Aleksandr Dugin und die SYRIZA-Connection

Als Folge meines vorhergehenden Artikels über die links-rechtsextreme Koalitionsregierung in
Griechenland wurde ich gebeten, mehr Material zur Verbindung zwischen SYRIZA und dem
russischen Faschisten Aleksandr Dugin zur Verfügung zu stellen.

Als Folge meines vorhergehenden Artikels über die links-rechtsextreme Koalitionsregierung in
Griechenland wurde ich gebeten, mehr Material zur Verbindung zwischen SYRIZA und dem
russischen Faschisten Aleksandr Dugin zur Verfügung zu stellen. 

Empfehlung, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Anton Shekhovtsov
Quelle: Anton Shekhovtsov

Titelbild: Aleksandr Dugin im Hauptquartier der National-Bolschewistischen Partei, 1996 in Moskau

Aus dem Blog des Rechtsextremismus-Forschers Anton Shekhovtsov: “Als Folge meines vorhergehenden Artikels über die links-rechtsextreme Koalitionsregierung in Griechenland wurde ich gebeten, mehr Material zur Verbindung zwischen SYRIZA und dem russischen Faschisten Aleksandr Dugin zur Verfügung zu stellen.

Zunächst einige Worte zu Dugin selber (interessierte Leser finden einen längeren Text über Dugin hier, die Promotion meines Kollegen Andreas Umland hier).

Wer ist Dugin?

Dugins Ideologie wird Eurasianismus genannt, doch Experten ziehen den Begriff „Neo-Eurasianismus“ vor, denn Dugins Ideologie hat nur eine begrenzte Beziehung zum Eurasianismus, der russischen Emigrantenbewegung der Zwischenkriegszeit, die man zur slawophilen Tradition rechnen kann. Neo-Eurasianismus ist eher eine Mischung aus Ideen des französischen Esoterikers René Guénon, des italienischen Faschisten Julius Evola, Nationalbolschewismus, der Europäischen Neuen Rechten und klassischer Geopolitik.

Dugin versuchte zweimal, die russische politische Bühne zu betreten. Der erste Versuch stand in Zusammenhang mit der randständigen National-Bolschewistischen Partei (NBP). 1995 beteiligte sich Dugin sogar an den Wahlen zur Duma, doch er bekam weniger als ein Prozent der Stimmen. Sein zweiter Versuch, an der russischen Politik beteiligt zu werden, ist verbunden mit der Erschaffung der Eurasischen Partei 2002, doch schon 2003 warf der andere Gründer der Partei Dugin heraus.

Seitdem setzt Dugin stark auf den metapolitischen Weg. Seine „Metapolitik“ strebt nach einem Prozess, eher demokratische politische Strukturen zu modifizieren, als darauf zu zielen, direkt am politischen Prozess teilzunehmen. Diese Strategie wurde von der Theorie der kulturellen Hegemonie des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (1891 – 1937) übernommen. Die Strategie „Gramsci von rechts“ betont die Wichtigkeit, kulturelle Hegemonie zu etablieren, indem man die Kultursphäre durch Ideologie-getriebene Erziehung und Ideologie-getriebene Kulturprodukte empfänglicher für undemokratische Prozesse macht und damit die Machtergreifung der extremen Rechten vorbereitet.

Dugin gründete die Internationale Eurasische Bewegung 2003 und wurde 2008 Professor an der Moskauer Universität. Ab 2005 wurde er zum populären politischen Kommentator, der häufig zur besten Sendezeit in Talkshows erschien und in einflussreichen Zeitungen publizierte. Diese Positionen erlaubten es ihm, seine neo-eurasianistischen Ideen direkt in die akademische Welt zu transportieren und seinen akademischen Titel als prestigeträchtigen Deckmantel für seine irrationalen Ideen zu benutzen.

Der amerikanische Antisemit und frühere Anführer des Ku Klux Klan, David Duke (links) und Aleksandr Dugin (rechts)

Der amerikanische Antisemit und frühere Anführer des Ku Klux Klan, David Duke (links) und Aleksandr Dugin (rechts)

Dugin bejubelte Wladimir Putins Aufstieg. Im Gegenzug nahm der Kreml Dugins Ideen klar als nützlich wahr. Indem sie regelmäßig im öffentlichen Raum präsent waren, haben Dugin und andere Rechtsextremisten die Grenzen der Sphäre des Rechts für illiberale Narrative erweitert und so die russische Gesellschaft empfänglicher für Putins Autoritarismus gemacht.

Diskutiert man die Verbindungen zwischen Dugin und Putin, würde ich empfehlen, Dugins Neo-Eurasianismus mit Putins rechtsextremer autoritärer Kleptokratie zu verbinden. Zur gleichen Zeit verdienen drei Punkte Beachtung:

  1. Dugins organisatorische und intellektuelle Initiativen sind integrale Elemente von Putins autoritärem System. In dieser Rolle folgt Dugin Dutzenden von anderen Agenten der rechten kulturellen Produktion, die, in der einen oder anderen Weise, zur öffentlichen Legitimierung von Putins Regime beitragen.
  2. Dugin hat sich von den exzentrischen Rändern bis in den russischen soziokulturellen Mainstream emporgearbeitet, doch seine Ideologie hat sich seit den neunziger Jahren nicht geändert. Was sich hingegen geändert hat, ist der russische politische Diskursmainstream.
  3. Obwohl er nicht direkt mit dem Kreml verbunden ist, gehört Dugin zu einem Personenkreis, der versucht, Einfluss auf Putins Politik zu nehmen. Der russische Oligarch Konstantin Malofejew, der von der EU sanktioniert wurde, da er russische Extremisten sponsort, einschließlich Igor Girkin-Strelkow (sanktioniert durch EU und die USA), der in separatistische Aktivitäten auf der Krim und in der Ostukraine verwickelt ist, der in diesen Kreis gehört, und er stellt offensichtlich für Dugins Initiativen das Geld zur Verfügung. Dugin jedoch ist bislang weder durch die EU noch durch die USA sanktioniert.
Während eines Treffens Ende August 2014 im Kloster Waalam in Karelien

Während eines Treffens Ende August 2014 im Kloster Waalam in Karelien

Dugins Herangehensweise an die Ukraine

Dugin wurde in Russland besonders durch seine neo-eurasianistische Version klassischer Geopolitik berühmt. Sein Buch „The Foundations of Geopolitics (1997)“zeichnet seine politische und ideologische Vision von Russlands Platz in der Welt nach, und außerdem revisionistische und expansionistische Außenpolitik. In diesem Buch schrieb er in Verbindung mit der Ukraine:

Die Souveränität der Ukraine stellt für die russische Geopolitik ein derart negatives Phänomen dar, dass sie im Prinzip leicht einen militärischen Konflikt provozieren kann. Die […]Ukraine als unabhängiger Staat mit einigen territorialen Ambitionen stellt eine enorme Bedrohung ganz Eurasiens dar, und ohne die Lösung des ukrainischen Problems ist es sinnlos, über kontinentale Geopolitik zu reden.  […] Angesichts der Tatsache, dass ein einfaches Zusammenwachsen von Moskau mit Kyiv nicht möglich ist und nicht zu einer stabilen geopolitischen Struktur führen wird, sollte sich Moskau aktiv bei der Reorganisation des ukrainischen Raumes engagieren, in Übereinstimmung mit dem einzigen logischen und natürlichen geopolitischen Modell.

Im August 2006 organisierten Dugin und sein Eurasischer Jugendverband ein Sommercamp, bei dem die Rechtsextremen der Republik Donezk-Gruppe (sie war an der Organisation der ersten separatistischen Aktivitäten in der Ostukraine 2014 beteiligt) weiter indoktriniert und ausgebildet wurden, um gegen die ukrainischen Behörden zu kämpfen.

Dugin unterstützte die russische Invasion Georgiens im Jahr 2008 aktiv und wünschte die vollständige Besetzung des Landes herbei. Für Dugin war der Georgienkrieg eine existenzielle Schlacht gegen den Westen: „Wenn Russland sich entschließt, nicht in diesen Konflikt einzutreten … dann wird das eine fatale Entscheidung sein. Es wird bedeuten, dass Russland seine Souveränität aufgibt“ und „Wir werden Sewastopol vergessen können“ [d.h. die ukrainische Stadt auf der Krim].

Aleksandr Dugin und seine Anhänger im georgischen Südossetien, wo russische Truppen 2008 einmarschierten.

Aleksandr Dugin und seine Anhänger im georgischen Südossetien, wo russische Truppen 2008 einmarschierten.

Natürlich hat Dugin die Annexion der Krim 2014 fanatisch unterstützt und Putin gedrängt, in der Südostukraine einzumarschieren.

Schon am Höhepunkt der russischen Invasion der Ukraine im August 2014 wurde Dugin deutlicher in seinem Hass auf die Ukrainer: In einem Facebook-Posting vom 24. August 2014 schreibt Dugin:

Dugin_genocide_of_Ukrainians

Übersetzung: „Die Ukraine muss von Idioten gesäubert werden. Ein Genozid der Kretins empfiehlt sich. Kretins sind ansteckend, der Stimme des Logos unzugänglich, tödlich und…überdies äußerst dumm. Ich glaube nicht, dass das Ukrainer sind. Die Ukrainer sind ein gutes slawisches Volk. [Aber] die sind eine Rasse von Bastarden, die aus der Jauche aufgetaucht sind.”

Dugins Ideologie inspirierte auch französische und serbische neo-eurasianistische Aktivisten, im Sommer 2014 illegal in die Ukraine zu gehen und dort Ukrainer zu töten.

Die SYRIZA-Connection

Es ist unklar, wann Dugin mehr oder weniger bedeutende Kontakte mit der griechischen Linkspartei SYRIZA hergestellt hat. Dank eines Emails, das von Anonymous International gehackt wurde, liegt es nahe, dass diese Kontakte mit Hilfe von Georgi Gawrisch hergestellt wurden, dem Leiter des randständigen Russischen Zentrums für geopolitische Expertisen und enger Vertrauter sowohl von Dugin als auch von Malofejew. Gawrisch lebte 2012 und möglicherweise auch 2013 in Griechenland.

2013 lud der nunmehrige Außenminister im Kabinett von Alexis Tsipras, Nikos Kotzias, Dugin zu einem Vortrag „Die Geopolitik Russlands“ an der Universität von Piräus ein, wo Kotzias eine Professur für Politikwissenschaft hatte. Gemeinsam mit der Panteion Universität organisiert, fand das Ereignis am 12. April statt; Konstantinos Filis, Forschungsleiter der Instituts für Internationale Beziehungen an der Panteion Universität, war Mitveranstalter der Vorlesung.

In seinem Vortrag schlug Dugin vor, dass Griechenland, anstatt aus der EU auszutreten und sich der russisch geführten Eurasischen Union anzuschließen, in der EU bleiben solle, um die pro-russische Vision der internationalen Politik zu fördern.

Nikos Kotzias, der aktuelle griechische Außenminister (ganz links), Aleksandr Dugin (Mitte) und der Doktorats-Student Antonis Skotiniotis (ganz rechts), 12. April 2013, Piräus

Nikos Kotzias, der aktuelle griechische Außenminister (ganz links), Aleksandr Dugin (Mitte) und der Doktorats-Student
Antonis Skotiniotis (ganz rechts), 12. April 2013, Piräus

 

Aleksandr Dugin (links) hält eine Vorlesung "Die Geopolitik Russlands", die von Konstantinos Filis (rechts) mitveranstaltet wurde

Aleksandr Dugin (links) hält eine Vorlesung “Die Geopolitik Russlands”, die von Konstantinos Filis
(rechts) mitveranstaltet wurde

Während seines Griechenlandbesuches traf Dugin auch mit SYRIZA Mitglied Dimitris Konstantakopoulos zusammen, der auch Korrespondent für die Athener Nachrichtenagentur in Moskau war (1989-1999). Dugin interviewte Konstantakopoulos und Konstantakopoulos interviewte ihn zurück.

Aleksandr Dugin (rechts) interviewt Dimitris Konstantakopoulos, SYRIZA (links), April 2013, Griechenland

Am 18. Mai 2013 führte Kotzias in Zusammenarbeit mit KAPA Research eine Meinungsumfrage über die Haltung Griechenlands gegenüber Russland durch. Einige Schlussfolgerungen der Analyse:

Für die Griechen ist Russland ein verbündeter Staat, dem sie vertrauen und mit dem sie engere Beziehungen haben wollen. Russland ist ein mächtiger Staat mit einer Perspektive für größeres Wachstum, mit einer starken Regierung, der die Griechen zustimmen. Im Allgemeinen scheinen die Griechen bemerkt zu haben, dass sich die Welt verändert und dass neue Kräfte ins Spiel kommen […] Russland ist für Griechenland ein potenzieller militärischer und wirtschaftlicher Verbündeter, den sie respektieren und relativ gut zu kennen scheinen. Die jüngere Generation ist sehr für engere Beziehungen zu Russland, während die Mehrheit diese Ansicht teilt. Die Griechen scheinen in den letzten Jahren teilweise frustriert von ihren traditionellen Verbündeten und haben sich daher Russland zugewandt.

Es ist nicht klar, wer diese Studie bezahlt oder in Auftrag gegeben hat, man weiß aber zwei Dinge: (1) Die Umfrage wurde auf der offiziellen Website von KAPA Research nicht veröffentlicht, (2) die PDF-Datei, die das Resultat enthält, wurde am 4. Juni 2013 erstellt und am 5. Juni von Kotzias an Gawrisch geschickt, gemeinsam mit den Originalergebnissen und Rohdaten von KAPA Research. Es scheint daher vertretbar zu behaupten, dass Malofejews Gruppe sie via Gawrisch oder Dugin bestellt und finanziert hat, um das Terrain für eine Bewerbung der russischen Außenpolitik in Griechenland zu sondieren.

Nach seinem Besuch in Griechenland blieb Dugin mit den Griechen in Kontakt und schrieb Folgendes:

In Griechenland könnten unsere Partner schließlich die Linken der SYRIZA sein, die Atlantizismus, Liberalismus und die Herrschaft der globalen Finanzmärkte ablehnt. Soviel ich weiß, ist SYRIZA antikapitalistisch, der globalen Oligarchie gegenüber kritisch eingestellt, die Griechenland und Zypern schikaniert. Der Fall SYRIZA ist wegen seiner weit links stehenden Haltung gegenüber dem liberalen globalen System interessant. Es ist ein gutes Zeichen, dass solche non-konformistischen Kräfte auf der Bildfläche erschienen sind. Dimitris Konstakopulous schreibt exzellente Artikel, und ich finde seine strategische Analyse in vielen Fällen sehr korrekt und profund.

Im September 2013 schickte Konstakopulous Dugin ein Positionspapier, dass erklärte, warum SYRIZA die volle Unterstützung bekommen sollte, ebenso wie die Gründung der „Bewegung des Widerstandes und der Subversion ‚Freistaat‘“ als Reaktion auf einen „voll entwickelten und gnadenlosen Krieg“, der von der „Internationale der Finanzmärkte“ und dem „aufkommenden totalitären Imperium der Globalisierung“ vom Zaun gebrochen wurde.

Im Dezember 2013 schrieb Dugin ein Papier „Länder und Personen, wo es Gründe gibt, einen Elite-Club zu gründen/oder eine Gruppe von informativer Einflussnahme durch die Richtung von Russia Today“. In einer Fußnote schrieb Dugin, dass er oder seine Vertreter all diese Leute „persönlich getroffen und direkt oder indirekt über die Möglichkeit ihrer Teilnahme an der organisatorischen und/oder informativen Initiative einer pro-russischen Natur“ gesprochen hätten. Das Papier führte im Detail Konstakopulous und Alexis Tsipras auf, den Chef von SYRIZA und derzeitigen Ministerpräsidenten Griechenlands. Abgesehen von Dugins eigener Aussage gibt es derzeit keine Beweise, dass Dugin oder seine Vertreter sich mit Tsipras getroffen hätten, obwohl es 2013 stattfinden hätte können.

Wie schon vorher behauptet, ist Dugin keine Person, die die Entscheidungsprozesse in Moskau direkt beeinflusst. Er ist eher ein „Gesandter des rechten Flügels“, ein Vertreter der Malofejew-Gruppe, der Informationen, darunter geheimdienstliche Informationen sammelt und Kontakte zu gewissen europäischen Politikern herstellt, die für die Bewerbung der russischen Außenpolitik in der EU nützlich sein könnten. Wollte Russland die griechische Politik beeinflussen, würde dies durch die Zusammenarbeit der griechischen Regierung mit den russischen Amtsträgern erfolgen. Dennoch sollte Dugins Rolle bei der Herstellung der ersten Kontakte nicht unterschätzt werden.

Artikel von: Anton Shekhovtsov
Quelle: Anton Shekhovtsov

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