Ultras und der Krieg im Osten

Ternopil Ultras

 

10. Februar 2015 • Krieg im Donbas, Politik, Russland, Unsortiert

Artikel von: Irina Holinko
Quelle: espreso.tv

Derzeit werden die Interessen des Staates im Donbas auch von Ultras verschiedener ukrainischer Fußballclubs vertreten – oder vielmehr ausgefochten. Einer von ihnen sprach über seine Fronterfahrung.

Unser Held gehört der Ultra-Bewegung in Ternopil an. Diese kämpft bereits seit einigen Monaten in einer Stadt im Donbas aufseiten der Ukraine. Nachts führt er Patrouillengänge durch, tagsüber hat er mit den Unzulänglichkeiten des Soldatenalltags zu kämpfen – Küche, Waren sortieren und so weiter. Aus Sicherheitsgründen bleiben er und die Einheit, in der er kämpft, anonym.

Waren Sie von Anfang an bei der Maidan-Revolution beteiligt?

Ja, natürlich. Wir haben die ukrainische Revolution nicht nur in Ternopil unterstützt, sondern auch in Kiew selbst. Einen Tag vor den Ereignissen auf der Gruschewska-Straße [Einer der Hauptschauplätze der blutigen Auseinandersetzung, Anm. d. Redaktion] kamen wir Ultras nach Kiew. Wir haben uns vorher in Gruppen aufgeteilt – eine fuhr nach Kiew, die andere blieb in Ternopil. Wir haben bis zum Ende demonstriert. Im Grunde genommen hat damit alles angefangen. Ohne die Maidan-Revolution wäre ich jetzt nicht hier.

Es gibt Gerüchte, wonach die Ultras bereits in Vorfeld vom Ausbruch der Revolution gewusst und sich entsprechend vorbereitet haben.

Das ist sehr abwegig. Woher hätten wir es denn wissen sollen? Die ganze Revolution entwickelte sich erst allmählich, die Situation verschärfte sich mit jedem Tag – bis schließlich der Siedepunkt erreicht war. Darauf musste man irgendwie reagieren. Nicht mit Tänzen und Gesängen, sondern mit Taten, damit die Leute verstanden, wofür wir auf dem Maidan stehen.

Auf welche Aktivitäten habt ihr euer Augenmerk gerichtet, als der Maidan zu Ende ging?

Wir haben zunächst versucht, uns zu erholen, weil das Ganze ziemlich lange gedauert hat. Alle haben versucht, sich wieder im normalen Alltag zurechtzufinden. Bis Mitte Sommer haben wir die Zeit so verlebt. Dann fingen die Ausschreitungen an, und wir engagierten uns in der Freiwilligenarbeit. In jener Zeit waren die militärischen Auseinandersetzungen noch viel geringer als heute. Vor drei, vier Monaten zogen wir dann in den Krieg.

Spielen politische Führungspersönlichkeiten eine Rolle bei den Ultras?

Ich weiß es nicht, ich selbst habe solche Leute nicht getroffen. Diese Frage ist ein wenig nervig. Unsere Bewegung ist apolitisch und nationalistisch, und ich glaube nicht, dass sie sich so einfach beeinflussen lässt. Sobald ein neuer Kandidat ankommt, erklären wir ihm unsere Beweggründe. Sport sollte jenseits von Politik stehen. In den Stadiongesängen drücken wir unsere Unterstützung für die Ukraine und damit unseren Standpunkt aus.

Wann haben Sie erkannt, dass Sie in den Krieg ziehen müssen?

Mir war das von Anfang an klar. Aber die Umstände haben das zunächst in den Hintergrund gerückt. Ich musste eine gewisse Zeit darüber nachdenken, ob es die Sache wert ist oder nicht. Bei den Anti-Terror-Operationen (ATO) sterben viele junge Menschen. Ich kann selbst nicht genau erklären, warum ich beschloss, an die Front zu gehen. Das ist einfach Ausdruck meiner persönlichen Haltung.

Was hat ihre Familie zu der Entscheidung gesagt?

Sie nahmen die Entscheidung, wie sie ist. Die Eltern haben versucht, es mir auszureden. Ich konnte sie aber überzeugen. Aber es ist alles nicht so einfach. Der Familie fällt es schwer, das durchzustehen.

Wie sind Sie zu Ihrer militärischen Einheit gekommen?

Das war mein eigener Wunsch. Die richtigen Kontakte zu finden ist durch das Internet sehr einfach. Handy- und Festnetznummern, Email-Adressen, Skype. Ich trug die notwendigen Unterlagen – etwa zehn Dokumente – zusammen. Das alles dauerte einen, zwei Tage. Schwieriger war es, die notwendige Ausrüstung zusammenzusuchen. Bei der Kampfmontur half mir das ATO-Hilfszentrum in Ternopil. Natürlich musste ich auch eigenes Geld ausgeben und etwa selbst robuste Stiefel kaufen. Die Schutzweste habe ich vor Ort von meinem Bataillon erhalten.

Wie sah die militärische Ausbildung aus?

Eine Woche lang haben wir bei Kiew Kampftaktiken und das Verhalten während des Kampfes erlernt sowie praktische Übungen absolviert. Normalerweise dauert die Ausbildung einen Monat, in meinem Fall wurde die Zeit verkürzt.

Wie ist es um die Sicherheit des Bataillons bestellt?

Die meiste Zeit kümmern sich die Freiwilligen um uns, die zu diesem Zweck abbestellt werden. Der Staat hilft uns auch. Mit der Bewaffnung haben wir derzeit keine Probleme.

Wie ist die momentane Lage in der Stadt?

Schon ein wenig besser. Tatsächlich kehrt allmählich so etwas wie Zivilisation in den Ort zurück, die Geschäfte haben geöffnet, Menschen führen ihr Leben und gehen zur Arbeit. Allerdings sind einige Gebäude durch GRAD-Beschuss beschädigt, und viele Menschen haben ihr Leben verloren. Natürlich klingt es etwas unpassend, angesichts von Leichen auf der Straße von Alltag zu sprechen. Aber das ist Krieg. Um ehrlich gesagt, mir tut es nicht leid um die Donbas-Einwohner. Natürlich haben nicht alle das hier verdient. Aber man findet sehr unterschiedliche Ansichten über den Krieg. Die eine Hälfte versteht, wer wir sind, und unterstützt uns offen. Für den Rest sind wir lediglich die „faschistische Junta“ und die Nachkommen Stepan Banderas.

Die russische Propaganda verbreitet die Lüge, dass es keine russischen Soldaten in der Ukraine gibt. Was können Sie dazu sagen?

Was soll man dazu sagen? Ein unzulänglicher Staat mit einem unzulänglichen Herrscher an der Spitze. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Die regulären Truppen sind ohne Erkennungsmarken hergekommen, wedeln mit ihren Dokumenten und erklären: „Alles in Ordnung. Wir sind einfach so hier, um ein wenig bei euch herumzuballern.“ So war es auch auf der Krim, nur ohne den Gebrauch von Waffen: Sie kamen und gingen nicht wieder weg.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie fähig sind, auf Menschen zu schießen?

Als es darum ging, mein Leben zu verteidigen. Entweder du oder er. Du schießt im Affekt und aus einem Gefühl der Angst heraus. Daran ist nichts Gutes zu erkennen.

Was ist das Schlimmste, was Sie bislang im Krieg gesehen haben?

Es gibt nichts Schlimmeres als den Tod eines Menschen. Vor allem, wenn dir dieser Mensch nahesteht – selbst wenn du dich lediglich einmal mit dieser Person unterhalten hast.

Was braucht die Ukraine, um diesen Krieg zu beenden?

Jeder stellt sich diese Frage. Erstens muss die Ukraine an den Sieg glauben. Ich hoffe, die Regierung weiß, was zu tun ist. Eine Bombe auf Russland zu werfen wäre keine schlechte Idee. Die Regierung sollte eine klare Vorstellung davon vermitteln, was als nächstes zu tun ist. Alle Leben von einen Tag auf den anderen. Man sollte jedoch etwas nachdenken und tapfere Entscheidungen treffen. Vor allem sollte man darüber nachdenken, wie sich dieser Krieg schneller beenden lässt.

Glauben Sie, dass es in der Regierung Landesverräter gibt?

Ich weiß nicht, wie das heute ist. Früher gab es sie. Für das große Geld kann jeder zum Verräter werden. So zumindest habe ich immer gedacht. Ich selbst kannte solche Leute. Sie kämpfen nicht länger mit uns, sondern auf der anderen Seite der Front. Ich weiß nicht mal, ob sie noch am Leben sind.

Häufig ist davon die Rede, dass die ukrainischen Kämpfer nach einem Sieg im Donbas in einen Dialog mit Regierungsvertretern treten werden. Wie steht ihr Bataillon zu diesem Vorschlag?

Wir haben Leute, die unsere Interessen vertreten. Ich bin mittlerweile in einer ziemlich radikalen Stimmung. Ich würde gerne mit Beamten sprechen, mich interessiert deren Meinung. Nur weiß ich nicht, wann dieser Sieg kommen soll. Glauben Sie mir, er ist noch weit entfernt.

Einigen Informationen zufolge werden Ultras von prorussischen Kräften für Demonstrationen gegen die Regierung angeworben. Was ist an diesen Gerüchten dran?

Das glaube ich nicht. Das lässt sich nicht einfach bewerkstelligen, und heutzutage macht das keinen Sinn mehr. Die Ultras sind alle im Osten, und sie brauchen Hilfe.

Was ist heute Ihr größter Traum?

Schlafen. Ich träume davon, nach Hause zurückzukehren. Bald ist es soweit. Dann habe ich 15 Tage Fronturlaub, dann möchte ich mit Freunden Fußballspielen.

Wer wartet Zuhause auf Sie?

Freunde und Familie. Keine Freundin. Solange ich im Krieg bin, will ich keine Beziehung eingehen.

Artikel von: Irina Holinko
Quelle: espreso.tv

Bild: espreso.tv
Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam

Schlagworte:, , , , , , , ,