Wjatscheslaw Lichatschew: Putin, die Juden und die Jubiläen

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4. Februar 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Wjatscheslaw Lichatschew
Quelle: TSN.ua, 30.1.2015

Der Sieg im Zweiten Weltkrieg verschaffte Russland einen Freibrief für Chauvinismus und Eroberungskriege.

Der Politologe Wjatscheslaw Lichatschew ist Mitglied des Generalrates des Euro-Asiatischen Jüdischen Kongresses (EAJC) und Leiter der Monitoringgruppe für die Rechte der ethnischen Minderheiten der Ukraine.

Gut, dass Wladimir Putin nicht zu den Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gereist ist. Einen Staatschef, der einen Krieg schürt und zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein Land besetzt und in sein eigenes Gebiet eingliedert, an diesem Ort und in diesem Kontext zu sehen, wäre zumindest seltsam gewesen. Die Ansprüche des russischen Präsidenten auf das symbolische Erbe, Vertreter des Befreiervolkes und Besieger des Faschismus zu sein, erscheinen heute geradezu frevelhaft.

Die Politik des heutigen Russlands ist ein leuchtendes Beispiel für die Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. In diesem Kontext sehen die Versuche des Kremls und seiner Nachbeter wie Efraim Zuroff besonders zynisch aus, Ländern und politischen Kräften, die mit der Politik der russischen Regierung nicht einverstanden sind, den Stempel einer „Revision der Ergebnisse des Krieges“ aufzudrücken.

Europa ging einen langen und beschwerlichen Weg, um die Tragödie des weltweiten Blutbads, dessen schrecklichste Seite der Holocaust war, aufzuarbeiten. Bekanntlich wurde das Thema der Judenvernichtung durch die Nazis in der Sowjetunion verschwiegen, und das Thema des Krieges wurde, trotz der enormen Opfer, nicht zur Grundlage für Schlussfolgerungen im Sinne universeller Werte.

Die ersten 20 Jahre nach Kriegsende versuchte man, überhaupt nicht daran zu erinnern, und ab 1965 wurde damit begonnen, den gottlos verlogenen und pathetischen Mythos des “Großen Sieges” zu schaffen. In den darauffolgenden 20 Jahren wurde er zum wichtigsten (wenn auch nicht zum einzig erfolgreichen) positiven Element zur künstlichen Konstruktion der kollektiven Identität einer neuen historischen Interessensgemeinschaft – dem Sowjetvolk. An Negativen fehlte es nicht – das freieste Land der Welt war eine belagerte Festung, ja und der Kampf gegen die inneren Feinde hörte selbst mit der stalinistischen Glut nicht auf. An Positiven gab es ein Defizit – Ballett, Weltraum, Metro… und eben der Große Sieg.

Je weniger lebende Veteranen verblieben, desto einfacher war es, aus dem wahren Schrecken und Schmerz des Krieges ein leuchtendes militärisches Fest “unserer siegreichen Waffen” zu formen. Im Gegensatz zu den europäischen Ländern, sowohl den „besiegten“, als auch den „siegenden“, die zu verstehen versuchten, wie es der westlichen Zivilisation möglich war, Gaskammern zu bauen und qualvolle Mechanismen zu schaffen, die Ihresgleichen in der Geschichte suchen, kultivierten in der Sowjetnation Partei und Regierung ein Gefühl von Tadellosigkeit und Unschuld.

 

Der Sieg als Freibrief

Der Sieg über den Faschismus war ein Freibrief, der es erlaubte, sich weder für die Okkupation und die Sowjetisierung Osteuropas, noch für die Deportationen an Hand nationaler Kriterien schuldig zu fühlen, die von einer solch hohen Opferzahl begleitet waren, dass man sie in eine Reihe mit einem Genozid stellen muss – geschweige denn für den staatlichen Antisemitimus.

Das Land, das an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg eintrat und zwei Jahre lang mit Deutschland gemeinsam Europa teilte, verdeckt mit der Figur des Soldatenbefreiers seine eigene totalitäre und unmenschliche Natur.

Jeder, der an der Heiligkeit der Soldatenstiefel des Sowjetimperiums oder an der Richtigkeit der Parteipolitik zweifelte, die ein Siebtel der Landmasse dieses Planeten in ein riesiges Konzentrationslager verwandelte, wurde als „Faschist“ abgestempelt. Jeder Versuch einer anderen Perspektive auf die Beteiligung der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg erschien blasphemisch.

Die postkommunistische Ukraine und der Versuch, die Sowjetjahre aufzuarbeiten, brachte die Chance, sich der europäischen Zivilisation anzuschließen. Unter den vielen Herausforderungen, die für grundsätzliche wirtschaftliche Neuerungen unabdingbar waren, wie eine Anpassung der Gesetzgebung, eine Reform staatlicher Strukturen und eine Schaffung eines neuen Modells der Zivilgesellschaft, war die Annahme europäischer Werte von herausragender Bedeutung.

Die Aufarbeitung der Tragödie des Holocausts ist dafür eine Grundvoraussetzung. Wie es der bedeutende ukrainische Historiker Jaroslaw Grizak ausdrückte, wurde die Akzeptanz einer gewissen Verantwortung der postkommunistische Länder zur „Eintrittskarte in die Europäische Gesellschaft“.

Man kann nicht sagen, dass die Ukraine diese Aufgabe vollständig erfüllt hat. Aber sie unternahm zweifellos bedeutende Schritte in die richtige Richtung. An den Jahrestagen der Erschießungen kam jeder ukrainische Präsident nach Babyn Jar, das seit Mitte der 60er nicht nur zum wichtigsten Symbol für den Holocaust in unserer Region geworden ist, sondern auch zum Symbol der ukrainisch-jüdischen Solidarität im Bruch mit dem aggressiven und heuchlerischen sowjetischen Schweigen über diese Tragödie des jüdischen Volks.

Die Geschichte des Holocausts wird von Experten aktiv studiert, und, was nicht minder wichtig ist, sie hält Einzug in Schulen und Universitäten, sowie in nicht-formale Bildung. „Der Montblanc des Holocausts erhebt sich über die trübselige Ebene der ukrainischen Judaistik“, ironisiert sogar ein jüdischer Historiker, der einige wissenschaftliche Arbeiten über die Ermordung der Juden durch die Nazis auf dem Gebiet der Ukraine und die Aufarbeitung der Lehren des Holocausts schrieb.

In Russland fand eine vollständige Rezeption des Holocausts nicht statt. Natürlich besitzt man in der Gesellschaft mehr oder weniger eine Vorstellung davon, dass die Nazis die Juden ermordeten, und dass das schlecht war. Aber eine Aufarbeitung dieser Tragödie in einer Weise, wie sie in Europa stattfand, begann in Russland nicht wirklich.

In Russland ist die Erinnerung an den Krieg eine Erinnerung an den Sieg und an das Heldentum der Sowjetbürger. Immer mehr wird diese ausschließlich mit russischen Staatsbürgern identifiziert, mit einem fließenden Übergang zu den ethnischen Russen. Ich möchte betonen, dass dies nicht nur ein Rest der sowjetischen Erinnerungspolitik ist: In Russland wird gerade dieses Paradigma bewusst und systematisch reaktiviert: Das rote Banner des Sieges, das Georgsband, Maskenbälle, bei denen Brei aus einer „Feldküche“ verteilt wird…

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein russischer Präsident jemals, sagen wir zur Smijowskaja Balka (Schlangenschlucht) bei Rostow am Don kommen wird – einem Ort von Massenerschießungen von Juden auf heutigem russischen Gebiet. Und ich erinnere mich ausgezeichnet an die Geschichte, wie die Gedenktafel an die Juden am Denkmal von Smijowskaja Balka verschwand.

Doch allmählich, im Zuge des Aufbaus einer staatlichen Propagandamaschinerie, die an die seit dem Ende des Kalten Krieges veränderten Zeiten angepasst ist, erkannten die Kremlstrategen, dass die Ausnutzung des Holocaustthemas eine Zukunftsperspektive besitzt – auch wenn es sich freilich um eine sehr eigenartig aufgefasste und bestimmte Perspektive handelt. Im Rahmen des russischen Erinnerungsparadigmas über den Krieg wird derjenige zum „Faschist“ und „Kollaborateur“, der nicht die aggressiven und militärischen Werte der sowjetrussischen Gesellschaft teilt.

Wenn man dies dem Westen im Kontext des Holocausts in Erinnerung ruft, und dabei nicht vergisst, den Triumph des „Siegervolkes“ in der anderen Hand zu halten, so kann man damit auf der Weltbühne politische Gegner diskreditieren, oder diese zumindest in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

 

Die Manipulationen der Jüdischen Frage durch den Kreml

Vor 10 Jahren organisierte der russische Geschäftsmann Wjatscheslaw Kantor, der sich mit Fragen zum Gedenken an den Holocaust und zur Bekämpfung von Antisemitismus beschäftigt, in Krakau eine große Gedenkveranstaltung, die dem vergangenen 60-jährigen Jahrestag der Befreiung des Todeslagers gewidmet war.

Das Forum „Let my people live“ wurde von vielen Staatschefs besucht, einschließlich der russischen und ukrainischen Präsidenten. Damals wurde Wladimir Putin noch anständig eingeladen. Mir scheint, es war überhaupt seine erste öffentliche Rede, die sich dem Holocaust widmete. Putin brachte es bei seinem Auftritt fertig, die Worte „Juden“ und „Holocaust“ ganz zu vermeiden und seine Rhetorik fokussierte sich auf die Verherrlichung der Heldentaten der “Faschismusbesieger”. Dagegen war die Rede des in der Ukraine nach der Orangenen Revolution gerade an die Macht gekommenen Wiktor Juschtschenko ein scharfer Kontrast, da sie ganz im Geiste des europäischen Verständnisses der Lehren des Holocaust verfasst war.

Damals arbeitete ich als Redakteur für eine internationale jüdischen Zeitung und veröffentlichte – trotz des Protests meiner russischen Kollegen, die verstanden, wie verrückt ihr Präsident im Vergleich aussehen würde – die Texte beider Auftritte. Es war die letzte Ausgabe, die von mir vorbereitet wurde – meine russischen Kollegen brachten es fertig, dass ich danach die Stelle als Chefredakteur verlor. Übrigens verstehe ich sie sehr gut: wie die gesamte Bevölkerung des Landes wurde die jüdische Gemeinde zum Geisel einer Situation, in der die Abwesenheit einer regierungskritischen Position für jede Nichtregierungsorganisation eine zuverlässige Existenzbedingung darstellt.

Seither ist viel Wasser geflossen. Wladimir Putin ist bei solchen Veranstaltungen kein gern gesehener Gast mehr. Außerdem lernte man im Kreml in der Zwischenzeit, die jüdische Frage effektiv für Propagandazwecke zu manipulieren. Die Anfänge davon liegen schon etwas weiter zurück: im Jahr 2000 bestimmte die Präsidialverwaltung erstmals, wer ab sofort in Russland Oberrabbiner werden sollte – auf diese Weise sollte die internationale Unterstützung für den in Ungnade gefallenen Oligarchen Wladimir Gusinski zerstört werden.

Die Leiter der russischen jüdischen Organisationen, unter denen eine Ellenbogenmentalität herrschte, zogen daraus ihre Schlüsse, und begannen um die Gunst des Kreml zu eifern, in dem sie ihre Nützlichkeit an der Propagandafront demonstrierten. Selbstverständlich stellte sich heraus, dass vor allem kompromisslose Kämpfer gegen den Faschismus in benachbarten postsowjetischen Ländern gefragt waren.

Das jüdische Thema wurde zum festen Bestandteil der Kremlpropaganda. Von der Seite betrachtet zeigte sich ein erschüttender Zynismus. Zum Beispiel: Im vorigen Sommer wurde das Gedenken an die Opfer des Holocausts für eine jüdische Organisation zum passenden Anlass, einflussreiche Gäste aus der ganzen Welt auf die annektierte Krim einzuladen und dadurch die Annexion der Halbinsel zu legitimieren.

Seither lernte Wladimir Putin wohl auch, die Worte „Juden“ und „Holocaust“ in den Mund zu nehmen, was er vor zwei Tagen im Moskauer Jüdischen Museum und Zentrum für Toleranz bewies. Aber es kam zu keiner neuen Reflexion über den Krieg – im Gegenteil, der Kremldiskurs “presste” das jüdische Thema in die bekannten Schemen.

Der russische Präsident sieht nach wie vor den internationalen Holocaustgedenktag lediglich als bequemen Anlass, um zu betonen, dass „das russische Volk das Hauptopfer auf dem Altar des Sieges erbrachte“ und brandmarkt die „Bandera-Anhänger und andere Kollaborateure als Gehilfen Hitlers“.

In der zivilisierten Welt wurde es zur Binsenweisheit, dass es schwer ist, den nächsten Krieg zu vermeiden, wenn man aus dem vergangenen Krieg nicht die richtigen Lehren zieht. Russland, das sich bewusst und wiederholt einer Aufarbeitung der Lehren des Zweiten Weltkriegs widersetzt, entfacht nicht nur mit Leichtigkeit aggressive Kriege, sondern versucht auch, das Gedenken an die Opfer für eigene Propagandazwecke zu missbrauchen.

Lesen Sie auch: Wjatscheslaw Lichatschew – Putin hat in Auschwitz nichts verloren (RFE/RL 27.1.2015)

Artikel von: Wjatscheslaw Lichatschew
Quelle: TSN.ua, 30.1.2015

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