Ende des „Dritten Roms“ (unsere Analyse)

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26. Januar 2015 • Analytik und Meinungen, Menschenrechte, Russland, Soziales

Artikel von: Witalij Portnikow
Quelle: Azeri Daily, 25.1.2015

Imperialistische Ideologen, die einmal Moskau mit Rom verglichen, konnten sich überhaupt nicht vorstellen, wie zutreffend die Parallele zu Beginn des neuen Jahrtausends sein würde – als die Hauptstadt der Russischen Föderation zum Zentrum neuer Sklaverei wurde. Denn man kann die Arbeit von Millionen von Gastarbeitern in Moskau und anderen relativ wohlhabenden russischen Städten nicht anders nennen als Sklaverei.

Dieser neue Status der Einwohnerinnen und Einwohner ehemaliger Sowjetrepubliken, die nach Moskau kamen, um hier zu arbeiten, wurde nicht nur durch die „fetten Öl-Jahre“ begünstigt, sondern auch durch totale Korruption sowohl in Russland als auch in den Herkunftsländern dieser angeworbenen Arbeiter und Arbeiterinnen. Denn um jemanden einen kärglichen Lohn zu zahlen, war es nötig, einen Arbeitsplatz für einen fiktiven Bürger zu kreieren, dessen Lohn dann auf ein Dutzend Migrantinnen und Migranten aufgeteilt wurde.

Um die Möglichkeit, 10-20 Leute in einem Raum unterzubringen, zu legalisieren brauchte es geeignete Vollstreckungsbehörden, die solche Absteigen schützen. Um zu gewährleisten, dass der Zustrom an Sklaven nicht unterbrochen würde, war es nötig, anachronistische Regime in den zentralasiatischen Ländern aufrechtzuerhalten, die mehr auf Überweisungen als auf wirtschaftliche Reformen angewiesen sind.

Fallende Ölpreise und der Kollaps der russischen Währung hat die gesamte kriminelle Pyramide zum Einsturz gebracht. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sagt, dass die russische Wirtschaft „ruiniert“ sei, dann kann er diese Definition leicht den Satellitenstaaten des „Dritten Roms“ zuschreiben. Die Anzahl der Menschen, die nach Russland zur Arbeit fahren, ist bereits um 70% zurückgegangen, daher werden sich auch die Bareinnahmen in nächster Zukunft gleichermaßen reduzieren. Und was am wichtigsten ist – es sind Hunderttausende junge, aktive Leute in ihre Heimat zurückgekehrt, die dort einfach keinen Platz haben.

Laut den Daten der Weltbank hängen 42% der Wirtschaft Tadschikistans von Überweisungen aus dem Ausland ab, 31,5% der Wirtschaft Kirgistans, 25% der Wirtschaft der Republik Moldau, 21% der armenischen Wirtschaft, 12% der Wirtschaft Georgiens und Usbekistans, 5,5% der Wirtschaft der Ukraine und 2,5% der Wirtschaft Aserbaidschans. Es ist leicht zu erkennen, welche Länder in der wahren „Gefahrenzone“ sind.

Aber die Republik Moldau, Armenien und Georgien, bei allen Vorbehalten gegenüber diesen Ländern, sind Staaten mit Institutionen mit politischem Wettbewerb; in der Republik Moldau, Armenien und Georgien wurden auch wirtschaftliche Reformen durchgeführt, und es ist eine gewisse Umlenkung der Migrationsströme möglich.

Von den drei Ländern herrscht in erster Linie in Armenien dringender Bedarf an Wirtschaftsreformen, was nicht so leicht ist ohne größere politische Entscheidungen regionaler Art. Dies ist jedoch ein eigenes Thema, das schon im letzten Vierteljahrhundert ohne die russische Krise debattiert wurde.

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In den Ländern Zentralasiens ist die Situation viel komplizierter. Das aktuelle tadschikische Regime wurde nicht als Resultat einer Transformation vom Zentralkomitees in einen Präsidentenpalast gebildet, wie in Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan, sondern nachdem man einen blutigen Bürgerkrieg gewonnen hatte. Hunderttausende junger Tadschiken wurden in Moskau und anderen russischen Städte angespült.

Nun werden diese Menschen zurückkommen – und Emomali Rahmon hat nichts, was er ihnen anbieten könnte. Obwohl es kein wirkliches politisches Leben in Tadschikistan gibt, ist die Erinnerung an die vergangene Konfrontation und die regionalen Konflikte noch lebendig, da die Eltern der jetzigen benachteiligten Gastarbeiter daran teilgenommen haben. Und wenn Dushanbe keine dringend nötigen Reformschritte unternimmt – und das Regime von Rahmon ist einfach dazu nicht in der Lage – wird die Destabilisierung Tadschikistans unausweichlich sein.

Und die Nachbarstaaten werden der Verlockung nicht widerstehen können, sich in die Destabilisierung einzumischen; daher werden wir miterleben, wie Usbekistan der Versuchung erliegt, Tadschikistan zu seinem eigenen Satelliten zu machen. – und natürlich den Druck der entgegenwirkenden Kräfte aus Afghanistan.

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Kirgistan wird buchstäblich auf den Abgrund zusteuern. Einerseits wurde als Ergebnis der zwei Revolten im letzten Jahrzehnt eine Art politische Kultur errichtet, die es erlaubt, im Parlament und bei “Kundgebungen der Unzufriedenen” Dampf abzulassen. Andererseits kann Konsens zwischen dem Norden und dem Süden des Landes nur unter Bedingungen relativer Stabilität erreicht werden, und er verschwindet beim ersten Versuch wieder.

In Kirgistan gibt es einen Vorteil gegenüber Tadschikistan und Usbekistan – Wettbewerb in der Politik, aber dieser Wettbewerb schafft gleichzeitig die Bedingungen für unkontrollierbare Korruption, und unkontrollierte Korruption bringt die Wirtschaft um, daher ist es so wichtig, die Heimkehrerinnen und Heimkehrer zu beschäftigen. Kirgistan ist also noch immer sehr abhängig von Russland und Kasachstan. Es hat natürlich die Chance, der gegenwärtigen Katastrophe ohne größere Konflikte zu entkommen, aber ich würde das nicht überbewerten.

Schließlich Usbekistan – das komplexeste Land der Region. Einerseits hängt Usbekistan nicht völlig von den Wanderarbeitern ab, wie etwa Tadschikistan oder Kirgistan, andererseits alterte Islam Karimows Regime in einem Vierteljahrhundert seines Bestehens deutlich. Usbekistan ist eine klassische Satrapie, sogar im Vergleich mit dem benachbarten Tadschikistan, einfach deswegen, weil sich die Tadschiken noch daran erinnern können, wie Rahmon um seine Macht kämpfte, und sie andere Anführer unterstützen, während für die Usbeken Karimow fast immer schon existierte und sein Regime nur eine Fortsetzung des Sowjetunion ist. Und bei all dem ist der Widerstand im Untergrund gegen das Regime viel aggressiver und kompromissloser, ich würde sagen, im Grunde unversöhnlich, und viel mehr nach Afghanistan und seinen radikalen Fraktionen ausgerichtet.

Und nun könnte diese Bewegung durch die aus Russland heimkehrenden usbekischen Jugendlichen gestärkt werden – besonders, da das Regime nicht mit ihnen arbeiten und eine Verwendung für sie suchen wird, sondern sie wegdrängen wird.

All diese Gegebenheiten sind auf die einfache Tatsache zurückzuführen, dass wir es mit politischem Feudalismus und einem modernen Wirtschaftssystem gleichzeitig zu tun haben. Das heißt, Leute, die zurückkehren, verlieren nicht nur ihren Lebensunterhalt. Sie haben vielleicht auch Kreditraten – für Wohnungen, Häuser, Autos, die Bildung der Kinder. All dieses Geld gibt es nun nicht mehr, daher stehen die jeweiligen Zentralbanken, die ohnehin schon durch den Verfall der nationalen Währungen unter Druck stehen, eventuell am Rande des totalen Zusammenbruchs. Und dieses Problem betrifft nicht nur die oben erwähnten Länder, sondern auch das viel erfolgreichere Kasachstan.

Kurz gefasst, am Rande des Zusammenbruchs und vor der Neuformatierung steht nicht nur Russland selbst, sondern der gesamte post-sowjetische Raum, der durch den Einfluss des „Dritten Roms“ in Mitleidenschaft gezogen ist.

Artikel von: Witalij Portnikow
Quelle: Azeri Daily, 25.1.2015

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