Anna Veronika Wendland: Failed State und Wishful Thinking – Die Ukraine in der russisch-westlichen Wahrnehmungskultur

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Bild oben: Suggestive und fehlerhafte Ukraine-Kartographie, die mehr über ihre Urheber aussagt als über das dargestellte Land: die Farbgebung suggerierte eine Teilung des Landes zwischen Ost und West, und Tschernihiw/Tschernigow, eine Großstadt im Nordosten, wurde mit Tschernobyl verwechselt.
(Quelle: The Telegraph, 23. Februar 2014)

Ein Jahr ist es her, dass auf Kiews Straßen über hundert Menschen erschossen wurden – wir hätten das damals nicht für möglich gehalten, weder diese Mobilisierung noch diese Eskalation. Fast ein Jahr ist es her, dass Russland auf der Krim einmarschierte – auch so etwas hätten wir in Europa nicht für möglich gehalten. Bald ein Jahr ist es her, dass der blutige Krieg in der Ostukraine begann – weil sich hier die Ukrainer, nach dem Überraschungsmoment der Krim, zum Widerstand entschlossen. Zu einem entsetzlichen Preis für Zivilbevölkerung, Soldaten, irreguläre Kämpfer und auch für den Gegner.

Auch das hätten wir nicht für möglich gehalten, und weil in unserem Verhältnis zu Russland, das wir zu kennen glauben, und zur Ukraine, die wir nicht kennen, nicht sein kann, was nicht sein darf, geben sich erstaunlich viele Menschen bis heute mit der Bezeichnung dieses Konflikts als “Bürgerkrieg” zufrieden, die von Moskau aus verbreitet wird.

Wir wissen inzwischen, dass das Gerede vom “Bürgerkrieg” im Donbass eine Lüge war und ist. Wer im Donbass die Waffe in die Hand nahm und diesen Krieg lostrat, das waren keine Bergleute und Stahlarbeiter, die gegen einen nationalistisch-neoliberalen Kiewer Umsturz protestierten, wie es unsere Linken sich und anderen bis heute einreden; vielmehr handelte es sich um dieselbe Art russische Armee- und Spezialoperation wie auf der Krim, die aber wegen unerwartet heftigen Widerstands und wegen Fehleinschätzung der Stimmung in der Ukraine auf der russischen Seite total aus dem Ruder lief.

Putins Administration, die im wesentlichen auf den Machtstrukturen von Geheimdiensten und Armee aufbaut, hatte – leider, muss man sagen – eine schlechte Auslandsaufklärung; wahrscheinlich, weil sie die Ukraine als Ausland nie ernst nahm. Als Land nämlich, in dessen Erkundung man Wissen, Kapital und geistige Energie stecken muss, um seinen Zustand angemessen einzuschätzen. Stattdessen verließ man sich auf Moskauer Polittechnologen und Experten im staatlichen Institut für strategische Forschungen. Die ersteren hatten Viktor Janukovyč bei seinem Wahlsieg gecoacht und vermarktet, die anderen leisteten sich eine Ukraine-Abteilung, die von fanatischen, rechtsgerichteten, russisch-orthodoxen Sektierern geleitet wurde. Das war die Quellengrundlage der Kreml-Administration, auf der man die Kriegsplanung aufbaute – welche eigentlich keine sein sollte, sondern eben eine “specnaz”-Angelegenheit, eine begrenzte Aktion von ein, zwei Wochen für die Elitetruppen, nach denen die Südostukraine von Charkiv bis Odessa, ähnlich der Krim, wie ein reifer Apfel in den Schoß von Mütterchen Russland fallen sollte.

Das Ukrainebild dieser russischen Berater, das wesentlich zur Katastrophe beitrug, ist mit ein paar Strichen skizziert. Sie hielten und halten das ukrainische Volk für Vieh – Stimmvieh, das sich einfach manipulieren und kaufen lässt, Demonstrationsvieh, das sich in Bussen zu bestellten Manifestationen der Janukovyč-Clique karren ließ, und orthodoxes Vieh, das qua konfessioneller Zugehörigkeit lieber russisches Vieh sein wolle als ukrainisches. Dieses Vieh könne man mit ein paar Gertenschlägen zur Umkehr nach Osten bewegen, die ganze Herde kehrtmarsch; mit den paar westukrainischen fanatischen Nationalisten in Kiew würde man schon fertig werden und sie nach Polen abschieben.

Denn die Ukrainer seien weder zur Staatsbildung fähig, noch redeten sie normal. Ukrainisch ist für die meisten Russen eine komische Sprache, die man je nach politischer Ausrichtung “lustig” und provinziell findet (liberale Russen) oder als “von den Polen verdorbenes Russisch” bezeichnet (nationalistische Russen). Dass diese Sprache nicht hochkulturfähig, nicht universalistisch, nicht urban und auch nicht für die Wissenschaft geeignet sei, allenfalls für Gedichte und Lieder, darin sind sich fast alle Russen einig. Obwohl keiner von ihnen diese Sprache beherrscht und außer einem legendenverkleisterten Ševčenko keine – und auch keine modernere – ukrainische Literatur nennen könnte. Dass es außerdem eine sich in russischer Sprache artikulierende ukrainische Literatur, einen russischsprachigen ukrainischen politischen Diskurs gibt – genauso wie es deutschsprachige Literaturen und Diskurse in Österreich und der Schweiz gibt – das ist den Russen schier unverständlich, halten sie doch mehrheitlich alles, was russisch spricht und vor einem Ikonostas betet, für einen Teil der “russischen Welt”.

Das also waren die Wissens-Prämissen für den Versuch der Moskauer Geheimdienst- und Rohstoffautokratie, in der Ukraine die “russische Welt” zu etablieren – ohne dass ihr die geistig-identitären Bedürfnisse der ostslavischen Menschen, die mit diesem Terminus assoziiert werden, irgendetwas bedeuteten. Denn sie kennen keine Bürger, keine denkenden und fühlenden Menschen, sie kennen nur Vieh, ob es nun russisches sei oder ukrainisches.

Ein Jahr dauert nun, was hierzulande gerne – und unzulänglich – als “Ukraine-Krise” bezeichnet wird; die oben skizzierten Verhältnisse belegen jedoch, dass die ukrainische Krise auch eine russische Krise ist, ein externalisierter Schauplatz im Kampf einer ökonomisch angeschlagenen herrschenden Klasse um die Kontrolle der eigenen Bevölkerung. Und da das Rückgrat dieser Klasse der Geheimdienst ist, beherrscht man eine alte Tschekistentechnik besonders gut: das Aufeinanderhetzen mehrerer potenzieller Systemgegner gegeneinander. Dieser hybride Krieg ist ein arbeitsteiliger Krieg, ein Krieg unter falscher Flagge. Und so hat man in Moskau kein Problem damit, den regulären Spezialeinheiten, die man verdeckt operieren lassen muss, auch den eigenen inneren Gegner beizugesellen – das rechtsextreme, aber auch anti-oligarchische und nationalbolschewistische Gewalt-Potenzial, das man auf den äußeren Gegner hetzt, auf das demokratische Projekt Ukraine.

Dieser Krieg entstand durch das Zusammentreffen von verzerrten Wahrnehmungsstrukturen im Bezugsraum des großrussischen Patriotismus einerseits und Machttechnologien aus dem KGB-Werkzeugkasten andererseits. Er traf ein Land, das vollkommen unvorbereitet mit ihm konfrontiert war, und das sich mit Zähigkeit und viel Improvisation seiner Haut zu wehren begann. Das kann einige Monate gut gehen; aber eben nur einige Monate. Inzwischen ist offensichtlich, dass ein Konglomerat aus Freiwilligenbataillonen und einer schwachen, während der Ära Janukovyč abgewickelten regulären Armee sich nicht ewig gegen die kriegserprobten und hochgerüsteten russischen Kräfte wehren kann. Das ist die Situation im angeblichen “Bürgerkrieg”, in dem die Mehrheit der “Separatisten” gar nicht die Staatsbürgerschaft jenes Landes besitzt, von dem sie sich angeblich abspalten will.

Daher steht dringlicher als je zuvor die Frage auf der Tagesordnung, wie diesem bedrängten, durch Annexion, Krieg und Okkupation geschwächten europäischen Land zu helfen sei – präziser, ob ihm ÜBERHAUPT zu helfen sei. Und hier sind wir bei einem hochinteressanten Phänomen – jenem der sich annähernd deckenden russischen und westlichen Wahrnehmungsstrukturen der Ukraine.

Diese Deckungsgleichheit hat einen Grund: die simple Tatsache nämlich, dass sich westliche Experten beim Sammeln von Informationen nicht von ihren russischen Quellen emanzipieren können, denen sie jahrzehntelang nur zu gern geglaubt haben. Ob das der deutsche Russland-Historiker Jörg Baberowski ist, der durch die Brille des stalinistischen Imperialismus auf die Ukraine guckt und ihr schon den Totenschein ausgestellt hat, oder der amerikanische Geheimdienstspezialist Mark Galeotti, der 2014 sieben Monate in Russland verbrachte, aber der Wiener “Presse” alles über die Ukraine verrät; oder auch der linksliberale deutsche Journalist Jakob Augstein, der von Minsk 2 als einer Teilung der Ukraine zwischen den USA und Russland faselt, ohne zu kapieren, dass bei einem solchen Jalta-Reload die Amerikaner zumindest am Verhandlungstisch hätten sitzen müssen und die Russen in Kiew.

Augstein, und mit ihm der SPIEGEL und Millionen Deutsche, plappern kritiklos jenen Teil der russischen Propaganda nach, der extra mit Blick auf den deutschen Antiamerikanismus in Umlauf gebracht wurde: hier handle es sich um einen von den USA und Russland zu gleichen Teilen verschuldeten “Neuen Kalten Krieg” oder “Stellvertreterkrieg”, in dem sich Russland der immer weiter ins russische Interessengebiet ausgreifenden USA erwehren müsse. Auch wenn dies wiederum dem Interpretament des Bürgerkriegs widerspricht, mit dem Moskau nichts zu schaffen haben will. Augstein und allen Teilungsfanatikern empfehle ich als Entspannungsübung die köstliche Satire des ukrainischen Schriftstellers Irvanec’ “Rivne-Rovno”, in dem das westukrainische Rivne zur durch eine Mauer geteilten Frontstadt zwischen NATO-Westukraine und prorussischer Restukraine wird.

All diese Leute wiederholen, in unterschiedlichen Variationen und Kombinationen, die drei Topoi des Ukraine-Vorurteils: erstens die Behauptung vom “gespaltenen Land”, zweitens das Axiom vom “failed state” und drittens das Stereotyp vom nur unvollständig kultivierten Ukrainer. Und es ist kein Zufall, dass diese “Expertise” momentan aus allen Löchern kriecht: in jenem historischen Moment nämlich, in dem die Entscheidung ansteht, wie eine tätige Hilfe für das existenzbedrohte Land Ukraine aussehen könnte. Diejenigen, die uns raten, die Ukraine käme gut ohne unsere Hilfe aus, oder unsere Hilfe führe zur Eskalation der Lage, führen nämlich, je nach Position in unterschiedlicher Version, ein und dasselbe zentrale Argument ins Feld: es lohne sich nicht, denn die Ukraine sei, bei aller Sympathie, sowieso schon verloren; oder es lohne sich nicht, denn die Ukraine verdiene unsere Hilfe gar nicht.

Zur ersten Gruppe – jener der resignativen (angeblichen) Sypathisanten – gehören all jene, die die Teilung der Ukraine in ihren Köpfen bereits vollzogen haben und dem Land ohnehin den baldigen Auseinanderfall prophezeihen, weswegen es eigentlich auch vorauseilend und zivilisiert auseinandergehen könne, bevor sich Putin den ihm zustehenden Teil greife. Zur zweiten Gruppe – jener der zynisch Gleichgültigen – gehören all jene, die der Ukraine attestieren, sie sei “korrupter als Russland” und ihre politische Klasse und Armee seien “unfähig” – und deswegen natürlich auch unfähig, komplexe westliche Verteidigungs-Waffensysteme zu bedienen, weil ja bekanntlich die Ukrainer erst vor kurzem von den Bäumen und den Bauernfuhrwerken gestiegen sind. Dass die Bauern heute in Städten wohnen, ins Theater gehen und Leitsysteme für russische Raketen und ukrainische Kernkraftwerke produzieren, ist bei diesen Experten noch nicht angekommen. Nebenbei werden die vor leeren Kassen stehende neugewählte Regierung und die hastig auf die Beine gestellte improvisierte Armee für die Raubzüge, den Staatszerfall und den Dilettantismus der Janukovyč-Kleptokratie in Sippenhaft genommen.

Interessant wird es nun, wenn man sich die Mühe macht, nach der Herkunft dieser Topoi zu forschen. Und hier wird man in erschreckender Weise fündig: dieses System von Ukraine-Stereotypen stammt nämlich zu größten Teilen gar nicht aus skrupulöser Recherche und Landeskenntnis der Ukraine, sondern aus russischen Quellen, oder aus Quellen, die, wie viele Geschichtswerke über das östliche Europa, aus einer russischen Imperialsicht verfasst wurden. Sei es jene russischer Autoren, sei es jene westlicher “Russian studies”-Fachleute, die die Ukraine bis heute als eine Art russischen Appendix ansehen. Und so wundert es mich gar nicht weiter, dass Professor Galeotti nach sieben Monaten in Russland 2014 der Ukraine ein Höchstmaß an Unfähigkeit zur Staatsbildung und Staatsverteidigung attestiert: mir war schon nach einer einzigen Woche in Russland im Juni 2014 klar, wie das Ukrainebild russischer Informanten aussehen mag. Ein ukrainischer Bekannter mit russischer Muttersprache, der wegen der Spielfilme und Wissenschaftsfeatures regelmäßig russische Sender schaut, sagte mir: “Nach einer Woche russischem Fernsehen erkennt man sein eigenes Land nicht wieder.”

Besser kann man es tatsächlich nicht sagen: wer von russischen Gesprächspartnern (selbst den berühmten “kremlfernen” ergo zuverlässigen, Experten), Russland-Historikern oder Studio-Moskau-Journalisten seine Informationen über die Ukraine bezieht, der wird allenfalls ein Zerrbild der hochkomplexen ukrainischen Realität erhalten.

Dieses Zerrbild ist das gespaltene Land, der failed state – aber hier ist das Wishful Thinking, der Wunsch als Vater des Teilungsgedankens, kräftig am Werke. Freud und die Postcolonial Studies hätten ihre Freude an all den unterschwelligen, unterbewussten kolonialen und exotisierenden Ukraine-Alptraumbildern der Russen und ihrer westlichen Gesprächspartner: die zerfallende Gesellschaft, die angeblichen Atomunfälle, die angeblich massenweise überlaufenden ukrainischen Soldaten. All das jedoch lässt keine Aussage über die Ukraine zu, sondern nur eine Aussage über die Ukraine-Aussager – oder vielleicht sollte man besser sagen, über die Ukraine-Aus-Sager.

Mir kommt dazu ein Gleichnis in den Sinn: Ein Stalker verfolgt die Frau, die er nicht haben kann, auf der Straße. Er kann sie nicht haben – sie hat ihm mehrmals vor Zeugen eine klare Absage erteilt. Er kann aber den Gesichtsverlust nicht verwinden: daher holt er sie ein, er beschimpft sie als Hure, die mit anderen ins Bett gehe, er stößt und schlägt sie, holt sie von den Beinen. Er weiß, er kann sie nicht haben – aber dann soll sie wenigstens dafür büßen. Nun kommen Passanten, auch ein Polizist, den beiden entgegen, es bildet sich ein Auflauf: die Menschen sehen eine Weile zu, wie der Stalker die Frau immer wieder zu Boden schlägt. Die Menge stellt ihn zur Rede, will ihm in den Arm fallen. Da sagt der Stalker: “Seht Ihr nicht, wie sie immer wieder fällt? SIE KANN ALLEINE NICHT GEHEN!!” Die Menge pflichtet bei und zerstreut sich, und der Polizist sagt zu sich selbst: “Schade um die schöne Frau. Aber wie sie auch aussieht! Eindeutig eine gescheiterte Existenz. Solche Frauen geraten immer an solche Männer.”

Das ist unser “failed state” Ukraine, den ein guter Teil unserer öffentlichen Meinung dem Stalker gerne überlassen möchte, damit wieder Ruhe ist auf der Straße. Sicher ist dieser Staat nach mehreren Jahrzehnten Sowjetherrschaft und zwei Jahrzehnten postsowjetischer Demokratur leider kein Idealstaat – kein Staat, wo man “gerne hingeht”, wie Gerhard Schröder sagen würde. Kein Staat, mit dem momentan Staat zu machen wäre.

Es ist jedoch erstaunlich, wie die Ukrainer es immer wieder schaffen, aufzustehen, sich selbst zu organisieren, individuelle Initiativen zusammenzuführen, sich ihrer Haut zu wehren – anders, cari Prof. Galeotti, Baberowski e tutti quanti, ist auch nicht zu erklären, warum hier, in diesem angeblich korrupter-als-Russ-Land, immer wieder gegen die Korruption rebelliert wird, während die Korruption in Russland so erfolgreich verstaatlicht wurde, dass sie zur zweiten Staatsnatur wurde und von allen für so natürlich gehalten wird wie der Regen im Mai und der Schnee im Januar.

Und doch darf der schmierige Moskauer politische “Berater” Saša Borodaj, im zeitweisen Nebenberuf “Premier” der selbsternannten Volksrepublik Doneck, im BBC-Interview, ohne von Nachfragen behelligt zu werden, von der Korruption “asiatischen” Typs in Russland, aber jener “afrikanischen” Typs in der Ukraine schwatzen – es ist offensichtlich, was im eurasischen Kolonisten-Kopf vorgeht. Die russische Korruption ist wenigstens straff führer-orientiert, die ukrainische Korruption dagegen ist so schmutzig und chaotisch, wie man sich in Russland Afrika eben so vorstellt – und nicht nur dort. Willkommen in der Ukraine, dem Herzen der Finsternis. Und die BBC dokumentiert es dankbar.

Auch wissen die Experten nicht zu erklären, warum sich die russische Militärmaschine im Kampf gegen den Hungerleider Ukraine, der kurz vorm Auseinanderfallen steht, festgefressen hat und jede Woche einen “humanitären Konvoi” mit 170 Munitionslastern braucht, um die Nichtskönner in Schach zu halten. Der Kreml hat natürlich die Antwort parat: weil es ja gar keine russischen Militärs gebe im Donbass, nur einige Kämpfer, die dem Ruf des Herzens folgten. Diese Aussage ist mutmaßlich genauso nah an der Wahrheit wie die Informationen von den ukrainischen Überläufern und Deserteuren, und jene von den ukrainischen Flüchtlingen, die zu Zigtausenden die russischen Grenzposten stürmten.

Der russische Gewalt-Unternehmer Girkin, im Hauptberuf GRU-Offizier, hat das als Kollateralschaden seiner Prahlsucht sogar zugegeben: keinesfalls seien die ukrainischen Soldaten auf der Krim zu den Russen übergelaufen. Sie hätten lediglich unter der Übermacht klugerweise die Waffen niedergelegt und hätten zum allergrößten Teil von der Möglichkeit des freien Geleits aufs Festland Gebrauch gemacht. Wie können westliche Geheimdienstexperten einerseits konstatieren, man verfüge in der Ukraine über ein unterentwickeltes und dazu vom FSB unterwandertes Informantennetz, gleichzeitig aber ihre Aussagen, wenn nicht gleich auf russischen Quellen, dann aber auf diesen unzureichenden Quellen aufbauen? Das wissen allein die Experten.

Es ist nicht die Schuld der Ukrainer, dass ihr Staat seit nun einem Jahr Schlag für Schlag von den Beinen geholt wird und immer wieder aufsteht, jedesmal ein bisschen wackliger. Und es liegt an uns, ob dem Stalker das Handwerk gelegt wird, oder er zumindest ein Annäherungsverbot bekommt. Und deswegen muss ich am Schluss dieser kleinen Abhandlung über historisch gewachsene Wahrnehmungstrukturen und verlogene russisch-westliche Wunschkartographien der Ukraine leider auch noch unserer Kanzlerin die Leviten lesen.

Nicht wegen Minsk 2 – nein, hier hat sie ein vorbildliches Stück hartnäckiger, schlauer, aber auch redlicher Verhandlungskunst abgeliefert. Aber in einem hat sie schrecklich danebengegriffen: mit ihrer deplazierten Münchner Gleichsetzung der heutigen russisch-ukrainischen Situation mit dem Mauerbau 1961, die ihre Ablehnung einer militärischen Unterstützung der Ukraine illustrieren sollte.
Angela Merkel vergaß dabei nämlich eines: die Eingemauerten von Berlin, für die nach Merkels Lesart damals auch niemand kämpfte, hätte es nicht gegeben ohne die Eingemauerten in den Gettos von Warschau, Krakau und Lodz. Die Ostdeutschen hat damals eine verspätete historische Nemesis eingeholt – aber es war eine milde Nemesis, die es ihnen nicht in gleicher Münze heimzahlte. Auch den ungerechterweise allein getroffenen Ostdeutschen nicht. Die Bürger der Ukraine jedoch, die ebenfalls in dieser deutschen Vorgeschichte vorkamen – als Opfer nämlich, die von Deutschen ermordet und zur Zwangsarbeit verschleppt wurden – die, verehrte Frau Bundeskanzlerin, haben einen solchen schlimmen Vergleich nicht verdient. Oder sollen ihre Nachkommen als Belohnung dafür, dass sie von Deutschen und Russen im 20. und nun auch 21. Jahrhundert regelmäßig von den Beinen geholt wurden, 28 weitere Jahre warten – bis ihr Stalker aus biologischen Gründen das Zeitliche segnet?

 


 

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