Putins Halbinsel ist eine einsame Insel

Keine Touristen, angsterfüllte Tataren, und die Russen haben alle Jobs weggenommen. Willkommen auf der Krim im Winter.

Keine Touristen, angsterfüllte Tataren, und die Russen haben alle Jobs weggenommen. Willkommen auf der Krim im Winter. 

Empfehlung, Krim, Meinung & Analyse, Menschenrechte

Quelle: Dimiter Kenarow

SIMFEROPOL, Krim — “Liebe Gäste und Bewohner der Krim,” intonierte die  strenge weibliche Stimme der russischen Flughafendurchsage, als die Passagiere des soeben gelandeten Fluges von Moskau bei der Gepäcksausgabe warteten. “Bitte beachten Sie, dass Ebola eine lebensbedrohliche Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 90% ist. Um mehr Information über die Symptome der Krankheit zu erhalten, wenden Sie sich bitte an einen unserer Vertreter oder den Ticketschalter.

Es war Ende 2014, und ich war soeben mit einem Direktflug von Moskau in Simferopol gelandet, der Hauptstadt der Krim. Die Ebola-Panik wegen des Ausbruchs in Westafrika war noch aktuell. Aber dass irgendjemand hier besorgt war, dass die Krankheit ihren Weg auf diese nun einsame Halbinsel finden könnte, kam doch etwas überraschend.

Simferopol International Airport, wo einst reger Flugverkehr aus ganz Europa und Asien geherrscht hatte, war nicht mehr international und fertigte nur noch „Binnenflüge“ aus einigen russischen Städten ab. Keine großen Kreuzfahrtschiffe, die an einst berühmten Urlaubsorten auf der Krim anlegten. Die militarisierte Grenze zur Ukraine zu überqueren, war zu einem logistischen Albtraum geworden, der von ein paar Stunden bis zu ein paar Tagen dauern konnte; auf das russische Festland zu gelangen ohne zu fliegen — mit der Fähre über die Straße von Kertsch — war sowohl tückisch als auch zeitaufwändig. Alles in allem waren die Chancen, dass jemand Ebola hierher brächte, so gering, wie dass Flaschenpost den Weg von Monrovia nach Sewastopol schaffen würde.

Fast ein Jahr nach der Annexion durch Putin, ist die Halbinsel Krim  — von der großen Mehrheit der UN-Staaten nicht als russisch anerkannt und mit harter internationaler Isolation konfrontiert —  praktisch eine Insel. Der Ort fühlt sich trist und verlassen an  — wie ein Vergnügungspark, der nicht mehr in Betrieb ist. Vergangen sind die pulsierenden Tage des Fremdenverkehrs, der ausgelassenen Urlauber. Ausländer sind hier ein so seltener Anblick wie zu sowjetischen Zeiten.

So war es nicht geplant. Damals im März 2014, als die Krim darüber abstimmte, sich wieder Russland anzuschließen und “heimzukehren”, lagen Hoffnung und Begeisterung in der Luft — der Glaube, dass sich alles zum Besseren wenden würde, vor allem die Wirtschaft. Obwohl das Referendum überstürzt angesetzt worden war und auffällige Resultate brachte (82% Wahlbeteiligung, davon 96% für einen Anschluss an Russland), war es kaum eine Frage, dass zumindest eine einfache Mehrheit der Bevölkerung der Krim sich nach einem gewissen Wandel sehnte. Als Teil der Ukraine hatte die Krim unter der allgemeinen Malaise der post-sowjetischen Zeit gelitten — hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Pensionen, marode Infrastruktur.

Putins Russland mit seiner angeblich kräftigen Wirtschaft schien eine bessere Alternative zu bieten. Die meisten nahmen an, dass es einfach sein würde, sich von einem Land ins andere zu bewegen, doch die tatsächliche Mühsal schien damals noch weit entfernt und abstrakt, durch den patriotischen Karneval der Fahnen und Lieder verschleiert. Aber als die Festtage vorüber waren, hat sich die Wirklichkeit der neuen Krim neue Geltung verschafft. Was auch immer geschieht, die Krim ist nun russisch, und es gibt kein Zurück.

* * *

Obwohl die Jubelfeiern abgeklungen sind,  gibt es auf der Halbinsel noch vereinzelte Zeichen der Euphorie, die einst die Vereinigung begleitet hatte. Wenn man vom Flughafen Simferopol ins Zentrum fährt, sind die Straßen gesäumt mit frisch gemalten Wandbildern, die glückliche Kinder, Blumen, die Trikolore Russlands neben Karten der Halbinsel zeigen. Russische Fahnen wehen von allen Amtsgebäuden; ukrainische Zeichen und Schilder sind von den Wänden entfernt worden und haben ihre traurigen Konturen hinterlassen wie die fehlenden Fotografien im Haus eines geschiedenen Ehepaars. In Sewastopol zeigt ein weiteres Wandgemälde, das die gesamte Außenwand eines Wohnblocks einnimmt (gemalt der Putin-freundlichen Hipster Gruppe Set) Präsident Wladimir Putin in Uniform, wie er durch hellgelbe Weizenfelder mit dem Kreml im Hintergrund auf das Meer zu schreitet. Souvenir-Kioske verkaufen T-Shirts mit Putins Bild (Putin mit dunklen Sonnenbrillen wie ein Mafia Boss; Putin, der Obama “chmo” [Trottel] nennt; Putin, der zärtlich einen Schäferhund-Welpen hält).

Es gibt sogar ein paar Cafés, die sich in einer Geste der Loyalität à la „Freedom Fries“ entschlossen haben, den Namen amerikanischen Kaffees auf den Getränkekarten von „Americano“ zu „Rossiano“ zu ändern.

Aber die „Übergangszeit“, wie sie üblicherweise auf der Halbinsel genannt wird, bedeutet  nicht nur fröhlichen Patriotismus. Weit verbreitet lauern unter der Oberfläche Verwirrung und in manchen Fällen Sorge. In einer Reihe von Plakaten, die über Simferopol verstreut sind und eine Anwaltskanzlei bewerben, versucht ein Krimbewohner mit einem Regenschirm einen T. Rex zu verscheuchen. „Angst vor der Übergangsperiode?“ fragt er spielerisch und bietet eine Nummer an, die man anrufen kann – vermutlich um Hilfe zu erlangen, wenn man Ordnung in die verschiedenen chaotischen Verträge und Klauseln bringen will, die ins Spiel kommen, wenn ein Land zu einem anderen wird. Die Übergangszeit hat das Leben der Leute in bürokratisches Chaos gestürzt: Es gibt Probleme mit der Eintragung von Immobilien, der neuen Gesetzgebung, den neuen Steuern, der Instandsetzung des Bildungssystems, und dem Ausstellen neuer Pässe und Nummerntafeln. Sogar der einfache Austausch von Telefonnummern hat sich als schwierig erwiesen, da ukrainische Betreiber geschlossen haben und russische ihren Platz eingenommen haben, um das Vakuum zu füllen, Viele Krimbewohner haben den Kontakt zu Nachbarn und Freunden verloren, die sie seit Jahren kennen. Es ist, als ob plötzlich allen miteinander die Telefone gestohlen worden seien.

Übergang ist nichts Neues für Krimbewohner. Sie haben ihn fast ein Vierteljahrhundert miterlebt, seit das Land 1991 von der Sowjetunion unabhängig wurde. Für die meisten war dieser Übergang ein totaler Misserfolg. Das Versprechen einer besseren und strahlenderen Zukunft hat sich nie erfüllt, genau so wenig wie während des Kommunismus. Der wirtschaftliche Zerfall der post-sowjetischen Jahre, die niedrigen Löhne und Pensionen, die Rechtlosigkeit und Korruption, die marode Infrastruktur, der Mangel an Investitionen in Bildung – die schlechten Nachrichten endeten nie wirklich. Die Krimbewohnerinnen und –bewohner waren es müde, trügerischen Zielen entgegen zu gehen, die sie nicht sehen und verstehen konnten; sie hatten es satt, ohne Land in Sicht dahinzutreiben. Es war diese generelle Unzufriedenheit, gepaart mit aggressiver nationalistischer Propaganda, die so viele Menschen auf der Krim dazu brachte, Russland der Ukraine vorzuziehen. Selbst wenn Russland auch noch unter vielen dieser Probleme litt, so erschien Putin für sie als der Mann, der das Unmögliche geschafft hatte: Er hatte die Übergangsperiode Russlands beendet.

„Nach dem Ende der Sowjetunion hat die Ukraine nichts für uns getan. Sie investierte nicht in die Infrastruktur, sie hat unser Leben nicht verbessert, sie hat keine Jobs geschaffen, sie hat absolut nichts für uns getan, daher waren die Menschen natürlich frustriert und fühlten sich der Ukraine nicht besonders verbunden“, sagte Oleg, ein Taxifahrer mittleren Alters in Simferopol (er zog es vor, den Familiennamen nicht preiszugeben). Wie so viele andere Einwohner der Krim, stimmte Oleg beim Referendum für eine Vereinigung mit Russland. Aber nach fast einem Jahr gibt es keine Anzeichen, dass Olegs Leben leichter würde. Er leitete eine kleine Taucher-Firma, die Unterwasser-Studien für Küstenprojekte durchführte, doch nach der Annexion seien zahlreiche Unternehmen von Russland auf die Krim gezogen und hätten den lokalen Markt übernommen, sagte er. Olegs Unternehmen sei der Konkurrenz nicht gewachsen gewesen, und so musste er vor kurzem als Taxifahrer zu arbeiten beginnen, um über die Runden zu kommen.“Die Übergangsperiode ist sehr schwierig, aber ich glaube, dass alles schrittweise gut werden wird“, sagte er mir. „Vielleicht wird es ein Jahr dauern, vielleicht zwei, vielleicht sogar fünf – es ist schwer zu sagen. Im Moment müssen wir durchhalten und überleben. Wenigstens haben wir hier keinen Krieg.“

Kleine Unternehmen wie das von Oleg wurden von der anhaltenden Isolierung der Krim besonders hart getroffen. Andrej Proschejew, der Eigentümer eines Bekleidungsgeschäftes und eines Modeschmuck-Ladens in Simferopol, erzählte mir, dass der Verkauf um ca. 40% zurückgegangen sei. Die Lieferkosten für Waren haben sich verdoppelt, da die normalen Versorgungsrouten wegen der Sanktionen unterbrochen seien. In der Zwischenzeit blühten Schmuggler-Netzwerke und Schwarzmärkte für Waren aller Art. „Man kann nur Geschäfte machen, wenn die wirtschaftliche Situation stabil ist, aber wenn die Wirtschaft wackelt, wird alles unsicher“, sagt er. Obwohl Proschejew beim Referendum für einen offiziellen Verbleib der Krim bei der Ukraine gestimmt hatte, entschloss er sich, nach der Annexion zu bleiben. „Wir haben 1991 einen traumatischen Wechsel des Landes durchlebt, und ich glaube, wir müssen eben noch einmal so einen Wechsel durchleben“, sagte er nüchtern.

Damals im März taten viele Krimbewohner die Angst ab, dass die Wirtschaft der Halbinsel in irgendeiner gröberen Weise wegen der Annexion leiden könnte, aber der Wechsel hat sich auf den Tourismus, den wichtigsten Wirtschaftszweig der Krim, schlecht ausgewirkt. Mit ihren spektakulären Küsten, der alten Geschichte und Kultur und zahlreichen Hotels und Sanatorien war die Krim üblicherweise ein Magnet für Touristen, nicht nur aus der Ukraine und Russland, sondern aus der ganzen Welt. Nahezu an jedem Sommertag gingen Hunderte Ausländer auf Luxuskreuzfahrten an Land, um Hunderte Dollar in Restaurants, Souvenirläden und Museen auszugeben. Dieses Jahr war die Sommersaison jedoch ein  massiver Misserfolg und zog nur weniger als 3 Millionen Besucher an oder weniger als die Hälfte derer, die 2013 kamen. Viele davon waren russische Arbeiter in staatlich geführten Unternehmen, die von ihren Arbeitgebern „gedrängt“ wurden, Urlaub auf der Krim zu machen.

Als ich das in ein Museum umgewandelte Haus Anton Tschechows in Jalta besuchte und die Führerin merkte, dass ich Ausländer bin, war sie gleich besser gelaunt: Scharen von Deutschen und Briten seien hierher gekommen, erzählte sie mir, aber diese Tage seien nun vorüber. Als ich durch die leeren Räume ging und zum Arbeitszimmer Tschechows im zweiten Stock kam, erinnerte ich mich an eine Zeile in seinem Stück Drei Schwestern, das er hier geschrieben hatte. „Moskau! Moskau! Moskau!” ruft Irina aus, eine der Hauptpersonen, ihres leeren, provinziellen Lebens überdrüssig und voller Sehnsucht, in die große Stadt zu übersiedeln.* Im übertragenen Sinn zumindest haben die Krimbewohner genau das getan. Sie haben einen Traum wahrgemacht, zum Vaterland zurückzukehren – jedoch mit ein paar unbeabsichtigen Konsequenzen.

Die Ukraine hat ebenfalls alles, was in ihrer Macht stand, unternommen, um ihre abtrünnige Provinz abzuschneiden und zu bestrafen: Alle Züge, die bis vor kurzem von Kyiw nach Simferopol fuhren, ebenso die Buslinien, sind eingestellt worden. Autos mit neuen russischen Nummerntafeln dürfen hier nicht auf dem Landweg in die Ukraine, während gleichzeitig die neuen Pässe der Krimbewohner an der Grenze konfisziert werden, was ihnen dann keine andere Wahl lässt, als nach Hause zurückzukehren. Die Stromversorgung, die aus einem Netz auf dem ukrainischen Festland kommt, ist unregelmäßig, mit stundenlangen Stromausfällen. Die Schließung des Nord-Krim-Kanals, der Hauptwasserversorgung für die trockenen Steppengebiete im Landesinneren der Krim hat sich negativ auf die Landwirtschaft ausgewirkt, den anderen wichtigen Wirtschaftszweig hier: Bei zahlreichen Feldfrüchten gab es Missernten, die Reisproduktion ist komplett ausgefallen. Einige Bauern haben versucht, die Situation durch das Graben von Brunnen zu mildern, aber das Grundwasser hat sich oft als zu salzhältig erwiesen, was den Boden schädigt. So wie es Leonid Kaganow, ein zeitgenössischer russischer Autor, im September in einem Blog formulierte, könnte die Situation auf der Krim insgesamt mit dem Diebstahl eines Handys ohne Netzkabel verglichen werden.

Die Russische Föderation hat ihr Bestes versucht, um den Übergang auf der Krim so schnell und angenehm wie möglich zu machen, indem enorme Summen an Subventionen ins Land fließen (Putin hat $18 Milliarden an Entwicklungsgeldern zugesagt), in dem Versuch, die Halbinsel in eine Modellregion zu verwandeln, obwohl man noch nicht viel von dem Geld gesehen hat. Die Krim hat auch einen enormen Zuzug von Beamten und Sicherheitskräften aus Russland gesehen — die Bevölkerung von Simferopol ist so gewachsen, dass Verkehrsstaus ein gewohnter Anblick in der einst so ruhigen Stadt sind. Viele Mitarbeiter haben Spitzenpositionen im militärischen, politischen und wirtschaftlichen Beamtenapparat vor Ort eingenommen – eine Art koloniale Verwaltung, da Moskau offensichtlich auch den loyalsten örtlichenVerbündeten nicht traut.

Die Bezahlung durch die Regierung hat sich verdreifacht und manchmal vervierfacht, und die Pensionen wurden auf das Niveau im übrigen Russland angehoben, aber die Gehälter im privaten Sektor sind nahezu auf dem alten Niveau geblieben. Manche haben Glück gehabt: „Den Menschen geht es jetzt definitv besser“, sagt Olga Cherenkowa, eine ehemalige Studentin der Rechtswissenschaften, die damals im März Taxi fuhr, nun aber eine gute Stellung in einem staatlichen Unternehmen gefunden hat. Olga war zunächst gegen die Annexion durch Russland, lenkt aber seither ein.“Wir können uns nun mehr leisten und haben einen besseren Lebensstandard“, sagte sie. Ja, die Lebenshaltungskosten und die Mieten seien wegen der Sanktionen und des fallenden Rubelkurses beträchtlich gestiegen, ebenso die Nachfrage, die durch die Neuankömmlinge aus dem russischen Festland und einer Flut von Flüchtlingen aus der Ostukraine belebt werde. Für einige Krimbewohner zumindest hat der Übergang einen hohen Preis.

* * *

Die Menschen, für die der Übergang am schwierigsten ist, sind die Krimtataren. Die einzige politisch geeinte, lautstarke Opposition seit der Übernahme, die ungefähr 12% der Bevölkerung ausmacht, wird sowohl vom Kreml als auch den aktuellen Behörden in Simferopol als größte Bedrohung für die russische Herrschaft gesehen. Diskriminierung und Vorurteile gegen die Tataren, ein muslimisches Volk, das auf der Halbinsel heimisch ist, sind nicht neu – 1944 deportierte Stalin die gesamte Bevölkerung in die Wildnis von Usbekistan. Sie durften in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren zurückkehren, aber die Rückkehr wurde von manchen ortsansässigen Russen, die sich schon häuslich auf der Krim niedergelassen hatten, nicht gerne gesehen. Die Annexion hat die ethnischen Spannungen nur verschärft; im März gründeten tatarische Gruppen, die um ihr Leben fürchteten, während der russischen Machtübernahme Einheiten zur Selbstverteidigung, die nächtliche Patrouillen in der Nachbarschaft durchführten. Formell streckte Putin einen Olivenzweig aus, indem er den Ruf der Krimtataren als Gruppe “rehabilitierte und sie Opfer des Stalin-Regimes nannte, während das neue Parlament auf der Krim Krimtatarisch zur Amtssprache  der Provinz machte, auf einer Stufe mit Russisch und Ukrainisch. Aber die Realität auf der Halbinsel ist seit der Annexion eine andere.

Zwei der prominentesten Tatarenführern, die sich lautstark der russischen Herrschaft entgegen stellten, Mustafa Dzhemilev und Refat Chubarov, wurde die Einreise auf die Krim im April und Juli verwehrt, beziehungsweise wurde auf das Hauptquartier des Medschlis, die Selbstverwaltungskörperschaft der Tataren, im September zugegriffen. Laut dem letzten Bericht von Human Rights Watch führten die Polizeikräfte der Krim, zusammen mit dem russischen Geheimdienst (FSB) eine Reihe von Razzien in Moscheen und Islamschulen auf der Suche nach Drogen, Waffen und extremistischer Literatur durch, während tatarische Aktivisten entführt und einige von ihnen ermordet aufgefunden wurden.

„Die russischen Behörden geben vor, uns zu akzeptieren, doch sie erlauben nicht einmal die geringste Geste von Widerstand. Sie zeigen uns, dass sich die Zeiten geändert haben und dass wir nach ihren Regeln leben müssen“, sagte Abduraman Egiz, ein Medschlis Mitglied. Damals im Mai, kurz nach der Annexion, wurde Egiz von Mitgliedern der „Selbstverteidigungskräfte“ der Krim, einer paramilitärischen Organisation, brutal geschlagen, nachdem er sich geweigert hatte, seinen Pass vorzuweisen, und er ist seither auf der Hut. Die russische Strategie ist jetzt, erläuterte Egiz, neue Machtzentren unter den Tataren zu errichten, die die Einheit des aktuellen Medschlis auflösen und interne Zwietracht verbreiten könnten. Es gibt schon zwei alternative tatarische Organisationen, die sich bereit erklärt haben, mit den russischen Behörden voll und ganz zu kooperieren. Egiz sah ein, dass eine Art der Zusammenarbeit unausweichlich sein würde – es sei eine Frage des Grades.

„Wir sind für Dialog und unser Ziel ist es, die Situation ruhig und stabil zu halten und uns nicht auf provozierende Aktionen einzulassen“, sagte er. „Wenn wir Frieden wollen, gibt es für uns keine andere Wahl. Wir sehen ein, dass das, was auf der Krim geschieht, Teil eines größeren Geschehens ist.“

Die Tataren bleiben auch die Hüter einer der letzten Quellen unabhängiger Medien auf der russischen Krim.

Unmittelbar nach der Besatzung wurden die ukrainischen TV Sender eingestellt, gegen russische ausgetauscht, die vom Kreml freigegebene Nachrichten verbreiten: Sendungen über den Ruhm der russischen Armee, die Werte der Orthodoxie, die Gefahr, fremde Wörter in die russische Sprache einzuführen. Manchmal bringen diese Stationen nur „Nachrichten“: Putin bei einem Hockey-Spiel; Putin in einer politischen Diskussion; Putin bei der Eröffnung eines Wasserkraftwerks; Putin, wie er einen Gouverneur über die Entwicklung der Fischerei befragt.

Im Bemühen, die tatarische Gemeinde nicht übermäßig zu verstimmen, haben die Behörden auf der Krim erlaubt, dass das tatarische TV Netzwerk ATR weiter sendet – aber es wurde wirkungsvoll beschnitten. Vor und unmittelbar nach der Annexion kritisierte ATR die russische Besatzung ätzend, aber es wurde seit damals eingeschüchtert und zur Unterwerfung gezwungen. Nachdem es von den Behörden der Krim vage Vorwürfe von „Extremismus“ erhalten hatte und sich mit der Möglichkeit konfrontiert sah, dass es vielleicht unter russischem Recht nicht mehr zugelassen würde, entschloss sich die Unternehmensleitung, die politischen Talk-Shows einzustellen und nur kulturelle tatarische Programme und die wichtigsten Nachrichten beizubehalten.

„Die russischen Behörden konnten nicht auf einen bestimmten Vorfall verweisen. Sie sagten nur, dass etwas nicht ganz in Ordnung sei, dass wir einen bestimmten Ton hätten, einen bestimmten Subtext“, sagte Elzara Islyamova, Chefin von ATR. „So mussten wir unsere Grundhaltung mildern. Unser Ziel ist es, den Kanal und seine wichtige kulturelle Mission zu erhalten, um die tatarische Identiät zu bewahren – nicht um jeden Preis natürlich, wir werden uns nicht auf Propaganda und Lügen einlassen. Aber wenn wir die Wahrheit nicht sagen dürfen, ziehen wir es vor zu schweigen.“ Der Sender umgeht heute vorsichtig Begriffe wie „Annexion“ und „Besatzung“.

Doch nicht einmal das konnte die russischen Behörden zufrieden stellen. Ende Januar 2015 führten Spezialeinheiten im ATR Hauptquartier eine Razzia durch und beschlagnahmten Ausrüstung und Server mit Archivmaterial von den anti-russischen Protesten im Vorjahr. Es schien, dass das Nicht-Kritisieren des Kremls in der neuen russischen Realität einfach nicht genug war, jedes Medium muss sich aktiv an positiver Propaganda beteiligen und sogar Schweigen signalisiert eine abweichende Meinung.

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Es ist schwer zu sagen, was die Zukunft für die Krim bringen wird.

Russland hat versucht ein Gefühl der langweiligen Normalität, der Routine zu schaffen, so als ob nie etwas geschehen sei. Die aktuelle Isolation der Halbinsel — obgleich logistisch mühsam und teuer — spielt hier perfekt hinein. Die Krim ist praktisch von der Landkarte gefallen, indem sie so plötzlich aus den Nachrichten verschwand, wie sie aufgetaucht war. Obwohl die Krim international nicht anerkannt wird, sieht fast jedes Land die Situation auf der Krim als fait accompli.

Gegen Ende meines Besuchs auf der Krim traf ich Witalji, einen IT-Spezialisten Mitte 30 und ehemaligen Freiwilligen der paramilitärischen „Selbstverteidigungskräfte“ in Simferopol, die noch aktiv und nun eine offizielle Organisation sind, die aus dem staatlichen Budget bezahlt wird. Er zeigte mir stolz seine „Selbstverteidigungs“-Karte, die ihn als ehemaliges Mitglied auswies, er nahm sein Handy und blätterte die Fotos durch, die ihn und seine Kameraden zeigten, alle in nicht zusammen passende Arbeitsuniformen gekleidet. Während der ersten Tage der Besatzung hatte Witaljis Einheit die Aufgabe, die Ordnung auf den Straßen aufrecht zu erhalten und sichtbar präsent zu sein, um mögliche Widersacher abzuwehren, aber gelegentlich nahmen sie auch an Razzien und an der Besetzung von öffentlichen Gebäuden teil. Jedes Mitglied bekam 100 Hryvnia pro Tag (damals ca. $10; von wem, ist nicht klar) — ein winzig kleiner Betrag auch in der Ukraine, aber besser als gar nichts.

„Wir verherrlichten Russland“, erzählte mir Witalji (er bat mich, seinen Namen zu ändern, um seine Identität zu schützen). „Ich kämpfte für mein Land, Russland, und für meine Ideale. Wir dachten, dass ukrainische Nationalisten einmarschieren könnten und dass einige Tataren sich am radikalen Islam beteiligen. Natürlich hatten wir Angst und mussten die Krim beschützen.“

Nach der Annexion der Krim blieb Witalji noch eine Weile bei den Selbstverteidungskräften in Simferopol, aber die Träume von einer besseren Zukunft, die er hegte, zerfielen schrittweise. Seine Mutter, die eine Kette von kleinen Geschäften für Haushaltsartikel führte, verlor aufgrund des schlechter werdenden wirtschaftlichen Umfeldes nahezu ihr halbes Unternehmen; sein Vater, seit vielen Jahren Abteilungsleiter in einer Fabrik, wurde gezwungen in Pension zu gehen, nachdem er sich nicht auf dubiose Geschäfte mit den neuen Behörden eingelassen hatte. Als die Monate vergingen, wurde Witalji immer mehr desillusioniert und beschloss schließlich, seine paramilitärische Einheit zu verlassen. „Es war nett, aus der Ferne nach Russland zu blicken, aber wir zu merken langsam, wie autoritär und repressiv es sein kann“, sagte er. „Die Regierung beginnt die Schrauben anzuziehen, aber langsam, so dass die Leute es nicht merken und nicht protestieren. Es gibt momentan eine Menge Banditentum, eine Menge Eigentum wechselt den Besitzer. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Russland die Krim als patriotischen Kaugummi verwendet hat.“ Witaljis Offenheit war atemberaubend, daher entschloss mich mich, ihm noch eine letzte Frage zu stellen. Wenn er die Uhr zurückdrehen könnte, würde er sich noch einmal in der Selbstverteidigungseinheit verpflichten und bei der russischen Machtübernahme helfen?

„Ja“, sagte er. „Ich würde das noch einmal tun.“

Die Reisekosten für dieses Projekt wurden vom Pulitzer Center on Crisis Reporting getragen.

*Korrektur, 7. Feb. 2015: St. Petersburg war die Hauptstadt Russlands während der Zeit, in der das Theaterstück Drei Schwestern spielt. Eine frühere Version dieses Artikels verwies irrtümlich auf Moskau als Hauptstadt zur damaligen Zeit.

Quelle: Dimiter Kenarow

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam

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