Anna Veronika Wendland: Was Sie schon immer über die Ukraine sagen wollten…

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Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Facebook

…aber sich nie zu sagen trauten: Prof. Baberowski sagt es.

Heute morgen las ich, dass der Berliner Osteuropahistoriker Jörg Baberowski beim DLF (“Krieg oder Frieden – Was wird aus der Ukraine?“) im Gespräch mit Sabine Adler der Bundesregierung geraten habe, sie solle “die Ukraine fallen lassen”.

Ich habe das Interview selbst nicht gehört. Aber einen Artikel in der Chemnitzer “Freien Presse” gelesen, demzufolge Baberowski sich in Chemnitz vor kurzem in ähnlicher Weise äußerte: Er plädiere für Realismus, die Ukraine sei nun einmal Russlands Einflussgebiet und Moskau würde die Ukraine “nie” aufgeben; dies zu negieren sei Abenteurertum.

Ich lasse jetzt einmal unberücksichtigt, dass man, um etwas “nie” aufzugeben, es erst einmal besitzen müsste; dass Historiker das Wörtchen “nie” bezüglich des zukünftigen Möglichkeitsraums nicht gebrauchen sollten; und dass man, um die Ukraine “fallen” zu lassen, sie erst einmal halten, präziser ausgedrückt: mehr als verbal unterstützen müsste. Ich werde hier auch nicht noch einmal auf die meiner Ansicht nach unhaltbaren Argumente Baberowskis eingehen, der ausweislich seiner Publikationsliste nie zur Geschichte der Ukraine und auch nie zur russisch-ukrainischen Verflechtungsgeschichte gearbeitet hat.

Ich weise lediglich darauf hin, dass die Auffassung Baberowskis von der Naturgesetzlichkeit russischer Ansprüche auf die Ukraine und von der fehlenden Legitimität der ukrainischen Staatlichkeit wissenschaftlich widerlegbar und klassisches Beispiel für analytische Doppelstandards und hegemoniale mentale Kartographien des östlichen Europa sind (dazu mein Beitrag “Hilflos im Dunkeln”, OSTEUROPA 9-10/2014, sowie “Ein Jahr Ukraine-Russland-Krise: Europäische Werte, politische Sprache und mentale Kartographien im Stresstest“).

Aber ich habe den Eindruck, es ist – weil mein Berliner Kollege hartnäckig weiter als Ukraine-mal-endlich-richtig-Erklärer auftritt und auch von unseren Medien immer wieder dazu aufgefordert wird – der Zeitpunkt gekommen, seine Aussagen auf ihre politische Funktion im Ukraine-Diskurs der deutschen Öffentlichkeit zu befragen. Was nämlich Baberowski kundtut, ist die wissenschaftliche Ouvertüre zu einem politischen Wendemanöver, das wir vermutlich bald erleben werden.

Denn Baberowski ist der potenzielle universitäre Kronzeuge, den unsere sozialdemokratische, schröderianisch kontaminierte Außenpolitik dringend benötigt, um endlich zu sagen, was sie insgeheim denkt, es sich aber (noch) nicht zu äußern traut. Vizekanzler Gabriel und Außenminister Steinmeier suchen wahrscheinlich schon seit längerem verzweifelt nach einer außer-politischen Legitimierung, ihren Russlandkurs zu ändern, und Baberowski kommt ihnen wie gelegen.

Auch ich plädiere für Klarheit im öffentlichen Disput um die Ukraine. Denn ich bin der Auffassung, dass die deutsche politische Klasse eigentlich die Ukraine tatsächlich fallen lassen will – ohne sie je wirklich gestützt und gehalten zu haben, außer mit vielen warmen Worten. Baberowski ist nur der brauchbare beamtete Herold, der diesen Entscheidungen lautstark rufend vorausläuft.

Den Beweis dafür hat man nach dem Beschuss von Mariupol geliefert, als eigentlich die Voraussetzung für eine weitere Sanktionsrunde gegen Russland erfüllt war und nichts geschah außer einer lauwarmen Verlängerung des Status Quo, unter wohlfeiler Begründung, mehr sei mit der neuen griechischen Regierung nicht drin gewesen. Als ob man sich je um die Empfindlichkeiten der Griechen gekümmert hätte. Im Gegenteil, den Äußerungen Sigmar Gabriels muss man tagtäglich entnehmen, dass ihm das Wohlergehen und die Stabilität Russlands viel mehr am Herzen liegen als jenes des Agressionsopfers Ukraine, das bereits destabilisiert und ruiniert ist. Es gibt nur einen Haken: man weiß noch nicht, wie man’s dem Volke sagt, das man in der Ukraine-Frage insgeheim auf seiner Seite weiß. Nicht wegen des Volks an sich. Nein, lediglich deswegen, weil man gewohnt ist, solche Gemeinheiten, genauso wie die Agenda 2010 oder die Knebelung der südeuropäischen Volkswirtschaften durch deutsches Lohndumping und deutsche Austeritätspolitik, mit dem typischen europäischen Wertgerede von Freiheit und Gemeinwohl zu verbrämen; und weil man für den europäischen Verrat, den man an der Ukraine plant, noch keine passende Wertverbrämung gefunden hat. Womöglich zwickt auch das echte schlechte Gewissen unsere Strategen; aber das wird von der klammheimlichen Freude der deutschen Wirtschaft mehr als ausgeglichen.

Gleichwohl, das alles zu sagen fällt schwer. Und da kommt Baberowski sehr gelegen mit seinem in staatsmännischen Realismus verpackten Imperial-Interpretament. Unsere Herrschenden werden sich freuen, dass der Herr Professor ihnen auch noch die “wissenschaftliche”, die “historische” Begründung frei Haus liefert.

Tatsächlich hat die staatstragende Karosserie der Baberowskischen Appeasement-Kutsche einen Vorteil: sie ist zwar eine Hülle, die das Wesentliche euphemisiert, aber sie ist doch eine ehrlichere Hülle als das allfällig bekannte Wertgelaber.

Auch ich sehe unsere Politik gegenwärtig am Scheideweg, und ich würde mich über Ehrlichkeit und Offenheit in der Ukraine-Diskussion freuen. Also: Nehmt Baberowski beim Wort. Sagt doch endlich, was Ihr seit langem denkt, aber Euch nie zu sagen trautet.

JA, wir haben eine imperiale Kartographie im Kopf, derzufolge Gott die Ukraine als russischen Vorgarten erschuf.

JA, wir halten uns um unseres lieben eigenen Friedens willen heraus, denn der Frieden in Osteuropa ist eine Illusion, weil die Osteuropäer genetisch bedingt gewalttätig sind und sich periodisch gegenseitig totschlagen müssen. So ist er nun mal, der Russe. So ist er nun mal, der Ukrainer, der ja bekanntlich ein Russe ist, der das nur einfach noch nicht kapiert hat.

JA, uns ist die demokratische Willensäußerung von 40 Millionen Ukrainern egal, weil wir sie für eine Nation zweiter Klasse halten, die es verdient, von einem täglich weiter nach rechts abrutschenden Russland erobert und beherrscht zu werden – weil sie das Pech hat, einen Eckstein im russisch-nationalistischen Selbstkonzept darzustellen.

JA, wir sind bereit, einem blutigen Landnahmekrieg vor den Toren der EU tatenlos zuzusehen und diesen Krieg auszusitzen.

JA, Wir sind bereit, zähneklappernd zu hoffen, dass der Aggressor am Fluss Bug stoppt, und dass Herr Orbán und seine ungarischen Faschisten mit der Putinschen Auftragsverwaltung in Transkarpatien klarkommen, ohne den Ausschluss aus der EU zu riskieren.

JA, wir sind es zufrieden, wenn die deutsche Wirtschaft, als Belohnung für unser Stillhalten, nach der Teilung der Ukraine viele Aufträge beim Wiederaufbau der kriegszerstörten russischen Provinzen Neurussland und Kleinrussland wird einfahren können. Vielleicht wird neben Bauaufträgen und Werkzeugmaschinenlieferungen auch die eine oder andere Ladung Überwachungstechnik dabei sein – für die vielen neuen Umerziehungs- und Straflager, in denen die überlebenden Ukrainer zu treuen Kleinrussen gemacht werden.

JA, wir sind bereit, die Polen und Slowaken bei der Versorgung von 12 Millionen ukrainischer Flüchtlinge zu unterstützen, und selbst ein Kontingent von 2 Millionen aufzunehmen.

JA, wir werden eine Gedenkstätte bauen in Erinnerung an die europäische Stadt Lemberg/Lviv/Lwów, nachdem sie von russischen Faschisten dem Erdboden gleichgemacht worden sein wird. Es wird ein schönes Denkmal sein, eines, wo (Zitat Gerhard Schröder) “die Menschen gerne hingehen”.

JA, wir freuen uns auf die nächste oder übernächste Bundestagswahl, bei der ein Kreml-finanzierter Querfront-Kanzlerkandidat einer rotbraunen Koalition aus Linken und AfD die Favoritenrolle spielt.

JA, wir sind bereit, die Kapitulationsurkunde Europas und all dessen, was uns angeblich etwas bedeutet, zu unterschreiben, mit dreifachem Durchschlag an Moskau, Kiew und das nächste Land auf der Eroberungsliste.

JA, wir stehen zu unserem Verrat und machen, wenn wir dran glauben, das mit unserem Schöpfer aus, wenn wir dereinst vor ihm stehen und gefragt werden: Kain, wo ist dein Bruder?

Das wäre zumindest ehrlich. Insofern bin ich Baberowski dankbar, dass er den Aufschlag gemacht hat.

Wenn man diese Kapitulation jedoch nicht unterschreiben will; wenn man den Verrat nicht begehen will – dann sollte man den Professor einen guten Mann sein lassen und dem russischen nationalistischen Integrations- und Expansionsprojekt endlich eine klare Kampfansage erteilen. Ohne Rücksicht auf eigene ökonomische Risiken.

Das würde bedeuten, einen vernünftigen Friedensplan, womöglich das Modell “Finnlandisierung gegen russischen Abmarsch” in der Ukraine durchzusetzen, und zwar mittels eines internationalen robustem Mandats. Russland, das behauptet, es habe keinen Einfluss auf die Separatisten im Donbass, muss man mit hartem Sanktionsdruck dazu einladen, dieser Maßnahme zuzustimmen. Will Russland eine große Macht auf Augenhöhe mit den anderen sein, respektiert und um Rat gebeten – dann kann es, gemeinsam mit Franzosen, Briten, Polen und Schweden, gerne ein eigenes Kontingent stellen, ganz offen, mit russischen Hoheitsabzeichen unter der UNO-Flagge.

 

 

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Facebook

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