächlich wurden sie von weniger als 80 Prozent der Franzosen unterstützt, die einen Kriegseintritt Frankreichs zur Verteidigung Polens forderten. Aber es wurde entschieden, sie nicht zu berücksichtigen).

Dabei ist wichtig, dass Déat nicht nur dazu aufrief, Polen nicht zu verteidigen, sondern dass er auch versicherte, dass nach einem Anschluss Danzigs das faschistische Deutschland seinen Appetit mäßigt, und das kleine Stück Polens die Expansion von Hitler stoppen kann.

Das Gegenteil geschah. Am 1. September 1939 begannen deutsche Truppen den Angriff auf Danzig und nach wenigen Tagen kam die Stadt zu Ostpreußen. Aber das Datum des Falls von Danzig ging als Beginn des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte ein.

Obwohl sich die historischen Gegebenheiten zwischen Mariupol und Danzig unterscheiden, bieten sich doch gewisse Parallelen an. Sowohl Danzig als auch Mariupol sind Hafenstädte. Beide Städte sind flächenmäßig ungefähr gleich groß und haben eine fast gleich hohe Bevölkerungszahl.

Die heutigen Ereignisse von Mariupol erinnern entfernt an Danzig 1939. Es gibt bereits einen Krieg an den Pforten Europas. Beide Seiten haben zu große Verluste, weshalb die Ambitionen und der Wunsch, Revanche und Rache zu üben, zu tief sind. Wir können es verdrängen und uns damit beruhigen, dass es ein lokaler Konflikt ist. Aber dem ist nicht so. Sofort nach dem lächelnden Vergessen des Budapester Abkommens kam bereits das zynische und demonstrative Ignorieren von gestern beschlossenen Vereinbarungen.

Wie weit und tief sich diese Krankheit ausreitet, hängt von dem Bewusstsein und der Stärke Europas ab, die Realität anzuerkennen und damit aufzuhören, mit Mythen zu leben. Im Europäischen Haus zeigte sich ein Gewehr, mit dem niemand umzugehen weiß, aber das früher oder später schießen wird.

Damit es morgen nicht notwendig ist, ihm mit einem Maschinengewehr entgegenzutreten, reicht es vielleicht, heute dieses Maschinengewehr zu zeigen. Eine verbrecherische Verzögerung und Beschwörung kann dazu führen, dass Mariupol zum Danzig des 21. Jahrhunderts wird.

Mustafa Najem, (* 28. Juni 1981 in Kabul, Afghanistan) ist ein ukrainischer Parlamentsabgeordneter, Journalist und Aktivist afghanischer Abstammung. Als Korrespondent der Ukrajinska Prawda wurde er durch spektakuläre Enthüllungen bekannt. Er nahm an zahlreichen Protestaktionen wie „Stopp die Zensur!“ teil. Najem gilt als einer der Initiatoren des Euromaidan, der zum Sturz der Regierung Janukowytsch führenden Protestbewegung in der Ukraine, nachdem er am 21. November 2013 über Facebook zu Protesten auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kyiw aufgerufen hatte.

Artikel von: Mustafa Najem
Quelle: pravda.com.ua

Bild: kyivpravda
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

Schlagworte:, , ,